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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-29 · Heft 900 (29.7.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 900 (29.7.1921)
Date
1921-07-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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_Wiener Morgerrzerrrrug _M. 3111t vsrzi__ /9cr. 90t Die Blutbilanz des (Ueltkriege$. Eine Kopenhagen« Statistik. Die. Gesellschaft -um Studium der soziale» Folgen des Krieges in Kopenhagen hat auf Grund sorgfältigster Studien eine Statistik aufgestellt, die wohl eines der e r s ch ü t L e r n dsten, furchtbarsten DokumenteallerZciten ist und "bleiben wird. Was hat der Krieg an Menschenleben gefordert? Entsetzlich sind die Z ffern, die sich unter den Augen der Kopenhagen» Gelehrten .auftürmten, und noch entsetzlicher, grauenhafter sind sie für uns. die wir den Krieg und sein trauriges Ende miterl-.bten und fast jeder irgendeinen teuren Verwandten oder Bekannten zu beklagen haben. Für alle Staaten war der Weltkrieg — wir nachfolgende Zahlen zeigen — von entsetzlichen Menschenverlusten begleitet. Es wurde berechnet, daß der Gesamtverlust der Bevölkerung der Erde wahrend des Weltkrieges rin-- schlrehlich der zivilen Todesfälle und der Abnahme der Geburtenziffer) nicht weniger als 4v Millionen Mensche« betrage, eine Ziffer, die man geradezu phantastisch nennen müßte, wenn sie nicht fo entsetzt'ch wäre. In bevölkerungspolitischer Beziehung hat der Krieg zu einem immer mehr wachsenden Ueberschuß an Frauen geführt. Bor dem Kriege gab es in den zehn weiter unien angeführten Staaten insg-'amt emen Frauenüberschuß von zirka 5 Millionen Frauen. Dreier Ueberschuß ist in diesen Ländern nunmehr auf 18 Millionen ' gestiegen. ■ . Im nachfolgenden einige Detailziffern zur Illustration der furchtbaren Gesamtzahlen Die Toten: Prozent- Zahl der Verhältnis Men'chenzu der leben Ge'amtbevölkerung Oesterreich-Ungarn . . . . . . . 1.800.000 2.9 Frankreich .......... 3.5 Deutschland .... . . . . . .8,000 000 8.0 Großbritannien... ... . . . 1.7 Italien . . . ... . . . 600.000 1.7 Europäisches Rußland. . ... . 2.500.000 1.8 1.6 Bulgarien.. . 1.4 Rumänien.......... 2.1 Serbien . . 14.8 Zwammen . 9,729.000 " 2.5 Danach sind die der Zahl nach größten absoluten Verluste auf das e u r 0 p ä i ffch e Ruß I a n d gefallen, während an zweit». Stelle Deutschland,,.an dritter Stelle Ö e st er t e r ch- UnÄr n, an vierter Stelle Frankreich kommt. Nicht aufgeführt sind hier wie in den folgenden Tabellen die Mrnschenverluste der Türkei,-Griechenlands, Portugals und. Montenegros sowie der außereuropäischen Länder, weil dafür genaue Ziffern nicht zu erhalten waren. Ueberhaupt sieht man. daß die Liste «echt vollständig ist, weil es nicht möglich war, von allen Ländern brauchbare Vergleichsziffern zu erhalten. Die Abnahme der Geburtenziffer«. Abnahme der ' Gebuttrn* Prozentuell« ' Abnahme Ziffer Oesterreich-Ungarn. . 3,800X00 7.1 Frankreich.. . 1,500.000 8.8 Deutschland ........ . 3,600.000 5.3 Großbritannien. . 850.000 1.9 Italien. . I,ICO 000 4.0 Europäisches Rußland .... 8.1 Belgien .......... 2.4 Bulgarien ......... . 115.000 3.2 Rumänien.. . 150.000 2.0 Serbien.. . 320.000 6.8 Zusammen . 