Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-07-25 · Heft 896 (25.7.1921) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 896 (25.7.1921)
Date
1921-07-25
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979975--08254-2994389
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 2 Wien, Montag Wiener MorgenzeilnnF 25. Juli 1921 Nr. 896 Sprache mächtig sind, was aber den Vorsitzenden mit einem rein deutschklingenden Namen bewog, nur tschechisch' zu sprechen. (Da irrt der ehrenwerte Autor, weil er von Höflichkeit nur dunkle Ahnungen hat. Es war Pflicht des Anstandes, die Versammlung in der Sprache der gastgebenden Stadt zu eröffnen. Veritas. so nennt sich der Autor, schreibt aber:) Da es sich um eine rein jüdische Unternehmung handelte, kann der Gebrauch der tschechischen Sprache in diesem Kreise als Präsidialsprache nur als Beweis irgendeiner Darmequilibristik gelten, die (hier revoltiert sein teutscher Mut) sehr nahe der Feigheit kommt. Ueberdies sprach auch ein Herr aus Prag (der Rabbiner nämlich) in hebräischer Sprache. So etwas soll es nämlich auch geben. Daß er in hebräischer Sprache sprach und noch dazu "in diesem Kreise, hat auch sehr viel Humor. Denn obzwar es eine jüdische Versammlung war, haben von den Anwesenden kaum 1 Promille die hebräische Ansprache verstanden. (Woher weiß er denn das? Das stand doch in keiner Zeitung.) Und jetzt kommt es: Das ist ja das Hirnrissige dieser auchnationalen Bewegung, daß sie des wichtigsten Moments des völkischen Be-- griffes entbehrt, der lebenden Sprache. Da aber später doch deutsche Reden gehalten wurden/spendet er Lob. Es waren praktisch denkende Leute, die sich sagten, wenn ich schon spreche, so will ich auch verstanden werden. Ad vocem: „Praktisch." Dieses Wort sollten diese Herren Retter des Judentums durch Rückverweisung der Juden ins Ghettoaus ihrem Wörterbuch verbannen. Ich weiß nicht, ob es in der lebenden („nebbich - lebenden", so sagt er) hebräische« Sprache ein Wort gibt, das „praktisch" bedeutet. Das wäre überflüssig, so meint er, denn daß der Zionismus in Europa eine ganz unpraktisch^ und die Interessen der Juden (er verwechselt Juden und Deutsche) schädigende Bewegung ist, braucht nicht immer wieder von neuem bewiesen zu werden. Namentlich' hier in der Tschecho- Slowakei werden es die Juden, die ' bei der Volkszählung sich zu dem apokryphen Volke der Juden bekannt haben, im wirtschaftlichen Leben zu verspüren bekommen, was sie damit angestellt haben, daß sie bei der Volkszählung sich als Nativnaljuden (und nicht wie der Autor als deutscher Mann) bekannt haben. Dann wird er nachsichtig. Schließlich, dachte er, die Zionisten wollen doch auch leben, man darf sie nicht vernichten, und räumt ein: Es sei nicht ein Wort gegen den Zionisten gesagt, der aus Ueberzeugnng, aus vollster Uebvrzeugung sich' als Nationaljude fühlt. Er ziehe aber aus dieser Ueberzeugung alle Konsequenz. Er scheide sich streng von allen Juden, die den mvdegewordenen Hexensabbat des Zionismus verabscheuen, die ihrer ganzen Bildung, Erziehung, Geschichtsauffassung, ihrer 'ganzen Kultur, -Gesittung, Ethik nach sich zu jenem Volke bekennen, oft sehr opfervoll bekennen, dem sie sich ihrem ganzen Wesen nach zuzählen. Gegen den Zionisten aus Überzeugung haben wir nicht baS geringste. Es ist eben feine Gesinnung und' es widerspräche dem Empfinden des modern denkenden Mnschen, den wirklich' überzeugten Nationaljuden wegen seiner Gesinnung, zu der er sich durchgerungen hat, vielleicht zu mißachten. Widerwärtig, bis in die tiefsten Winkel der Seele '(man beachte das wundervolle Deutsch) sind aber jene „Nationaljuden", die besonders