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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-21 · Heft 892 (21.7.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 892 (21.7.1921)
Date
1921-07-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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* Seit« t Wiener ^»vrge«zeit»«g 21. Juli IZLi Nr. 882 stusslanä in Not. Hunger und Cholera. Hungerrevolten. Reval, 20. Juli. (Privat.) I« Moskau sind Hungerunruhen ausgebrochen, deren Weitere Ausbreitung man befürchtet» In Minsk fand ein großer Zud en- Pogrom statt. In Astrachan brach infolge einer Choleraepidemie eine Revolte aus. Zuerst wurden alleAerzte umgebracht, dann die Volkskommiffäre, und schließlich wahllos die gesamte SnteLigenz. Belagerungszustand in Petersburg. Softtam, 20. Juli, (Tel.«Komp.) Wie .Daily Mail" meldet, haben die Sowjetbehörden über Petersburg bot Belagerungszustand verhängt. .Es ist Lies die Folge der dieser Tage in der Hauptstadt äusgebrvchenen Hungerkrawalle, die nur durch starkes Trupprnaufgebot utedergeschlagen werden konnten. * Ein Moskauer Fnnksprüch besagt: Rußland durchschreitet jetzt eine Krise, an der sich zu freuen, seine Gegner nicht unterlassen. Einige der Wolga- Gouvernements wurden von großer Trockenheit heimgefucht. Das Getreide verbrannte, die Ernte ist verloren. Die Gegner des Sowjetsystems benützen dieses Naturereignis, um an dem Sturz der Bolschewiken zu arbeiten. Wir haben dies erwartet. In Wahrheit liegen die Dinge und deren Ursache so: Rußland war immer das Land der Kindersterblichkeit und der Unbildung der Massen und der Hungersnöte. Die Ursachen für diese liegest in den geographischen Verhältnissen und den klimatischen Eigentümlichkeiten. Für die Ursachen der jetzigen Hungersnot ist das alte Regime Und die Natur verantwortlich. Man muß weiter hinzufügen, daß in vielen Gegenden die ungeheure Abholzung eine Verminderung der Niederschläge mit sich gebracht hat, so daß der Wasserspiegel der Wolga seit langem in ständigem Sinken begriffen ist. > Unter dem Titel „Die Flucht vor der Hungersnot" berichtet „Edonomitscheska Gazetta", daß die Hungersnot in Rußland entsetzlichen Umfang angenommen habe. Infolge der seit langem herrschenden Hitze bilden, sich in der Erde große Sprünge, die Quellen sind versiegt, die Bäche eingetrockriet. In den 15 Gouvernements, die von der Hungersnot am meisten betroffen sind, flieht die Bevölkerung, die man auf zwanzig Millionen schätzt', gegen Turkestan, Sibirien, daS Uralgebirt Md die Ukraine. Die „Jswestlo" schlagen vor, die hungernden Bauern in die fruchtbaren, weniger bewohnten Teile Sibiriens umzusiedeln. Die Zeitung glaubt, daß bei guter Organisation täglich 10.000 Menschen abtvansporMvk WnttSrtt, M' dsttz M Mm IS. Oktober eine Million Bauer» «ach Sibirien gebracht werden könnte. Die von der Hungersnot be. troffen« Bevölkerung zählt aber jetzt schon mehr als 20 Millionen. Die Moskauer ,Hswest,ia" dringt Aachrichten über die. Ausbreitung der Cholera. Die Seuche herrscht fast im ganze« Lande. Die sanitären Maßnahme« sind unzulänglich. Trotz der Trockenheit sind die Straßen der Stabte voll Kot. Eine Kanalisation besteht nicht mehr und aus dem versiegenden Wasser sind Tümpel geworben, die ein« ungeheure Gefahr der Ansteckung darstellen. In den Wvlga-Gvuvernements spiele« sich die entsetzlichsten Szene« der Jahr» 1381 Und 1888 ab, als dort ebenfalls Cholera Und Hungersnot wüteten. Die Flucht der Landbevölkerung ist nicht au fzu halten, denn die Peitsche de» Hungers ist mächtiger als alle Regierungsverordnungen. Es bleibt daher