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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-17 · Heft 888 (17.7.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 888 (17.7.1921)
Date
1921-07-17
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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ytt. Sv»__ «Oien. E>ümuag Präsident Harding für Kredite an Europa. Paris, 16. Juli. ' Der Wafhiugtouer Korrespondent des „Exeelfior" berichtet über einen Besuch Leim Präsidenten Aar d i « g, dessen Tätigkeit gegenwärtig vollkommen den internal io na len Angelegenheit« n gewidmet sei, die auf dem Programm der republikanische« Partei stehen. Harding befaßte sich auch eingehend mit dem ArLeitsrosenproblem, das dringend der Lösung bedürfe. In einer Anzahl von Industriezweigen herrsche Aeberproduktivn «nv Amerika müsse auf die Aus d eh« n n g d e r- K r e d i t e auf da s A n S l and bedacht sein. Aiezu kommen die Fragen der Wel t a b r ü flu u g «nd der BSlkervereinig«ng, die von der repuptikanischen Partei als besonders wichtig betrachtet werden. DieFlnanzkrisern Frankreich. Wie die „Deutsche Allgemeine Zeitung* ans Paris meldet, habe« die Realifierungs- »ersuche, welche die „S seiet e Centrale des B angnes de Provinee" unternommen hat, «m ans ihren Zahlnngsschwierigkeiteu zn komme«, bisher kein Ergebnis gezeitigt. Die Verluste sollen für das Jahr 1S2V über 12S Millionen Francs betragen. Das Gesamtkapital der Bank in der Höhe von 100 Millionen Francs gelte als verloren. Durch de» Zusammensturz der Bank würden weite Kreise des Mittelstandes ruiniert werden. Der Main-Donau-Kanal. Mü«che«, 16. Juli. Der Budgetausfchutz des Landtages hat nach längerer Debatte das Gesetz, betressend den Üebergang der Wasserstraßen auf das Reich angenommen und sodann die Debatte über die Ausführung des M a i« - D o n a tt> Kanals begonnen. 3m Laufe der Debatte erklärte Ministerialdirektor Dr v. G r a ß man n unter anderem anf eine Anfrage, betreffend die Bauzeit und die Baukosten, daß die Baukosten für die Strecke von Aschaffenburg bis Nürnbergund dann bis P a f s au auf S 7 Milliarden Mark zu setze» seien. Werde die obere Donau mit ausgebaut, dann erhöhe sich das Baukapstal auf IS*/» Milliarde«. Als Bauzeit für den Ausbau bis Nürnberg rechne man im günstigsten Falle mit 11 Jahren. Die Aufhringuug des Baukapitals sei bei so riesige« dummen natürlich in Bayern und im Rerche allein nicht möglich. Man müsse daher sich an eine« großen internationalen Markt «enden. Bedenken gegen die Heranziehung internationale« Kapitals bestünden nicht, «eil ia der internationale Einfluß schon durch die auf Grunds des Versailler Vertrages bestehende Do«aukommlfsion bedingt werde. Außerdem handle eS sich «m die Durchführung einer Trans-Ettropaverbindung, die internationales Interesse habe. Die Hauptsache sei, daß die Wasserstraße in deutscher Hand bleibe. Bei ihrem Ausbau sei mit einem Gewinn von Wasserkraft von zwei Milliarden Kilowattstunde« elektrischer Kraft fahr sicher Durchschnittsleistung zu rechnen. Irr München darf keine pazifistische Feier ftattfinden. V Münch««» 18 Juli. (Tel.