Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 894 (23.7.1921)
- Date
- 1921-07-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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^treffe ~2 ~ ' Wen, Samstag ' MMer Morgenzestung_23. IuÜ 1921 9lr." 894 ' Sir Stuart Samuel über die Lage in Palästina. Politische Rundschau. Vatikan und Quirinal. Wie aus Rom mitgeteilt wird, find zwischen dem Vatikan und der italienischen R.egreru«g Unterhandlungen mv Auinahme der seit mehr als fünfzig Jahren unterbrochenen diplomatischen Beziehungen angebahnt worden. Hierüber schreibt Kurt Bauer im »Prager Tagblotl": Der Versuch, die beiden Souveräne Roms miteinander m ver'khnen, wurde mindestens schon hundert Mal gemacht. Er scheiterte bisher stets an der vatikanischen Staats« raison- Denn nur der italienische König, so glaubte man. könne daraus Vorteil ziehen. Solange der junge italienische Staat als ein Raub an der Küche dingestellt wur-.e. blieb das moralische Recht auf der Seite des Papstes; eine Taktik, die seine geistliche Macht in den Augen der Gläubigen aller Nationen nnr bestärken konnte. Ein mit Italien versöhnter Papst hingegen — fürchtete man — miiffe an Prestige verlieren und zum .Feldkavlan des savoyischen Königs* herabstnken. Seit Pius IX. hat daher kein Pavst mehr die vatikanischen Mauern verlassen, znm Zeichen, dost er sich als den Gefangenen deS Königbetrachte. Auch den .'Wunsch Pius X., aus Gesundheitsrücksichten sein Schloß in Alnana aufiusuchen. wußte man zu vereiteln. Anderseits bekam das junge Königreich ununterbrochen zu fühlen, daß m t brr weltlichen Macht keinesfalls die geistliche Macht der Kirche gebrochen war. Der geringste Eingriff in ihre Rechte endete nicht selten mir einer völligen Niederlage der Regierung und fühlte sich der Papst ,m Vatikan allzu hart bedrängt, so drohte er, wie anläßlich der Ferrer-Bewegung, mit der Flucht nach Fulda i» Deutschland. Während des Krieges wiederholten sich bekanntlich derartige Drohungen, die dem Königreich nicht weniger Kummer verursachten als der Widerstand im Lande selbst. Es gab St-mmen in Italien, die behauptet?», der Friedensschluß Mich n Vatikan und Quirinal ier für alle Zeiten ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn es jetzt tatsächlich zur Beendigung des heimlichen, Italien in seiner' Entwicklung behindernden Kriegszustandes kommen sollte, so dürfte dies in erster Linie der Einsicht des gegenwärtigen Papstes Bmedikt XV. zuzuschreiben sein. ES entbehrt nicht einer gewissen geschichtlichen Ironie, daß der letzte Papst mit weltlicher Macht eS war, der die Einheitsidee Italiens fördern half. Aehnlich wre Cesare Borgia erträumte Pius IX. eine Konförderativn der italieuischen Staatenunter d er AegidedesPapstrs. Auch als er, durch die Revolution von 1848 überrumpelt, nach Gaeta floh und in btt Arme der Reaktionspolitik zurückkehrte, bunte er der Sache unfreiwillig, indem er jedes Einvernehmen ablehnte und so der Einheitsbewegung einen desto freieren Spielraum ließ. Immerhin ist der Name Pius IX. noch heute im römischen Volke populärer als der eines anderen Papstes. Viele Reformen hat er eingeführt, dir der Zügellosigkeit der Römer steuern sollten. Auch die kleine Foglietta, in der wir jetzt in Rom den Wein vorgesetzt bekommen, geht ans ihn Vorher wurde der Wein »ur literweise verzapft. Die größte Tragik seiner langen Regierung bildete der Emzvg des Königs in Ro«. Er überlebte Biltorio Emauuelr um eine« Monat, nachdem er rS hatte dulden müssen, daß fein Widersacher in der geweihten Erde dcS Pantheon begraben worden war. S ine eigenen Gebeine wurde» m St. Peter beigeseA m»d später «ach St. Lorenzo fuori le vmra überführt. Fragt man einen Jtalienier, wer eigentlich Rom. erobert hat, so antwortet er: Garibaldi. Sin Reiterdenkmal begrüßt den Fremden von der stolzen Höhe de- Monte Gianicolo und alljährlich findet am 20. September vor der