Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 895 (24.7.1921)
- Date
- 1921-07-24
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Wiener Morgsnzeitrmg Men, Topntag 24. Juli 1921 Nr. 895 % Politische Rnndschau. Propaganda der Worte und der Taten. In einem Artikel von Jakob Hudes unter dem obenangeführten Titel, der sich mit der Parlamentsrede C h a r ch i l l s über Palästina hefaßt, werden die Ausführungen Churchills über die zionistische Propaganda^ näher beleuchtet, und der Autor kommt dabei zu einigen wichtigen Feststellungen, indem er sagt: ,,Jn seiner Analyse der Gründe für das Verhalten der Araber zur jüdischen, Einwanderung nach Palästina bemerkte Churchill, die Furcht der Araber herrsche nicht sosehr vor der Zahl der jüdischen Einwanderer' als vor der Propaganda, welche diese Einwanderung begleite. Der Kolonialmiuister gab zu, daß bk Juden.vollkommen berechtigt seien, ihre Bestrebungen offen herauszusagen. Und an einer anderen. Stelle seiner Rede verteidigte' er sogar die Zionisten, beziehungsweise erklärte erwarum sie gezwungen seien, Propaganda zu machen. ,Die Ziomsten' -—sagte e^ ««. ,f:nd genötigt, ihre Sache mit größtem Eifer, stärkster Hoffnung und Ueberzeugung darzulegen/um die dafür nötige Unterstützung und Begeisterung zu erhalten, und gerade riese Erklärungen haben einen alarmierenden Essest aus die Araber.-Selbst ein bedeuteter Agitator, versteht Churchill, daß eine Volksbewegung wie der Zionismus nicht ohne die große jüdische Masse. Auskommen kann; und diese Massen in den verschiedenen Ländern sind noch, nicht .genug durchdrungen vom Gefühl der nationalen Einheitlichkeit. Und solange sie selbst nicht ihre Pflichten' begreifen, muß man sie naturgemäß aufklären. Churchill versteht, daß nur eine bestimmte Zahl von Menschen den brennenden Drang in sich fühlt, das neue Land aufzubauen, ein Heim zu schassen, daß. die große Mehrheit nicht den starken Impuls nach vorwärts hat, um gegen alle Schwierigkeiten anzukämpfen, und daß es daher nötig ist, unaufhörlich zu schreien, laut zu rufen und auch die kleinste Sache, die für Palästina getan. wird, in alle Welt auszupo saunen. Es ist erfreulich, daß der englische Kv.lonialminister unsere Lage versteht unö die psychologische Notwendigkeit einer steten Agitation, um die nötigen Mittel > zu erhalten, begreift. Und doch bleibt die Tatsache bestehen, daß Churchill als den Grund der.arabischen Angst die heftige Wortpropaganda der Zionisten bezeichnet, die von unseren Feinden ausgenützt wird. Hätten wir wirkliche, große, wirtschaftliche Werte geschaffen, so waten diese Werte selbst natürlich die beste Propaganda. Aber wenn wir uns nur mit Worten begnügen, dann keimt doch her Gedanke auf, daß uns in. der Wirklichkeit mehr Schaden als Nutzen entsteht. Den Unterschied zwischen Worten und Taten hält ein anderer Teil der Rede Churchills fest, der ganz anders klingk. Der Kolonialminist^r schlug ganz andere Töne an, als er die jüdische Kolonie Rischonle-Ziym schiLerte. Die Mortpropaganda' der Zionisten müßte er-verteidigen; für positive Schöpfungen brauchte er keinen Nachweis, ihrer Berechtigung zw liefern. Ihre Existenz ist der' beste Beweis ihrer Berechtigung. Geradezu mit Pathos sprach Churchill von der- Kolonie, schilderte die Mühen und Opfer, welche die Juden gebracht haben, um die Kolonie zu ihrer gegenwärtigen Blüte zu bringen. Und als er mit der dramatischen Aufforderung schloß, es möge jemand doch zu sagen wagen, daß man diese und ähnliche Schöpfungen dem Ruin durch fanatisierte Araber überantworten solle, da machte dies auf das Parlament stärksten Eindruck