Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-07-19 · Heft 890 (19.7.1921) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 890 (19.7.1921)
Date
1921-07-19
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979969--08196-2994325
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 2_Wien, Dienstag ___Wiener Morseuzettrmg 19. Juli t-21 Nr. 890 Selbstbestimmung und ITiinoritätenschütz. "Der internationale Franenkongretz und die »nterdrückten Völker. Partei-, Volks- und Wirtschaftspolitik. -Ka?W i e n, 19. Juli. Die Optimisten, welche als Ergebnis des Weltkrieges and der darauffolgenden Umwälzungen für Europa eine Aera des Völkerfriedens und großzügiger Wirtschaftspolitik erwartet haben, find bitter enttäuscht. Der Grund ihres Irrtums liegt darin, daß sie voll- .tändig übersehen, daß allüberall Lein Systemwechsel, sondern nur ein Personenwechsel. Leine Beseitigung der nationalen, religiösen und ökonomischen Unterdrückung oder wirtschaftlichen Ausbeutung, sondern nur ein Firmawechsel, stattfand. Es sitzen ja in den meisten Staaten in Parlament und Regierung noch immer dieselben Männer mit denselben Programmen, welche aktiv oder passiv schuld an dem Elend sind, das Europas Völker nicht nur während des Krieges, sondern auch in der Nachkriegsperiode ertragen mußten und noch immer ertragen müssen. Im alten Oesterreich-Ungarn hat man vielfach für alle Uebelftände den „unmöglichen Nationalitätenstaat" verantwortlich gemacht. Nun besteht dieser Nationalitätenstaat nicht mehr; aber das Regierungsrezept des Grafen Tcmffe: „Es wird fortgewurstelt", hat Oesterreich-Ungarn überdauert und ist die Devise nicht bloß im heutigen Oesterreich, sondern auch in den übrigen Sukzessionsstaaten, ja fast in ganz Mitteleuropa, Osteuropa und am Balkan geblieben. Man mag auf die innere, man mag auf die äußere Politik blicken; es ist in allen Parlamenten in Wien und Pest, in Prag und Warschau, in Belgrad und Bukarest wie in Rom gleich wenig Verständnis vorhanden für die Existenzbedingungen des modernen Staates, die wirtschaftliche Not der Massen und die großen Gefahren, die Gesamteuropa bei der Fortdauer der heutigen Zustände von innen und außen drohen. Ein Musterbeispiel, wie die Parlamentarier selbst den Parlamentarismus zugrunde richten, bietet der österreichische Nationalrat, der statt Volkspolitik nur eine einfettige Parteipolitik kultiviert und sich „genau so, wie seine Bruderparlamente in den einzelnen Sukzessionsstaaten sehr , wenig von dem alten österreichischen Abgeordnetenhaus unterscheidet. Die wirtschaftliche Krise, die ununterbrochenen Preissteigerungen auf allen Gebieten, die Unerläßlichkett einer endlichen Neugestaltung der Verhälmisse auf den Eisenbahnen, im Post-, Telegraphen- und Telephonwesen, kurzum alles das, was in erster Linie als oberstes Postulat eines Kultur- ««^.Wohlfahrtsstaates eine wahrhaft moderne Demokratie beschäftigen sollte, interessiert unsere Volksvertreter sehr wenig. Das hat neuerlich die letzte Session des österreichischen Nationalrates bewiesen. Man sollte doch glauben, daß in einem Staate, in welchem für die große Mehrheit der Bevölkerung nur eine Sorge besteht, sich den notwendigen Lebensunterhalt zu beschaffen, Arbeit zu sttrden und ein der Arbett entsprechendes Einkommen zu erlangen, sich die einzelnen Parteien zum Zwecke einer großzügigen Wohlfahrtspolttik zusammenfinden würden. Aber davon war auch nicht die geringste Spur bei ' unseren österreichischen Parlamentariern zu finden. Wäre es nicht ihre oberste Pflicht gewesen, die zahl-> reichen Versprechungen, die sie anläßlich der letzten Wahlkampagne