-Komp.) Zur Wiederkehr . deS JabrrstagkS des KiieflsausbrucheS waren für alle giößeren deutschen Städte pazifistische Gedenkfeiern unter der. Parole «N i e wieder Krieg" geplant. Zur Feier in München, die vor dem Friedensdenkmal ftattfinden sollte, hat der Polizeipräsident B 8 h « e r die Erlaubnis verweigert mit der Begründung, der Ort der Demonstration sei ein öffentlicher Verkehrsweg und würde umfangreiche Absperrungsmaßnahmen notwendig machen; außerdem besitze di« Partei, welche die Feier veranstalten wolle, eine s« große Gegnerschaft, daß ein ruhiger Verlauf der Feier wohl sehr in Frage gestellt sei. _ Berchtold in München. Mönche«, l6. Iul>. (Privat.) Zu dem Besuche des Grafen B e r cht o l d in München bringt heute, die „M ü u ch e n e r Post" eine Zuschrift, in der eS heißt : Ich habe guten Grund, die an die Anwesenheit des Grasen B er ch to ld und! emeS 8ft e rr e i ch r s ch e n .Erzherzogs, geknüften Vcr- Mutunge« für grundlos zu halten. Graf Berchtold lebt feit Wochm in einem Lmdhmfc au einem, der schönsten Seen unseres Muränengkbietes. Er ist wohl der anerkannte erste Vertrauensmann des Exkaisers, daß er aber den abenteuerliche» -Plan ernstlich erwogen habe, H abs b u r g g e g e« Wi t.t e l Sd a ch ins Feld m führen, dazu hat er zuviel Routine. Der Erzherzog. der itt seiner Begleitung nach München gekommen sein soll, dürfte Leopold .S a l p a t o r aus der Lime Toskana sein. E « anderer Erzherzog war dieser. Tage und ist vielleicht noch in München, «in a r m e r T e n d r l, dm dir Balata aus der Schweiz vertrieb, froh seine Gläubiger irgendwie loS * Meedey. <. ■.; «menev Morgenzermng TT. IM 1921 Serie 3 man Lebensmittelteuernng. — Der freie Handel. — Ungarische Operette», und Kommunisten. - Trotzki Will die Juden opfern. Inden Dr. I. L., ein jüdischer Arzt, der seit September 1915 in Rußland m Kriegsgefangenschaft war und iu den, letzten Jahren in Mvskau ärztlichen Dienst leistete, erzählt im Klausenburger „Uj Ke leih" über das Lebe» und Treiben in Moskau: Moskau ist die Hauptstadt bet russischen Räterepublik. ^Hier haben die zentralen Volkskommissariate ihren Sitz und von hier wird auch heute noch das Schicksal des mächtigen Reiches gelenkt. Als ich nach Moskau kam, wurde der Klein- und Hausierhandel noch geduldet und im Moskauer Basar war itod); bas eine und andere zu haben. Auch! Nahrungsmittel wurden verkauft, allerdings zu unerhört hohen Preisen. So kostete ein russisches Pfund (406 Gramm) Brot elender Qualität 3000 Rubel, ein Pfund Fleisch 4000 bis 5000 Rubel und ein Anzug. 300.000 Rubel. Diese Preise beziehen sich natürlich nur auf die im freien Verkehr käuflichen Waren, denn in der Theorie versorgt der Staat selbst seine Mitglieder mit den Bedarfsartikeln, Einen Handel in europäischem Sinne Hirt es schon zur Zeit meiner Ankunft iin Moskau nicht 'gegeben. Wie erwähnt, wurde nur der Klein- und Hausierhandel und der Basar geduldet. Im geheimen jedoch wickelten die Leute Geschäfts in großem Stile ab und besonders das Valutageschäft stand in hoher Blüte. Dausende und abertausende Menschen verdienten ihr Brot durch' Valutengeschäfte. Im Herbst des vorigen Jahres kam die radikale kommunistische Richtung zur Macht und verbot jede Form des Handels, indem sie. jedem Erwischten wie einen politischen Verbrecher mit außerordentlich schweren Strafen -belegte. Die zur Unterdrückung der Gegenrevolution unter dem Namen „Außerordentlicher Ausschuß" (Tscherestwystschaika) ein. gesetzte Geheimpolizei hielt täglich Hausdurchsuchungen bei allen Leuten, die des Handels überhaupt verdächtig waren. Im Winter 1920 und im Frühjahr 1921 konnte man überhaupt nichts.mehr im freien Handel kaufen, und was int geheimen noch erhältlich war, konnte nur um phantastisch^ Preise erstanden werden. Dadurch wurden die Lebensbedingungen so seht erschwert, baß die Arbeiter. gezwungen waren, die Fabrikserzeugnisse zu stehlen und im geheimen in Verkehr zu bringen, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Die drückende wirtschaftliche Lage hatte im Frühzahr dieses Jahres ausgedehnte Banernrevotteu zur Folge, durch welchd' die Sowjetherrschaft stark erschüttert