Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 890 (19.7.1921)
- Date
- 1921-07-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Die Unklarheit über den Zusammenhang zwischen dem Problem des Stillen Ozeans und dem allgemeinen Frieden hat einen Meinungsaustausch zwischen den Kabinetten zur Folge gehabt, der von Japan ausgeht und eine dilatorische Behandlung der Angelegenheit bezweckt. Japan will sich zuerst über die Absichten Amerikas in Sibirien und in China vergewissern; die englische Oesfentlichkeit wartet gleichfalls und gerne den Erfolg dieser Sondierung ab: sie befindet sich zwischen zn/ei einander mißtrauenden Bundesgenossen und wünscht nicht in die peinliche Lage zu geraten, zwischen beiden, wählen zu müssen. Das Bündnismit Japan ist noch nicht erneuert, aber auch nicht gekündigt worden, und solange die Spannung zwischen Amerika und Japan besteht, muß Japan auf der Seite Englands bleiben. Je weiter also der Termin der Konferenz hinausrückt, um so besser ist dies für England, das Zeit gewinnt; Zeit für die Verhandlungen mit Rußland über die Sicherung seines durch Kapital manifestierten Einflusses, und Zeit für die Verhandlungen mit Frankreich, das durch den Zusammenbruch der chinesischen Bank seine finanzielle Position im fernen Osten gefährdet sieht und das bisherige Desinteressement aufgeben muß. Die führenden französischen Politiker treten auch bereits aus ihrer Reserve heraus und zeigen viel Sympathie für den Standpunkt der Vereinigten Staaten. 'Diese Diskussion der Ententediplomatie ist von der Äbrüstungsftage ausgegangen. Man sieht hier, wie an einem Musterbeispiel, was aus einer Idee wird, wenn sie in die Hände der Diplomaten gerät. Sie drehen und wenden sie so lange, bis sich ein neues Kriegsproblem herausbildet und man in dem einen Staat die Armee, in dem anderen die Flotte verstärken kann, beides natürlich im Interesse des Friedens. Bismarck hat einmal gesagt, daß die Großmächte zu einander stehen, wie zwei Wanderer, die einander des nachts im Walde begegen; jeder halt die Hand am Messer. Aus solcher DenKung kann man zu keinem Frieden kommen, der unmöglich wird, solange im Hintergrund die Bajonette glänzen und solange die Kaste dieser Berufspolitiker besteht, die mir in Staaten denken können, nichts aber davon wissen, daß sich ein Staat aus Individuen zusammensetzt, deren Schicksal mit der FrageKrieg oder Frieden eng verknüpft ist. Es ist ein mit der Idee der Deckokrckie, mit dem Prinzip der Volkssouveränüät schlechterdings unvereinbarer Zustand, daß über Leben und Tod Männer zu entscheiden haben, deren Verantwortlichkeit nur in Bersasiungsurkunden vorkommt und daß die eigentlichen treibenden Kräfte, die Interessenten der Waffenindustrie, im Hintergrund bleiben. Es ist deshalb zu begrüßen, daß vor dem vornehmen Forum des Völkerbundes darüber ein kräftiges Wort gesagt wird. Der Generalsekretär deS Allgemeinen Arbeiteroerbandes Jouhaux hob die skeptische Auffassung der Arbeiter bezüglich der Ergebnisse der Volkerbundsarbeit hervor und wandte sich gegen den Einfluß der privaten Jnteresienten an der Waffenerzeugung. Es solle eine internationale Kontrolle der militärischen Nachrichten und die Einschränkung der privaten Waffenfabrikation eingerichtet worden. Herr Jouhaux greift mit dieser Forderung in ein Wespennest. Denn die Zusammenhänge zwischen Rüstungsindustrie und'Presse sind sehr innige und es wird nicht lange dauern, bis. wir in der großen Presse aller Länder allerlei Enthüllungen über Jouhaux und seine Plane