Porta Pia ein Volksfest statt, zu dem die Veteranen Garibaldis in ihren roten Jacken erscheinen. Die alten Garibalvianer inbeffeu aewähreneherden Anblick einer Knttttelgarde als schneidiger Krieger. Ihr Hauptverdienst bei der Eroberung RomS war es, daß sie sich — wenn auch 1867 von den Franzosen bei Mrvtana geschlagen — Ä der Nähe befanden, als Napoleons Herrschaft bei Sedan gebrochen wurde. Denn die Einigung des Königreiches Italien kam weniger durch eigene Kraft als durch geschickte Diplomatie und fremde Hilfe zustande. Zwar hatte E a v o « r schon am 27. Marz 1861 im Palazzo Tarignani von Turin Rom zur Hauptstadt Italiens prollamieren lassen, indem cr eine »Freie Kirche im freien Staat" forderte, während Garibaldi dazu dm Säbel schwang: „0 Roma o morte l“ Aber zehn Jahre sollten noch bis zur Verwirklichung die,es Zieles verfließen. Mil Hilfe Napoleons Ul. war die Lombards erobert und die «orditalimischen Staaten^ dem ne« entstehenden Reiche einvrrleidt worden. - Ein Iranzöstsch-italieuischeS Schutzbündnis gegr» die Habsburger, bei dem R a P o l e o « seinen Verbündeten die fruchtbaren Pro« VMM Savoyen «nü Nzza wegschnappte. Kaum jedoch landete Garibaldi in Calabriru, so wechselte oer französische Bundesgenosse seine Karten «nd unterstützte dm Papst, indem er ihm Truppen sandte «nd Garibaldi in Aspromonte gefangm setzte. Resigniert verlegte damals die italienische Regierung ihrm Sitz nach Florenz anstatt nach Rom, und es läßt sich durchaus nicht sagen, ob und wie die schwierige Frage der Eiuverleibung Venedigs «nd Roms gelöst worden wäre, wenn nicht die deutschen Siege über Oesterreich «nd Frankreich diese beideu Städte Italien in die Hände gespieft hätten. Schon war 1866 die italienische Land- und Seemacht von Oesterreich völlig vernichtet morde». als tuten Monat später Preuße«, mit dem sich Italien verbündet hatte, das österreichische Heer schlug »nd die Habsburgiiche Monarchie swang. Veuetim an Italien adzutrete». Aehnlich ging eS später mit Rom. m das Garibaldi 18 Tage nach der Schlacht bei Sedan nach einem klemm Kampf an der Porta Pia einziehm konnte. Immerhin scheint .der Sieger »och bei der Emsohme Roms bedeutende Fnrcht vor der Macht des PapsteS gehabt zu haben. General C a d o r n a mußte auf Befehl deS Königs am link« Tiberufer Halt machen. Da es damals z» keinem förmlichen Friedensschluß zwischen den beiden Gegnern kam. so bk'^en die Feindseligkeit« zwischen Italien und dem Kirchenstaat. Am letzten Sonntag hielt, wie unser Londoner Korrespondent berichtet, der aus Palästina zurückgekehrte Präsident der Jewish Board of Dvputies, Sir Stuart S a m u e I, in der Vollversammlung dieser Körperschaft ein« bedeutsame Rede, welch? in der gesamten englischen , öffentlichen Meinung lebhaften, Widerhall findet. Sir Samuel schilderte den, Empfang, der ihm in seiner Eigenschaft als Präsident der Board vf Deputies inIerusalem und D a m a Skus zuteil wurde. Ein Redner in Damaskus habe daran erinnert, daß er btet zweite Präsident dieser englischen jüdisch-politischen Körperschaft sei, der Palästina einen Besuch abstattete. Der erste war der unvergeßliche Sir Moses Mvntefiore. Sir Stuart Samuel erklärte hierauf, baß seine Reise nach Palästina keinerlei politischen Zweck hatte, daß vr vielmehr nur seinen Bruder, den Oberkommissär Sir Herbert Samuel, besuchen wollte. Aber er, müsse dennoch auf einige Momente allgemeinen Interesses Hinweisen. Sv las er in den Zeitungen, daß die britischen Steuerzahler darüber murren, daß die Politik, welche die Schaffung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina sich zum Ziele gesetzt hat, kostspielig fti und ein« Erhöhung der Lasten der Steuerzahler zur Folgehaben werde. Das ist völlig unwahr. Der britische Steuerzahler zahlt nicht einen einzige» Penny für die jüdische Heimstätte. England hat heut« eine Garnison von 8000 Mann in Palästina stehen. Diese britischen