wurde. Die Bauern verweigerten die Ablieferung des Getreides und beschlossen, nur so viel zu produzieren, als sie für ihren eigenen Lebensbedarf brauchen. Die unausgesetzten inneren Gärungen zwangen schließlich die nüchterneren Volkskommissare zu einer besseren Einsicht, und sie führten auf dem im März dieses Jahres abgehaltenen Sowjvtkongreß wesentliche Konzessionen an den Privatbesitz und; an den freien Handel durch. Vor allem wurde der Boden den Bauer» als Eigentumsbesitz zurückgegeben , und ihnen nur eine Naturalsteuer auf den Boden vorgeschrieben, indem die Bauern verpflichtet wurden, 30 Prozent der Bodenproduktion dem Staate abzuliefern. Dieses neue System beruhigte die Bauern einigermaßen. Von höchster Bedeutung jedoch' war der Beschluß des Rätekongresses, durch' welchen der freie Handel wieder gestattet wurde. Schon während der letzten Monate meines Aufenthaltes in Moskau hatten sich die wohltätigen Wirkungen dieser Reformen fühlbar gemacht. Es entstanden Privatspeisehallen, in denen man wohl für teures Geld, jedoch menschlich verköstigt werden konnte- Langsam, langsam tauchten die Geschäfte und andere Unternehmungen auf. Allerdings zeigt sich' auch schon die Reaktion dieser Verfügungen, denn die Spekulation hat in einer bisher unerhörten Weise um sich gegriffen. Man kann ruhig sagen, jeder spekuliert. Es sind Leute in Moskau, die monatlich zehn Millionen Rubel verdienen. Diese leben heute genau so wie in Friedenszeiten. Zu den neueren Reformen gehört auch die Einführung, baß auf den Eisenbahnen die Lösung der Fahrkarten wieder obligatorisch wurde, was seit der Proletarierrevolution eingestellt war. Es wird auch schon gestattet, baß Privatpe>rsvnHr bis zu einer gewissen Höhe Geid> in den Sowjetbanken einlegen, über welches der Einleger frei verfügen kann. Noch während meines Aufenthaltes in Moskau plante die Sowjetregierung die Zurückgabe der kleinen Fabriken an ihre ehemaligen Besitzer, weil sie von dieser Maßnahme die Steigerung der Produktion erhofft. Meiner Ansicht nach' sind die in den Gewerkschaften vereinigten Arbeiter ke i nv K v m m u n i st e n. Für die Kräfteverhältnisse bezeichnend ist wohl bis Tatsache, daß während die Gewerkschaftsorganisationen neun Millionen Mitglieder zählen, die kommunistischen Organisationen insgesamt eine Million Mitglieder aufweisen. Diese eine Million Menschen hat die Macht in Händen, und es ist nurmftürliK. daß ste diese nicht anders alß mrk Terror auszuüben vermögen. In Rußland Ist mm, übrigens der sicheren Meinung, baß die Rätvregierung gezwungen sein wird, dem Kapitalismus immer neue und neue Zugeständnisse zu machen, wodurch der Terror von selbst unmöglich wird. Kulturell haben die russischen Arbeitermasfen in - den letzten vier Jahren größere Fortschritte gemachtals vordem während fünfzig Jahren. Endlos ist die Reihe der wissenschaftlichen Vorträge,der freien Lizeen und Konzerte, deren Besuch' durchwegs kostenlos zugänglich ist. In Moskau gibt «s heute viel mehr Theater alss jemals, und es wird auch peinlich darauf gesehiery daß sie auf entsprechendem Niveau gehalten werden. Der Volkskommissär Lunartscharski erließ zum Beispiel ein "Verbot gegen die, Operette als unkünstlerisches geistiges Produkt. Diesem Verbot wird allerdings dadurch ein Schnippchen geschlagen, daß auch heute noch viele ungarische Operetten unber der falschen Bezeichnung „komische. Oper" in Szene gehen. Auch auf dem Gebiete der bildenden Kunst zeigt sich ein großer Aufschwung, wobei die futuristische, aktivistische und expressionistische Masfenkunstprvduktion vorherrschend ist. Sämtliche Bildergalerien sind stets offen und