Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 902 (31.7.1921)
- Date
- 1921-07-31
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 Wien, Sonntag Neisebriefe vom Balkan. I. Aelter geworden, merkt man. daß die meisten tn der Schule einst gelernten Wissenschaften keinen, Wert haben: Die Sprachen vergißt man «oder man muß sic neu lernen, die Geschichte, war völlig anders, als die Professoren oder die Lehrbücher sie dargestellt haben, und den scheinbar unerschütterlichen Sätzender Naturwissenschaften beginnt man allmählich auch aus ihren hypothetischen Charakter zu kommen. Nur eine Wissenschaft findet man im späteren Leben erprobt: die Geographie. Kommt man in ein fremdes Land, so ist es wie eine Wiedererinnerung; von allem Ijat man schon in der Schule gehört, hat es in Abbildungen und Beschreibungen vorausgenossen, und wußte man nicht, wo man sich befindet, so würde man es auf Grund seines Schulbesuches unverzüglich erraten. Als ich' von Vlissingen nach Goch fuhr, konnte mir kein Zweifel aufsteigen, daß ich! in Holland sei. Da waren die weiten, fruchtbaren Ebene,», die fetten. Kühe, die Windmühlen, die dicken Gesichter, die Bauernpantoffeln, die Seebärenfratzen, nette, saubere Städte — kurz, alles in meiner Vorstellung schon bagewesen. So ging es mir auch mit dem Balkan. Ich ahnte ihn als eine Mischung von Operette, Unordnung und Trägheit. Di« aus der Schule mitgebrachte Ahnung fand sich bestätigt, nur daß das Operetteneleme,nt schwächer, viel schwächer vertreten ist als alle anderen. Welcher Unterschied schon zwischen Agram und Belgrad. Agram eine europäische Stadt, mit breiten Straßen, guten Geschäften, eleganten Menschen, ringsum wohlbestellte Felder, Fabriken, ein verhältnismäßig dichtes Eisenbahnnetz. Belgrad mit Ausnahme der Hauptstraße, eine Kleinstadt mit unerträglichem holperigem Pflaster, auf dem sich! jene für den Orient so kennzeichnenden zerlumpten, malerischen Gestalten herumtreiben, die für romantische Jungrauberangen verheißende Bilder vorgaukeln mögen, die aber zweifellos hygienische Vorlesungen nur selten besuchen. Man -versteht alle Konflikte des neuen dreiteiligen. König- \ reiches, wenn man diese beiden Städte vergleicht. Es ist auf die Dauer zweifellos unmöglich', das kulturell höherstehende Agram von Belgrad aus zu beherrschen. Dabei ist das Selbstbewußtsein in Belgrad sehr gestiegen; wie in allen Balkanstädten und Ähnlich, wie ich es in Russisch-Asien beobachten konnte, wimmelt es von Offizieren, das Militärkasino, das Map in London oder Paris kaum finden dürfte, ist in Belgrad, wie in Sofia eines der hervorstechendsten zentralen Gebäude und man merkt es allen förmlich an, daß' man einem neuen „Waffengange." durchaus freundlich gegenübersteht. Von Agram nach Belgrad fuhr, mit mir ein serbischer Herr im Schlafcoupe zusammen, anscheinend den besten Kreisen angehörend und ein vorzügliches Französisch sprechend. Als er erfuhr, daß ich nach Sofia reise, begann er Mit einem unglaublichen Haß von den Bulgaren und ihren Unbeschreiblichen Grausamkeiten im Kriege zu erzählen und gab seiner Erwartung nach einem neuen Krieg unverhohlen Ausdruck. Allem Anscheine nach werden diese Völker nicht ruhen, bis sie sich' gegenseitig aus gerottet haben (schlimm ist. daß ähnliche Bestrebungen auch das balkanisierte Mitteleuropazu erfassen beginnen). Zum - Teil ist es ihnen in* Serbien gelungen. Sogar längs der einzigen Hauptstrecke, über die -Altserbien verfügt, von Belgrad nach Nisch, ist das Land öde, menschenleer, schlecht bebaut. Die Eisenbahn hat man schon fast völlig hergestellt, nur die recht wackligen Holztbrücken, die trotz des Schneckentempos der Expreßzüge bedenklich, krachen, kommen dem Reisenden nicht sehr geheuer vor. Dennoch' kommt man -heil in Sofia au. Und die Paß- und Zollgnalereien sind auf dem wilden Balkan