nichts anderes übrig, als einigermaßen Ordnung in diese« Exodus zu bringe«. „Erna FeuerSbrunst ist ausgebrochen und wir müsse« unsere gesamt Energie aufbieten, Um sie einzudämmen." Iwangsfeldarbett t« der «ktaitte.; SttoSTaJt, 20. Au«. GunNpruch.) In südlichen Ukraine sind alle Einwohner im Alter von 30 bis S0 Jahren, ohne Unterschieb de- Geschlechts, zur Feldarbeit befohlen worden. Abschiebung der deutsche« Kommunisten aus Rußland. Berlin, 20. Juli. Räch einer Revaler Meldung der „B. Z. am Mittag" sind die Vertreter der Kommunlstlf ch en Arb eite rp a r t eiDeutfchlandS auf de« Moskauer Kongreß gewaltsam und unter rotgardistischer Begleitung «ach Reval ab geschoben worden. Russische SchiffskSufe. DhristiMia, 19. Juli. (Wolff.) Der Dampfer „Brann" <3200 Tonne«) ist für 32.000 Pfund Sterling von Norwegen an Rußland verkauft worden. Rußland hat außerdem 20 andere Fahrzeuge gekauft, die sämtlich nach Archangelsk und von dort nach! dem Jenifsej gehen sollen, wo sie mit dort aufge stapelten Ausfuhrwaren belade« werben sollen. Der Dampfer „»tarnt* Hft nach Göteborg ab gegangen, um dort Ladung zu nehmen, die im wesentliche« aus landwirtschaftlichen Maschine« besteht. Die übrigen Schifft laden in verschiedene« anderen Häfen. Die meiste« der gekauften Fahrzeuge sind englische oder, deutsche. Wien, Donnerstag Politische^iundschau. Friederrsverhandlungen zwischen Faszisten und Sozialisten in Italic: Aus Rom wird uns gemeldet: Ministerpräsi-'c! Bonomihat nunmehr, erfüllt von der Ueberzeugu'. .! baß ein Regieren in Italien bei den besten Borsäsnu unmöglich istsolange das Land von einem förmlichen Guerillakrieg zwischen Faszisten und Sozialisten geschüttelt wird, es als sein« erste Aufgabe betrachtet, diesem inneren Kriege ein Ende zu bereiten. Die bisherige Methode, di« chauvinistisch-nationalen Faszisten durch Passivität oder gar durch Förderung zu begünstigen, hat sich für das Land als verhängnisvoll erwiesen, da die Faszisten, genau so wie in Ungarn die Offiziersdetachements, einfach von der legitimen Regierungsgewalt unabhängig gemacht und ebenfalls wie in Ungarn durch individuelle Aktionen das Niederschlagen des Sozialismus selbstherrlich inhie Hand genommen haben. Heute sind die Verhältnisse in Italien bereits so weit gediehen, daß alle Spalteten von der äußersten Rechten bis zur äußersten Linken, die einen ganz offen, die mtderen etwas verschämt, nach der Wiederherstellung der Staatsautorität rufen, um aus dem Wirrsal der ununterbrochenen Unruhen und Ausschreitungen, Wertverwüstungen uüd Blutvergießen herauszukommen. Ministerpräsident B o n o m r will augenscheinlich nicht in den alten Fehler der Parteinahme für die eine oder andere Gruppe verfallen und versucht als ehrlicher Makler, die einander bis aufs Blut befehdenden Parteien zu einer gemeinsamen Aussprache und zu einer Art Kompromißvertrag zu bringen, durchs welchen die Ordnung und die Sicherheit im Lande gewährleistet werden soll. Nach' den Aeußerungen der verschiedenen. Parteiführer zu schließen, besteht auf allen Seiten die Disposition, in di« gemeinsamen Beratungen einzutreten. Darauf kommt es offtnbar dem Kabinett Bonomi. zunächst an. Es soll eine Situation geschaffen werden, die einen Vertragszustand zwischen den gegnerischen Lagern herbeiführt, um der Regierung dann die Handhabe zu bieten, gegen den Vertragsbrüchigen mit der ganzen Regierungsgewalt aufzutreten,' - nicht weil er dieser oder jener Partei angehört, sondern weil er das Uebereinkommen gebrochen und dadurch sich als Ruhestörer erwiesen hat. Allerdings darf nicht übersehen werden, daß, selbst wenn es