Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 895 (24.7.1921)
- Date
- 1921-07-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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SW Wie», Gonntäg r-.: ' " ~1rtrrrr". ■■ ■ -. 11 ’ym Beispiel in Bosnien ist die AlterMrsvrge gut und zweckmäßig und hat mehr .Anspruch auf Menschlich!. Leit als in Wie«. Men soll ein Mlünittielpunkt der sein; wir haben Kunst) Wissenschaft, Musik, wir haben Erfindung und Technik, wir haben wunderbarsten Luxus. Bei uns weinen die Leute, wenn Gobelins verpfändet werden oder Bildwerke ins Ausland gehen — äbeij niemand weint, Mnn Menschen in der Nähe an Hunger und Entkräftung in Qualen sterben. In Lainz gelten die Menschen seit Jahren an Entbehrungen elend zugrunde. Die Behänd lang der alten Leute iw Lainzer Versorgungs- und SiechenhauS (welche Herzlosigkeit, die Bezeichnung: SiechenhauS) hat nicht ihresgleichen, an Erbarmungslosigkeit. Aber wenn alle Menschen m Lainz leiden, am entsetzlichsten ergeht es den Juden. Zu der täglichen Not des Körpers, ungenügend ernährt, ungenügend gepflegt zu werden, kommt noch der große Schmerz der Seele. Die Juden in Lainz werden gehaßt. Au den Leiden ihres alten, kranken, verhungerten Körpers kommen noch die Qualen, Beschimpf jungen anzuhören, Rohheiten zu erdulden und ihr Martyrium ist ohne Grenzen. Ein außerordentlicher Mensch, Bela Fis cher, hat vke Fürsorge der alten jüdischen Menschen in Lainz übernommen — allein er hat für seine Arbe.it nicht die geringsten Mittel. Fischer hat die Altersfürsorge in Deutschland Md in der Schweiz studiert, er hat dort gesehen, wie in den Züricher Anstalten Hie alten Leute sich die Zeit durch seicht ,Arbeit vertreiben. Alte Leute haben eine Neigung zum Grübeln, an; die Vergangenheit zu denken, sie» werden dadurch verbittert, melancholisch und in der Folge unverträglich und zanksüchtig — welche Wohltat ist es hoher, sie zu beschäftigen. (Ist doch in unseren Versorgungs- Häusern die Sitte, den Leuten ihr Essen vorzusetzeni und sie int übrigen auf den Dod warten zu lassem)' Bela Fischer hat in Lainz den Freitagabend-Gottesdienst eingeführt — er hat den alten Leuten die religiösen Gebräuche ihres früheren Lebens auch in der Hoffnungslosigkeit ihres jetzigen Daseins zu erhalten gesucht. Aber wie traurig ist es, daß sie diesen Dag nicht mit einer besseren Mahlzeit feiern, können^ Das einzige, das sie bekommen, ist der „Kidusch"-Wein. (Einen Liter für 120 Personen!) Seit der „Joint" seine Hilfe für arme Juden eingestellt hat, gehen die jüdischen Pfleglinge in Lainz an Freitag Menden ebenso hungrig und weinend zu Bette wie an anderen Abenden, nur noch vielleicht betrübter, denn ihre Verlassenheit und ihr Ausgestoßensein aus der Gesellschaft der Menschen kommen ihnen gerade an diesen Menden in ihren armen, gequälten Gehirnen deutlicher zum Bewußtsein als sonst. . , Es w'äre heiligste Menschenpflicht, den alten, siechen Juden in Lainz zu helfen. Der amerikanische Joint' hätte die Mittel, aber auch die Wiener Juden hätten« die Mittel. Wir müssen. denken, daß wir Menschdni Brüder eines Schicksals sind, daß Alter und Siechtum jeden von uns erwarten können, daß aber auch Armut inr Wandel der Zeiten dort eintreten kann, wo früher Reichtum war, und daß. dann keiner das erleiden möchte, was heute hunbertzwanzig Juden in Lainz erleiden. ' Mitwirkung und Selbsthilfe der Elter» in der Jugendfürsorge. Von Ernst Czuezka, Burcanleiter der „Sozialen Hilfsgemeinschaft