Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 888 (17.7.1921)
- Date
- 1921-07-17
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Dien, Tonnrag Wiener Morsenzeitung 17. Juli 1921 Nr. 888 angarischen Frage das Bestreben, ihre Position zu rntlasten unv durch die teilweise Erfüllung des Verlages von Trianon sich wenigstens im Ausland schönwetter zu erzeugen. Nach innen rüstet sie zum Kampf und will der Opposition mit Strafunter- Buchungen an den Leib gehen. Alles hängt jetzt von Der Entschlossenheit der Bürger, Arbeiter und Bauern ab. Wenn sie sich erheben, dann können sie den horthy und seine Garde für immer loswerden. Der Aufmarsch der Frauen. F. SS t e ii, 17. Juli. In den vergangenen Tagen hat in unserer Stadt ein internationaler Frauenkongretz seine Beratungen aögehalten, der als ein erfreuliches Symptom fortschreitender Menschlichkeit ernste Beachtung verdient. Dieses jüngste Kind der internationalen Frauenbewegung, der »Liga für Frieden und Freiheit", hat sine interessante und charakteristische Vorgeschichte. Die Keime zu dieser Vereinigung sind mitten im lautesten Kriegswüten im Frühjahr 1915 entstanden, als sich im Haag einige deutsche, belgische und englische Frauen zusammenfanden, um eine internationale Vereinigung zu schaffen, welche Frieden und Menschlichkeit auf ihre Fahne schreiben und den Kampf für die pazifistische Idee aufnehmen sollte. Der mutige Protest dieses kleinen und vereinsamten Grüppchens mutzte ungehört verhallen, ein Manifest französischer Frauen an ihre deutschen Leidensschwestern siel der Brutalität der im Dienste der Kriegsbestie frohndenden Senfur zum Opfer, aber auf jener ersten Zusammenkunft wurde der Grund gelegt für die Entwicklung einer Bewegung in den verschiedensten Ländern der Erde, welche, nach den vorliegenden Berichten zu schlietzen, einen nicht unbeträchtlichen Umfang angenommen zu haben scheint. Die praktischen Ergebnisse dieser mutigen Arbeit sind wohl bis auf den heutigen Tag gleich Null geblieben. Die Denkschrift, welche die Tagung der Frauen vor sechs Jahren beschlossen hatte und die den bestimmten Plan einer fortdauernden Konferenz neutraler Staaten enthielt, die zwischen den Kriegführenden ständig vermitteln und so das Ende des Krieges herbeiführen sollte, wurde in den verschiedensten Hauptstädten von den Vertreterinnen der pazifistischen Frauen überreicht, man gab allerlei platonische Zustimmungen, aber der Krieg tobte weiter, bis sich die Kämpfenden verblutet hatten und das allweltliche Chaos allen Reparaüonsoersuchen zu spotten schien. Aber man täte unrecht, eine Vereinigung wie diese allein unter den Aspekten ihrer bisherigen Erfolge beurteilen zu wollen. Neue Ideen brauchen Zeit, um sich durchzusetzen und praktische Ergebnisse zu zeitigen und es bedarf hiezu einer vorbereitenden geistigen Minier- und Propaganda-Arbeit ohne welche praktische Ergebnisse nicht möglich sind. Die Frauen, die in Wien ihre Beratungen abhielten und unter denen sich Namen von internationalem Klang finden, gaben ein hohes und weites Programm. Wohl gibt es unter ihnen auch Meinungsverschiedenheiten über die Methoden der Arbeit, Differenzen, die durch den Gegensatz des Milieus, der Temperamente und der politischen Einstellung gegründet sind, aber das Ziel ist völlig klar und eindeutig: Es lautet: praktischer Pazifismus. Nicht mehr bloße Tiraden gegen den Krieg, sondern es sollen reale Mitteln gefunden werden, um dieses Wort zu einem der Vergangenheit angehörenden Begriff zu machen Und eine Politik zu inaugurieren, die der Menschlichkeit schlechthin dienen soll, deren erste Voraussetzung der dauernde Frieden ist. Die ewige Mütterlichkeü beginnt sich zu empören gegen die unheilvollen Mitte! der Gewalt, sie ruft nach Versöhnung und Menschlichkeit, sie spricht im Namen der geschändeten Heiligkeit des Menschenlebens und macht sich zum berufenen Anwalt der Hunderttausend« vyn stumm leidenden Frauen, von denen die Zögespolitik nicht spricht, und