Hier ist klar — die stärkste Form der Propaganda sind Taten. Ohne Wvrtpropaganda kann man wohl nicht zu zweckmäßiger Tat kommen. Aber wenrt Worte der Anfang und das Ende der nationalen Agitation sind, wenn das Mische Volk njcht die Mittel zur Durchführung positiver Arbeit, die sichtbar wird, schafft, dann bringt die W-Uftpropaganda mehr Schaden als Nutzen.' Rßden, die nicht von positiven ökonomischen Schöpfungen begleitet sind, haben provozierenden Effekt, aus die arabische Bevölkerung;- sie.machen den Eindruck der Prahlerei. Oelonomische Schöpfungen dagegen üufen Achtung hervor und zwingen di« eingeborene Bevölkerung sowohl wie die Mandatarmacht zu ganz anderem Verhalten." Emir Faisul König von Irak. Der Ministerrat in Bagdad hat am Montag Emir Faisul zum König von Irak, des ineuarabischen Reiches, ernannt. Die Ernennung geschah unter dev Voraussetzung, daß die Farsul-Regierung konstitutionell und demokratisch sein müsse.'Der englische- Oberkommissär in Bagdad hat an die Wahl ferner die Bedingung geknüpft, daß die Zustimmung der arabi-s scheu Bevölkerung eingehvlt werden müsse. Zu diesem Zweck wird die, Einholung der Mußerung des Volkse willens angeordnet werden'. . - Paris scheint Über die Wahl Faisuls zum arabischen König aus mehreren Gründen erregt zu.sein; erstens, weil das n^ue Königreich: das Werk der bdidew Pioniere der englischen Politik ist, nämlich des berühmten Orientalisten Lawrance und des Generals' Siorrs, dann weil sich' Faisul Journalisten gegenüber äußerte, er werde Syrien für Arabien zurückgewinnen und die Franzosen aus Syrien verjagen. Wie verlautet,. Empfang des Waad Leumi bei Herbert Samuel. Lonldion, 21.. Juli. (Jüh. Korr.-Bur.) Einem soeben aus Jerusalem ein'gelangten verstümmelten Bericht zufolge empfing der Oberkommissär Sir Herbert Sywueldäs PräsidiiftyidüK WqabLeumi in härterer Audienz, wobei sich: eW> eingehende 'Äussprache^über die Lage im Lande und über die Wünsche der jüdischen Bevölkerung Palästinas entwickelte. Wegen der erwähnten Verstümmelung' des Berichtes kann vorläufig nur ein Teil , dieser wichtigen Aussprache, wiedergegeben werden. Der High Commisstoner nahm die Beschwerden des Präsidiümss des Waad Leumi vnt-- gegen.und .erklärte, daß;iwöit allmählich wieder, auf die Beschränkungen, W von Anfang an, also vor dem. 3. Juni, in Geltung waren, zurück gehe. Bezüglich jener größeren .Einwanderungsgruppen, die nicht ins Land kommen dürfen, obwohl-sie im Besitz britischer Visa sind,, sagte Sir Herbert Samuel, daß die Kvnsulen diesen Einwanderern wohl auf Grund dev Empfehlung der zionistischen Organisation Vifen erteilten, es stellte sich aber heraus, daß unter ihnen Bolschewiken waren. In Konstantinopel hätten vow 150 Gesuchstellern aus diesen und anderen Gründen nur 70 die . Einreisebewilligung erhalten. Zn Triest und Wien , habe Major Morris dem größten Teil derChaluzim die Einreisebewilligung erteilt. Das Präsidium des Waad Leumi erklärte, daß es sich weiterhin um die ’ Au f Hebung der , am 3. Juni' festgesetzten unnatürlichen Beschränkungen ' bemühen werde. Sir Herbert Samuel erwiderte, es bestehe die Gefahr der Arbeitslosigkeit, da die palästinensische Regierung keine Anleihe erhalten habe und daher die öffentlichen Arbeiten einstellen müsse. Man müsse für künftige, Einwanderer die Arbeit erst vorbereiten. Dagegen meinten die Vertreter des Waad Leumi, daß seit der! Eroberung des Landes durch die Engländer 18.000 bis 20.000 Juden einwandexten. Nur 2000 von ihnen haben Beschäftigung bei den . öffentlichen Arbeiten gefunden; dies ist nur. ein kleiner Teil der bei den öffentlichen Arbeiten