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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-31 · Heft 902 (31.7.1921) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 902 (31.7.1921)
Date
1921-07-31
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Leite 6 Wiener Morgeirzettrmg Rr. 902 Wien, Sonntag 31. Juli 1921 Bellgrad, 28. Juli. (Preßbär. Belgrads Bei dem gestrige» BrrhSr gestand S t r j i c ei«, daß er dev Auftrag zum Attentat -ege» de» Regeule« \ m Pa rlam e«L4Mab lokal «checkte» Haie. Auf Qtantb einer der Polizeibehörde zugegangrnen ans« » h «e« > areige, dir von eine« Kommunisten herrührrn dürste, «ad« gestern mehrere Person« verhaftet. Die Augab» dieser Auzstge sind vollkomm« zutreffend. Anteruattonale Verkehrsfrageu. Genf. SO. Juli. (Schweizerische Depeschen« Agentur.) Die beratende technische Kommission über Verkehrs- und Tro»fitfrage»hat ihre Arbeit« be«d«t. In den dem Völkerbund vorzulegcndeu Entschlüssen wird nnter anderem angeregt, daß die Staat«, die über ein« Ueberstuß. anelektri» scher Energie verftig«, anderen Staat«, die daran Mangel Hab«, elektrische Energie überlassen soll«. Verhaftung eines deutschen Abgeordnete«. Düsseldorf, 30. Juli. (Wolff.) Heute morgens wurde der demokratische Abgeordnete Erkelenz verhaftet und vor die Brsatznngsbehörde gebracht, wo ihm der Zivilkommiffär erklärte, er habe den Auftrag, rhn wegen einiger Artikel im „Berliner Tageblatt" zu belehr«. Auf den Protest des Abgeordneten bestritt der Kommissär die Tatsache der Verhaftung. Erkelenz fei lediglich gebet« worden, z» erschein«. Nachdem durch Gegenüberstellung. mit dem Führer der Geheimpolizisten festzestellt worden war, daß dieser die Verhaftung ausdrücklich ausgesprochen hatte, wurde der Abgeordnete mit der Entschuldigung entlassen, es bade stch uw d« Mißgriff eines jnngeu Beamten gehandelt. Hufzar — Präsident der ungarischen Nationalversammlung. Budapest, 30. Juli. (Privat.) Wie verlautet, wird die Regierung demnächst de« Abgeordnete» Karl H u s z a r zum Präsident« der Nationalversammlung nominieren, während K a k o v s z k v zur Opposition übertreten wird. Die verhafteten ungarischen Journalisten. Bwdapest, 30. Juli. (Nng. Tel.-Korr.-Bur.) Die Polizei hat die Erhebung« gegm die Journalist« Rejöd und Persian berrü>et m»d über sie die Präventivhaft verhängt. Beide Beschuldigten werd« der Staatsanwaltschaft emgeliefert. Austausch -er ungarisch-russischen Kriegsgefangenen. Budapest, 30. Juli. (Ung. Tel.-Korr^Bur.) Der Vertreter der russisch« Sowjetregienmg Gesandter H a » e t s k i und der^ BevollwLchtigte der ungarisch« Regierung Sektionsra Dr. I u » g e r 1 Hab« am 28. d. M. in Riga das Abkommen unterfertigt, laut welchem sämtlich« ungarisch« Kriegsgefangenen, die zurückgehalt«« Geiseln und interniert^ bürgerlich« Person« »och vor Jahresschkrß in chre Heimat rvrnckkehre» können. Tisza-Prozetz. Budapest» 30. Juli. (Ung. Tel. Ko«.