20,210.000 5.0 Wiederum ist eS Rußland, das mit der gewaltigen Geburtenverrmgemngszisfer von 8.800.000 an erster Stelle kommt. An Weiter Stelle folgt Oesterreich-Ungarn mit 3,800,000, an dritter Deutschland mit 3.600.000. Wenn Frankreich mit 1,500.000 erst cm vierter Stelle kommt, so ist das darauf zurückzuführe», daß dort die Geburtenziffer an sich schon im Frieden recht unerheblich war. Prozentual hat am meiste« gelitten Oesterreich- Ungarn, das eine Gebnrtenyerlnstziffer von 7.4'/, aufweist, bann Serbien mit 6.8'/«, dann Rußland ruft 6.1%» an vierter »Stelle Deutschland mit 5.3'/,. Insgesamt stelle« sich die Menschenverlustziffern einfchk'eßlich der im Huiterlande Gestorbenen für dir genannten Länder infolge des Krieges auf: Prozent- Gesamt- Verhältnis Verlustziffer der' Bevölkerung Oesterreich-Ungarn. . 5,800.000 11.8 Frankreich .. . 84 Deutschland.. . 6,300.000 9.3 Großbritannien. . 1,850.000 4.0 Italien. . 2,280X00 8.4 Europäisches Rußland .... . 18,000.000 9.6 Belgien ......... . 376.000 4.» Bulgarien ......... . 275 000 5.7 RumLmr«. . 510-000 6.7 Serbien ... . 1,650 000 35.0 Zusammen - 35,380.000 8.8 ' Auch hier steht Rußland, das ja in jeder der drei angeführten Tabellen die meisten Verluste aufwies, au der Spitze: es hat nicht weniger abS 13.000.000 Menschen verloren. Als zweiter Staat in der Reik^ ist Deutschland mit 6,800.000 verlorenen Menschenleben zu nennen. Als dritter folgt Oesterreich-Ungarn mit 5,800.000. Seite 2 Wien, Freitag Politische^Rundschau. Eine Union der russischen Randstaaten. Die „Litauische Telegraphenagentur" berichtet aus Kowno: Am 21. und 22. d. M. wurde die Wirtschaftskonferenz des Bundes der drei Randstaaten in Reval abgehalten. Es gelangten mehrere Resolutionen, betreffend die wirtschaftliche Annäherung und Ungleichung der wirtschaftlichen, namentlich der h a ndelS technischen und handelspolitische u, sowie der inneren Angelegenheiten der drei Staaten! und ihrer Beziehungen zu den dein Bunde nicht angehörenden Staaten zur Annahme. Ferner wurde die Frage der Beseitigung der Zollgrenzen zwischen den drei Bundesstaaten erörtert. Man kam dabei zu dem Ergebnis, daß die Zollgrenzen zwischen Lettland und Estland sofort besertiLt werden können, während der litauische Vertreter erklärte, daß es zwar sehr wünschenswert wäre, dahin zu gelangen, daß es aber wegen der großen Verschiedenheit der wirtschaftlichen Lage Litauens zurzeit nicht zu vollem Umfange möglich sei. Litauen schlage deshalb zur Regelung der Handelsbeziehungen zwischen Litauen einerseits und Lettland und Estland andererseits vor, besondere Abkommen zu treffen, durch die eine Annäherung an den Freihandel zwischen diesen drei Staaten erzielt werde. Zu diesem Zwecke würde, die Angleichung der indirekten Steuern, der S taa tsmonvpole, der Maße und Gewichte, der Vorschriften für Konze.ssionZerteilungen, für Münz systeme und Eisenbahnverwalt u n g e n beschlossen. Außerdem wurde eine Zusammenkunft der Vertreter Litauens, Lettlands, Estlands' und Finnlands in Reval bis spätestens Septotnber zwecks Beratung über die Ausbeutung der Wälde«, ferner eine Zusammenkunft von Vertretern Litauens Lettlands und Estlands in Riga zur Beratung von Handelsfragen beschlossen. Der Terror i» der argentinische« Politik. Die argentinische Regierung war seit einiger Zeit in der größten Verlegenheit, weil sie einen an sich höchst unnatürlichen Block von radikalen Sozialisten und Konservativen in der Kammer gegen sich hatte. Gleich «zu Beginn der Kongreßperiode war die.Regierung von dieser merkwürdigen Opposition, deren höchst extreme Bestandteile durch ihre gemeinsame Abneigung gegen den Finanzminister zusammengefchweißt worden waren, etliche Male niedergestimmt worden. Und wenn es sich damals auch nur um minderwichtige Anträge gehandelt hat, so waren die Aussichten der Regierung für die Zukunft