in den verschiedenen Wählerverfammlungen betreffs des Konsumentenschutzes gaben, dadurch endlich einzulösen; daß sie energisch eine Aktion für den Preisabbau einletteten. Wenn aber ein solcher im Rahmen Oesterreichs allein nur im beschränkten Maße möglich ist, dann'ist es die dringendste Aufgabe der Vertreter der produzierenden Schichten in Oesterreich wie in dm übrigen Sukzessionsftaaten, angesichts Oder allüberall wachsenden Wirtschaftskrise sich zum Zwecke der Niederreißung der wirtschaftlichen Grmzen zu vereinigen. Die diesbezüglichen Verhandlungm in Portorose können nicht länger aufgeschoben werden. Wird nicht vor Einbruch des Winters Ernst gemacht mtt der sozialen Erneuerung in Oesterreich wie in dm angrenzenden Sukzessionsstaaten, dann stehm schwere Kämpfe bevor Kr sämtliche mitteleuropäischen, osteuropäischen und balkanischm Staaten, die man mtt Ministerwechsel und Parlamentsauflösungen nicht wird bannen können. Nicht ohne Gmnd blickt man in London und Paris besorgt in die Zukunft. In säind« lichen Nachfolgestaaten und ihrer Nachbarschaft haben sich bedenklich die nationalen und sozialen Gegensätze verschärft. In der Tschecho-Slywakei wie in Polen, in der Ukraine wie in Ungarn, in Jugoslawien und Rumänien, in Italien und Gnechenlarch lösen Minister¬ und Parlameniskrisen einander ab. Hiezu gesellen stch noch andere Symptome dumpfer Gärung, wie das Attentat auf das jugoslawische Staatsoberhaupt oeweist. Eme Oase in der Wüste des sterbenden Europa bildet/der internationale Frauenkongreß. Hier wurde zum erstenmal nach langer Zett von den Vertreterinnen des sogenannten schwachen Geschlechts mit unbeugsamer Energie das Programm eines wahren Völkerftiedens und der wirklichen Freihett entrollt. Die Verwirklichung dieser Grundsätze wäre die erste Etappe zur Hinwegräumung allen Schutt und Moders, der nicht nur durch den" Krieg, sondern auch durch einen unmöglichen Scheinfrieden aufgehäuft wurde. Die Exekutive des internationalen Frauenkongresses hatte beschlossen, der Frage der nationalen Minderheiten und des Selbstbestimmungsrechtes eine Spezials i tz ii n g einzuräumen, die Samstag abends, wie kurz in unserer gestrigen Abendausgabe mitgeteilt wurde, im Großen Musikvereinssaal stattfand. Die Leitung des Kongresses wollte eine Tribüne ichaffen für die Vertreterinnen verschiedener Minderheitsvölker, als welche auch Nichtdelegierte zum Worte kamen. Bei dieser Kundgebung, welche ohne Debatte erfolgte, gelangte eine Reihe von Resolutionen zur Annahme, die von den Sprecherinnen der verschiedenen Nationen kurbegründet wurden. . Die Vorsitzende, Miß Mars hall, legte in ihrer schärfakzentuierten Eröffnungsrede den Zweck der Versammlung dar. Sie sei eine Demonstration Kr den Schutz des Minderheitsrechtes und des Rechtes auf Selbstbestimmung. .Mir wollen nicht, daß Menschen vusgebeutet und daß Völker auSgebeutet werden." Es fei ein besonderes Komitee zum Studium dieser Frage eingesetzt worden, denn die Anwendung des Prinzips der Selbstbestimmung in der Praxis sei sehr schwierig. Auf jeden Fall müsse es der Minderheit gestattet sein, sich direkt a« de« Völkerbund zu wenden, eine Notwendigkeit, die durch daS Beispiel von Irland bewiesen werde. Man müsse genau feststellen, was Selbstbestimmung ist, und was man unter „Nation" zu verstehen habe. Die Erfahrung habe gezeigt,. daß die Volksabstimmung eine gwße Gefahr ist, wett oft erst durch sie der Haß geweckt wird. Die Frauen wollen, diese Fragen in einem neuen Geiste behandeln und sind sich einig, daß man gegen die geschehenen Ungerechtigkeiten protestieren müsse. Freundlich Kit und