auch die in Privatbesitz gewesenen- Bilder wurden in Sälen gesammelt und ausgestellt.. Meine wertvollsten Erfahrungen während der Gefangenschaft sammelte ich auf dem Gebiet» der Indenfrage. In Sibirien begann schon im Jahre 1916 unter den jüdischen Gefangenen das nationale Selbstbewußtsein rege zu werden. Wir kamen mit der Judenschaft der benachbarten Städte in Berührung, wo schon damals, ein s ehr stark entwickeltes zionistisches Leben herrschte. Die Juden unterstützten die Gefangenen und versahen uns mit Büchern und Zeitschriften. Es ist keine Uebertreibung, wenn ich sage, daß 90 Prozent der jüdischen Kriegsgefangenen als Zionisten aus Rußland heimkehren. Zur Zeit Kvltschaks waren die Juden Sibiriens ständig von der Pogromgefahr bedroht, wodurch sie zur Selbstvrganisation gedrängt wurden. Unter Mitwirkung der jüdischen Kriegsg e f a n 8 e n e n entstanden so starke Svlbstschutztruppen, daß sie in der Lage gewesen wären, jedweden Angriff auf ihre Sicherheit abzuschlagen. Zum Glück ist die Gefahr an uns vorbeigegangan. In Moskau leben erst seit der Kerenski-Re v olution Juden in größerer Zahl, denn vorher durften Juden in Moskau sich nicht.aftsiedeln und erhielten Aufenthaltsbewilligungen für höchstens einen Tag. Hier gibt es ein so pulsierendes unterirdisches jüdisches Leben, wie es in der Geschichte des Judentums' kaum seinesgleichen hat. Daß die hebräisch«' Kultur keinen Rückfall aufzuweisen hat, beweist am besten die Tatsache, daß in Moskau auch' heute noch das von Hillel Zlatopolfki begründete hebräische Theater seine Tätigkeit ausübt. Hier werden allabendlich bei ausverkauftem Hause die besten Stücke' der jüdischen und der Weltliteratur gegeben. Vor kurzem feierte die „Bimah" ihr viertes Gründungsfest;, bei welchem Anlaß auch' Maxim Gorki im Theater eine aufmunternde Rede hielt. Auch' bas jüdische Spvrtwesen lebt in Moskau auf. Die anerkannteste Sportvereinigung in Moskau mit hebräischem Kommando ist die „Makkabäa". Alle diese Vereinigungen hatten anfangs mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen, aber später entschlossen sie sich, in ihre Leitung einige sogenannte „Paradekomm nisten" hineinzuwählen, welche den Verein nach außen vertreten, während innen eifrige zionistische Arbeit geleistet wird. In Moskau gehört zu den natürlichen Erscheinungen, daß viele Menschen, besonders junge Mädchen und Männer, auf der Straße hebräisch; konverste re n. Die Schulvereinigung „Tarbuth" leistet ausgezeichnete Kulturarbeit, errichtet immer neue hebräische Schulen, allerdings im geheimen, weil die Regierung diese Schulen nicht gerne sieht. Die jüdischen Kultusgemeinden werden in ihrer Wirksamkeit nicht sehr beengt, denn interessanterweise behandelt der Sowjet die Kirchen im allgemeinen mit' Glaceehandschuhen. Der Zionismus ist als Partei nicht legalisiert, besteht aber doch. Auch Palästina-Arbeit wird geleistet, obgleich^ die Auswandercurg völlig unmöglich erscheint. Was die Teilnahme der Juden an der Kommunistische« Bewegung betrifft, sosteht es zweifellos fest, daß es unter den Führern nicht wrenige Juden gibt. Die jüdische Masse jedoch' und selbst die jüdischen Arbeiter und die. jüdi-,- schen Arbeiterorganisationen, wie die Poale Zion und „Der Bund", sind enftchiedene Gegner des Kommunismus. Jeder Jude ist sich; im klaren darüber, daß der Sturz der Kommune von den furchtbarsten Folgen für das. Judentum begleitet wäre, da bisher überall^ wo weiße Truppen die Räteherrschaft stürztsn, blutiges Pogrome verübt wurden. Dieser Umstand erschwerti nnüemetn die einheitlichje politische Stellungnahme

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