Bonomi gelingen. sollte, feine große Geduldsarbeit, die er in den letzten Tagen entfaltet, durch die Zustandebringung einer gemeinsamen Aussprache belohnt zu seh^n, der Friede oder auch nur'ein Friebensvertrag noch' immer nicht gesichert ist. Beide Parteien lassen schon heute durch ihre Organe erklären, daß der Ministerpräsident von der Gegenseite zu dieser Intervention verleitet wurde, um die Energien, die die eine, beziehungsweise Idte andere Partei bisher wachzurufen imstande war, zu lähmen. Keiner' will dem anderen glauben, daß es sich ihm wirklich um die Rechtsordnung im Staate handle, und erblickt in seinem Kompromiß die Schädigung der eigenen politischen Interessen. Bonomi bemüht sich, inzwischen wenigstens einen Wasftnstillstand herbeizuführen, um eine für die Friedensverhandlungen geeignete Atmosphäre zu schassen. Wie wenig ihm dies bisher gelungen ist, geht aus den letzten Berichten aus Bvescia, Florenz, Pavia und anderen Provinzstädten hervor, aus denen ununterbrochen blutige Zusammenstöße zwischen Faszisten und Sozialisten gemeldet werden. Es scheint überhaupt, daß besonders auf Seite der Faszisten keine autoritativ« einheitliche Führung vorhanden ist, daß es vielmehr in der Provinz ganz selbständig arbeitende Gruppen gibt, die aus eigene Faust Angrifft und Plünderungen vornehmen, eine Erscheinung, die ebenfalls an die individuellen Aktionen der Offiziersdetachements in den ungarischen Pvovmzstäbten erinnert. Unter solchen Umständen ist es nur zu begreifen, daß di« italienische öffentliche Meinung mit größter Aufmerksamkeit und auch mit den besten Wünschen für einen Erfolg di« Einigungsbemühungen des Ministerpräsidenten verfolgt Denn es herrscht darüber kein Zweifel, daß, wenn es Bonomi nicht gelingen sollte, den Frieden zwischen den Parteien auf gütlichem Wege herzustellen, in Italien ein Thaos entstehen würde, dessen Folgen nicht nur inncrpalitisch unabsehbar sein könnten. . .. Ungarns Reparationskosten und Hegedüs' Ausfälle gegen Oesterreich. Zur Frage der Repa rations kosten Ungarn? an die Entente und den wiederholten Aeußerungen, die der 'ungarische Finanzminister Hegedüs über die finanziellen Verhältnisse Oesterreichs machte, erhält hie Korrespondenz Herwei von maßgebender, parlamentarischer Seite folgende Darstellung: Der ungarische Finanzminister stützt sich in seinem Dementi, betrefftnd die Reparationen, auf eine Aeußerung Lord Eurzons im englischen Oberhaus, der gesagt habe, daß erst eine, .Kommission nach Ungarn entsendet werde, um ftstzustellen, ob überhaupt von , einer Wiedergutmachung gesprochen .werden könne. Es ist richtig, daß diese Kommission in Balde in Budapest ein treffen wird, aber aus dieser rein formalen Angelegenheit und aus der Rede Lord Eurons zu Wfc&ßi fca| UWW KW *«> tzWr habe, wäre doch allzu kühn. Nach den Friedensverträgen müssen alle Staaten, die gegen die Entente im Kriege standen, Reparationskosten zahlen. Wie steht nun die Sache praktisch? Oesterreich! kann anerkanntermaßen zu Reparationen nicht herangezvgen werden, im Gegenteil, die Staaten der großen und der kleinen Entente schicken sich an, ihre Genera lp fand rechte auf zwanzig Jahre aufzuheben. Zu glauben, daß die Entente von der Türkei Mparations sorderun gen beglichen bekommt, wäre sehr naiv und dürften politische Gründe Frankreich und Italien bewegen, gerade in dieser Beziehung sehr nachsichtig gegenüber der Türkei aufzutreten. Bulgarien wiÄ> wohl Reparationen erstatten müssen, weil hiezu Serbien drängt; altem auch hier werden vor altem England und auch Frankreich gleichfalls aus sehr gewichtigen politischen