Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 894 (23.7.1921)
- Date
- 1921-07-23
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 894 Wien. Samstag Inland. Die Rede Dr. Hegedüs'. Ein diplomatischer Gchritt in Budapest. Wie wir erfahren, wird die ö st e r r e i ch i s ch e Regie r « n a bei dem ungarischen Kabinett neaen der Rede des Finanzministers Dr. H e g e d ü s einen diplomatischen Schritt tun. Dr Hegedüs har, wie gemeldet, in Erlau schmähende Angriffe wegen Äestungarn gegen Oesterreich gerichtet. Schon vor einigen Tagen hatte der österreichische Geschäftsträger m Budapest H o r n b o sie l Gelegenheit genommen, anläßlich eines Empfanges beim ungarischen Außenminister Banffh an diesen eine Anfrage zu richten, ob es den Tatsachen entspreche, daß der Finanzminist r H e g e d Ü s Aeußerungen gegen Oestecrerch getan habe, die in der Frage der Uedergabe Wcstungarns von einem Taichendirbstahl und von emcm unkorrekten Vorgehen Oesterreichs 'prechen. Der Minister gab dem asterreichi'chen Vertreter hierauf die Zusicherung, daß er der Sache nachgehen w.rde, e r g l a ubeabernicht. daß btc Äußerungen Hegedüs' richtig wiedergerebm worden seien. Die österreichische D e ni a r ch e in Budapest, die jetzl erfolgen wird, taff der ungariicheu Regierung die Gc- Icßcnbctt zu einer Aufklärung geben. Einsolche ist umso notwendicer, als die Blätter der Regierungsparteien nicht allein mit gewaltsamen W derstand gegen die Uebergabe WesiungirnL drohen, sondern ftd» auch btc Tonart Hegedsts gegen Oeüetreich zu eigen gemacht haben. So lesen wir im Leitartikel des ,.Uj Nemzedek" vom 2i>. d. M unter dem Titel „Nichts zu handeln l", folgende Blüten: Haynau, die Hunne von BreScia. . . Oesterreich ist die Hväne .. . G schenk aus unserem Leib . . . Oesterreich hilft, daß wir am G-und ces Grabes beraubt werden . . . Das rote Wien, die Schutzburg der ungarischen Kommumstn . . . Wir werden der Gewalt widei stehen. ___ Die Uebergabe Westungarns. Pari», 22. Juli. Die Borschafrerkon terenz hat die erste Sitzung der österreichuch-ungarffchen Grenzkommrlsion für den 27. d. M. einberufen. __ Die Kommunisten in St. Magdalena. Linz, 22. Juli. In der Gemeinde St. Magdalena, wo vor kurzem Gemeindcwa'rlen statlfandev, veranstalteten, wie die Linzer Blätter melden, am Mittwoch Abend die dortigen Kommunisten, die mit dem Ausgang der Wahlen unzufrieden warm, eine Protestversammlung gegen die Gemerndepolitlk und die Gemeindewahlen. An der Demonstration beteiligten sich auch ungefähr 200 nickt ortsansässige Kommunisten. Nach der Versammlung zogen die Teilnehmer um 11 Uhr nachts zum Hause des sozialdemokratischen Vizrb ü r g e r m e i st e r S, der aus dem Bette geholt, gröblich beschimpft und gezwungen wurde, eine Erklärung abzugeben, daß er ferne Stelle niederlege. Hierauf zogen die Demonstranten vor die Wohnung des ch r i st l r ch s o z i a l e n Bürgermeisters, dem m ähnlicher Weise die Erklärung abgeriötigt wurde, daß er auf seine Stelle verzichte. Infolgedessen letten gestern, sämtliche sozialdemokratischen und christlichsozialen Gemeinderäte — 15 an der Zahl — ihre Mandate zurück Bei der Landesregierung wurde wegen dieser Vorfälle rin tcharier Protest eingelegt und um Entsendung eines Regmungsvertretcrs zur Führung der Gemeindegeschäfte ersucht. Gegen dre Uhrheber der Demonstration wurde die Strafanzeige erstattet. _ Rußland in Rot. Gorki kommt nach Berlin. . DEn, 22. Juli. Gerhard Hauptmann Hut einen von Maxim Gorki an ihn gerichteten Hilferuf der Regierung übergeben. Bon feiten der Negierung wurde frstgestellt, daß Gorkis Schritt im Einvernehme-n mit der russischen Regierung erfolgt ist. Gorki wird, zur Einleitung einer Hilfsaktion fiU’= Rußland in kurzer Zeit in Berlin eintrefsen. Die deutsche Negierung beabsichtigt, sich' im Rahmen eiper