seit jüngster Zeit in der Tschccho-Slot^akei zu Haufe sind, deren Zionismus nicht etwa das Produkt der Ueberzengung, der Durchgeistigung und Versittlichung ihrer eigenen Ansichten und Anschauungen ist, sondern der Ausdruck der Feigheit, der Angst vor dem Herrenvolke, der Angst vor materiellen Schädigungen. Jeder Deutsche und namentlich der deutsche Jub« muß diese, Gesellschaft verabscheuen. Und diese Zionisten haben am Donnerstag zum weitaus überwiegenden Teil den Luzerna- Saal gefüllt, und nur gegen diese Zionisten aus Opportunität und aus Feigheit richten sich' unsere Worte." So gesprochen im „Montagsblatt aus Böhme n", bas einmal ein demokratischpA Blatt war. PolMsche^Rundschau. Die hebräische Sprache in Palästina. Aus London wird uns beuchtet: Im Unterhause richtete Major Steel die Anfrage an dm Minister für Kolonien, welche Sprachen in Palästina als Amtssprachen gelten, ob die b e b r ä i s ch e, wenn ste.zu diesen Sprachen gehört, an erster Stelle fiauriert, und wenn dies der Fall ist, aus welchem Grunde diese Verfügung getroffen wurde. Es wird ferner gefragt, ob es wahr sei, daß in Palästina nur derjenige eine Regierungsstelle erlangt, der Hebräisch lesen und sprechen kann, und schließlich, wie groß die Zahl der in RegiernngSdiensten stehenden Christen, Mohammedaner und Juden einschließlich der bei den Eisenbahnen und Postämtern angestellten Personen ist. In Beantwortung dieser Anfrage erklärt Mr. Wood: In Palästina gibt es drei Am'siprachen, Englisch, Arabüch und Hebräisch. Die hebräische Sprache ist den anderen zwei Sprachen nicht vorangestellt. Die Kenntnis der hebräischen Sprache ist für eine Anstellung im Regierungsdreufie nichtunerläßlich. Die Gesamtzahl der Rrgicrurigsbeamterr und -Drmer einschließlich des Personals der Eisenbahnen und der Postverwaltung beträgt 2571 von denen 1338 Christm, 7ig MoslemS und 514 Juden sind. Die von Oberst Wedgwood dazwischengestellte Frage, warum dm Christen eine so morme Bevorzugung eingeräumt wird, blieb nnbeanuvortei. Au unsere p. t. Leser und Abonnenten! Infolge der neuerlich enorm gesteigerten Herstellungskosten der Blätter sehen sich die Wiener Tageszeitungen gezwungen, 'die Bezugspreise für Abonnement und Einzeloerkauf zu erhöhen. ' Vereinigung der österreichischen Tageszeitungen. * * * Auch die Verwaltung der „Wiener Morgenzeilung* sieht sich genötigt, die Bezugspreise entsprechend zu erhöhen. Die Erhöhung wurde nur in dem Ausmaße vorgenommen, als notwendig ist, um die gesteigerten Gestehungskosten decken zu können. Wir bitten unsere Freunde und Leser, dies als eine irrt Interesse der Erhaltung unseres Blattes notwendige Maßnahme zu werten und uns umso gewisser ihre Anhänglichkeit zu bewahren. Vezugsbedingungen ab 1. August: Einzelverschleiß r Kr. 5 — (auch an Sonntagen). Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit Postzusendung) Kr. 139.— monatlich. Mit Postzusendung: Drutschösterreich monatlich ...... . . Kr. 130.— Tschecho.Slowakei monatlich. . . KS. 18- Polen monatlich .poln Mark 200.- Jugqslarvien monatlich. Dinar 13.- Deutschland ' n ......... Mark 14.- Rumänien »» .. Lei 24.- Holland »» .. holl. fl. 1.50 Schweiz i» . FreS. 3.- England n ......... 8h 8.