Auitta Müller". Die intensive Hilfsbereitschaft weiter Kreise — in den Tagen der Kriegsflucht und KriegSnot innerhalb des eigene^ Landes, in der Z«ft nach der Niederlage in anderen Staaten — ergab «ln tausendfältiges Anwachsen der Wohlfahrtsarbeit. Dem Andrängen der Not zeigten sich die staatlichen und gesellschaftlichen — also zentralisierenden — Institutionen nicht gew achsen, waren auf die so notwendige umfassende und zusammen fassende Tätigkeit nicht vorbereitet und so standen sie auch bei der Entgegennahme des reichlich zuströmenden Ergebnisses jener Hilfsbereitschaft abseits. Daher setzte eine starke Ausbreitung der privaten, persönlichen, oft allzu persönlichen, und vereinsmäßtge^ Fürsyrgearbeit ein. Dieser blieb der philanthropische Eharakter ihres Ursprungs meist bis in die. jüngsten Tage anhaften, in denen mm die zwiespältige Teilung zwischen Giebeinden und Empfangenden unzeitgemäß geworden ist. Solange staatliche Mutterschaftsversicherung und ihr ähnliches Vörsopgen nicht in Geltung oder voller Wtrksamküt sind, ist/die Anleitung von Eltern und MÜtteritz durch' Fürsorgerinnen zur znfammensteuernden nnp vorbereitenden Bereinigung von nicht zu unterschätzender erzieherischer unp aufbäuender Kraft. Für das Kindesalter denken wir uns die. Gruppierung von Eltern zur gemeinsamen Erhaltung und teilnahmsvoll«! Förderung von Tagesheinistätten innerhalb ihres Wohnrahons, die von großen Fürforgeinftitutionenn ins Leben gerufen, beliefert und verwaltungstechnisch sowie Pädagogisch kontrolliert würden. Damit und mit dem nachfolgenden Beispiel Ms unseren Vorschlägen gefangen, wir zum bisherigen, eigentlichen SchutzarbeitSkreiS deS uns nahestehenden Vereines. Me neuere Fürsorge für daS Schulalter im großen Umfang bezieht sich! — in unseren Landen — auf Unterbringung von Kindern zu Mast in auslänMchm Familien jür einige Monate zur phyysischen Kräftigung. Mn» wir fo TageSh«imstätten, Lesestuben, Ausflugs-, Spiel, und Lerngruppen, denen in den, Gtraßetw» oder Häuserblocks auch nur ein Raum durch lLlt^nüberMkunft Wiener Morgerrzeitrmg rüstet man zum Besuch des XII. Zionistenkongresses (1. bis 10. September 1.1. In Karlsbad) (11. bis 17* September l. Jin Wien) und der Die Tatsache, dass die „Messe" zeitlich gleich nach Schluss des Kongresses abgehalten wird, gibt der „Wiener Morgenzeitung“ Gelegenheit, für den Besuch der „W. I. M.“ bei den Kongressteilnehmern zu propagieren und dieselben durch* zweckentsprechende Annoncen über günstige Exportverbindungen zu informieren. Sie gewinnen für Ihre Waren im Auslande neue, wertvolle Absatzgebiete, wenn Sie in den Xengnssled fcst-Jim der „Wiener Morgenzenzeitung“ annonoleren Vor Beginn der Messe erscheint in Massenauflage unser Messe-Führer llacHieM Iflr Mel,' ' und" '' sslist tlerzeiclinls der Messestands (alphabetisch nach Branchen geordnet) Dieser „Messe-Führer“ wird allen Messsbesuchsrn kostenlos zugehen. Unseren Inserenten gewähren wir ein Inserat im Messe-Führer kostenfrei. lnserafen>Annahme in der Administration, Wien, II., Taborstrasse 1—3, Tel. 44-0-38 und 43-3-10, sowie durch alle Annoncen- Expeditionen des In- und Auslandes. — Auf Wunsch Besuch durch unsere Vertreter. 