Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 895 (24.7.1921)
- Date
- 1921-07-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Elnrelpreis 4L Kronen VtialraimltoMttrcifct 2*m:¥ie9mjü£:' WA.LMSW ««fchleMelle <v«ßh: M«uMch.. «esH« L»d«- Mt «vfbttfftitb f|*0fe« - Oest«Mchi MsMNNch . tttantn ISO.- Lsche«i»^w,<Mr Monatlich...fttattm 18.— §WMLsi.L«FL» Vagant: Moattvch .. ftttMtm *0;— VlerteliMllch ÄIO.-? tat imgarlscher OQtnn« Snfitfiattlcn*. MmrEch .. ®Hürt? Vtert-ljiHstU« „ ~ Nr. 895 7^ Einzelpreis 4L Kronen 'fTUIliMCtKtSItlffClft Wien, Sonntag Len 24. Ink 1921 - §4 «snoMch . .8»a«r MH «onattlch^//. NrkW E. Uu«l»k« MomEt». . . Schwel, A.1xN Urige ««M? Monatlich. . FMner M. AfnlLifMrtM nt 9lC9(plliniSAilMKmlKnvi' *Siea,*J»t^Sß&«fteAr-ledhoner 44938,4m» a» 6 n^r abttM Skr. MM®J Poftlparkaffenlnnl» lSÖ.tt 3. Jahrgang äi Gorkis Aufruf. —7« W i en, 24.>J»li. Mgxim Gorki, der große Dichter, den einstmals die geistigen Führer Europas den Krallen des Zarismus entreißen mußten, bittet für Rußland. Er ruft die Menschlichkeit Europas an. die ihre politischen Unterscheidungen zwischen Siegern und Besiegten vergessen möge. Aber die Regierung des Staates, als dessen Repräsentant heute der über allen Parteien stehende Dichter zu Europa spricht hat selbst alles getan, um die Hilfe zu erschweren, ja fast unmöglich zu machen. Als wenn in Rußland alles in schönster Ordnung wäre, setzt die Sowjetregrerung ihre diplonratische Hetzarbeit, fort.: Sie hat die Gründung einer kommunistischen Gewerkschaftszentrale ins Auge gefaßt. deren Wirksamkeit die Sache der Arbeitenden in den europäischen Landern noch mehr schädigen müßte, als dies der Kommunismus bisher / erreicht hat. Sie protestiert gegen die Abrüstungskonferenz» weil sie zü ihr nicht geladene wurde, und vergißt, daß sie. in. einer Flut von Noten, Funkensprüchen. und Aufrufen die übrigen Staaten .als Organisationen und Werkzeuge, des imperialistischen? Kapitalismus verflucht Md' ihnen ' jedes moralische. Recht obgesprochen hat. Rußland hat sich selbst sozial von Europa geschieden, es hat mit der Absonderung, begönnen und sich selbst aus dem BlutkreislMf des europäischen Organismus ausgeschalM Das/ist M/ Rußland selbst schädlich geimrsM zn^ der > Hchtbären! /MsWmmg 'M Hungets und/'der SeuchEm ^He'.-SatrislrMhe ist so groß, daß das höchmAige» Moskauer System die Mitarbeit der ^vernünftigen Bourgeoisie" erbeten hat und zum ersten Miste wieder Vertreter anderer politischer Systeme zur Arbeit am Gemeindewohl hercmzreht. Ob das Unglück mit den Mitteln Rußlands, ja selbst Europas, chrzuhalten wäre, ist fraglich. Die Aandstaaten schließen aus Angst vor der Cholera die Grenzen» die Ukraine ist üon Flüchtlingen überfüllt, eine Masse verzweifelter Menschen drängt sich auf den Straßen nach Sibirien zusammen, trägt den Schrecken Mit sich und überallhin den Zom gegen das Regierungssystem. Szenen Ms dem Mittelalter tauchen auf. Man erschMMdie Aerzte und die Intelligenz und die Agentettder Reaktion sind scholl an der Arbeit, die Stimmung der Massen gegen die allezeit wehrlose jüdische Bevölkerung/zü lenken. Aber Europa kann nicht helfen. Es ist durch den Krieg, nn dessen Verlängerung die heutige Herrschaft Rußlands soyiel Schuld trägt, selbst verelendet und der Hanger ist längst zum Herren über einen großen Teil M-s Kontinents geworden. Daß er auch in Asien >eine Peitsche schwingt, erfahren wir nur aus gelegentlichen 'Meldungen. Die europäische Politik steht seit dem Kriegsende vor dem Problem der Ordnung des Chaos. . , ©tc ist nicht imstande, den Weltsragen gegenüber einen höheren Standpunkt Zu gewinnen und die Heilung der Welt über ihre eigenen Streitfragen zu stellen. Vor dem Krieg hat es eine