-Bur.) I« Prozesse gegen die Mörder des Grafen Tisza wurde heute das Verhör mit dem Rechtsanwalt U l l a L n fortgesetzt, der erklärte, daß er mit dem-Gange der Untersuchung nicht znsriede» gewesen sei, weshalb ereinprivateS Nachforfchun gsbureau gegründet habe, daß stch ausschließlich mit der Affäre Tisza besaffe« sollte. Das Unternehme» sei vom Gras« Emmerich K a r o l h i finanziert und der Leitung des gewes«« Oberstadthcmptmannes D i e tz anvertraut worden. Der Zeuge schildert sodann ausführlich die von chm gepflogene» Erhebung«. Der Vorsitzende erwiderte hierauf, daß die vom Zeug« erwähnt« Verdachtsmomente i« Laufe der Verhandlung zum größten Teil widerlegt worden sei«. sie mit ewiger Unzufrieden heit, bei den wahrhaft Großen wirtz der Pessimismus zum unerschöpflichen Born vvn Begeisterung und flammendem Glaubenan das Leben. Der größte Pessimist ist das Genie. Es verzweifelt an dem Augenblick und schafft für die Ewigkeit. Wie ein verheerender Orkan reißt es alles mit sich fort und bricht zusammen in dem Gefühl, daß.. es nur eine armselige Kreatur ist, die der Unendlichkeit trotzt. Herzls Pessimismus trägt das Stigma eines l&mfeB ... * •' Jedes Wort klingt wie ein Dogma und jeder'Satz wie rin Gebot. Was hier in zufammengedrarrgter Form über Leben «nd Tod, Menschen und Völker, über. Judentum und nationale Wiedergeburt gesagt wird, zeugt von einem gesteigerten Daseinsgefühl eines rastlos vvrwärtsstürmenden Geistes und einem Weitblick, der an Prophetie gemahnt. Die Wirklichkeit zerrinnt hier oft in einen Traum und der Traum wird' zur Wirklichkeit. In kristallklaren Worten offenbart sich! der Sinn des Höchsten uud die Jntensivität ähmrugsvollen Erlebens verleiht ihnen den Zauber tiefster Wahrheit.. Wer weiß? Vielleicht sind es auch Herzls Worte, die sich aus der Realität des Augenblicks zum Mythos von Jahrhunderten verdichten? Es sind ja letzten Endes nur Morte eines einzelnen, diezum Mebvl eines Volkes! werden. . , Auch Moses' Worte kamen nur aus' dem' Alltag und erst der Go ttes glaube eines Volkes er hob sie zum Heiligtum vvn Gebotew ... In Herzls Leben rauschte d«r WellenHlag vergangener Jahrtausende und in seinen.Worten schlummert der Mythos kommender Generationen ... Wien. Z. F. Finke l'stein. Vor Beginn der i Messe erscheint unser in Massenauflage und wird allen Besuchern der Messe zugesendet. Wiener bte .iniematimifil geortast /MW Allen Firmen die in unseren Messe-Nummern annoncieren geben wir W kostenfrei "W8 ein Inserat im „Messe-Führer“ m Der Silier Gewerkschaftskongreß. Pari», 30. Juli. Nack dev-Rednern der Provinzverbäude gelangt« auf dem Kongreß in Stile die Führer der beid« Parteigruppe» zuWorte. M err h«i m und Monmousseau übt« an der bisherigen Leitung des Gewerkschaftsverbandrs scharfe K r i t i! mtb traten fit den Anschluß an d i e Moskauer Inte rnatiouale ein, worauf der Verbandssekretär Dumouli» die Angriffe zurückwies. Nachdem noch M o n a t t e den extremistisch« Standpunkt vertretm und Generalsekretär I o u h a « x kurz ' erwidert hatte, wmd« dem Kongreß die Vvn beid« Lagern «»gebracht« Resolution« zur Kenntnis gebracht. Eine von der Mehrheitspartei vorgelegte Resolution erteilt der Verband-- leilung das Mandat, die Durchführung von Minimalprogrammen, besonders auf dem Gebiete der Sozialversicherung, der Arbeiterkontrolle und der Verteidigung vo» Lohnforderungen fortzusetzen und spricht sich für die Einheit der gewerkschaftlich« Bestrebung« und Aufrechterhaltuug der Amsterdamer Internationale aus. Eine Resolution der Extremist« verlangt daS Recht der freien Meinungsäußerung für alle politisch« Tendenz« innerhalb deS GewerkschüstkverbandeS und tadelt den Perbandsausschuß weg« Ausschließung einiger Gewerkschaftsvertreter. Die Extremisten fordern nicht ausdrücklich den Anschluß an Moskau, sondern nur den R ü ä t r i t t des Verbändevon der Amsterdamer Internationale. Tieffer gestorben. Lille, SO. Juli. (Tel^Kornp.) Der bei der Schießerei auf dem Gewerkschaftskongreß in Lille verwundete Pariser Delegierte ■ Ci«ffer ist Mittwoch abends feinen Verletzung« erlegen- Selbstmord eines französischen Generals , Paris, 30. Juli. (Funkspmch.) General N o u r i s f o n, Kommandant der. 32. sranzöstschm Infanteriedivision, hat Selbstmord verübt. Der Beweggrund ist nicht bekannt. Die Wiederaufbaitaktion des Joint. Warschau, 29. Juli. jJüd. Korr.