Gründen dahinwirken, daß die Last, die Bulgarien aufgebürdet wird, keine zu drückende ist. Nun bleibt noch Ungarn. Die Frage, ob Ungarn Reparationen zu leisten hat, wurde innerhalb der Entente in der letzten Zeit fthr riftig erörtert und die Meinung, baß Ungarn zu Reparationen herangezogen werden kann, verdichtet sich immer mehr. Es wird darauf verwiesen, daß Ungar« ein günstigeres Geldwesen besitzt als Polen, das Mitglied der Entente ist, und däß der ungarische Finanzmmister Hegedüs erst vor kurzem von de« steigenden Exportmöglichkeiten, die in Ungarn einfttzen werden, sprach. Derlei Umstände bestärken jene Ententekreise, die der Auffassung sind, daß Ungarn zahlungsfähig ist. Was /Ungarn tatsächlich an die Entente ab geben muß, das wird sich erst zeigen, wenn die Reparationskommission in Budapest die Ressourcen Ungarns geprüft und ftstgeftellt haben wird, wie wett die Leistungsfähigkeit dieses. Landes geht. Völlig irrig ist jedoch die Annahme des ungarische« Finanzministers und anderer ungarischer Kreise, baß Oesterreich an dem Sinken der ungarischen Krone ei« Interesse habe. Oesterreichs will nichts anderes,, als eine Besserung und Stabilisierung der österreichischen Krone, und ist an dem Niedergang des ungarischen KroneukurseS nicht im geringsten interessiert, wie eg überhaupt nichts dazu beiträgt, was zur Schädigung des ungarischen Kronenkurses führen kö.'.nle. Solche UeMrungen aber, wft_ Ife der ungarisM AWAM-KWe, Hegedüs kürzlich über die österreichische Krone machte, betenmrt man in Oesterreich nicht zu höre«, katb der Finanzminister Dr. Grimm würbe sich wohl hüten, in der Weift von den Währungen der anderen Maate« ►— einschließlich Ungarn» — zu sprechen, wie dies HegedüS getan hat, zumal dievom österreichischen Nationalrat energisch' zurückgewiesen würbe. Oesterreich ist nämlich von dem ehrlichen Willen erfüllt,, den Grundsatz auf ein loyales Zusammenarbeiten aller Sukzessionsstaaten zur Durchführung zu bringe« und bermechet ängstlich' alles, was eine solche Zusammenarbeit gefährden könnte. Umsomehr hat hier die Praxis des ungarische« Finanzministers befremdet, der so ziemlich in jeder Rede der Finanzwell ftine Weisheit aufzudränge« sucht, daß Oesterreich keine ausländischen Kredite bekommt, welche Prophezeiungen gewiß nicht dazu bestimmt waren, die Kreditaktion für Oesterreich zu fördern. Die Machinationen HegedüS' Und seine Valutapraxis finden in. Ungar« selbst die schärfste Kritik, ein Beweis, baß sich der ungarische Finanzminister in seinem Vorgehen nicht mit alle« maßgebenden Kreisen Ungarns im Einklang befindet. Es kann nur wiederholt werde«, daß man m Oesterreich sich an den Machinationen zur Senkung des ungarische« Kronenkurses nicht beteiligt, obgleich die Behandlung, die nngarischerftits den österreichischen Besitzern ungarischer Kronen zuteil wird, eine gewisse Gleichgültigkeit in Oesterreich gegenüber dem Schicksal der ungarischen Währung rechtfertigen würde. Ungarisch« Nationalversammlung. HerreuhauSvorlchge -- Koustskatto« fit Vaterlaudaverrat. «tzwatz-fd S0. Jull. (ttitp. Tel.-Ao«.-Bur.) In de« heutigen Sitzung der Nationalversammlung brachte Justiz- Minister Lomesanyi den Gesetzentwurf über das Oberhaus ei«. Danach sind Mitglied« des Oberhauses dre königlichen Prinzen, die da- 24. Lebensjahr vollendet haben und ständig im Gebiet des Landes wohnen, ferner vermöge ihr« Würbe ad« ihre- Amtes di« Bannerherren und der Graf von Pvzs ony. die beiden Aronhüter, der Präsident und d« Vizepräsident der königlichen Kurie sowie dM UäM.llt der Ardatzster

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