64o verfügbar ist, einen Ueberblick über die Angehörigen solcher Fürsorgezellen erwerben, ist dadurch das rechtzeitige Eingreifen der Auslandserholung beim bedürftigen' Ktnd ge- ' sichert, ohne daß Gesuche, Nachforschungen, oft auch Reklamationen den dringlichsten ober vorgeblich dringlichste^ Fall erst aufzeigen müssen. Bet. unserem regen' Verkehr ' mit Müttern und Vätern erholungsbedürftiger Kinder, bei der Beratung mit Angehörigen und Personen, die für das Schicksal von Säuglingen, Klein- und Schulkindern, im Falle von Krankheit, Berufsarbeit, Wohnungsmisere, Tob eines Eltern- .teileS besorgt waren, gewannen wir den Eindruck, daß guter Wille, Fähigkeit, Anteilnahme und Kraft in so günstigem Ausmaß vorhanden sind, daß nicht nur die rein philanthropische WohlfahrtSärbeit am Nurobjekt der Schützlinge abgebaut, sondern' vielmehr in Zusammenarbeit, die nur richtig an gebahnt werden muß, reichste Befruchtung und Erhöhung deS FürsorgeniveauL gewonnen werden' kanzn. Durch Sprengeleinteilung der Familien nach Wohnzentren oder Häuserblocks auf Grund unseres ausführlichen Kinderkatasters vermöchten wir — falls neben den interessierten Eltern genügend frei willige Hekfer, namentlich erzieherischen Könnens, sich finden — ei«, lebendiges Netz von verantwortungsvollen, einander anregenden und stets eingreifenden Vertrauensmänner^ mrd -Frauen zu schaffen. Sv wären wir in der Lage, um nur einen Vorzug des neuen Systems anzuführen, die zeitweilig nötige doch polizeilich' anmutende Recherche durch Inanspruchnahme der kontinuierlich informierten Beiräte unserer Fürsorge zu ersehen und immerfort zur Selbsthilfe und Mitarbeit anzuregen. Damit wird unser liebstes Ziel erreicht werden können, wie wir von Anbeginn die Bezeichnung „Petent" hartnäckig durch „Partei" verdrängten, aus dem Kreis der Parteien und Befürworter ernste, verläßliche und aktive Mitarbeiter zu schöpfen. Falls sich nicht unüberwindliche Schwierigkeiten Herausstellen, wollen wir demnächst unsere Arbeit im Rahmen der „Sozialen Hilfsgeineinschast 'Anitta Müller" nach diesen Grundsätzen einzurichten versuchen». 24, Juli 1981 Seite 5 Die Kohlensiluation. Die augenblickliche Kohlensituatio» ist durchaus nicht bes unruhigend. Nach zweimonatiger Unterbrechung der. Kohlenzufuhren ausOberfchlefien stnd, wie bereits bekanntgegebe^ wurden, am 8. d. M., also vor 14 Tagen, die Verladungen im oberschlrsischen Revier für Oesterreich wieder ausgenommen worden und haben in wenigen Tagen ansteigend einen solchen Umfang erreicht, daß die Gesamtsumme der -eteits augerollten Kohle im Tagesdurchschnitt zwar die VertragSmengen noch nicht voll erreicht, aber doch die begründete Aussicht besteht, daß sie noch in diesem Monate erreicht werden können. Die Produktion ist in den einzelnen Gtuben nur allmählich gesteigert worden und das erklärt auch die schwachen Anlieferungen in den ersten Tagen der Wiederaufnahme der Verladungen. Da mtt der Belieferung aus Oberschltsien in der vertragsmäßigen Höhe in der alletnächsten Zeit gerechnet werden kann» die Zufuhren aus der Tschecho-Slowakei und Polen regelmäßig und in vertragsmäßiger Höhe einlaufen, tst zu irgend welchen Besorgnisien hinsichtlich der Versorgung der Konsumentenkategorien gegenwärtig kein Anlaß gegeben. Beendigung des Spedittonsarbeiterstretks. Die Verbände der Spediteure und der Handels- und. Transportarbeiter und -arbeitrrinnen Oesterreichs kamen gestern nach längeren Verhandlungen dahin überein, den Sprditionsarbeiterstreik zu b e e n d i g e ti, so daß die Arbeit in allen Speditionsbetrieben am Montag wieder ausgenommen werden wird. Die billigen englischen Anzüge. DieKommission fürAngelegenheiten des wirtschaftlichen Wiederaufbaues hat in ihrer am 23. d. M. stattgefundenen Sitzung hinsichtlich der Einfuhr