Beschäftigten und entspricht dem Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung im Lande. Hätte man für die Einwanderer-erst einen Arbeitsplatz finden müssen, so-wäre nur ein .kleiner .Te.il von ihnen ins! Land gekommen. Hierauf brachte das Präsidium Wünsche bezüglich der Stellung der h e b r ä i sch e n Sprache vor. Sir Herbert Samuel hat kürzlich bei einer Sitzung der Handelskammer in Jaffa, der er präsidierte, vorgeschlagen, die Sitzung in englischer und arabischer Sprache zu führen, da alle Anwesenden diese Sprachen .beherrschen, und von der hebräischen Sprache, abzu sehen. Der Waad Leumi erklärte dem High Gom^ rnissioner, daß .er durch solche Aussprüche den Gegnern des Hebräischen Waffen in die Hand gebe. Gleichzeitig wur^ darüber geklagt, daß die hebräische Sprache in den'Versammlungen des Rates von Palästina zurückgesetzt werde. Dort werben die Anträge des Regierungsdepartements den Mitgliedern des Rates vorher englisch, arabisch und hebräisch verteilt, in der Sitzung selbst aber nur arabisch vorgelesen. Der High Commissivner erklärte, dies geschehe nur deswegen, weil soll auch bereits die französische. Regierung bas Augenmerk der Londoner Regierung auf die feindselige: Kundgebung-gerichtet haben. Die Minoritätenfrage in der rumänischen Kammer. Aus Bukarest wirb uns berichtet: Bei der Spezialbebatte über das Budget ergriff auch, der jüdische Abgeordnete Dr. St rauch er das Wort und befaßte sich, hauptsächlich mit der Politik der Regierung gegen die nationalen Minderheiten, besonders die Juden. Er protestier^ zunächst gegen die vom: Kammerpräsidenten geübte Einschränkung her Redefreiheit sowie dagegen, daß ihm bei' her Generaldebatte das Wort verweigert wurde,' und führtedarüber Klage, daß für die Minoritäten im Bstdßet nichts vorgesehen wurde, obwohl der Friedensvei'trag Rumänien gewisse, materielle Verpflichtungen gegen die Mnpritäten nuferlege." Dr, Straucher geht Hierauf zu der Behandlung' der jüdischen Minderheiten iw Rumänien über. Die Gleichberechtigung- - der Juden sei trotz der Bestimmungen des Frtedensvertrages verfassuwgsgemäß nicht sichergestellt. Er fordere also die Aufnahme eines entsprechenden Artikels in die K v n st i t u t i o n. Doktor Straucher bespricht bann die verworrenen Zustände die durch die ungleichmäßige Behandlung der Minderheiten in den verschieden Reichs teilen hervorgerufen! werden. .Nur ein klares Gesetz, welches die Gleichst berechtigüng der Juden formuliert, könne in dieser Beziehung Ordnung schaffen. Die* Juden, welche irr Rumänien wohnen, sind durch! den Friedensschluß ohne jed welche Formalität rumänische Staatsbürger geunter den von der Regierung ernannten« Mitgliedern des Rates sich ein Schelk besuchender des Lesens' Unkundig sei. .In Hinkunft werde die Verlesung der Regierungsanträge ganz entfallen. Seine Bemerkung' in der Handelskammersitzung. habe nur hie Ab-, sicht gehabt, d« Sitzung, wAche ohnehin^sieben Stunden-• währte, abzukürzen. , Das Präsidium des Waad Leumi 'hat eine Sitzung der Exekutive einberufen, um über die weiteren Schritte, insbesondere in Angelegenheit der QrganisierUstg> der Gemeinden, zu beraten. . In der dreitägigen außerordentlichen Sitzung der. Waad Leumi, in welcher die aktuellen, politischst^! Fragen im Lände rnd eine Reihe von rein ziomstist. scheu Angelegenheiten zur Erörterung tzelangte^sM folgende Resolutionen und Beschlüsse gefaßt worden: 1. Die Vollsitzung des -Waad -Leumi erachtet . die ^pon der Regierung eingeleiteten Schritte zur Schaffung eines P a r l a me n t s in Palästina als! tll.egal, solange das -Palästina-Mandat Vvm-Völkerbstnd