-Bm.) Die Wiederaufbauzentrale des American Joint Distribution Committee hat ihre Tätigkeit in den polnisch« Randgebiet« bereits ausgenommen. In einzelnen Städten werden zu diesem Zweck Spezialkommisüon« für die Wiederaufbauarbeit geschaffen. Bisher wurden zu diesem Zwecke 50.000 Dollar für Wolhynien und 30.000 Dollar für BrestHitowsk aifignierl. Jüdische Emigrantenfürsorge 1« RumLnte«. Kischinew 28. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.) Der Direktor der - amerikanisch-jü^chen Emjgrcmtenfürj vrgegesellschaft .Hias* Held, ist hier eiugetroffen, um die Lage der zur Auswanderung bereitstehenden Mischen Heimlosen zu studier« und in den größeren Ortschaften, insbesondere in de« Hillen «nd Grenzstädten. Mrsorarstatiouen m eröffnen, Tagesbericht. Herzl Über de« ungarische« Autisemi« tismus. Ei« ««bekannter Brief Herzls. Jeder wahrhaft große Mensch, schreibt „Uj SeÄk-, hat etwas Prophetisches an sich. Eine große Individualität ahnt instinktiv die Zukunft und sieht, wenn auch dunbel und in nebelhaften Umrissen, die kommend« Ereignisse. Dens» jede wirkliche Größe eilt ihrer Zeit voraus. Wenn , vo» jemandem, so kann man von Theodor Herzl sag«, daß er mit Varem Auge und mit erschütterndem Blick in die Zukunft das Schicksal seines Volkes erschaut hat. Sein Leb« ist das Bild «wr der merkwürdigstw und wunderbarsten-menschlichen Lebens-" bahnen, welche, nur Auserwählpeu zuteil wird. Solange tc lebte, wurd^ er imr von wenig« ^verstanden, und seine Größe zeichnet sich, erst in der. Ferne der Zeiten in ihren wrrV- Achen Maßen ab. Die Ideen, die-er verkündet, werden erst nach den Eckemliniss« späterer Zeiten auch für andere LU Wahrheiten. Liest man seine Schriften, besonders aber seine einzeln« Wlsspruche in ihrer edlen Einfachheit mit» in ihrem, häufig hinreißenden Pathos,. muß man beivnnderungsvvlt fest stellen, mit welcher frappanten Genauigkeit Herzl gewisse Ereignisse vorausenipfund« hat. Seine Reden und zerstreute« epigrammatischen Aeußerüngen scheinen urK heute wie prophetische Offsrbavung«. Im Borjahr lernten wrr erst einen lf& dahin unb.eLumten Brief rtzerzls kennen, in welchem er rS yewissermaßen als.Dogma hinstelkt, daß die Initiative für tat Mederausbau. des Misch«. Palästina von England werde ausgehen müsf«. Mesen. ,Mref hat Herzl. geschrieb«, als die g«urze.'zionistische öffentlich« Meinung in der türkisch«; Regierung 'den Schlüssel der Palästina-Frage erblickte. Herzß sah ganz klar, daß ein von Englmid .gefördertes jüdisches Palästma zu den natürlichsten M»tw«digkLiten. der «glischest Politik gehöre. Die' englischen Politiker Hab« diese . Wahrheit erst Mvanzig, Jahre später "erkanutt Herzl war sich Aar darüber,, daß. sein großer Grdanke nicht vo« ihm selbst werde durchgeführt werd« können, weil er. zu ftüh gekommen ist. Mer schon auf dem ersten Paster Kongreß beruhigte « di« -Ungeduldig«: „Ein Volk kann