nicht eben erfreulich. Da bot die Zügellosigkeit der Kommunisten plötzlich dem Präsidenten Trigoyen eine geschickt ausgenützte Gelegenheit zur Klärung der innerpolitischen Situation. Wie schon früher etliche andere Anlässe, hielten die Häupter der kommunistischen Federaziones ganz unvorhergesehenerweise den Nationalfeiertag am 25. Mai für den geeigneten Moment zu einem > bvlschewikischen Putsch. Als Sturmt.uppe trat das Syndikat der Chauffeure auf den Plan. Es proklamierte den Streik und begründete ihn in einem bombastischen Manifest. Der kommunistische und der sozialistisch-syndalistische Verband der Hafen- und anderer Arbeiter machten mit den Chauffeuren gemeinsame Sache und erklärten Sympathiestreiks. Während aber die Generalstreikparvle von den Arbeitern nicht befolgt wurde, hat sie umso stärker auf die rechtAradikalsn Reaktionären gewirkt, die den Putschisten auch mit ihrer eigenen Wafse, dem Terror, entgegentraten. Es kam zu Revolvergefechten und, so sah sichj schließlich auch die Regierung, die zuerst arbeiterfreundlich gewesen war, zu radikalem Einschreiten gegen die revolutionären Federaziones genötigt. So wurde nicht mir der kommunistische Terror gebrochen, sondern auch die legale Arbeiterbewegung schwer geschädigt. Denn die Arbeitgeberverbände benützten die Gelegenheit zur Boy Zitierung der organisierten Arbeiter lrnb beschäftigen nur mehr Vorkämpfer der freien Arbeit und der Regierung kam die Situation, wenn schon nicht zur Sprengung, so wenigstens zur L a h m l e g u n g des oppositionellen Blocks zustatten. Es ist ihr gejlungen, eine Reihe wichtiger sozialer Gesetze im Kongreß durchzubringen, so ein Gesetz gegen den Mietwucher und eines für den Whtstuudentag. Wenn auch niemand auf eine längere Dauer dieser fruchtbaren Tätigkeit des Parlaments zählt,, so ist immerhin für den Moment die Stellung des tüchtigen Präsidenten Trigoyen außerordentlich' gestärkt. Der Bund der Ringmannen. Ueber die Berliner „Hundertschaft zur besonderen Verwendung" gibt das „Berliner Tageblött" Aufzeichnungen emrs Polizeioberwachtmeisters wieder, die kaum glaublich sind und dringend amtlicher Aufklärung bedürfen: Jlfne- Hundertschaft hatte sich anläßlich des K a p p - P u t s ch e S ber den Kappisten beteiligt und später >m Laufe des Sommers 19A) den Bund der Ringmannen gegründet. In Keheimrn nächtlichen Sitzungen sei beschlossen worden, die kritische Zeit der Waffenablieferuug zu einem größeren Schlag auszunützen. Der Bericht schildert dann, wie aus Anlaß der Wafferiabgabe zahlreiche Munition, Maiäm'.engeweii'.e, Flarmmmvemr und Kanonen versteckt worden seren. Eine Durchsuchung auf Veranlassung des Berliner Polizeipräsidenten . jm November 1920 verlief ergebnislos, da die Hundertschaft gewarnt gewesen ' sei und alles beiseite gebracht hätte. . Bei einer - zweiten Durchsuchung durch den Kommandem der Berliner Polizei mit etwa 50 Kriminalbeamten seien die Angehörigen der Hundertschaft aussäffig und rebellisch geworden, so daß der Oberst schließlich erklärte, daß er jetzt kein Wort mehr für sie einlegen könnte. Innerhalb der Hundertschaft habe die größte Aufregung über den Verrat geherrscht. Nächtliche Schießereien fanden statt, Beamte, di« auf das Berliner Kommando befohlen waren, wurden befvitzelt. und verfolgt» so daß sie keine Aussagen zu machen wagten. Innerhalb der Hundertschaft wurden Ehrengerichte avgehalten. die über die angeblichen Verräter aburteilen sollten. Belastungszeugen suchte man zu falschen Aussagen zu veranlaßen. Als sich anfangs Juli 1921 ein Zeug« in der