Truppen, welche heute in Erez Israel sich' befinden, wären dort auch dann erforderlich', wenn in dem Lande kein einziger Jude leben würde. Im Gegenteil, in diesem Falle wären viel mehr Truppen erhorderlich> denn gäbe es dort keine Juden, die sich. durch ihre Loyalität und Ordnungsliebe aus den übrigen hervorheben, so müßte eine größer« Garnison im Lande gehalten werden. Nur die Existenz, einer solchen friedliebenden und gutorganisierten Be« völkerung, wie eS die Juden in Palästina find, gestattet eine viel kleinere Garnison, als in anderem Kalle notwendig gewesen wäre.! Auch! die politischen Vorwürfe und Bedenken sind unbegründet. Nach der letzten Erklärung des ObvrkomnnssärS, daß Palästina ein wohnliches Heim werden müsse für alle Völket und Religionen, die das Land heute bewohnen, ist es ein« große Ungerechtigkeit, gegen die hohen Auslagen von britischer Seite ein so großes Geschrei zu erheben, als ob diese Kosten in ihre« Gänze durch' die Juden verursacht würden. Tatsache ist vielmehr, baß gerade die Juden VS find, die durch ihre Anstrengungen und ihre Krläfte das Palästina- Budget davor bewahrt haben, eine Last für England' zu bedeuten. Die Juden, decken ihre eigenen Erziehungskosten aus eigenem, obgleich! die Judenden sechsten Teil von den Jahreseinnahmen Palästinas im Betrage von 2,800.000 Pfund Sterling beisteuern. Die Juden der ganzen Welt haben sehr starke materielle Beiträge für palästinensische Zwecke gewidmet. Die zionistische Kommission und die zionistische Weltorganisation' verwenden groß« Summen für die Entwicklung des Landes. Davon ziehen nicht nur die Juden, sondern die gesamte Bevölkerung Vorteil. Die Regierung errichtet für die formell bestehen, übertüncht von dem stillschweigenden Einverständnis. sich gegenseitig in gewiss« Grenzen zu dulden. Ein Zustand, der fortgesetzte Reibereien der Parteien znr Folge hatte. '"Durch die Eroberung Roms war die Stadt i« zwei Lager: Schwarz und Weiß, gespalt« worden. Em Teil des alten Adels blieb dem Vatikan treu, der andere ging zum Hof über. Diese Kluft zeigte sich namentlich bei allen zeremoniöseu Berariflilvmgen, die beide Parteien radikal auSemanderhielten. ES fehlte aber doch nicht an Versöhnungszeichen. Im Jahre 1905 beteiligten sich katholische Stadtverordnete zum ersten Male a« Gratulationsbesuch im Quirinal, and am 8. Jänner desselben Jahre« nab« sogar ein königlicher Prinz in Gegenwart des Papstes «m einer Feier in S. Pietro teil. Die Reparationen Ungarns. Mitteilung i« btt Slattonalverfwneml««-. Bridwpest, 22. Juli. Minister des Aeußern Graf Ban ff y erklärte in der Nationalversammlung: Man stehe vor der Vollstreckung der Bedingungen des Vertrages von Trianon und es müsse in kürzester Zeit eine den FriedensbedingMgen entsprechende Lösungj erfolgen. Von einem- Termin könne bor Minister jedoch nicht sprechen, da dies bei der Natur der Sache unmöglich sei. Der Minister ging sodann zur Besprechung der Frage der Entschädigung Über. ES wurde viel von einer mutmaßlichen Summe der Entschädigung gesprochen und geschrieben. Tatsache fet, baß Schritte unternommen wurde« zur möglichste« Reduzierung der Kosten der ReparationÄSonnnissio». Diese wird nicht ständig in Budapest verweilen, sondern von Fall zu Fall hieherkommen «nd es wurde nun im Zusammenhang mit dieser Frage das Gerücht Äraber ErziehuntzranstalM, wAWnd' die Juden ihre eigenen .Anstalten selbst versorge«. Gr ist daher eine, große Ungerechtigkeit, wenn unter diesem Titel gegen die Juden ohne jede tatsächliche Grundlagst Alarm gerufen wirb. „Ich! wiederholst und verkünde es, ft> laut und so stark ich' kann," — rief Sir Stuart — „es ist nicht wahr, daß der britisch!? Steuerzahler herangezogen wird, um auch nur einen' Penny für die Errichtung des jüdischttationale» Heimes in Palästina beizusteuern. Im Gegenteil, anderst, außerhalb des' Judentums Stehende, haben Nutzen von dem jüdischen Gelbe, das