die es in erster Reihe waren, über deren gebrochene Herzen das zermalmende Rgd des Krieges hinwegrollte. Sie fordern eine Erziehung der künftigen Generation» welche die brutalen Instinkte im werdenden Menschen abrötet, die Menschenliebe in ihr Recht einsetzt und keinerlei Chauvinismus anskommen läßt. Im Namen des Friedens erklären sie einer Kultur den Krieg, die sich christlich zu nennen wagt und deren Priester den Haß verschärfen und es mit ihrem Credo in Einklang bringen konnten, den Mordwerkzeugen ihren kirchlichen Segen auf die Arbeit milzugeben. Wenn man den Verlauf dieses Kongresses rückschauend überblickt, so findet man, daß diese Frauenarbeit geeignet ist, manches verheißungsvolle Saatkorn für eine lichtere Zukunft der Menschheit zu legend Schon lange hat man keine so undiplomatisch eindeutigen Worte der Humanität in der Oesfentlichkeit beobachten können; politisch geschulte Frauen haben sich nicht gescheut, die Politik des eigenen Landes bloßzustellen, unbekümmert um die Möglichkeit,'des mangelnden Patriotismus geziehen zu werden, von Opfern deutscher Kriegsbrutalstät hat man vernommen, die während des Krieges in Liehesrvechen zugunsten deutscher leidender Menschen tätig waren und von der leidigen Unterscheidung zwischen Siegern und Besiegten war hier — vielleicht zum ersten Male auf einer internationalen Tagung — nichts zu spüren. Den Frauen, die diese Tagung verlassen, um die Arbeit unter ihren Geschäftsgenossinnen in den vertckiedenen Ländern auszunehmen, folgen die warme» ver Weg gegen Sie Wen. Die der jüdischen Frauen ln Genf an den dritte« Kongretz der Inter» nationale» Franenliga für Friede« und Freiheit. Die L iga der jüdischen Frauen in Genf hat an den in Wien tagenden Kongreß der Internationalen, Frauenljga das folgende Memorandum gerichtet: „Gestatten Sie «ns, im Namen der Liga der Mischen Frauen Ihnen, als der Versammlung der Auslese der Frauen aller zivilisierten Länder, die durch den gemeinsamen hohen Gedanken des Weltfriedens vereinigt sind, unseren Gruß zu entbieten. Wir wünschen Ihnen aus vollem Herzen, durch Ihre bewunderungswürdige Arbeit dazu beizutragen, daß in der kürzesten Zeit wieder die Berechtigt eit, die Liebe und die Harmonia unter den Menschen zur Herrschaft gelange. i Wir haben jedoch auch die traurige Aufgabe, die Aufmerksamkeit Ihrer hohen Versammlung aus einen schrecklichen Krieg gegen ein schutzloses Volk zu lenken, der gerade in dem Augenblick des Waffenstillstandes seinen Anfang nahm, noch immer fortgeführt wird, und dessen Ende auch heute noch kaum abzusehen ist. Es ist dies der K rieg gegen den Juden. Die grauenhafte Katastrophe des Weltkrieges mit allen ihren Begleiterscheinungen an Verbrechen, R-t, Elend und Unruhen hat allerorten die Dolksmafse« durcheinander gebracht und ihren Zorn gegen die für de» verbrecherischen Krieg Verantwortlichen erweckt. Diese Verantwortlichen haben nun — die «inen, vm ihr Gewissen zu entlasten, die anderen, um den Volkszorn von sich selbst abzuwenden — sofort den großen Schuldigen zur Hand: den ewigen Sündenbock der Weltgeschichte, den Juden. Sie beschuldigen den Juden, all die Nebel verursacht zu haben, unter denen h'ute die Völker stöhnen, der Juda ist für Len Krieg, für den Bolschewismus, für den Kapitalismus, für den KriegZwucher und selbst für hie Pest verantwortlich. Gegen den Juden wird die Dolkswut gerichtet und ein furchtbarer Krieg, ein antifemiti.scher Kr reg geführt. Je nach der Stuse der Zivilisation, auf welcher sich dir einzelnen Völker befinden, nimmt der agressive Antisemitismus auch die verschiedensten Formen an. Bon der antijüdifchen Propaganda im Wege der Presse, der Literatur, der Fabrikation von lügenhaften Verleumdungen gegen die Anden, wie zum Beispiel das berüchtigte Protokoll der „Weisen von Zion", Über den wrlschastlichen Bohk-ttantisemiti mu) und die Schaffung judeusei: dlicher Gesetze bis zu bau Pogromen und Massakers, wie sie in Osteuropa stattgesunden haben: In allen Formen wird der Krieg gegen die Juden geführt. So hat genau in dem Augenblick, da der Waffenstillstand im November 1918 abgeschlossen wurde, die Pogromwette in Galizien, Polen und der Ukraine eingesetzt. Seit jenem Moment lebt die jüdische Bevölkerung, ganz besonders in der Ukraine, ununterbrochen unter der Herrschaft des Pogroms. Zweieinhalb Jahre sind es nun, daß diese Erde von dem Blute und den Tränen unserer Brüder und Schwestern getränkt wird. Diese Massakers waren das Werk, unter dem Kommando ihrer Vorgesetzten operiere aber orgamsterte? Armeen Die Dimensionen, welche diese Jubenschlachtunaen a genommen haben, die Zerstörungswut, die sadistische Grausamkeit, mrt der sie durchgeführt werden, und die Tatsache, daß, während der Angreifer bewaffnet ist, die Opfer unbewaffnet und schutzlos sind, geben diesem antisemitischen Kriege den Charakter eines Vernichtungskrieges gegen ein wehrko fts Volk. In den meisten Fällen zeigte sich bei diesen Pogromen eine auffallende Disziplin in den Reihen der Angreifer. Zum Beispiel in jenen Fällen, wo dt« Pogrome sechs aufeinanderfolgende Tage dauerten und täglich genau Schlag 6 Uhr abends unter Klängen der Musik aussehten. Ueberalk wurde vorerst die Mische Bevölkerung entwaffnet, worauf dann unter den Rufen „Heilige Ukraine", „Tod den JudenJ" die Mas al:ri i ren A sang nahmen und von P u. de u«g n/Zr«^« stiftungen, Morden, Vergewaltigungen begleitet waren. 9Ult Greueltaten zu beschreiben ist ganz unmöglich: Leiche«, die 36 Verletzungen aufwiesen; Greise und Kinder, förmlich zerftiidelt; Schädel, in die buchstäblich Löcher eingebohrt wurden; ausgeschnittene Ali gen; losgetrennte Beine und Arme; hepausgetretene Eingeweide; verspritzt» Gehirne. Andere Opfer wurden ertränkt oder mit Petroleum überggsss« und angozündet. Wieder andere wurden^ eines langsamen grausame» Todes, vornehmlich des Feuertode.- getötet. Die ausgesuchtesten und raffiniertesten moralischen Erniedrigungen wurden ersonnen. Während die einen hingerichtet wurde». Putzte» die Wünsche jedes Menschenfreundes ans ihren weiteren Weg. Sie werden keine leichte Arbeit haben und dürfen auf keinen schnellen Erfolg rechne», Denn die Mentalität dieser in Machtwahn versunkenen Welt hat vielfach auch die Frauen erfaßt, die aus hem gleichen geistigen Milieu und demselben Vaterhaus kommen wie die Männer, ohne daß eine menschlichere Erziehung dm Jungbrunnen der Menschheit, das Ewig-Weihliche vor einer Besudelung durch dm Ungeist her Zeit zu bewahren gewußt hätte. Es wird Zeit brauchen, bis eine neue bewußte und starke Generation yon Frauen herqngewflchsen ist, die sich kräftig genug ffityfc die Entwicklung in, ihrem Sinn zu beeinflußen. Nicht um politische Frauenrechte handelt etz sich, nicht um einen neuen Huffragettenkampf, sondern um da? ystMe, nMrlichste Recht de; Frqu, auf Verbreitung der Liebesgesinnung und dm Schutz des Lebendigen, wodurch die Frauenbewegung zu anderen tanzen. Ra« zwang Kinder, Me Eltern zu hängen. Ob« die zum Tode Verurteilten, ihr eigene» Grab z» schaufeln «sw. Frauen und junge Mädchen wurden in Gegenwart ihrer Gatten uni» Eltern entehrt ohne Rücksicht auf ha- Alter oder die unschuldvolle Kindheit der Opfer. Die «hreuhaftm Matronen konnten die an ihnen begangenes Verbrechen nicht überleben. Welch furchtbare Qual muß r» für eine Mutter sein, zu sehen, wie kleine unschuldvolle reine Mädchen, der Gegenstand aller mütterlichen Sorg«, Opfer, Gchmerzenynd Freuden, der Stolz und die Hoffnung der Eltern, von blutrünstigen, trunkenen Geselle« besudelt werden! Gibt es einen Schmerz, der mit diesem vergleichbar wäre? Auf ähnliche Mise, wurden in der Ukraine zehNtanfende Männer hingeschlachtet, tausend» Frauen und Rädchen geschändet, über eine WWo« Z«de« bis auf da» letzte Hemd -«-geplündert und obdachlos, gemacht, sind hunderttausend Kinder a!S Waisen zurückgeblieben. Eine große Zahl der Kinder hat unter dem Eindruck dieser Schrecknisse de« Verstand verloren, andere sind seitdem von Ungstzustände« verfolgt und von Nervenkrankheit^ befallen. Einmütig ist die öffentlich» Mische Meinung darin, daß für all» diese Verbrechen die ukrainische Negierung und ihr« Atamane, wie Stroup, Fat-teniuk, Sokolinskt. Srmosenko und and«!