Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 891 (20.7.1921)
- Date
- 1921-07-20
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Mit - Wiener Morgenzeitnng 20. Juli 1921 Rr. 891 ssr .Partei. Seine politische und diplomatische Geschicklichkeit wird die Ungebärdigst der Hll.nka.-Anhänger in Schach' halten. Die Beamtenregierung hat also jetzt eine-Majorität, die sich aus den tschechischen Agrariern, den NativnaldemokraLen, den .Christlichsozialen, den Nationalsozialisten und den Sozialdemokraten zusammensetzt. Dieser Majorität steht die Opposition der Kommunisten, dev deutschen Sozialdemokraten, des deutschparalamentorischen Verbandes (in dem all« deutschbürgerlichen Parteien vereinigt sind) und der ' Ungarn gegenüber. Und diese Konstellation wird auch bleiben, wenn im Herbst eine parlamentarische Regierung ans Ruder gelangen sollte. Eine derartige Regierung könnte nach diesem Stande nur durch ein tschechisches KvnMtrationskabinett ausgeübt werden, weil alle Versuche, die deutschen Landwirte und einen Teil der deutschen Christlichsozialen, die eine Zeitlang nicht ganz abgeneigt waren, für eine Regierung zu gewinnen, ergebnislos geblieben sind. Auch die Gnladung der tschechischen Sozialdemokraten an die deutschen, gemeinsam mit ihnen unter Mitwirkung der Agrarier ein upter sozialistischer Führung flehendes Kabinett zu bilden, brachte nur eine Absage der Deutschen. Es wird als«» nichts'anderes übrig bleiben, als daß die obenerwähnten fünft Parteien «ine Regierung bilden werden, wobei es aber noch' vorher heftige Kämpfe wegen der Ministerportefeuilles und des Einflusses der einzelnen Parteien in der Regierung geben wird. Die Lebensdauer eines tschechischen Kvnzentrationskabinetts wird aber jetzt' schon sehr kurz geschätzt. Politische^lundschau. Hegedüs in Ungnade. -Das Schicksal des ungarischen FinanzzaubvrerS Hegedüs beginnt sich zu erfüllen. Es gibt dafür zwei sichere, untrügliche Anzeichen: Seine engagiertesten Freunde rücken immer deutlicher von ihm ab und gefallen sich in der Rolle des Propheten a posteriori. Plötzlich sinden sämtliche Blätter, daß es mit dem ungarischen Kurssturz so Lammen mußte, wie es kam und daß Hegedüs'heute auf den Trümmern der ungarischen Volkswirtschaft seinen Rausch ausschlafen kann, in dem er Ungarn sowohl wie das Ausland mitreißen zu können glaubte. Die Blätter aller Richtungen, die liberalen sowohl wie hie christlichnationalen, rechnen ihm jetzt nach, daß feine Phantasmagorien dem Ungarischen Effektenmarkt bisher einen Schaden von >20 Milliarden ungarischer Kronen zugefügt haben und daß jetzt noch die nicht minder schlimmere Kehrseite der Hegedüsschen Finanzmedaille sich zeige, die ebenso rapid steigende Teuerung infolge des plötzlich eingetretenen Sturzes der ungarischen Krone in Zürich. Im „Pesti Naplo" höhnt Szterenyi, daß auch der Analphabet auf finanziellem Gebiet es hätte wissen können und wissen müssen, daß nur eine regulärer Export das höhere Niveau der Krone hätte stabilisieren können, nicht aber das Budapest-Züricher Schiebergeschäft. Aber ein anderes nicht minder trügliches Beispiel dafür, daß Hegedüs seine Sicherheit verloren hat, liegt in seinem eigenen Verhalten. Hat er bis jetzt Oesterreich zum Gegenstand des Hohnes tntb Spottes gewählt, wenn er in seinen. Agitationsreden billigen Beifall holen wollte, so flucht er jetzt wie ein ungarischer Pusztensohn und bedient sich der unqualifizierbgrsten .Ausdrücke. Seme letzte Rehe in Erlau war zum großen Teile Oesterreich gewidmet, mit dem Zwecke, seinen vor der Reparationskommission vor zubringenden Anschwärzungen zu präludieren. Er begann damit, di« ganze Schuld am Kriege Oesterreich in die Schuhe zu schieben, indem er