Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 902 (31.7.1921)
- Date
- 1921-07-31
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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He. 808 äoiettc* «orge»-ett»«s Wien ömtniag. 31. Juli 1921 Seue l Catsachen und Ziffern über die Entwicklung Palästinas durch die Wen. Von Davis Trietsch. Die Schaffung einer gesicherten Heimstätte für das udische Volk in Palästina, die vom ersten Zionistenkongreß n Bafel im Jahre 1897 als Programm ausgestellt wurde, st innerhalb zwanzig Jahren aus einer scheinbare» Utopie;u einer realpolitifche n Tatsache geworden. Alle Mächte der Erde haben sich für dieErrichtung einer nationalen .Heimstätte des jüdischen Volkes in Palästina -iklärt. England, von dem diese Aktion auSging, gab mit der nn 2. November 1917 erfolgten Balfour-Erklärung de» Anlaß zu gleich oder ähnlich lautenden Erklärungen aller rudere» Machte. Auf der Friedenskonferenz von San Remo 'M Frühjahr 1920 wurde diese Erklärung bestätigt und Einerlei Gegenaktionen haben die Tatsache erschüttern können, »aß de« Jude« die Möglichkeit gegeben wird, in Palästina >hre nationale Heimstätte zu errichten. Ihren verfolgt« Rasten wird dort ein Zufluchtsland eröffnet, das ihnen «kiemand vertvehren Und von wo aus die jüdische Gesamtentvicklung einen neue« Aufstieg nehmen kann. Mit diesem welthistorische« Akt war dt« p o l itisch c Se ite der J'udensrage gelöst. Nunmehr ist die jüdische Wanderung nach Palä-. st ina zu lenke«. Trotz alledem sehen viele Jude» n« ch heute die auf PaiLstina gerichtereu Bestrebungen als utopisch, als romantisch nrtd als irreal an. Dies beruht auf einer Unkenntnis der Tatsachen, die schon längst in der Richtung auf das Ziel sich entwickelt haben, das durch die allstitige Zuftimrnmrg oer Prächte nunmehr in greifbare Nähe gerückt ist, so daß es nur noch von der werktätigen Mithilfe der jüdische« Welt abhäugt, aus den Programmen, Erklärungen und Möglichkeiten eine Aerw irkl rchung der Rettung und des Aufbaues zu mache». Im nachstehende« seien einige der wichtigsten Tatsachen und Ziffer« über das jüdische Palästina zusammenäetragen. Schon zur türkische» Zeit hatte das jüdische Element f« Palästina in den beiden letzten Menschenaltern eine«, Rapiden Aufstieg gezeigt, während die Bevölkemng des türkischen, Reiches sich' yur langsam Hiob And in manchen Teilen sogar Stillstand und Rückgang auswies. Die Zahl der Juden im Lande betrüg: m Jahre 1852 ..tnnd 5.000— 0.500 ' , . 1867 . . . .. 12.000-13.000 . . 1881 . . . . . . ... 25.000 ,• > 1897 . . ........ . 50.000 ' . . 1811 .. 100.000 Unmittelbar vor dem Kriege war die Zahl der Jude« ans. etwa 120.000 angewachsen. Die obige Ziffernreihe zeigt cine v ie rmalrgeKerdopplnng der Judenzifser innerhalb ^je etwa fünfzehn Jahren. Dies beruht« im wesentlichen aus der Einwanderung, Sie mit der Besserung der Berkehrsverhältnisse immer mehr zugenommen und vor dem Krieg« durchschnittlich etwa 3000 bis 50Y0 im Jiihr betragen hatte. Der Rückgang der jüdischen Ziffern im Kriege ist durch ' die Einwanderung von 1920/21 wieder ausgeglichen. Diese neue Einwanderung ist allem Anschein «ach in rascher Zunahme begriffen. Die Bildung einer neuen jüdischen Konzentration m Palästina steht damit außer Frage. * Die jüdische Ein Wan der un g nach Palästina bildete w'iiauS bas zahlreichste europäische Element im/Lande. Das zweitstärkste Elemeirt waren die Deutschen, deren Zahl aber nur ein schwaches Fünfzigstel der jüdischen Ziffern auswachte. Mit der jüdischen Einwanderung stiegen auch ©m- und Ausfuhr erheblich. Ausdrücklich wurde, dieser Zusammenhang unter anderem auch von den Konsulaten der verschiedenen Lander» bestätigt. * . I« Jaffa, wo