europäische Gemeinsamkeit gegeben,,, die bei keines Gelegenheit versagte. Deutsche Bergleute standen ihtey sratzZösischen Kameraden in den brennenden Gruben von Eömrietes/bei, die Wiener Rettungsgesellschafthalfin Messina die Hungernden speisen. Aber der Krieg, in dem den Menschen der Mord und die Aushungerung des Feindes, anbefohlen und anerzogen wurde, hstt die Stimme des Gewissens fast ersückt. Daß dieser Zustand die Aktionskraft Europas lähmt, ist traurige Tatsache und nichts kann Rußland von der Schuld./ Masten, das Seine zu dieser Entartung beigetragen zu -haben. Äll Mei langenJahren Hat die . europäische Oeffentlichkeit von der sozialen Befreiung Rußlands auch die Heilung Europas erwartet. Sie hatte gehofft» dass die russische Diktatur den Weg zum Frieden und zur Versöhnung der Menschen gehen werde. Aber das Rußland der Sowjets hat in der inneren Verwaltung verfügt und nach außen hin eine Politik der törichtesten Provokationen getrieben, die ihm nur Feindschaft gebrächt hat. Die Logik der weltwirtschaftlichen Zusammenhänge hat die Diktatoren im Innern Rußlands zu einem spitzfindigen Snftem von Zugeständnissen. an die Kapitalistische Richtung gezwungen, dessen ZweideMigkeit durch -die Entwertung des Rubels und durch die Resistenz der Bauern entbüüt wurde. So ist das muß T1 fftfiVHVf if Vl%l/v« Darlegungen des französischen Regierungsorgans. Paris, 23. Juli. „Jourml des Debüts" widmet dem finanziellen Wiederaufbau Oesterreichs einen Artikel, worin es heißt/ der wichtigste Punkt der Hilfsaktion wäre die > Schaffung einer Emissionsbank, die dem Lande selbst wieder neues Lehen zuführen würde. Da jedoch Oesteilweich nicht die Kraft besitzt, dieses Werk selbständig äuszuführen, müsse, man ihm behilflich sein, und zwar in zweierlei Richtung. : Das Kapital, der Emissionsbank, die imabhängig von : der Regierung wäre und der Kontrolle des Finänz- ' komitees des Völkerbundes unterstünde, solle mit 100 Millionen Goldfranke« festgesetzt werden, von 'denen die Hälfte durch ansländisches Kapital aufzubringen sei. Andererseitssolle ' seineans würti ge'An leihe aufgelegt werden, die; wenigstens^ für einen Zeitraum von-' zwei Jahren' die staatlichen Ausgaben für best Ankauf der notwendigen L e b e n s mittel decken und so eine weitere Erhöhung des Papiergeldümläufes verhindern würde. Gleichzeitig'» müßte an emle 'innere Anleihegeschritten^ werden^ '? . . , ,/ V,/ ' / Me rusfifche Hungerkatastrophe. 30 Millionen Menschen auf der Flucht. Lostdon, 23. Juli. (Reuter.) Rach einer Depesche des „Daily Expreß" aus Riga flüchten 30 Millionen Russen wegen der Hungersnot «ach Sibirien, in den Kaukasus und g e g e n Moskau. Es wird gemeldet, daß zwischen .der verhungernden Menge und den Truppen Kämpfe stattgefunden hatten. Dem Untergange preisgegeben. Moskau» 23. Juli. (Funkspruch.) In verschiedene» Aufrufen an die Bevölkerung wird festgestellt, daß das Hungergebiet sich ans 150.000 Werst erstreike. Die Eisenb a h n e n seien unfähig, die nötigen Menge« au Lebensmitteln in die hungernden Gebiete zu schaffen. Trotzdem solle die Bevölkerung nicht die Hände in de« Schoß legen, sonder» alle Kräfte anspannen, um die Gefahr zu bannen, daRnßlands ganze Zukunft auf dem Spiele stehe. Das Wolgggebiet und die Gegenden nördlich des Kaukasus werden durch die Maffenflucht der ackerdantreidenden Bevölkerung entvölkert, so dätz diese Gebiete dem vollkommenen Untergänge preisgegeben werden. Dies hätte umso entsetzlichere Folgen, als ein Großteil der übrigen russischen Industrie ans die Erzeugnisse dieser Gebiete angewiesen sei. Ein Aufruf nm Saatgnt. > Moskau, 23. Juli. (Funkspruch.) Ein Aufruf des Volkskommissariats für Ernährung beschwört die Bevölkerung/ den hungerriden Gebieten Saatgut für den Winteranbau zur Verfügung zu stellen, weil sonst die Lage dieser Gebiete noch fürchterlicher zu wndm droht. ® Keine Mobilisierung in Rußland. Warschau, 23.Juli. (Funkspmch.) Der Vorsitzende der russischen .Vertretung zur Hermschaffung der Kriegsgefangenen und Zivilinlernierten d e m e n t i e rt die von der Zeitung „Kurjer Warszawszki" gebrachte Nachricht von einer Mobilisierung in Rußland. mm das Büdgekbefizit Mweise zü bocken. Wcklv dann die N v t e n i n f l a t i v n gehemmt' sei,; hätte die Emissionsbank die Möglichkeit, ihre erste Mfgabe $v erfüllen, nämlich! neues Geld in Verkehr zu fetze«, baß dürch den Kvedit der Dank'allein Aaranttert und von . der Bank ständig auf einer bestimmten^ einmal festzusetzende-n Kurshöhe erhalten würde. Es handle sich! dann weiter darum, die öfterr.eichische Krv»«•; ik das .neue Ge TJ& zu konvertieren. Das /Verhältnis, in hem die Konvertierung sich; vollziehen soll«, sei noch nicht sestgesetzit. Me endgültige Festlegung, didses Kurses, werde erfolgen//sobald . das Finanz-' Programm sowie der Plan für die EmissionsbÜnk vollständig. üufgearbeitet und die internationalen Kredite erlangt fein' werden/'' r;.; ';, i r. De,r Artikel hrücki die. H-oMung.aus, daß. Oester-' ' reich','/nachdem es mtf dem neuen finartziellen Orga-i . misMus ausgestattet sein werde/'auch.das w ir ts ch/aft-' liche Ml e i ch g e iti ich t/ has' dep Staat ustMbmgt /brauch^/ wieder erlanMl tverdjs. . . Japan und die drüstuNW - London, 22. Juli. (Wolff.) Rach einer „Exchange^ Meldung aus Rew-Jo^k schreibt düs Tokioter Blatt „R i ch i-Ri ch i", das Kabinett habe beschlossen» alle japanische« Truppen äuS Sibirien und Schantuug znrückzuziehe« und die Einladung des Prüfidenteu Harb in g z» einer Konferenz über den ferneA Osten anzunehmen. Ans dieser Konferenz werde es dann die Anerkennung der Gleichberechtigung aller japanischen Staatsangehörige« in der ganze» Welt fordern. ■ < * Ein Attentat in Konstanttnopel. Paris, 23. Juli. (Funkspruch.) Der Führer der Handelsabordnnng der Republik. A s e rbe i d s ch a n in Könstantinopel ist in Peru von einem Armenier tödlich verletzt worden. Der Angreifer wurde verhaftet Gegen die Kommunisten in Jugoslawien. Laibach, 23. Juli. (Korc.-Bm. Laibach.) „Slovenski Rarod" meldet Mns Belgrad, es verlaute, daß der In st i zmi nister im Ministsrrät Vorschlägen werde» die kommunistischen Abgeordneten den Gericht ctt auszuliefer«, weil sie ihre Immunität zur Aufwiegelung und zur Organisierung von terroristischen Bereinigungen mißbraucht hatte«. Wie das Blatt weiter berichtet, seien alle Abgeordneten telegraphisch nach Belgrad berufen worden. Die Regierung habe das kommunistische Blatt „Radnieki Siudiealisti" eingestellt. Exkaiser Karl. Strenge Bewachung Vnrch die Schweiz. Äondlo-'n, 22. Juli. Wie das Reutersch^ Bureai^. ec fährt, hat die euglis che R eg i e ru n g. auf ihr-» Anfrage bei der. schweizerischjen Regierung die Auskunft erhlalten, daß Exkaiser Karl st ft n g ö.ewach't werde, und daß es nich,t wahrscheinlich sei, daß , er seinen früheren Streich wiederholen werde. Land verfallen und das einzige Detail, daß von 22.000 Lokomottveg nur noch 6000 gebrauchsfähig find, beweist» welche ungeheuerlichen Schwierigkeiten eine Hilfsaktion zu überwinden hätte.' Aber durch die felbftgewählte Isolierung hat Rußland auch die Ver^ antwortuna für den Verfall des übrigen Emopa mit übernommen und das Mißtrauen, mit dem alle Welt die Schritte und Talen der russischen Machthaber seit je begleitete, ist geblieben und verschuldet es, daß sich das grauenvolle Schauspiel des sterbenden Reiches heute vor einer selbst vom Hunger bedrohten Zu- , lLauerschaft vollzieht.