ausgegebe«. wird von Juden, um ihr« eigene Heimstätte auftzurichten." . Sir Stuart führt weiter <y$, baß, wenn Palästina sich' selbst überlassen blieb«, ohne von auswärts beeinflußt zu werde», sich niemals irgendeinst Störung; ergeben würde. Die Quellst der liegt außerhalb Palästinas. Agitators» und Hetzer kommen aus alle« Lager«, reizen bte Bevölkerung auH die bekanntlich' ein leichÄreegbaros Element ist. Die/ „Mvrning Post" hat ihren ständige« Korrespondenten in Palästina, der «nanKgefetzt intrigiert. Es gibt dort auch' andere Intrigante», die falsche Grrüchist in Umlauf setze». Diese Individuen^ die falschst Behauptungen ausstreuen, die Bevölkerung' aufreözen, kümmern sich' nicht im geringste» darum, baß sie damit die größten Gefahren über ei» unschuldiges BvW heraufbeschwören. Es ist höchste daß dies allsteorten verstanden und die wahre Situation erfahren werbe, und baß Menschenleben nicht längste in im* unterbrochener Gefahr schweben. Sir Stuart Samuel schloß seine Rebe wie folgte „Ich möchte zum Schlüsse auf die großen SchwierigkÄien Hinweisen, denen ' die Aufbauarbeiten ht Erez Israel gegenüberstehen. Sie brauchst» sich nur den felsigst» Boden des Heilige» Landes anzufehstn, um eine Mws davon zu eichalten» wieviel Arbeit erforderlich ist, bis, dieser Boden z« neuem Lebe« erweckt mb fruchtbar, gemacht werden kann. Es ist eine schwere Aufgabst/ die große Kraftanstrengüng erfordert und einen großen! .Glauben vorausfetzt. Jeder, der bist Menschen, besonders aber die Chaluzkm, die diese Aufgabe« auf sich nahmen, in ihrer Arbeit behindert oder stnbnutigt, jeder, der unsere nationalst ' Energie zw schwächen oder zu zerstörst» sucht, tut ein großes Unrecht und lädt einst große Schuld' auf sich;.. WaS wir brauche», ist, eben, unseren Enthusiasmus!: lebendig zu erhalten und den Mlken derjenige«, die sich, an diesem schweren Werke engagiert haben, z« stärke«. Ungeachtet der großen Schwierigkeit»» ist es sicher«, und außer jedem Zweifel, baß die Männstr, die sich' diesem Werk« widmen, es auch durchführen werde»! bis zum siegreichen Ende, doch darf ihre Arbeit »Ws obstruiert werden. Wir müsse» ihnen beistehen, ihnen, bis zum äußersten helfen, Mit Anstrengung Übermensch*, licher Kräfte. ES ist einst große nnd schwere, Aufgabe, die Juden leiben mehr lM alle andere» und' müsse« mehr als' alle andere» erfahre». W ist daher unsere! Pflich't, diesen Männern gegenüber unsere Schuldigkeit bis an die Grenze des Möglichen z» tu». anSgesprengt, baß die Entente riesig» Wiebeirgutmachungsbeträge fordere. Diese Gerücht« sind größtenteils auf böswillig» Leadenzen zurückzuführen, deren einziger Zweck nur i» der 'Erschütterung! der wirtschaftlichen Konsolidierung bestehe. Der Minister erklärt auf das entschiedenste, daß diese Gerücht» nicht die geringsten tatsächlichen Grundlagen besitze». Eine Kommission wirb zuerst die wirtschaftliche Lchgst studieren und nach' d»m Ergebnis diksvs Studiums' feststellen, in welchem Maße Ungarn zur Deckung der Indemnität beizutragen vermag. Mt dieser Beurteilung werbe auch jene Feststellung eine wichtige Rolle spielen, welche die Commission special» de reparation bezüglich der durch die rumänische Besetzung verursachten Schäden bisher aufgenvmme» hat «und noch ferner aufnehmen wird. Diese Aufnahme bildet «$» Aktivur» zugunsten Ungarns, andererseits kommt Ungarn nicht als unmittelbaren Schuldner, sondern nur als m ittelbarer Schuldner zweiter Kategorie in Betracht, insoferne, als Deutschland nicht fähig wäre, für die Wiedergutmachung aufzukommen. >_ i Polnisch-rumSnische Konvention. Aus Warschau wird uns gemeldet: Nach einer Bukarester Mitteilung hat der König von Rumänien die polnischj-rum'änischr 5kvnve«tion ratifiziert. Die kleine Entente nnd Polen. Wie die Prager »Tnbm«E erfährt, wird bei der Zusammenkauft Benesch-Pasic-TakeJonescu in Manenbad «ch der p-Iuiiche Gesaudte » Prag Pilz avtytsmd sem.