vor 30 Jahren keine l OO Jiii^n lebte», zählt män heute bereits über 15.000. Ein großer Teil von ihnen wohnt ln eigenen neu erbauten jüdischen "Stadtvkerwln. Das schönste von diesen — Tel-Awiw —, bildet eine rat» jüdische Vorstadt mit gegenwärtig 4000 Einwohnern, mit sauberen, bretten.Straßen, villenartig in Gärten angelegten Häusern, schönen öffentliche» Anlagen, Wasserleitungen«, Elek- -trizitätswerk, eigerier Bahnstation, Post- und Telegraphenamt, Automobilomnibus-Berbindmig mit Jaffa usw. In Jgfsa befindet sich auch das hebr Lisch t Gymnasium, y-'ssen Unterrichts- und Umgangssprache bas Neuhebräische ist. und das schon vor dem Kriege (nach kaum siebenjährigem Bestehen) bereits 800 Schüler zählte — wovon mehr als die Hälft« vom Ausland beschick Ware» — so daß die Ei-niiichjung von Doppelklassen nötig wurde usw. Ebenfalls vor dem Kriege wurde bereits das Abgangszeugnis dieses. Pymnafiuins von europäischen Universitäten anerkannt »ud d'ie Abiturienten znm Audün» -«gelassen. Es gibt ferner Bibliotheken, Vereine, AMS, VaM, ei« großes Kinotheater »sw. * Auch der Handel Jaffas ist schon längst in starkem Aufschwung begriffen. Mer gesamte Außenhandel betrug Wr Werte in Millionen Mark (Boilriegswerte) im Jahre Gesamthandel Eurfuhr Aussubr 1886 . 7 2 4 8 2*4 1900. 12*9 7 6 5 3 1913 . ...... 412 26 2 15 0 Während die gesamte Türkei vor dem Kriege eieren Außenhandel von rund 1 Milliarde Mark.(bei zirka .25 Millionen Einwohnern) aufwies, was 40 Mark pro Kopf entspricht (und zwar 27. Mark in der Einfuhr und 13 Mark in der Ausfuhr) hatte vor dem Kriege Südpalästina allein Wer Jaffa (also ohne Ghaza.) einen Handel von (1913) etwa 110 Mark per Kopf (Einfuhr 70 Mark, Ausfuhr 40 Mary, mithin fast bas Dreifache des türkischen Durchschnittes. , In etwa der gleichen Zeit (von 1886 bis 1914) stieg die Einwohnerzahl der wichtigsten Jildcrist L d t e wie folgt: 1888 1914 Jerusalem »oft 42.000 auf 110.000 hievon 70.00j Juden Jaffa . 17.000 . 60.000 . 15.0OD Safed . 10.000 . 18.000 . 10.000 Tiberras . 5.000 . io.oqo 8.000 . Haifa „ 6.000 w 25.000' - 3.500 w Seither, das heißt vou Kriegsbeginn an, sind die obigen Ziffern, die einschließlich einiger kleinere« Städte, und der landwirtschaftlichen Kolonien die Gefamtjudenzahl auf 120.000 gebracht hatten,stark znrückgegcmgen. Diele Tausende, welche die osmanische Untertanenschaft nicht erwerben wollten, waren ins Ausland (hauptsächlich nach Aegypten) geflüchtet. ’ Außerdem war die Sterblichkeit unter den zahlreichen alteren . Elementen sehr stark, und die durch den Krieg unterbrochene Einwanderung setzte erst anfangs 1920 wieder ein. Mit dieser Ist die gegenwärtige Judenziffer Palästinas Mitte 1921) wieder auf zirka 100.000 zu schätzen, und eine rasche > Zunahme dürste nunmehr unmittelbar be Vorsteher». * Die jüdische l andwirt schaf-ttiche Kvloni sation, die mit dem Jahre 1881 begann, zählte im Jahre 1900 knapp 5000, im Jahre 1912 bereits 12.000 Einwohner in insgesamt 50 Kolonien. In diesen war vor dem Kriege der Wert des Bodens durch die hineingesteckte Arbeit durchschnittlich auf das Zehnfache gestiegen. Die 'Erträge waren ebenfalls stark gewachsen und die Kolonien haben der um!- wohnenden Landesbevölkerung vielfach' als Muster gebient. Die Einnahmen der türkischen Regierung allein aus der Zehntsteuer von den beiden HmHtprodukten in nur zwölf von diesen Kolonien betrugen (ist Borkriegsmark): für die Ernte au Getreide Orangen Zusammen Mark Mark Mark im Jahre 1904 ...... 27.906 8.109 36.015 „ . 1918 .. 172 952 84.208 . 