sich auf den toten Stephan Tisza berief, der im Namen der ungarischen Nation gegen den Weltkrieg protestiert habe. Daß diese Behauptung historisch widerlegt wurde, irritiert Hegedüs nicht weiter. Und am allerwenigsten darf ein ungarischer Minister den Mut haben, heute davon zu sprechen, daß der Krieg nur für österreichische Interessen begonnen und nur von Oesterxeichern verloren worden sei, daß nur die Völker des österreichischen Kaisertums von den Schlachtfeldern entlaufen seien, während die Ungarn treu auSgehalten hätten. Die niedrigste Gesinnung jedoch spricht aus Hegedüs, wenn er folgendes sagt: „Eine umso größere Schändlichkeit ist es, daß Oesterreich nach einem für seine Interessen geführten verlorenen Krieg sich selbst jenen Völkern anschließt, die aus d«m Körper Ungarns lebendige Fleischstüc^ herausreißen. Oester« reich und Ungarn liegen beide auf dem Boden und inzwischen-stiehlt Oesterreich uns die goldene Uhr aus der Tasche." Daß Hegedüs das plötzliche Sinken der ungarischen Krone als eine Wirkung der letzten Interpellation Benicky s irber den von der ungarischen Regierung geduldeten, bisher ungesühnten weihen Terrors Zinstellt, ist schließlich begreiflich und wird nicht ganz unrichtig sein, wenn es auch wieder von Kurzsichtigkeit zeugt, wenn Hegedüs nicht zugeben will, daß die von ihm inaugurierte Schaberfmanzpolitik schließlich einmal den Höhepunkt erreichen mußte, von welchem aus es nur »inen jähen Sturz geben kann. Op hofft «ttf de« Export. Die „Ungarische Rundschau" meldet aus Budapest: Finanzminister Dr. Roland Hegedüs äußerte sich einem Berichterstatter des „Az Ujsag" gegenüber über den Rückgang d«r ungarischen Krone: „Man muß Internationaler Kongress für Menü- Marge. In der Schlußsitzung des Kongresses nahin die Vorsitzende Frau Dir. Hilda Clark Anlaß, bit hohe Bedeutung darzulegen, welche das weltumspannende Interesse an der Wohlfahrt der Kinder für ein international freundschaftliches Verhältnis der Völker in sich schließt. Die Bedeutung dieser zweiten Sitzung bestehe darin, den Vertreterinnen fremder Länder ein Bild von der Jugendfürsorge zu bieten, welche Oesterreich trotz seiner schwierigen Lage leistet. Wer den Ruf der großen Wiener medizinischen Schule kennt, wird begreifen, daß auch' dieser Teil der Gesundheitspflege auf einer hohen Stufe steht, und gewiß werben die wertvollen Ausschlüsse, welche der Kongreß gegeben hat, nicht verfehlen, im Ausland Sympathie und Interesse für Oesterreich hervorzurufen. Professor Dr. Pirquet führte sodann in außerordentlich interessanter Weise die Grundsätze aus, welche bei der . - . ,. Bekämpfung und Behandlung der Tuberkulose als Dolkskrankheit in erster Reihe in Erwägung zu ziehen sind.' In den drei Stadien, welche er unterscheidet, nämlich Infektion, Erscheinung der sekundären Tuberkulose im Anfangsstabium und tuberkulös infizierte Patienten in einem vorgerückten Stadium, ist Aufklärung der breiten Schichten über die Infektionsgefahr sowie richtige und ausreichende Ernährung des Körpers, der damit erfolgreich' den TuberMazillus bekämpfen kann, von der größten Bedeutung. Die : systematische Ernährung der Schulkinder, wie sie jetzt von der amerikanischen Ausspeiseaktion burchgeführt wird, die Behandlung der schweren Fälle auf der Fachstation der Pirquetschen Klinik beweisen durch ihr« Erfolge, wie wirkungsvoll die angegebenen Mthvden find. In einem mit großem Interesse aufgvnommenen Vorträge sprach' Frau Dr. Dalyell über die Bedeutung der Nahrungsmittel, besonders der Milch', und ihrer qualitativen Beschaffenheit für die Entwicklung des Kindes. Der Leiter des städtische Jugendamtes, Ober« magistratSrat Dr. Horn eck, schilderte die Entwicklung her Armenfürsorge