- Italien » . » Lire 0- Amerika n ......... Dollar -.50 Frankreich, Belgien monatlich. Fres. 6- Zahlstellen: Oesterreichrsches Postsparkaffenkonto (Wien) 150.693 Tschecho-slow. Postsparkaffenkonto (Prag) SS.851. Polnisches Postsparkaffenkonto (Warschan) 190.227. Deutsche» Postscheckkonto (Berlin) 108.722. Rumänien (Ezernowitz): Allgemeine Depositenbank, Filiale Ezernowitz. Jugoslawien: Postsparkaffenkonto (Agram) 40.085. Italien: Sooletä Itallana dl Credlto oommerolale, Triest, Via Mazzlni 30 »moo»»n»m«iM>!i»«oo«»»ooaoooa»M»>mo»»W»»o»>»»»» Telegramme. Schwere Kämpfe in Marokko. Der spanische General gefallen. Madrid, 23. Juli. (HavaS.) Nach neueren Auskünften, die heute nachmittags vom Kriegsminister eigengegeben wurden, geht hervor, daß die Ereignisse, die sich in letzter Zeit in der spanischen Zone Marokkos bei der Annual-Stellung abgespielt haben, nur die Fortsetzung der Erhebung eines Teiles der in Diensten Spaniens stehenden eingeborenen Truppen find, einer Erhebung, die sich bereits im Juni ereignete. Diese Ereignisse haben alle Well überrascht, darunter auch den spanischen OberkommisiärGeneral Berengner und General Sylvestre, den Kommandanten der Stadt Melilla. Dieser befand sich gerade in der Annual- Stellung, als sich die letzten Ereignisse abspielten. Man kennt noch nicht die Gründe, die ihn veranlaßten, sich dahin zu beheben. Er soll an der Spitze der spanischen Truppen, die sich in der Stellung befanden, gekämpft haben. Als die spanischen Truppen fast von allen Seiten von den eingeborenen Truppen eingeschlossen waren und ihre Munition verbraucht hatten, erteilte General Sylvestre in der Befürchtung eines Ansturms de- Feindes, deffen zahlenmäßige Ueberlegenhet enorm war, seinen Truppen den Befehl, sich zurückzuziehen. Er blieb jedoch mit seinem Stabe, der sich weigerte, ihn zu verlassen, an Ort und Stelle. Man weiß nicht, was dann geschah. Sicher ist nur, daß General Sylvestre, zwei Ordonnanzoffiziere und zwei Oberste sich unter den Toten befinden. Oberkommisiär General B er eng u er hat sofort die Entsendung von 2000 Mann von Ceuta nach Melilla besohlen. Außerdem werden Verstärkungen nach Ceuta und Melilla entsendet. Madrid» 23. Juli. (Havas.) Der König hat seine Rückkehr nach San Sebastian aus unbestimmte Zeit verschoben. Der Kabinettsrat, der heute abgehalten wurde, beschloß, mehrere Kriegsschiffe nach Marokko zu entsenden. Der Kriegsminister erklärte auf Befragen der Journalisten: „Mein Eindruck von der Lage in Marokko ist heute nachmittags nicht so gut wie heute vormittags. General Lavarro, der Nachfolger des Generals Sylvestre, hat es für nötig gesunden, die Truppen, die Dar Rius besetzt hielten, -bi- Batoiu zurückzuuehmeu." Verstärkungen nach Melltla. Mavrid, 35. In'«, Die sehr ernste Niederlage der spanischen Truppen in Ma > wird bestätigt. Nach dem Tode des Generals S y l v e st i dien dessen Trappen den Nückmg angetreterchDer General A o o o x t o hat Sldi-Driß muer dem Dmcke weit überlegener K.ks'tr räumen müssen. Der Feind scheml vortrefflich gut organisi rt und wohl bewaffnet zu sein. Wer Schiffe nnt VeiMkungen sind schon nach Mellila gesandt worden, drei andere werden folgen. Der König wird Madrid nicht verlassen und' der Mmisterrat ist zu jeder Zeit bereit, die notwendigen Beschlüße zu fassen. General B e r e n g u e r ist in der letzten Nacht in Mellrla eingetroffen, um die Leiiuna der Operationen zn übernehmen. Die spanischen Verluste sind noch nicht bekannt, doch sind sie zweifellos sehr bedeutend. Kemal in der Offensive. Paris, 23. Juli. Wie die Agence Havas aus Angora meldet, haben die Türken die Stadt Jeni Schehir genommen und Asiun-Karahisiar neuerdings besetzt. Konstanlmopel, 23. Juli. (Havas.) Nach den letzten Meldungen von der Front haben die Türken den Vormarsch gegen die Meander-Front begonnen und die Ortschaft Budurlu sowie die strategische Stellung von Altin-Tepo besetzt. Mustafa Kemal soll die Operationen persönlich leiten. Tagesbericht. Kommunisten und Monarchisten. Raufereien bei« Tegetthoff.Deubmal. Bekanntlich hatte die Polizei den für gestern geplanten