englischer Männeranzüge den Beschluß gefaßt, der Regierung zu empfehlen, Verbrauchervrganisationen auf deren Ansuchen nach Maßgabe der Möglichkeit des Absatzes lm eigenen Kreise die Einfuhrbewilligung zu .erteilen, wobei jedoch Sicherungen gegen Mißbräuche zu treffen wären. _ Schmuggel Im Finanzministerium Eine sensationelle Verhaftung. Die Polizei hat gestern in den Amtsräumen des Finanzministeriums in der Johannesgasse den Rechnungsrat Anton B a u m a n n verhaftet und von seinem Schreibtische weg in Gewahrsam geführt. Der Rechnungsrat steht in Verdacht, bei einer großen Schmuggelaffäre Hilfe geleistet zu haben. Er stand im Departement für Ein-undAusfuhrbrwilligungenin Verwendung, befand sich aber nicht in leitender Stellung, sondern war dem Hilfsdienst zugeieilt. Im Finanzministerium war man von dem Vorgehen der Polizei völlig überrascht und hat nun umfaffende Erhebungen eingeleitet, um in der Angelegenheit völlige Klarheit zu schaffen, etwaige Mitschuldige sestzustellen und die Polizei in jeder Hinsicht zur vollen Klärung des Falles zu unterstützen. Die Verhaftung des Rechnungsdireltors Baumann erfolgte deshalb, weil der Beamte seine dienstliche Zuteilung dazu benützte um Privatpersonen — es handelt sich um zwei absolvierte Exportakadrmiker — gefälschte E i nfuhrbewilligungen in die Hände gelangen zu. lassen. Das dem Rechnungsdirekior Baumann zur Last gelegte Delikt ist vorläusig Mißbrauch der Amtsgewalt. Auch die beiden Exportakademiler wurden verhaftet und dem Landgericht eingeliefert. __ Eine Fabrik ungarischer Danknote» entdeckt. Die Polizei bat gestern nach langen Beobachtungen in Meidling bei einem gewesenen Druckmeister der Oesterreichtschungartschen Bank, namens Okafek, eine förmliche Maschinenanlage zur Abstempelung ungarischer Banknoten 'entdeckt. Man fand noch 6000 ungestempelte Banknoten zu je K 20. Die Fälschungen, die Okasek gemeinsam mit einem gewissen Heinrich! Kral begangen hat, sollen in die Millionen gehen. Im Zu-, sammenhang damit wmden noch ein Kaufmann Richard Braun und ein Monteur Edmund K a r d o s ch verhaftet. Die Zigarettenbörse im „Casö Sport". Eine Fabrik falscher Zigarretten? Wie berichtet, hat das Kriegswucheramt im Cafs Sport in der Taborstraße 35» eine Razzia nach Schleichh ii n d l e r n mit Rauchsorten vorgenvmmen, bei der s e ch r i g Personen als deS Schleichhandels verdächtig dem Amte übcr.- stcllt wurden. Es waren meist arbeitslose Leute und größtenteils polnische Flüchtlinge. Unter den deS Schleichhandels Verdächtigen wurden auch zwei Brüder H o r o w i tz angehalten und dem Kriegswucheramte überstellt. Bet einer Nachschau in thrrr Wohnung haben Organe deS KriegswucheramleS ein Paket mit ISS Karl-FondS-Zigarctten, 98 GraüofaS, 48 Pakete Zigarettenhülsen ohne Mundstück mit' dem Aufdruck der österreichischen Regirztgarrttrn „Acgypiifche' III. Sorte" und Vignetten der Verpackung der Original-Aegypiischen-. Zigaretten für Schachteln zu je 100 Stück gefunden und beschlagnahmt. Sowohl die Vignetten als auch die Hülsen können/ nach Ausfertigung und Packung zu schließen, nur auf m a s ch inellemWege hergestellt worden sei«. Ein Konkurrenzunternehmen. Durch Erhebungen wurde in Erfahrung gebracht, daß sich der 31jährige Zinldrucker Robert O p l u st i I mit der Fäliclumg vo« Hüliea und Emballagen ärarifcher Zigaretten und Zigaretten - tabake befasse. Oplustil wurde am SO. d. M. von Kriminalbeamten verhaftet. In seiner Wohnung wurde eine Revision vor- 9898 4549 3644