nicht schlimmer als bei den zivilisiertesten Europäern. Sofia ist rm Vergleiche zu Belgrad eine schön» Stadt, der man das deutliche Bestreben anmerkt, sich' zu einer modernen Hauptstadt zu entwickeln. Es gibt breite Straßen mit schönen Gebäuden; freilich, betritt man einen solchen modernen Großstadtbau mit Zentral? Heizung and Lift, zeigen sich' überall Spuren der Vernachlässigung, des Verfalls, der Sinn für Reinlichkeit fehlt, was auch in . den Gassen zu merken ist. Geschäft« und Magazine in europäisch' großem' Stile fehlen, die Auslagen erinnern an unsere verlorenen Kleinstädte und der im Orient heimische Zwerghandel ist hier sehr verbreitet. Me im Orient, sieht man auch hier die vielen kleinen Geldwechsler mit ihren Glaskästchen, in denen einige fremde Banknoten ausgestellt sind. Südlich spielt sich' hier das Leben auf der Straße ab, dazu mit jenemÄrngeheuren Aufwand von Stimm¬ und allerlei gerauscherzeugendvn «Mitteln, der darauf schließen laßt, baß die Nerven der Bewohner noch nicht europäisch sind. Das ganze Bild erinnert teils an. Rußland, durch die zyrillische Schrift, durch Me Uniform der Offiziere, Soldaten und Polizisten, durch! Kirchen und Popen, teils an den Orient. Die Zahl, der in vollem Sinne des Wortes städtisch-europäisch' gekleideten Leute ist verhältnismäßig gering; man begegnet meist unsäglich bunt zerrissenen Gestalten, zwilchen die sich' oft die kleidsamen Trachten! der bnlga" rischen Bäuerinnen mit ihren langen, geflochtenen Zöpfen mengen. Orientalisch' ist auch', die Zähl der Völker, die ihre Wunden und Blößen dem Mitleide des Passanten preisgeben. Man lernt oft erst hier europäische Höflichkeit hochschützen. Der Charakter der Menschen hat etwas Wiener Morgenzeitnng 31. Juli 192k 902 vor schweren Zeiten. Rakovszkys Demission. Viuldlapest, 30. Juli. Der zurückgetretene Präsident' der Wstion'alversarnmlung Stephan von Rakovs.zky hielt bei der Verabschiedungder Parlamentsberichterstattss'r eine Ansprache, in der er sagte? „Ich war stets ein Vorkämp ser der Preßfreiheit, denn nach! ihrer -Unterdrückung 'muß die Unterdrückung der Redefreiheit und der parlamentarischen Freiheit kommen. Eine richtige Regierungspolitik hat von der Preßfreiheit nichts zu fürchten. Nicht darin liegt das größte Ueb«l, haß gewisse Dinge geschehen/ — Verbrecher hat «8 immer gegeben — sondern baß die »große Öffentlichkeit zu gewissen Vorgängen schweigt oder überhaupt davon nicht zerfährt. Bestünde Preßfreiheit, dann hätte es Orgovany und ähnliche Dinge nicht gegeben! Diese Dinge sind eine Schande der Zivilisation. Es ist nicht eine Schande, daß man diese Dinge zur Sprache bringt, sondern daß. sie straflos geschehen konnM. Ich würde den letzten Verbrechervor seinem zuständigen Richter verteidigen, aber daß man willkürlich ohne Verantwortlichkeit -Urteile fällen und diese ohne jede Verteidigung durchführen läßt, werde ich. niemals billigen. Ich habe es nicht akzeptiert und an zuständiger Stelle gesagt, haß ich. dieses Vorgehen niemals decken werde. Wir gehen . schweren Zeiten entgegen. Eine freie Presse könnte einen wohltätigen. Einfluß üben; «ine,in Fesseln geschlagene Presse aber wmammmaKmmmamsma kann ihre AjufgabKirnicht erfüllen. Wenn die Polle Preßfreiheit wieder her gestellt fein wird, kann jeder Bürger ruhig sein. * In der Nationalversammlung teilte der - Mi nistet des Innern Graf Raday mit, daß die Regierung das aufreizende - - Plakat der „Erwachenden Magyaren", nachdem sie von demselben Kenntnis erhalten hatte, sofort habe entfernen lassen. Die Regierung habe ferner alle Maßnahmen getroffen, um die volle Sicherheit des Ab geordneten Beniczky zu gew ährleisten? v ■ * In der großen Versammlung der Erwachenden Ungarn in Kiskunfelegyhaza hielten der eben wieder aktivierte Oberleutnant Hejjas, Oberstleutnant Pro nah und Oberstuh'lrühter Sigismund End re Reden, die sich einerseits für die Thron? kandidatur AlbrechM, andererseits für eine - . *. 