internationalen Aktion an den Hilfsmaßnahmen für Rußlandd zu beteiligen. Es erscheint jedoch bei den heutigen Ernährungsv-'rhältnifsen ausgeschlossen, daß Deutschland Lebensmittel welcher Art immer /nach! Nußband schickt; hingegen abrr ist es bereit, eine größere Menge pvn Arzneimitteln zu spenden. In erster Linie kommt, wie das Auswärtige Amt mitteilt, das Rote Kreuz in Betracht, das zufolge seiner Organisation am wirksamsten eiugl^ifen kann. Unter den Schwerbedrängten befinden sich' auch diele deutsche Siedler, so besonders im Wolgageb lat, wv etwa frriei* viertel Millionen Deutsche unter der Hungersnot leiden. Bolschewiken und Bürger in einem Komitee. Moskau, 21. Juli. fFnnk'vruch). Gestern fand im Weißen Saale d s Moskauer Sowjets die vorbereitende Sitzung drS alliiMchen Komitees nir H-lftleistnng für di: Hungernden statt. Anwts'nd waren nriter anderen: Kamenew. Krasfiri, ti' clemaligcn Minister der provisorischen Regierung Kischkin und P r o k o v o w i t s cd. der Vorsitzende der zweiten Sraatsduma K o r o p o w. die Tochter Leo Tolstois, Alexandra Tolstois und Maxim Gorki. Kamrnow gab eine Darstellung der Entstehung deS Komitees und wies darauf hin. daß eine Gruppe gesellschaftlicher Faktoren ßch air die Negierung gewandt habe. Die Reg erung habe dieser Initiative gegenüber vollstes Berständni- Meigt und sich bereit erklärt, jedwede Unterstützung zu gewähren. Kitchkip legte die Motive dar, die die Vnippe gesellschaftlichcr Faktoren veranlaßt habe, sich an die Regierung zn wenden, «nv teilte nüt, daß die Organisation sich unter daö Zeichen desRotenKreuzes stellen und sich von allen politischen Motiv« freihalt« werde. Sie werde nicht nnr in Rußland Wiener Morgenzeitung 23. Juli 1921 Seile 3 arbeiten,. sondern sich auch an das Ausland in» H'lfe wenden. Kamruew unterstrich den politischen Charakter. des Beginnens .und wies darauf hin, daß die örtlichen Behörden die Anweisung erhalten werden, das Komitee in j e d e r Weise z p u n t e r st ü tz e n, dem sämtliche Fonds und Lcbmsm ttet, die zur Unterstützung der Hungernden vorhanden seien, voll;ut Verfügung gestellt werden. Telegramme. Hotorvetz in Warschau. Warschau. 2l. Jutl. (Prwat.) Der tschechische Handels- Minister Hotowetz ist heute hier eingetrüffen. Seine Reise gilt der Vvibereiumg cweö Polnr'ch-tichechischeii Hand.lsibivmmcns und trägt rem wirischaftlirhen Cbarculer. Demission des M nistrrs für Posen. Warschau, 21. Juli. «Privat.) Del Minister für Posen, K u ch a r s k i, hat dre Demission gegeben, die angenomine» wurde. Das Attentat auf den Minister Draskovic. Draz, 22. Juli. Der „Grazer Tagespost* wird aus Agram über das Attentat auf den gewesenen jugoslawischen Minister Draskovic lolgendes berichter: Der Attelttliler A l«j a g r z war schon am Sonnlag mit dem geistigen Urheber dcs Attentats, dem Exportakademiker Drago C r l r a k o v i c vrrabredungsgemäß zusammcngetr>.'fsen. Mittwoch gegen 10 Ahr vormittags begegneten ste D r a s k o v t e im Park von D e l n i c e Donnerstag fuhr der Attentäter abermals nach Delnice und begab sich wieder in den Par', wo er Draftovic erwartete. Dreier kam nach einer Stunde und setzte sich in brr Nähe des Attentäters m>t seinen Kindern auf eine Bank, während er mit ven Kindern spielte, stand Alijagic auf und eilte mit raschen Schritten auf Draskovic zn. Ungefähr zwei Schritte vor ihm zog er einen Revolver nrd gab rasch hintereinander zwei Schüsse ab, von denen der eine Draskovic in den Kopf, der zwr te ms Her; tiaf. Cr sank sofort tot zu Boden. Dei begleitende Polizeibcamte schoßaufden Attentäter und vcrletzteihn durch einen Stresischuß am Kopi. Nunmehr wandte Alijagic di 7 Schußwaffe gegen den Polizeibeamten, dem ein Gendarm zu Hilfe kam und den Attentäter fcstnahm. Er wurde dem Bezirksgericht in Delnice überstellt. Wahrend