257.160 also innerhalb zehn Jahren eine Steigerung cmf das Siebenfache! , Bor der .Gründung der jüdischen Kolonien, die zumeist aus unbebautem Land entstanden, war so gut'wie 'überhaupt kein Ertrag und demzufolge auch keine Zehutsteuer da. t * Der Werl der jüdischen Kolonien wurde (nach dem Stande von 1913/14) auf Grund der bei den Kolonien der deutschen Templer zur Berechnung herangezvgenen und anderen Unterlagen auf zwischen"48 und '8V Millionen BvrkriegsArark geschätzt. Die jährliche Ernte stellte vor dem Kriege einen Wert von 3,8 Millionen Mark dar. Dieser Wert war durch das. Heranwachsen der zahlreichen jungen Baumpflanzunge« in sehr rascher Steigerung begrifft«: Trotz der unvollkommenen Methoden in dem von der jüdische« Gesamtheit getragenen Werk der Kolonisation, des Erziehungswie des Fürsorgewesens find die seitens der Judenschaft der. Wett in der Epoche der neueren Kolonisation, das heißt in den 40 Jahren von 1881 bis 1921 «mfgÄrachten 10 Millionen Pfund Sterling nicht vergeblich aufgewendet worden. Der heutige materielle Wert der jüdischen Positionen in Palästina repräsentiert — tu Stadt und Larck»' — mindestens diesen Betrag. Dem neuen unter so günstigen Auspizien stehenden jüdischen Palästina durfte in den nächsten .'zehn Jahren ein vielfaches jener bisherigen Aufwendungen zur Verfügung stehe«. Der gegenwärtige Stand des landwirtschaftlichen Arrsiedlungswesens beträgt (1921): 65 Kolonien mit 60.000 Hektar Land und 13.000 Einwohner«. Bon besonderem Interesse ist auch die B c richrsentwicklung hps Landes, die jedenfalls erst fett der neue« jüdischen Einwanderung und Kolonisation stattgefundmr hat und wesentlich durch diese ermöglicht wurde. * Im Fahr« 1892 wurde die Linie Jaffa-Jerusalem als die erste Bahk ganz Syriens gebaut. Inzwischen sah Palästina eine ziemlich' lebhafte Berkehrsentwicklung. Seit dem» Kriege ist das Bahnnetz des Landes auch' mit den großen Bahnfysteme» DvrderasienS, Europas und' Afrikas in Verbindung gebracht worden. Damit ist Palästina aus der BerbehrSisvliernng heraus und' ist als wichtiges Bindeglied der großen Kontinentallinien (nur über Palästina konnte haS afrikanische Schienennetz mit dem Asiens und Europas verbunden verden) und durch seine Nachbarschaft zum Suezkanal wieder in eine« Mittelpunkt des Weltverk eprs gestellt. Die Eisenbahnentwicklurlg Palästinas zeigt ßotzüMD Bild: Im Jahre Ml . . . . . .. .... . . 0 km BahnlLa» » 0 1892 » 87 » 0 0 0 1906 » - o m »-i. 584 0 0 ' m ,v * 1921 . . . . . . . .1455 0 . Hiebei ist nur bas tr a b it ionetle Pal^Nng berücksichtigt — ohne die syhrischen Strecken nördlich' Dier'a und ohne die Hedschas-Bahnstrecke südlich Ma'an, aber einschließlich der ägyptischen Derühruirgslinie gerechnet^ di« auch in ihrem N a m e n als Palästina-Bahn bezeichnet rlt und bei Kantara am Suezkanal ihren Endpunkt erreicht. » In den neue« Grenzen des Mischen Palästina unter dem' brttischen Mandat bilde« die Juden schon gegenwärttg . 22 Prozent der Bevölkerung. Mtt dieser Ziffer ist Palästina schon 'jetzt wieder das erste F^enland der Welt. Jerusalem zählt unter 90.000 Einwohnern 55.000 Jude« (vor dem Zkrioge waren es 70.000 Juden unter etwas ffl&ar' 100.000 Einwohnern). Keine Stadt ähnlicher1 Größe hatte, verhältnismäßig mehr Jude«. Auch' der Einfluß der Juden auf das MrkschaMe«^' ist in kei nem Lan de so deutlich' wre in Palibst i n a, «nb ebenfalls in keinem Lände in 's» starikr Zunahme begriffen. Bankinstitute, Genossenschaftswesen, Pslanzußgs- . gesellschaften, Handels- und Derkehrsunternehmunge« der Juden bilden in ihrer Gesamtheit schon längst die stärkste ökonomische.Kraft im Lande. Der Absatz der Hanptprvt«8e, wie Wein, Mandeln, Orangen ist in leistungsfähigen Berbänben organisiert. Zum Zwecke der 'Aufforstung wurden ito Jahre 1920 in Baumschulen eineinhalb Millionen Baumchon gezogen. Das