und der gerichtlichen Vormund« schaftspflege und gab einen Ueberblick über das große Tätigkeitsgebiet des Jugendamtes, dessen Fürsorge am 1. Mai d. I. 5124 Mündel, 10.106 Ziehkinder und 9791 andere Fälle anvertraut waren. ' Chefarzt Dr. Poerner brachte ein erschöpfendes Material über den Gefuudseitszustand und die Sterblichkeit der Säuglinge und Kleinkinder in Wie« vor. AuS dieser Statistik ist zu ersehen, daß die Säuglingssterblichkeit im Jahre 1920 gegenüber dem Jahre 1910 abgenommen, dagegen die Sterblichkeit der Kleinkinder bis zu sechs Jahren um 2,2 Prozent zugenommen hat. Durch die Mütterberatungsstelle wurden 85.000 Kinder bis zu sechs Jahren der ärztlichen Untersuchung zugewiesen. Hievon waren 10 Prozent nicht emährungsgestört, 90 Prozent gestört und 60 Prozent krank. Infektiöskrank« Kinder waren von der Untersuchung ausge, schlossen. Do« den Eltern waren 19 Prozent, darunter Leide Deile, krank, 3,5 Prozent unheilbar. Dr. Poerrie'- beleuchtet« eingehend die Bedeutung der MntterberatnngssteAe» welche berufen sind, ein wichtiger Faktor für die Wohl«« fahrt und Gesundheit der Kinder Mens zu sein. Die beiden Redner hoben mit Dank die tatkräftige Unterstützung hervor, welche die Gesellschaft der Freunde! dem städtischen Jugendamt und der Mütterberatungsstelle zuteil werden ließ. Die Vorsitzende und mit ihr noch andere Funktionäre der FrienbS Relief Mission konstatierten in anerkennender Weise, daß daS österreichische Fürsvrgewesen trotz aller durch den Krieg und die Nachkriegszeit verursachten Schwierigkeiten einen so bedeutungsvollen Aufschwung genommen hat, daß ein vielfacher Beziehung als vorbildlich hingestellt werde« kann. nicht fvfisrt an dem weiteren Schicksal der ungarischen Krone verzweifeln. Ich möchte darauf Hinweise«, baß der BanknotenUmlauf in Ungarn in b*t jüngsten Zeit sich überhaupt nicht erhöht hat. Außerdem beginnt jetzt die Saison b«s Exports. Der Export der ungarischen landwirtschaftlichen Produkte wird in großem Maße dazu beitragen, de« Schwankungen der ungarischen Krone Einhalt zu gebieten und ihr weiteres Sinken zu verhüten." Die polnisch-jüdischen Ausgleich»« Verhandlungen. Wie »Nasz Kurjer* meldet, hat Ministerpräsident W i t o 8 mit Dr. N o s s i g den Plan der weitere« Bemühungen rar Regulierung der jüdische» Frage in Palm besprochen. Die Konferenzen sollen nnnmehr nach dem Abschluß der gegenwärtigen Kabinettskrise wieder ausgenommen werden. — Laut der Lemberg« »Chwila* geht düSmal die Initiative zur Wiederaufnahme d« polnisch-jüdischen VerstandigungSkouferenz» von Dito 8 selbst aus. WiivS.soll dm einzelnen Mm stenen Anordnungen haben zugehm lasse», interne Beratungen üb« diele Frage zu beginnen. Welche Form die writ«en Verhandlungen aunehmen werden — wird« eine interministerielle Kommisston geichaffm wird od« irgend eine andere Form — ist noch rmbestimmt. Der Klub der jüdischen Abgeordnrtm bei« Provisor,schm Nationalrat würde, wie »Chwila* hinzufügt, gern auf jede» Versuch der Wiederausnahme der Btthandlungm eingehe«, jedoch entschsedm tatsächliche Garantie» verlange». daß diese Verhondlungen diesmal nicht nur dekorative» Charakter haben. Die Regierung werde Beweise geben müsse», daß sie die Absicht habe, in kürzester Zeit diese Verhandlungen zu eine« positiv e» und erfolgreichen Abschluß z» bringen. Sttmtc* verwegene Jagd. In H all e erscheint em Organ, da- Herrn S ti« »e r gehört und dm Titel »Allgemeine Zeitnng für Mitteldeulschland" führt. In ein« der letzten Nummern mthielt dieses Blatt einm Artikel, der in. der Berliner Schriftleitung hngestellt ist. D« Verfasser spricht davon, daß M Entente, die Franwim vor»«, auf dem besten Wege dazu ist. sich jetzt in Deutschland S v Millionen