der Eskorte wollte eine große Menschenmenge den Attentäter lynchen. Beim Verhör benahm sich Alffagic ruhig und kaltblütig. Er gab an, daß er aus Bjelina in Bosnien stamme, mohammedantschcr Religion sei und das Ttschlergewcrbe gelernt habe. In Agram, wv er vergebens eine Stelle gesucht habe, habe er die Bekanntschaft mit dem Exportakademiker Celiakovic, dem Sohne reicher Eltern gemacht. Dieser habe ihn ausgrsordert, den Minister zu löten, der die soziale» Gesetze gemacht habe. Celiakovic wurde in Agraw verhaftet und leugnet« bei dem Verhör, Alijagic zum Attentat überredet zu haben. Er habe ihm nur 300 Dinar gegeben, damit er sich Esten kaufen könne. Das Attentat hat im ganzen Staate die größte Aufregung Hervorgerufe». In Laibach. Agram, Belgrad, Sarajevo nnd S p a l a t o kam cs zu großen Kundgebungen. In Spalato entspann sich während der Kundgebungen ein'' ' hartnäckiger Kampf zwischen den nationalen Parteien und den Kommunisten. Diese übersiclen die Manifestanten mit Steinen und schaffen aus Revolvern auf sie. Hiebei wurde der Brüden deS Abgeordneten Angelinovic schwer verwundet. In Spalato wurden auS diesem Anlaß zahlreiche Kommunisten verhaftet. Viele Kommunisten slÜchtrteniudieWälder. In Belgrad wurde die Nachricht von dem Attentat gegen 12 Uhr mittags bekannt. Ueberall herrschte große Bestürzung, Der Ministerrat trat sofort zu einer Sitzung zusammen und beschloß, die Leiche deS Ermordeten nach Belgrad zu überführen und dort auf Staatskosten mit allen Ehren zu bestatten. An dem Begräbnis, das am Sonntag nockm tlags stattsinden soll, werden alle Mitglieder der Regierung, alle Behörden und Vertreter der fremden Staaten teilnehmen. Der Mimsterrat hat auch beschlossen, strenge Verordnungen gegen dre kommunistischen Terroristen zu erlaffen. Laibaeh. 32. Juli. (Korr-Bur. Laibach.) Das Verhör mit dem Attentäter Alijagic sowie . mit dem Inspirator des Anschlages Celiakovic, über das vvrkäusig noch nichts v:röffcntlicht wird, hat das Vorhandensein einer auf breiter Grundlage stehenden Verschwörung derKommunisten ergeben. Die Leiche des gewesenen Ministers Draskov'c wird nach Belgrad überführt und auf Staatskosten beiycsetzt wcrdm. Deutsche Opposition in der Prager Nationalversammlung. Prag. 22. Jul'. In bet . heutigen Sitzung der Nat on/lver ammlung wurde bei Gesetzentwurf, womit der Regierung ein Kredit von 450 Millionen Kronen zur Beschaffung von El'en-» bahn-Fahrbe:riebsmitteln bewilligt wird, angenommen. In der' Debatte protestierten die deutschen Redner gegen die Bewilligung, indem sie auf die Zurücksetzung und Vernachlässigung der deutschen G.'biete verwiesen. Ahgeordneler Jung ethälk zwei O r d n n n g s r u T e; den einen wegen der Aeußerung, daß der österreichische Adler seinen Veistanv im Kvpfe, der böhmische Löwe aber in den betöert Schwänzen habe. Abgeordneter P a tz e l t wurde zur Ordnung gerufen, weil er m einem Zwischencus tagte, das alte Oesrerleich tei >m Vergleich mck diesem Staat ein Chimboraffo der Fr.iheit gewe>en. Unter dem weitzen Terror. Persian verhaftet. Budapest, 22. Jnli. iUng. Rundschau.) Wie „Ncmzert^ Saj.to Tudoiito" meldet, wurde der Nezzierungslommissär jür Kirchcnwelen während der Karolyi-R^gicrung. Adam Persian, von der Polt;ei in Gewahrsam genommen. Diese Verhafttmg hängt angeblich mit erner Enthüllung eures großzügigen poltta'chew Planes zusammm, in dem liberale Po.itikcr ausl8ndi',chel> Mächten große Rollen zugedacht haben. Ein Horthy-Arteil. Budapest, 22. Juli. Das Budaprster Militärgeitcht als delegiertes Gericht hat den Szegedtner Prioatbeamten Jv'ef Szekelv Schwarz zum Tode durch den Strang verurteilr, weil er die Bewegungen und die Pläne der damals im Stadium der Organisierung besindlichen nationalen Armee den Franzosen verraten hatte. Schwarz wurde bereits «m Laufe dcs Winters zum Tode verurteilt, das Arteil wurde jedoch durch das Oberste Honvcdgericht aufgehoben. Der Verurieckie meldete die Berufung air. Journalisten im Kerker. Budapest, 22. Juli- (Ung. Tel.