finden wepden. . Es wird wieder nachgewiesen werden, , daß der? Krretz ein Stahlbad sei und daß schließlich auch durchWaffenerzeugung Arbeiter ihr Brod finden. Aber diese Schwindeleien können heute nicht mehr verfangen. Cd mag sein, daß die Männer des Völkerbundes in ihm Tätigkeit auf die Sabotage der-Diplomaten und t»er bestochenen Presse stoßen, daß ihnen die Geheim* polstik überall in den Weg tritt — die Tatsache, daß lie sprechen, besteht, und schafft ihnen ein sich immer weiter verbreiterndes Hörfeld. Die Ideologie besteht und. das Walten der freien, nicht durch politische RiMe beeinflußbaren Männer gibt den internationalen 'Problemen ein anderes Gepräge. Man erkennt hinter küen diL Duridendentmälren. , Die Vorbereitungen zum 12. Zionisten Kongress in Karlsbad. Sitzung des Großen Aktionskomitees in Prag. Prag, '18. Juli. (Telegramm der „Wiener Morgenzettlung".) Die Beratungen des Aktionskomitees wurden am Donnerstag in einer Nachtsitzung fortgesetzt. Die Debatte drehte sich um die Pa l ä st i n a -Arbeit, um die Frage der Einwanderung und des Keren Hajessod. Freitag wurde die Aussprache sortgeführt und eine Kommission zur Ausarbeitung der Resolutionen gewählt. Samstag fand eine Nachtsitzung statt, die bis 2 Uhr dauerte. Dr. Han tke (Berlin) referierte namens der Organisationskommission über die Vorbereitungen zum 12. Kongreß. Der Beschluß der Exekutive bezüglich der Einberufung des Kongresses wurde gutgeheißen. Der Kongreß wird demnach! am Donnerstag den 1. September in Karlsbad eröffnet werden. Die Kommission schlägt vor, daß nur an den beiden ersten Tagen Vormittagssitzungen abgehalten werLen, während von Sonntag den 4. .September an nur Nachmittags-, und, falls nötig, Abendsitzungen stattsirchen soyen. Die .Vormittage sollen für die .Arbeiten der Immissionen Reserviert bleiben. Bezüglich der Zusammensetzung des P e r m a n e n z a u.s s ch u s se s wurde beschlossen, baß im Prinzip die Mmdestzahl zur Entsendung eines Delegierten sechs Mitglieder einer Gruppe betragen soll. Die . Tagesordnung des Kongresses wurde wie folgt festgesetzt: mnnm mim i-, > iin ■ «n/JOMpai Erster Tag: Eröffnungsreden von Me itzmrnn und S»ko low, Begrüßungsansprachen; nachmittags Wahl des Bureaus und andere Formalitäten, womöglich auch Pegün der Generaldebatte, da der Bericht der tive gedruckt vorliegen toitb'. Zweiter und dritter Dag: Generaldebatte. Vierter und fünfter Tag: Palästina-Frage. Hieher gehören vor allem die Fragen deS Aufbaues Palästinas, die Einwanderungs- und Kulturfragen; über diese drei Gebiete sollen gedruckte Berichte vorlregen. Die Referenten sind von der Exekutive zu bestimmen. An den Holzenden Tagen sollen die Referate über die Finanzen, Finanzinstitute, Keren-Hajessod und die Organisation erstattet werden. Sonn tag, 11. September, soll der Kongreß geschlossen werben. t In den Le gitimationsaNs schuß wurden berufen: Dr. Emil Margulies (Leitmeritz), Max Kober (Berlin), Dr. Kahn (Antwerpen), Doktor O hlschwan ger (Warschau) undBerl Locker (Wien). Das Große Aktionskomitee ist für MitLvoch den 31. August nach Karlsbad einzuberuM. Frage der Wahlordnung wurde für Palästina beschlossen, daß dort schon 500 Schekelzahler einen Delegiertenwählen können. Im übrige» wurde die Wahlordnung der Exekutive genehmigt. Die Sitzung des Aktionskomitees wurde nach Erledigung der Resolutionen zur Politik und zur Palä-- stina-Arbeit geschlossen. Der Panamakanal unterbrochen. Paris, 18. Juli. (Funkspruch.) Der Korrespondent der »»Times" meldet, daß ein E