Verständnis seien ebenso ansteckend wie Streitsucht. Unsere Vaterländer sollen ihren Ehrgeiz darin sehen, nicht viel zu besitzen, sondern viel zu geben und neue Kulturwerte zu schaffen. Die Rednerin legt der Versammlung eine Resolution vor, worin der Kongreß Kr bas Recht der Selbstbestimmung Und die Pflicht des Minoritätenschutzes eintritt. Diese wird einmütig angenommen. (Lebhafter Beifall.) Hierauf kam eine ganze Reihe von nationalen Vertreterinnen zum Wort. Madame d*A reis schilderte in eindruckSvolkn Worten die schrecklichen Leiden dearmenische« Volkes, gegen welches während des Krieges ein planmäßiger Ausrortungsfewzug unternommen worden war. Die auf ihren Antrag beschlossene Resolution enthält einen Hilferuf an den Völkerbund zugunsten des armenischen Volkes, dem der Vertrag von Sevres Autonomie und Freiheit zugesichert habe. . Die nächste Rednerin, Frau Dr. Budzinska- Tuliska (Polen) unterbreitet eine Resolution, der Kongreß drücke den Wunsch aus, ,Haß die Konstitutionen allen Bürgern ohne Unterschied von Geschlecht, Sprache, Religion oder Rasse die gleichen bürgerlichen Rechte zusichern". (In den Konstitutionen ist diebereits geschehen, auf eine Durchführung kommt es an! Die Red.) Als die Rednerrn in ihrer Begründung auf Polen hinweist, daS alle« Minderheit«! die vollen Rechte gegeben habe, erhebt sich im Publikum lauter Widerspruch. Eine jmlnisrhL Sprecherin aus Oberschlesien spricht tm Sinne der Versöhnlichkeit über die schlesische Frage und betont, daß sie auf Wunsch der deutsche« Delegierten das Wort ergriffen habe. MS Frau v. Szirmah (Ungarn) über bi« Ungerechtigkeit des Vertrages vo« Triauo« spricht, der weite Gebiete von Ungarn getrennt habe Und Über die an Ungarn verübte Gewalt Klage Khrt,wird sie von lauten Zwischenrufen unterbrochen, die sie am Rede« hindern. Man ruft ihr zu: ,Mas ist mit den Juden in Ungarn? Der weiße Terror! j Horchy-Baudtte«! Warum sprechen Tie nicht davon?" Erst dem Eingreifen de« Vorsitzenden gelang es, der Rednerin Gehör zu schaffen, di« ihre Resolution auf Minderheitsschutz lunb völlige Gleichberechtigung vorbringt. Nachdem noch je eine Vertreterin Bulgariens und Griechenlands gesprochen hatte, erklärt di« Vorsitzende, sie werde nunmehr zur jüdische« Frage b«A Wort erteilen, die von besonderer Wichtigkeit fei, weshalb der Rednerin eine längere Redezeit etu« geräumt werde. Frau Dr. Nadja Orn stein (Bukarest) spricht zunächst über die Kompliziertheit des jüdischen, Problems. So mancher Internationalist müsse sich erst einen inneren Ruck gehen, bevor er daS jüdische Problem als nationales und MinherheitSprvVltzm gelten lasse. Die Ursache hftKr fei daß Klär tnsolgv der eigenartige« jüdischen Geschichtsentwicklung nur ein Teil beS Volkes hinter den nationalen Forderungen ' steht und in bezug auf bas Judentum noch viele Mißverständnsse herrschen. Der Wille zur Nation, müsse in erster Reihe in dieser Frage entscheiden. Weite Schichten des jüdischen Volkes bekennen sich zur Nationalen Auffassung und führen einen heißen Kampf um Selbstbestimmung. Cs sei begreiflich, baß eine internationale. Bewegung etwas zurückhaltend sei gegenüber neuauftauchenben nationalen Bestrebungen, aber man dürfe, weil die Juden ein Volk ohne Territorium sind, nicht glauben, unser nationales Bekenntnis wäre künstlich gezüchtet. Die jüdischnativnale Bewegung dürfe nicht mit einer chauvinistischen Bewegung verwechselt werden, sie lehne jeden engherzigen Chauvinismus ab und sei durchaus von de« alten universalistischen Grundsätzen de- Judentums inspiriert. Die Rednvrin bespricht die Enttäuschung, welche die Emanzipationsbewegung