warte», denn es. lebt laug« als. Menschen und Regierungen." ' Ein neues Dokument» dieses Vorausblickes' Herzls ist jetzt iu unseren Besitz gelangt. Es ist dies ein bisher »nbekarmter Brief, de» Herzl im Jahve 1897 an den ersten ungarländischen Zionist«, Dv. Zoltan Rvstar, AdvokatieU in Blasendorf, richtete. Herzl hätte, obgleich tu Budapest yübvr« wurde und seine Strrdi« dort beg«m, später u«r geringe Beziehung«, zu d« Juden Ungarns. Bei tat Juden des alt« Ungarn hat der Zionismus nur ei« sehr leises, kam» hörbares Echo geweckt. Zn tief war daS Narkotikum der Assimilation in tat jüdisch« Volkskörper gedrungen, als daß er auf Herzls Alarm ruf hätte reagier« könn«. Schmerzgebeugt. beobachtete Herzl die selbstmörderische Politik d« Juden Ungarns und schon damals, vor nahezu 25' Fahr«, fühlte er es, daß jene Riche, in welcher dies« Teil des Judentums fc&t, nicht die Ruhe des Friedens, sonder« die jStille vor tan Sturm tatewtet. Herzl sah schon damals voraus, woran eine Million ungarländischer Juden nicht denken konnte und wollte, daß es in Ungarn bald z« heftig«: antisemitisch« Ausbrüchen komm« müsse. Seme Voraussage ist in kaorm T5 Jahr« zur erschrpckmta» Wirklichkeit gowvrd«. iDe-stt an Dr. R-onat gerichteter Brief hat folgend«! Wortlaut: ,M«, den Sy. Juni ISS? Sehr geehrter Herr Doktor! Infolge großer Inanspruchnahme konnte ich erst hvttst Ihr« ArtiM lest». Ihre Reminiszenzen Lb« Pulfzky und Wahrmann haben mich' sehr interessiert und ich werde fir gelegentlich auch benütz«. Jedenfalls fühle auch ich «ne gewisse Sch«, wie ich sie auch bei Jhste« 'bemerke, w«n wir in die beunruhigende Ruhe des ungarische« JudeirtumShineinleucht« müssen. Noch meiner Urberze-ugung wird es bald zu heftige» antisenlftifch« Äusbrüch« in Ungarn komm«. Ich möchte jedoch' unter kein« Umstanden zur Beschlemrigmitz dieser Ausbrüche beitrage», wenngleich van dem vngarländische» Antisemitismus eine wesentliche Erstarkung des Ziongedankens zw erwart« ist. . Ich werde mich sehr ftcu«, wen» We unser Matt je öfter, mit Berichte» ans Ungarn aufsuchen, kt welchen natürlich auch die allgemeine Stimmung herausgearbeitet ist. Dt« bebedtesten Beweise sind' die Tatsachen. Ich bitte Sie sehr, leg« Sie in Ihr« Berichten Gewicht auf jene Tatsach«, welche die Richtigkeit des Zionismus auch für die Jud« Ungarns beweis«. Ich! würbe mich sehr freu«, Sie beim Kongreß zu sehen. . , . Mit Zionsgruß ... Ihr ' ' f Lhtzodpr Herzl." Aber nicht nur der erste Teil der Prophezeiung ist Wahrheit geworben. Auch die zweite Voraussage, daß der Antisemitismus in Ungarn d« zionistischen sAedanken stärbrn werde, Hai sich erfüllt. Herzl wollte daS ungarische Judentum Nicht um dies« Preis in die Bewegung einfügen. Er konnte bie innere dynamische Kraft des jüdisch« Schicksals und sah es klar, daß daS erschlaffte ungarische Judentum nur mehr durch Pognome auS seiner Lethargie aufgerüttelt werden kan«. Was «r vvraussah, ist eingetvet«. Das Judentum in tar von Ungarn äbgetrennten Gebietest h'ät Herzls Gedanken bereits ganz in sich ausgenommen. Und auch in Ungarn hat die Umwandlung des jüdischen Lebens begonnen. Heute kann selbst ein Polnai, einer der fanatischest« Vorkämpfer der Assimilation in Uilgarn, nur mehr durchs die folgenden Worte, die er -auf' dem ungarischen Kongreß gehalten hat. An klang jrintai. (Kr kaÄtez 0388

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