nicht ratifiziert worden sei; 2. spricht sich gegen die in der Erklärung des High Commissiyners vom 3. Juni angekündigtew .Einrichtung einer gemischten Gendarmerie , aus; 3. fordert die Exekutive her zionistischen Weltorganisation auf, ihr möglichstes zur Beschleunigung der Ratifizierung des Mandats übler Palästina zu tun und dafür zu sorgen, baß .im Mandat die Rechte des jüdischen Jischub für die Zeit, in der die jüdische Bevölkerung .Palästinas bloß eine Minderheit bildet, durch besondere Garantien gewährleistet werden; i 1 4. fordert hie zionistische Exekutive auf,' unverzüglich eine Kolonisation .in großem Maßstab' zu inaugurieren und eine politische Aktion zur Schaffung einer jüdischen Wehrmacht zu Verteidigungszwecken zu unternehmen. Die Sitzung nahm gum Schluß noch eine Resolution an, in der die Spaltung in der amerikanischen zionistischen Organisation Mauert wird, da sie sowohl die politische Arb-eit der zionistischen Organisation, als auch die Position des Jischub' in Palästina schwächst, und appelliert daher, an alle am, eri k ä n i s ch'e.n Zionisten, den jiä- -.ZiWWnkongrej beschicken und sich., der AudoriM'.', .$&'..MwettslHu' zionistischen ‘ Organisation - unberzuorduen.; \:f' ’f Das Martyrium der Palästina-Emigrn . §bonst!a!tttin!opel, 20- Juli. .-(Jüd. Korr..-Bur.) Wie bereits gemeldet, hat der Direktor des palästinensischen Jmmigrationsdepartements, Major Morris, von denhier befindlichen 500 Chaluzim bloß 60 die Einreise stach Palästina erlaubst da diese sich bereits im Hafen von Jaffa 'befanden .und wegen des seinerzeitigew ' Landungsverbvtes nach Konstantinopel zurückbefördert werden'- mußten. Durch die hier neuerlich' verlautbstrt^Muspendierung der Einwanderung nach Palä-- stina (diese betrifft anscheinend.bloß Konstantinopel, da einzelne Chaluzim angeblich! im Verdacht des Bolschewismus stehen — Anmerkung des Jüd. Korr.-Bur.) haben diese 60 Emigranten abermals keine. Möglichkeit der Weiterreise nach Palästina. Das Martyrium^ dieser Leute nimmt kein Ende. „ worden. Redner fordert die nationale jüdische. Schule und führt darüber Klage, baß' der Staat zur Wiederaufrichtung der kriegszerstörten. Schulen, Gotteshäuser, Waisenhäuser usw. nicht beiträgt. Die!nationalen Schulen- Erziehungsheimstellen und Waisen-. Häuser müßten vom Staate erhalten werden. ..-'"Dest König habe anläßlich' seiner Anwesestheit iit Czernowitz die Erhaltung und Unterstützung der Minoritätenschulen zugesichert, dieses königlich^ Versprechen, werde -ab^er von der Regierung nicht beachtet/ Zum Schfstsj'e' seiner Ausführungen betont Dr'. Straucher die Loyalität der rumänischen Judenschaft für Großrumänien. uch -fordert GleichblereDigung. für alle,. '. ' / , Mit der Lage der nationalen Minderheiten--befaßte sich! .in der nächsten Sitzung der Kammer auch; -der aus der Bukowina .' gewählte jüdische sozial-' Demokrat D'r. Pi st in er. Er sagte: .. Nach dem Ausspruch des Außenministers - Takv Joneseu 'werden^ die Minderheiten Rumäniens, besser als in allen anderen Balkanstaaten -behandelt. Wir -wollen 'aber keinen Vergleich mit dem Balkan-, sondern mit den weLteuropäisWn -Verhältnissen. Es genüge nicht, wenn die Minberheitsrechte in der Theorie, bestehen^' sie müssen auch! praktische' Änwenhstng finden. Redner verlangt vollkommene kulturelle.' Autonomie in allen Dingen, nationale Schulen gemiäß den Bestiinmungen des Friedensverträges, und protestiert.gegen die Ausdehnung der altrumänifchen Gesetzgebungans die aliepierten Gebiete. Das von der Regierung vorgelegte Budget wurde, wie schon gemeldet, mit 121 gegen 9 Stimmen von der KaMM angenommen. g