-Korr.'Bur.) Die Po'i i verhaftete den Journalisten Zoltan S z a s z, den Arzt Dok or. Ladislaus B a n o c z h. den Mitarbeiter der sozialdemoftatischen „Nepszava" Viktor G e r g e l y und den Hörcr der M'd-ziu Georg K o v a c s. Die Genannten sichen im Verdacht, mit der ausländischen ungarischen Emigranten-Preffe Beziehungen zu unterhalten und Berichte über die Geheimsitzimgen der ungmlschcn Nationalversammlung sowie andere S t a a t s g e Heimnisse an daSAusland verraten zu haben. Der Rechtsanwalt Dr. R e j ö d, der wegen Spionagcverdachtes bereits einmal verhaftet und infolge mangelnder Beweise freigelassen worden war. wurde ebenfalls wegen Verdachtes unerlaubter Verbindungen mit ausländischen Regierungen verhaftet. Die deutsche Reparation in England. London, 22. Juli. (Wolff? Im Unterhaus brachte Wedgwood Benns den Antrag ein, das Gesetz itBer btc Einführung der deutschen Reparation bis auf weiteres aufzuhebe», weil das Gesetz seinen Zweck verfehle und eine Bclastung des englischen Handels da« stellen müßte. Sir Robert Herne erklärte, das Gesetz habe vollen Erfolg gehabt. Der Antrag Benns wurde m>t 146 gegcn 23 Stimmen abgelehnt. Aliotti in Tokio. Rom, 22. Juli. Die ^Epoca" dementiert die Ernennung A l i o t t i S zum italienischen Gesandten in Wien, da er eben erst in T o k i o seinen Posten angetreten habe. Die siidslawischen Sozialisten gegen die Kommunisten. Belgrad» 21. Juli. (Prcßbureau Belgrad.) Um eine rinbeitliche, von den Kommunisten unabhängige sozialistische Partei im Siaalt zn organisieren, werden Delegierte aller sozialistischen Gruppen zusammentreten, um die Grundlagen für eine Bereinigung zu schaffen. Vor einem Burgfrieden in Italien. Rom, 22. Juli. tTel.-Komv.) Der am Miitwock und Donnerstag in Rom ragende Kongreß der ,F a s z i st e n beschloß mit 28 gegen v Stimmen, die Verhandlungen mit B o n o m i fortzusetzen. Der leitende Ausschuß der Gewerkschaften empsirhlt der sozialrstischen Parteileitang dm Abschluß eines Burgfriedens mit den Faszisten. Die Antzenstände Amerikas. Washington. 22. Jali. (Funkspruch.) Staatssekretär Mellon verlange von dem Finanzkomilce des Senats freie H a n d für die Verhandlungen über die Rückzahlung der Schulden der Alliierten an die Vereinigten Staaten. Die Sozialisten gegen Bonomi. Nom, 82. Juli. Der sozialistische Klub hat nach Kenntnisnahme deö Vorschlags der Parteileilung beschloffen, gegen die Regierung s» stimme». Eine Konferenz der Randstaaten. In Helsingfvrs beginnt am Montag die Konferenz der Außenminister von Estland, Finnland urH Polen. Die polnische Regierung wird vertreten drrrch! den Vizeminister des Aeußern Dabski, welcher gestern von Warschau abgerisjst ist. Demission des tschechischen Gesandten in Budapest. Prag, 22. Juli. Wie die „Preßburgrr B. Z. am Abend" meldet, hat bet Vertreter der tschecho-llvwalischrrr Republik m Budapest Lehanecurn seine Abberufung ersucht. Die französische Sozialdemokratie r« d die Ereignisse in Palästina. Paris, 20. Juli. (Jüd. Korr.-Bur.). B. Katzenels on Führer der palästinensischen Poale-Zion, hatte aus seiner Durchreise in Frankreich eine längere Unterredung mit den französische,, sozialistischen Führern Jean Longuet und Paul Faure über die Lage der Juden in Palöstina. Katzenelson führte an der Hand von Beweismatcrial Beschwcrde gegen die französischen Intrigen wjder die jüeischen Jntenffen in Palästina und eriuchte um diesbezügliche Intervention der französischen sozialistischen Partei in der Kamuier mrd bei dm Regieiung. L o u g u e t versprach, sich der Sache anzunehmen und stellte eine parlamentarische Aktion in dieser Frage in Aussicht.