11 Verschärfang der antisemitischen Agitation aussprachen. Es wurde erklärt, baß, wer nicht für die Erwachenden sei, als Gegner betrachtet und wie' die Kommunisten behandelt werde. Gegenwärtig steht die Angelegenheit so, daß die Umgebung Horthys und ebenso der größte Teil des Ministeriums Bethherv ebenlplls für Mb recht gewonnen sind. A l b r e ch t steht bekanntlich an der Spitze des Vereines der „Erwachen* den Magyaren". -; . •" Mürrisches hier, die geschmeidigen.Formen, die jeden Verkehr und jedes Geschäft angenehm machen, sind dem Volke, den Händlern und den Angestellten unbekannt. Dennoch' muß auch in diesem Volk« Fröhlichkeit stecken. D«r Boulevard Marie-Louise, das Montmartre von Sosia, ist mit Restaurantis und Konditoreien übersät, aus jedem Lokal tönt Musik. Bald sind es ^Wiener HerM", eine Wiener Damenkapelle, die ihr zum Teil sehr hohes Alter hier zur Ruhe setzt, bald Bulgaren in ihrem Nationalbauernkostüm, die ihre Volksweisen spielen. Mtünter singen sie oder eine Mädchenstimme schwermütige Lieder, die aus einförmigen, langgezogenen Tönen bestehen, in schriller Leidenschaft aufftammen und dann in nicht endenwollender Klage verebben, türkische Melodien größtenteils, die dem Vplkemochiyonl-derlfüüshundertjahrigtzu Fremdherrschaft. geblftbHr sind. Dazwischen gibt es Kinos, Verkäufer mit '^E^n/'-Zusterwerk. und Gefrornes und alles' singt und. schreit, daß der arm« Fremde, dessen Fenster auf den Boulevard Marie- Louise führt, nicht schlafen kann. ./ ' ii. ‘/V.: " In Sofia herrscht Wohnungsnot, obwohl in keiner Stadt derzeit so viel gebaut wird wie hier. Aber es gibt viele Russen, Flüchtlinge, die aber doch nicht aufhören, hier und in Belgrad ihr unheilvolles Werk zu treiben und für die Wiedereinsetzung eines Zaren zu arbeiten. Daneben gibt es viele Fremde aller Art und man hört auf der Gasse häufig Französisch und Deutsch. Einige erstklassige Hotels sind für di«.Fremden, die. hier auch sran-ösisch«, englische, Wiener und Berliner Zeitungen, mit vier bis sechs Tagen H^spätung, wie in ihrer Heimat lesen können. '; . Unter dem Fremden ragt besonders ein« Gruppe — durch ihren' Einfluß auf das bulgarische Leben — hervor: Es ist dies die Reparationskommission. Sie bereitet dem schönen Lande* viel Kummer. Bulgarien hat schon die Entwaffnung durchgeführt mtb in d«n '(Straften Sofias sieht man daher mehr Offiziere als Soldaten. Denn eine Hauptuud Residenzstadt mit einem Kriegsministerium braucht Offiziere, und so sieht man die Goldepauletten überall und sie schleppen ihre Säbel und grüßen einander höflich, als wäre noch immer die schöne Zeit von 1914. Und ist es nichi daS V«rkünftigste, die traurige Wirklichkeit von heute einfach als nicht bestehend anzusehen? Und es gibt welche, die ihren Säbelgurt zu Hause gelassen haben, die aber ihren Säbel so liehen, daß sie mit' ihm als Spaziersbock umherwandeln. In der Mitte b«r Stadt, steht der Königspalast. Mn ruhiger, einfacher Bau. lieber ihm flattert die weiß-grün-rote Standarte mit dem Löwenwappen. Der König ist also daheim. Aber man merkt es kaum. Nur die Doppelposten vor den Toren haben weiße Handschuhe. Verwundert betrachten die Bauernburschen diese weißennie gesehenen Futterale. Aber der König ist ein stiller Mann, das Gegenteil seines Vaters. Dieser war ein herrischer MaUn, ein * Selbstherrscher, dessen Wille überall eingegrisfen hat, ein Fremder und ein glühender Katholik. Boris dagegM. ist im Lande geboren und in seinem Glauben erzogen. Er weiß, daß die Weisheit der Könige heute darin besteht, möglichst wenig bemerkt zu werden. Le roiregne, maid il ne 'gouverne Pas. Der wahre Regent des Landes ist der allmächtige Premierminister Stambnliski, der Führer der Bauernpartei. / Unweit vom