landwirtschaftliche 'Brrsuchswesen ist in stetiger Ausbildung begriffen. * Besonders' hoch ist auch daS Schulwesen eirttvickelt,' und es steht zu erwarten, baß mehr und' mehr vom Er-' ziehungswesen (auch von der Wäisenerziehu«g) der Mische«; Welt nach Palästina verlegt werden wird. Jede Mische Kolonv, und jede Mische Stadtgemeinde hak hier ihre Kindergärten^ Dolks- und höheren Schulen. Neben meherere« Gymnasienbestehen Seminare und andere Lehrerausbildungsanstalten. Ein Technikum war bei Kriegsausbruch fast betrlebsftrtig und' dürfte bald eröffnet werden In den letzten Jahren wurde« muh verschiedene wisftnschaftliche Institute wie AerzteVereinigungen, Technikerverbände begründet, und für die Errichtung einer h ebrätsch en Universktät ist «ms denk Skopus bei Jerusalem bereits der Grundstein gelegt. Diese ganze kulturelle Entwicklung geht' Hand in Hand' mit der Auferstehung der hebräische« Sprache. Schon jetzt ist sie Unigangs- und Unterrichtssprache iw jüdischen Palästina, und wenn man dort auch mit den andere« Sprachen der Juden noch ganz gut aus kommen kann, so breitet sich auch von Palästina her das Hebräische über die ganze jüdische Mlt aus. * ' - Kie britische Regrernnig hat in Dersotg ihrer Erklärnnge« zugunsten der jüdischen Heimstätte in Palästtna einen Mischen Gouverneur — Sir Herbert S amnel — erngescht, dessen Autorität sich auch auf das. Ostjordanlmid erstreckt; sie hat bei ihren eigenen öfftntlichen Arbeiten, u ihren Eisenbahnwerkstätten und sonstigen UnternehmungeNt zngunsten der Landeserschließung tausenden einwcmdernden jüdischen Arbeitern Beschäftigung gegeben und ist dauernd bemüht. Idem Ziel, das sie sich bei Uebernahme des Mandats gesteckt hat, näherzukommen. Unter anderem ist die hebräische Sprache als offizielle Landessprache (neben dem Englischen und Arabischen) anerkannt, die offizielle« Verlautbarungen erscheinen auch in Hebräisch, und sogar die neuen Briefmarken des Landes tragen den hebräischen Aufdruck: Palästina -5 Erez- P-«l. ' Die gegenwärtigen wirtschaftlich en Verhältnisse' sind noch die einer ausgesprochenen Uebergangszeit. Während des Krieges, zu dessen Schauplätzen Palästina gehört hat, war die Produktion jn vielen Dingen zurückgeblieben, während andererseits Hilfsaktionen viel Geld ins Land brachten. Ztz»- fvlgedessen waren Wären- und Mäteriälpreise sowie Mrbeitslöhne sehr hoch gestiegen. Zum Auftssen von Geld — besonders schlechte^ Valuta — ist daher Palästina gegenwärtig wohl das am schlechtesten geeignete Land. Ü m fo bef fe r ßM die Chancen für eine arbeitsame Einwanderung und für jn Ünte rnehmnngen angelegte Kapitalie«. In erster Reihe stehe» hier Hausbau, Borbereitnn g von Heimstätten «. dergl. Besonders gwße'Chancen bietet auch' die A n ffo rstung, sowohl wogen des Holzmangels in Palästina und im ganzen Drient). als auch in Anbetracht der außerordentlichen S ch N«l lwüchs igkei t von Bäumen in diesem Klima. . Sehr hohe Gewinne sind in diesen Arbeitskomplexen erzielbar und zwar hei geeignetem System, oh'»« Ausbeutung der Einwaicherung, sondern irr ei»«< durchaus ko lo«isaiioRSfördc rnden Weife. Aber alle diese Tatsachen und Entivicklungru vilhcn ' doch, erst die B orav sfetznn g und die Gr««dlag« z « einer alles bisherige weit in den Schatte« stellende» jüdische« Mitwirkung am Ansba« Palästinas. Die jüdische Welt muß es verstehen, datz die Erklärungen der Mächte ihr die B erps li chtungj «uferlege«, vo« allen diesen Privilegien Gebrauch rw wachen. Die Rettung der Jude« im Aufbau Palästinas ist die große Aufgabe, die der Fudenheit der Gegenwart gestüllttst, und in der alle Schattierungen dieser vielgegttedertech Gemeinschaft chr größtes gemeinsamer Arbeitsi elb iinö«».