Demonstrationsumzug von Teilnehmern an der Lissaseier verboten, da Gegenkundgebungen zu befürchten waren. Trotzdem ist es gestern vormittags anläßlich der Bekränzung des Tegetthoff-Denkmals beim Praterstern und in der Praterstraße mehrfach zu Zusammenstößen zwischen Kommunisten und Teilnehmern an der Feier, unter ihnen auch etliche „Frontkämpfer", gekommen. Der Gottesdienst in der Kapuzinerkirche war ohne Zwischenfall verlaufen. Die vor der Kirche angesammelten Kommunisten begnügten sich zunächst mit Pfuirufen und anderen Schmähungen der Gegner. Dann formierten sie sich zu einem geschlossenen Zuge, der auf dem Wege in die Leopoldstadt zu mehreren Hunderten von Personen anwuchs. Die Polizei versuchte in der Nähe der Markthalle den Zug zur Auflösung-zu bringen, doch gelang es den Kommunisten, in einzelnen Trupps zum Praterstern zu ziehen. Dort hatte ein Marineoffizier das Denkmal mit einem großen Kranze geschmückt, dessen Schleifen die Farben Roi-Weiß-Rot zeigten. Die Kommunisten, die aus dem Prater durch allerlei junge Elemente Zustrom erhielten, brachen in stürmische Rufe aus, wie: „Pfui„Nieder mit dem Monarchistengesindel!" „Fort mit den sch warz-gelb e'nH und en!" Einzelne Teilnehmer der Feier wurden umzingelt und geprügelt. Die Kommunisten versuchten auch die Straßenba huwagen in der Praterstraße an zu halte» und einzelne Passagiere, die ihnen „verdächtig" vorlamen, mit Gewalt auf die Straße zu zerren, doch wußte die Polizei hier RoheitSakte zu verhindern. Nach dem Abzug der „Frontkämpfer" besetzten die Kommunisten Stufen und Plattform des Denkmals. Alsball» war der mächtige Kranz vom Denkmal verschwunden. Die Kommunisten fielen wütend über ihn her und zerrissen ihn in tausend Stücke. Schließlich wurden Lieder gesungen und erst gegen zwölf Uhr mittags zerstreute sich die Menge. Die „Korr. Wilhelm" berichtet über die Vorfälle, die riesiges Aufsehen erregten, nur folgendes: „Bei der Bekränzung des Tegetthoff-Denkmals wurde bei einer Kontroverse der 21jährige Verkäufer Josef L o sert, Tandelmarktgasse 21 wohnhaft, ge o h rfeigt. Er erlitt eine Gehörstörung und mußte sich bei der Rettungsgesellschaft behandeln lassen." Der Mord beim Würstelmann. Bor dem Komödienhaus, Nußdorferstraße 4, ist der Stand eines Würstelmännes, der hauptsächlich zur Nachtzeit zahlreiche Besucher anlockt. In der Nacht auf Sonntag entstand gegen halb 3 Uhr früh in der Gruppe der Käufer plötzlich aus bisher nicht aufgeklärter Ursache ein Streit. Man sah Leute aufeinander loshauen und plötzlich stürzte einer der Gäste, der 28jährige Hilfsarbeiter Sissulak, zusammen und eine Blutlache verbreitete sich auf dem Asphalt. Als die Rettungsgesellfchaft kam, war der Mann schon tot. Er hatte eine Stichwunde in den rechten Oberschenkel erlitten. Die Klinge hatte die Schlagader durchbohrt und den Tod durch innere Verblutung herbeigeführt. Noch in den ersten Frühstunden wurde der Täter auSgeforscht und verhaftet. Es ist der 35jährige Artist Josef Oehler. Oehler will ans Notwehr gehandelt haben. Nach seiner Darstellung rauften beim Würstelmann zwei Männer und er stand als unbeteiligter Zuschauer daneben und wollte mit den Worten Weggehen:, „Das geht niemanden was an...!" Diese Aeußerung soll nun den Sissulak so aufgebracht haben, daß er dem Oehler von hinten eine Ohrfeige gab, ihn zu Boden warf und mißhandelte, so daß Oehler in der Notwehr das Messer zog und zustach. Dieser Darstellung widersprechen die Aussagen anderer Tatzeugen. Sie haben wohl gesehen, daß Oehler eine Ohrfeige bekommen hat; daß er aber niedergeworfe nwordeu sein soll. Men sie in Abrede

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.