Schlosse, durch eine» Boulevard getrennt, längs dessen sich daS Offizierskasino, die Paläste fremder Gesandtschaften und das Ministerium des Aleußern erheben, steht das Parlament, eiu einfaches, geschmackvolles Gebäude, Vor ihm erhebt sich aus einem monumentalen Platze das große Denkmal des Zaren Alexanders III. von Rußland, des „Zar-Befreiers" der Bulgarien vom Türkenjoch befreithat; hinter ihm leuchten die goldenen. Kuppeln der neuen Kathedrale, eines Riesenbaues, der Cyrill und Method geweiht ist. Und im Parlament herrscht die Bauernpartei, eine extrem demokratische Richtung grüner Färbung. Obwohl 'ihre Majorität, nur, verschwindend gering, ist, beherrscht, sie mit ihrem Terror , das Haus und das Land.. .Die Bauernschädel denken vereinfacht, ungeschminkt.,,.ünh, vielleicht nicht - imm«r unlogisch. Und Stambuftstt^ dev wohl der ungebildetste Staatsmann Europas seih, bürste/ ein- Bauer, der außer Bulgarisch keine Sprache spricht« hat' Aue feste Hand. Ein Staatsmann, wie map : ihn ift diesen Zeiten der Auflösung selten trifft. Ep jvei'ß zuzugreiftn. Und sein System ist vom KoMmun'istnns nicht weit entfernt; nur daß '/eg nicht dev Radikalismus des Stadtproletariers, sondern der des Kleinbauern ist. Er haßt Kapital, Industrie, Handel und Luxus.' Großen Grundbesitz gibt ez wenig t«: Bulgarien, aber auch den enteignet man. Man hat die allgemeine Arbeitspflicht eingeführt; jeder Bürger, 'ob Advokat, Kaufmann oder Arbeiter, muß zehn Tage ün Jahre unentgeltlich an allgemein nützlichen-Werke«; Straßen- oder Eisenbahnbau, arbeiten. Bei dem ZustaE der meisten bulgarischen Eisenbahnen ist das ein löbliches'' Werk. .Die kompliziertebulgarische Orthographie, hat bas Bauernparlament mit einem kurzen..Gesetz . vereinfacht, and ebenso einfach ist die Sanktion: , jedes'^ Buch und jede Zeitung, die nach dem 1. Juli.in alter Orthographie erscheint, wird , von der Zensur honstsziert. Man sucht die alten Sitten des Bauernstandes.zu.,er- 'halten: Dom nächsten Schuljahr an müssen alle Gymnasiasten und Gymnasiastinnen eine Uniform in Bauerntracht tragen. Wie alle Bauern, haßt, auich diesem Regierung die Advokaten;, eine neu« Gerichtsordnungentzieht immer mehr Prozesse ihrem Einfluß.. . Die Negierung versuchte auch, die Kriegs gewinner undden Kapitalzuwachs strafrechtlich und finanzpolitisch zu erfassen; ober die Finanzkreise sind schon zu mächtig! tzlnd die auswärtigen Vertreter sehen etwas derartiges zu ungern, als daß es durchgeführt werden Dunte. Der Bauernpartei steht eine mächtig« Opposition aus Bürgerlichen und Sozialisten gegenüber, ..deren stärkste Gruppe die Kommunisten sind. In den Städten haben sie überall die Mehrheit. Ab«r Bulgarien ist ein Agrarland, wo es keine Industrie .gibt.!. Dasstr. Weißbrot und Fleisch, gutes Bier (das beste ist 'natürlich, von einem böhmischen Bauer Hwoschek) und so gute und billige Zigaretten aus südbulgarischem Tabak, dap dein mitteleuropäischen Raucher weh« ums Herz werdet: kann: Dennoch sind die Preise nicht allzu billig urw bas Geld nicht zu häufig.' Denn hie Rejiäraiivns-. kommission ist da und der Kurs der L«va "sinkt "beständig. Dafür gibt es'ein« Unmasse Banken, die all« glänzende Bilanzen aufweisen. Merkwürdig" ist," dwß es noch immer Menschen gibt/die-im ällgemüMu 'Unglück- GoL finden.-' ' ' " Denn die Lage Pyltzarrens ist nicht'beneiLenäiveri. Der Balkan bleibt ein Wetterwinkei. Die, 'Fragen' such noch nicht geregelt. Um Mazedonien' und um 'MjrMvn wird noch viel Blut fließen. Hub in der jetzigen heirlen. ' Zeit-- wo Kemal Pascha sich' mit Moskau verbündet! hat, scheint auch Bulgarien Lust geäußert! zu häbeiü sich in Angora und Moskau Bundesgenossen zu sichern. Natürlich wird es dabei von Serbien und Rumänien ebenso bewacht wieUngavn. Aber wer kann-wissen, was sich morgen in diesen Balkanländern ereignen kannG Jochana«. /