Justzabttilung des Kommandos Berlin nach dem Ergebnis der Untersuchung erkundigte, wurde ihm mitgeteilt. daß daS Verfahren niedergeschlagen sei, da von den Zeugen, die unter der ständigen Bedrohung an Leib und Leben durch die Hundertschaft ständen, wahrheitsgemäße Angaben nicht zu erwarten seien. Der Kampf gegen den Kommunismus in Jugoslawien. WuS Belgrad wirb gemeldet: Der gesetzgebende Ausschuß hielt am 26. Juli vormittags eine Sitzung ab, an der alle Mitglieder, auch' die kommuni st i scheu, teilnahmen. Minister des Innern Pr ibi cevie berichtete über die Situation im Staate und erklärte, eS fei notwendig, daß energische Schritte gegen die Kommunisten unternommen würben. Die Regierung habe sich schon vor Annahme der Verfassung mit dem Gedanken getragen, Schritte zum Schutze des Staates zu untcrnshmen. Bon einigen Seiten werde behauptet, solche Schritt: seien reaktionär und bedeuten für das Königreich eine Schande vor dem Ausland- Inzwischen schassen di« zivilisierten Teil« Europas und die' Kulturwelt überhaupt Gesetze zum Schutze des Staates. Auch' jene Gesetze, die der Nationalversammlung vorgelegt werden mußten, seien nichts anderes als eine Rezeption der diesbezüglichen amerikanischen und schweizerisch«« Gesetze. Wenn diese zwei großen demokratischen Staate«, von denen die Schweiz eine Zuflllchtsstätte für jeden politisch Verfolgten war, ein solches Gcfth^ schafft» konnten, sei eö voWttUüM Vtlärlich, daß auch wir. tzch tzrGS fe* schließen, da wir gegen jenen Feind kämpfen müssen, der in Verbindung mit dem Ausland steht, der' unseren Staat vernichten und einen Umsturz Hervorrufen will, durch fan alles, was mit den größten Opfern unserer Generation -geschaffen wurde, vernichtet werden sott. Nach' allen bisherigen Ereignissen zeigt sich die Notwendigkeit, ein Gesetz zum Schutz« de» Staate» z« schaff«, das jedwede Propaganda vereiteln würde, die danach' strebt, die Staatsordnung zu untergraben. Hierauf sprach her kommunistische Abgeordnete Sffi t l«j» ko die, der erklärte, daß die kommunistische Partei in keiner Verbindung Mit derr Ereignissen der letzten Tage stehe, Md ber sich' aus di« Erklärung der kommunistischen Partei gelegentlich des Attentats auf den Regenten Alexander berief, worin die Mrtei das Attentat prinzr'prekl verurteilt. Der Abgeordnete forderte von der Regierung die Beachtung der Arbeiterforderungen bezüglich der Verbesserung ihrer materiellen Lage, weil seiner Ansicht nach die terroristische Bewegung aus ber ungünstigen materiell« Lage eines großen Teiles der Arbeiterschaft hervorgche. SS. Juli. (Kon.-Bur. Agram.) Gestern besetzt« die Polizei sämtliche Räumlichkeiten der hiesigen syndikalistischen Organisation«, führte Hausdurchsuchungen durch und beschlagnahmte di« Archive. clausus Int Handel vr Lettland. Wie btzm Warschauer „Moment" aus Riga ge» u^ldet wird, hat das lettländische Handelsministerium einen Gesetzentwurf ausgearbvitet, durch den ein Konzes s io n s sy st«m für den Handel mit Lebensmitteln und Gebrauchsgegenständen eingeführt wirb. Allb Handelsfirmen, die innerhalb dreier Monat« keine Konzession erhalten, werden liquidiert werden müssen. „Ausländern" sollen die Konzessionen Überhaupt nicht erteilt werben. Die Konzessionen solle« den Angehörigen jeder Nationalität nur Proportionen -u ihrer Bevölkern« gtzzahl erteilt werden. Der Entwurf hat in der jüdischen Oefferrtttchvett Lettlanbs Fraß« Erregung hervorgerusen, da das Gesetz den ggnzM Wischen Handel ul vernichten droht.

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