dem Judentum gebracht habe, die vielfachen Zurücksetzungen und den Antisemitismus, unter dem unser Volk leibe, die Leiden de- Judentums im Weltkrwg und die Verfolgungen «ach dem Krieg, «ine Folgeerscheinung brr politischen Umwälzungen. Wir haben unser Schicksal in die eigene Hand genommen, und seit dem Kriege hat die nationale Bewegung unter uns an Ausdehnung und leidenschaftlicher Forderung noch gewonnen. DaS Strebe« der jüdischen Volkes gehe nach er««« eigene« Stück Land kn der alte» Heimat, auf dem es nach eigenen Gesetzen leben und den alte» jüdischen Geist neu aufleben lasse« könne. Es gehe uns den Wiederaufbau eines jüdischen Kulturzentrums, von wo unser Volk und die . ganze Mtt neue moralisch« Stärkung erfahren könne. Aber auch dieses Stück Land! werbe uns bestritten. Rednerin erörtert die Araberfrage, spricht ferner von den Ehaluzim, unter, denen sich der Geist von Gemeinsinn und Idealismus' zeige. Der Zionismus habe stets nur auf Pazifik stischem Wege sein Ziel verfolgt, und die Frauenliga müsse dafür eintreten» daß die B e s ch' l ü s s e v o n San Remo ausgeführt werde«, sie müsse Protest erheben gegen die barbarisch«» Pogrome und den Kampf gegen den Antisemitismus aufnehmen. Di« Ausführungen der Rebnerin, welche mit größtem Interesse angehört wurden, ernteten den lebhaftesten Beifall. Sehr eindrucksvoll waren bi« folgenden Ausführungen d« ukrainische« Vizepräsident^ des Kongresses, Frau Nr. S « rv w zo w a, welche erklärte, sie wolle nicht übler die Leiben ihres Volkes spreche«,, sonder« über die P v g r v « e. Nie Ukraine Hab« nationale Autonomie gewährt, ein jüdisches Ministerin» geschaffen, jetzt aber sei bas S8-Mllionenvvlk der Ukraine selbst eine unterdrückte Minorität. „Mir ist. es gleich, baß die Pogrome unter fremder Herrschaft geschehen sind zu einer Zeit, da das ukrainische Volk nW der Herr seiner Geschicke ist. Und die Schande brennt mir auf de« Wangen, daß diese schrecklichen Dinge i« meinem Vaterland geschehen sind. Unsere Resolutionen können dem jüdisch«» Volke sehr wenig helfen. Nur die Machthaber können etwas im». Im Osten herrsche überall Haß, Kampf «id' Krieg unter den Böllern, und es geb« n«r eines: den Opfern des Krieges, den unglücklichen Waisen müsse man an Ott ttttfe’ Stelle helfen.« Sir l«gt eine Resolution vor, in der schärfster Protest gegen die Rassenhetze und' vor allem gegen die scheußliche« Pogrome eingelegt wird und die Regierungen »uftzeftrbert werden, diesen Scheußlichkeiten ein End« zu machen. Der Oberste Rat müsse die Pogrome unterdrücken und es dürft, kein Voll ft d«n Völkerbund ausgenommen werbt«, welches ftlche Untaten gestatte. Nachdem noch eine Rednerft Kr die Ukraine und Mr«. Tourt*-, eine Negerin, Kr ihren Stamm gesprochm hatte, fand die Kundgebung der internationalen Frauenliga in tw* gerückter Stunde ihr Ende. * Die zionistischen Teilnehmerinnen am dritten Kongreß her Internationalen Fraumliga Kr Frieden upti Freiheit veranstalten eine allgemein zugängliche Frauenversammluny, welche morgen, Mtttwoch nm halb 8 Uhr abends im Saale des Gewerbevereins. 1. Bezirk, Eschenbachgaffe tf, stattfinbet. Rebnerinnen: Frau Hilda PiSk (Begrüßung). Frau Anitta Müller (Lage der Juden und die ziionlstisihe Bewegung). Miß Jan« Add am 5, Amerika, Präsidentin der Lfta; Fräulein De. Nadja Surowzowa, Ukraine; Frau L. G>. Heymann, Deutschs land; Fräulein Ufabin, Südamerika; Fra» Lantzeuberg-Berard. Frankreich (Die Frauenttga und die jüdisch^ Frage). Frau De. Nadja O'raste in-Br obskh (Zwnisttsttze Frauenorganisation in OestsrreW.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.