« verantwortlich sind. Um dies« Verbrechen zu bemänteln und irgendwie zu rechtfertigen, wird der BürgerkriegsMstandi hervorgentftn. S» der Ukraine stehen wir einem genau umschriebenen entschieden«« Plans gegenüber, dessen Endziel di« völlige Vernichtung der drei Millionen ukrainischer Jude« ist. Dies» Gefahr schwebt ununterbrochen über den Häuptern der Jude« der Ukraine. Im April deä JahttS 1981 erhielten wir aus völlig sicherer Quelle aus K o n st a n t i n v p « l alarmierende Nachrichten. PS handelt sich um die Militärsektron des ukrainischen FSderalkomtteeS, welches sich in Konstantinopel befand und unter seinen Mitgliedern die bekannten Namen der Urheber der Judenmassakers in der Ukraine aufwieS. Sie stehen in ständigem Kontakt mit der Aufstandsbewegung im Süden. Einer von ihnen, namens Angel, erklärte stets ganz offe«: „Ich begebe mich nach der Ukraine, um alle Juden nieberzumetzeln." Diese Mitteilungen erhalten bereits ihr» Bestätigung. Anfangs Mai erhielt der Verband der ukrainischen Jude« in London va« einwandfreier S?ite Meldungen über ne «e Judyn Massakers int Gouvernement Tschernigoty, wo tausende Männer, Greise, Frauen »nd Kind«: niedergemordet, in die Flammen brennender Häuser geworfen wurden. .Die „Jüdische Tribüne" veröffentlicht hiezu Prvklqmationen der Pvgromführer, in welchem die Bevölkerung ausgefordert wird, die Juden nieberzumetzeln, Frauen und Kinder zu massakrieren, damit kein einziger Jude in der Ukraine übrighleibe" Das Memorandum schildert dann kurz di» Greuel des (g\ nerals B alachowicz, die Pogrome von Lemberg, Pinfk, Wilna, Lida und anderen Städten sowie die wirtschaftliche Verfolgung, denen die Juden seit Jahren in Polen auSgesetzt sind und wendet sich dann de« Judenverfogungen itt Ungar« zu, wo der weiße Terra? mit Unterstüwrng der Regierung u«d gewissermaßen ««itt Wer Uegihe sich hauptsächlich g«M die Juden richtet. Das Memorandum schließt: ,Mir sind der Meinung, daß, um Pogromen vorzubeuge«, in allen von der Geißel des Pogromes und deS WtisemitiSmus heimgesuchten Ländern «irre große moralische Wauierungs-rbeit 'erforderlich ist. Zu dieser WtzW ist an die Fpa» berufen, sowohl in 'ihrem Familienkreise als auch v» der schule und i« b«r GesMch-ft und Politik- Die Liga der Mischen Frauen richtet daher o« die Internationale Frauenliga für Friede« mch Freiheit das Ersuchen, durch eine Resolution alle ihr« Sektionen «uh deren MitgMep, besonderaber in Herr vom 2lnttsemitism«» verseuchte« Länder«, feierlich zu Verpflichten, sowyhl «chydlich als Wch im Wege her Presse gegen all di« barbarische« Vorurteile anM-mpsen, welch« die MaMrjeruug einer wehrlosen Minorität h-pheffühW«.^ Vtzyr Memorandum sind Wsstzhrliche Berichte übgr fefe terroristischen Alle in der Ukraine, Wer die Jvdenv-rfolgungen in Polen und Rn eigener Bericht über die Verbreche« de» GMerals Palqchowie» beige-eben. ihre« Mn Msgichk« zurücksipdej. Es kann ein Glück für die Menschheit werde«, wenn dieser NM Frauentypus Men Test m der politischen Macht erobert und de« Mstnnem die Hegemonie in einer Welt streitig mM, hie ihre hestialischen Methyden im Bkpt «sticken d*oht. Die jüdischen Frauen «nd mit ihnen has gesamte jüdische Voitz folge« den Streiterinne« füx eine höhere Gesittung mit hex grüßten Anteilnahme, denn in ihrem Tun lebt etwas phm uralte« Geist des Judentums, der der Menschheit ein chittengesetz gab, sie Liebe und Gerechtigkeit zu lehren suchte und der durch de« Ahscheu vor jeglicher Vewstlt ausgezeichnet ist. Der Kampf der Frauen um Gerechsigkett und Menschlichkett ist auch ei« KMps gegen MsseMyhn/VerhetzuNy, Anttsemsti-mus Mh PygrymisMß UNd ihr Tun far deutet einen neuen Lichtstrahl für eine in Ftnstemtr versunkene Welt.