r drutsch im Panamakanal einen Teil des Kanals für große Schiffe unpassierbar gemacht habe. Die französisch-tschechischen Beziehungen. Briand Kommt nach Prag. Berlin, 18. Juli. Die „Deutsche Allgemeine Zeitnng" meldet aus Paris: Die in Aussicht genommene Reife des französischen Ministerpräsidenten nach Prag wird zurzeit vorbereitet. Die im Ministerium des Aeußer« geführten Besprechungen lasse« erkennen, daß es sich um das Ziel handelt, mitderTschecho-Slowakei sowohl ei«politisches wie ei« wirtfchaftlichesAbkommen zu treffen, auf der gleiche« Grundlage, auf der die französisch-polnischen Verträge abgeschlossen wurden. Von französischer Seite werde das französisch-polnische Abkommen nicht als genügende Sicherheit für den Osten Europas angesehen, weshalb außer mit der Tfchecho-Slowakei auch noch mit einigen anderen Staate« derartige Gegenfeitigkeitsverträge abgeschlossen werden solle«. In Prag sei man der Ansicht, daß die Der- - träge beim Besuch des Ministerpräsidenten Briand in Prag bereits unterzeichnet werden können. ____ Hunger und Cholera in Eowjetrutzland. MoSka«, 18. Juli. (Funkspluch.) Die Mißernte trat heuer jvi ungeheueren Dimensionen auf. Es wurden von ihr die Gouvernements Cherson, Schwarz^-Meer-Gouvernement, Astrachan,' Ufa, Saratow, Samara sowie die Wvubliken. der Tataren und Baschkiren und zum Teil auch das Kubangebict heimgesucht. Die Zahl der Hungernden betragt rund 10 Millionen und zwar nicht nur Arbeiter, sondern diesmal sogar auch Bauern. Im Jahre 1920 hatte sich die Hungersnot nur auf bas Gebiet von Zarizin beschränkt, dem aber «och damals Aushilfen geboten werden konnten. Die diesjährige Hungersnot «ahm deshalb so katastrophalen Umfang an, weil die Mißernte auch die deutschen Wolgakolonicn ergriff, die in deu ersten Jahren ganz Sowjetrußland versorgt habm. v Pari-, 18. Juli. (Funkspruch.) Die Agentur Rußunion meldet, daß die Cholera sich in Südrußland und namentlich in den Städten ungeheuer verbreitet. — Die gleiche Agentur meldet über das Steigen der Lebensmittelpreise infolge der Hungersnot. Ein Pfund Brot, das vor wenigen Tagen noch 2709 Rubel gekostet hat. kostet jetzt 4000 Rubel, Zucker das Pfund statt 20.000 Rubel, 30.0V0, Erdäpfel 1800 statt 1000 Rubel für em Pfund. . Je mehr, je offener über die Abrüstung, gesprochen wird, umso tiefer setzt sich die Friedensstimmung in; bie Herzen der Völker. Es ist mit Recht in dieser! zitterten Völkerbundsitzung zur Vorsicht in der Debatte, ermahnt worden, solange Deutschland und Rußland nicht in der Liga der Nationen sitzen. Daß diese beiden großen Völker außen stehen, ist eine Folge der auf dem Friedenkongretz inaugurierten Politik des ewigen Krieges /und gibt den Scharfmachern in Deutschland, den Großmachtrevolutionären Rußlands, die vonihnensehnlichst erwünschtemoralischeStützefürthre Propaganda. „Man wünscht uns nicht im Völkerbund!", , ist eissthr starkes AgitationsMaLw orLMdeu astdeMcheu^ Hetzversammlungen ryid *ber Völkerbund ist ein Instrument des Kapitalismus" hört man immer wieder aus Rußland. Dadurch erklären sich die Schreier in diesen Staaten als jeder wetteren Verantwortung für' enthöben. Der geistige Einfluß des Völkerbundes kann sie nicht erreichen und so können die einen hetzen, die anderen wühlen. Dadurch leidet die Arbeit für d;n Frieden und auch hier sind es die im Dunkel der ministeriellen Couloirs spinnenden diplomatischen Agenten der Kanonengießer und der Bombenvöenverser, die die Abrüstung der Geister und dadurch die Abrüstung der Völker hmtertreiben.