Ire« ,n miehm? Die Ainnfem« in Irland hatten sich gegen die englische Willkür nicht and«S wehr» können, als durch die Anwendung des Sprichwortes »Ang «n Aug', Zahn um ZahnP In Deutschland müsse ebenso verfahren werde« und eS seien zu diesem Zweck schon vn» schiedcne geheime Organisationen ins Sebm g««fm. Wörtlich schreibt darüber der Verfasste: Schon entsteht die und da eine gebei«, Brüdnschch. So v e r s ch w r n d e n hi, und da LandeSvor* röter, die den femhl'chen Ueberwachuna-kommissionen irgend etwas verpfifft« habe» und auch LandeSfemde selbst. 3« Berlin hat eS in letzter Zeir rnig« »n » a uf g ekl 8 rt, Morde* ibt eS tleine JagdkvmmandoS von Unbedingten,^ vor denen rreüs mancher e r z i t t e r t. Im Rheinland geht mancher weiße und fcirbig» Franzose mit 0 ine« H,, p» st t ch kopfüber, ohne vorh« auch nur riur« Schrei tun » löunr«. Dazu bemerkt die »Freiheit*: In d« letzten Zeit wurde wiederholt ^gestellt, daß die O r g e s ch sogenannte D-Gruppen (T err o r a r up p e«) eingerichtet habe, und »war nach dem Must« der ungarische« Brachial-Detachementt. In B a y e t n sind auch tatsächlich wiederholt Lmte beseitigt worden, die in dem Verdacht stand». Waffmlag« der Einwohnerwehr« verraten zu habe». Da» Programm der italienischen Regiernng. ftrai, IS. Jnli. (Fnnksprnch) In dn Kamm« verlas Ministeipräsident B o n o »i daS Programm der neuen Regierung. Er führte ans», daß in der äußeren Politik, die durch /freiwillig übernommene Verpflichtungen, die in den betreffmde» Verträge» festgelegt sind, bestimmt ist, keine A e» d e r n » g eintretm werde. Italien «üsie aber gemäß seiner Uebcrliefernng an de« Wiederaufbau Europas Mitarbeiten. Gleich «achde« die Bereinigte» Staaten die Initiative ergriffe« hatten, eineAbrüstnngSkorserenz znsammrnzurnfm. haste Italien. da» bereitsei» stehmdeS He» vermindert habe «nd alle AbrÜstnngßvorschläge vertrete, sofort und begeistert der amerikanischen Einladung zugesiimmt. Der adriatische Frage sei in ihren GrnndzLgm durch de« Vertrag von Rapallo, deffen Verpflicht»»-» anfnchtig tingehall« werden würden, geregelt. D» größt« Widerstand finde die Durchführung des Vertrages i» d« Finmer-Frage. Dir Regstrnng glaube, daß diese Frage hauptsächlich vom ütonomisch» Standpunkte an» gelöst «erd« «äffe, und zw« in ein« Weise, die der Stadt ihre wirtschaftliche Ankunft sichere. Die Regierung beabsichtige» dnrch allgemein« Maßregel« die finanzielle und ökonomisch, Lage de» Landez» verbessern. Vonomi schloß seine AnSsühnmgen, «de« » sagte, daß die Regierung die noch nicht gelöst» Frag» d« äußer» Politik ein« Lösung »»führen »olle und bereit fei in de» inneren Politff der Ökonomischen Krise die Giirne z» biete». Die Regierung werde dir absolute Antorität d e- Staateansrcchterhalten und v«« lange die vertranen-vvlle Mitarbeit he» Parlament-, de- Landes und d« Kolonien. . 9 Der Völkerbund hat den Vorrang. Der „Dempß" berichtet üb^r ein« von Darb Ckr-pn und Vicomte Hayasht unterzeichnet- Rote an den' Völkerbund, in welcher diese« von dem einstweittgey Fortbestand des englisch-japanischrn Bündnisses verständigt wird. Es ergibt sich nun, baß bestimmte Maßnahmen dieses Vertrages in Widerspruch stehen mit dem Statut des Völkerbundes. Die beiden Mächte teilen deshalb mit, daß all» Bestimmungen be- Völkerbvnhstatutß den Vorrang haben vor den Bestimmungen des Vertrages. _ Der Separattvmns in der Slowakei. Die Prag« »Tribnuaverweist darauf, daß sich in der Katholischen voll Spartet separatistische Be- Ürrbungm in der Slowakei geltend owchen. Die Rachricht, daß die zwölf slowakisch» Mitglieder de- Abgeorbneienklubder Kathalischen VolkSparlti eine« eizearn Klub gründe» wollen« wiemm auch um der Barteivresje seM bestätigt.