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Wiener Morgenzeitung · 1921-07-17 · Heft 888 (17.7.1921) · page 1

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 888 (17.7.1921)
Date
1921-07-17
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Jede Sitzung der Nationialversammbringt ein^ Enthüllungsfensat'ion. Am Mteiftlg wurde das Heus durch -eine dringliche Inter«. MMjidn des ehemaligen Ministers des Innern, der- HAtMn L«gitimistenführers Benicky, in Aufregung M^setzt. In der Einleitung machte sich Benicky über W hiegierung lustig, die dürch ihre Ministerpräsidenten Herkünden lasse, daß gegen jede' gemeldete Rechtsvex- Htznng die Un ter such un g eingeleitet 'Äbei^ Dies sei - wohl möglich, doch sicher ist, daß Mftz ^Untersuchungen niemals, zum Abschluß gelangen, .^WMe. niemals ernstlich - geführt werden. Den eigent- ,HW^^Gegenstand der Jnttzrpellätion bildeten jedoch nMH iviedet! die DorgLuge itt Orgovanyi bet im Pester Komitat gelegenen, durch -die Ahlten Po.grpM« zur traurigen Berühmtheit Genveiyde Jzsak und Umgebung, sowie chijß^n^. Kette her Verbrechen der Hejjas-Ban de. Bönicky.Hhrte hier, aus: Bevor ich auf die eigentlichen Tatsachen, .eingehe, muß ich jedoch auseinandersetzen, ^^wip,^A/H^e>''Ün^h^mrMkeiten, trotz der vielfachen --Jj^erpsrstwn-'po« 'außen her, 'möglich gewesen sind und noch heüzbe, möglich sind. Ich. werde wohl nichts N^ues Werst/ Med g w so d Und Ge-- 'MfA'nuü Härkament l«reits gesagt haben. (Söephan. drt'WWn. Landwirte: Sie sollten Maß ^Wedgwood und 'Genossen Kommunisten sMh-> Benicky: Ich weiß es nicht, ich weiß nur, dH'«r ^während .seiner - Anwesenheit hier auch - mit der EDi.,der seinen Landwirte in Verbindung stand, in eKem-Falle..auch mit Hegedüs, der damals Direktor deh Kommerzialbaük war. Einmal war er auch bei mir. und erzählte mir, daß einer seiner guten Freunde, Md.or^Neubauer, wahrend der Fahrt nach Lajosrmzse . «MS dem Zug verschwunden ist. Uebet Ersuche« meines Freundes Lorand Hegedüs, der. mich um meine Intervention bat, habe ich als Minister des Innern Lurch die Polizeiabteilung des Ministeriums die Untersuchung eingeleitet. Ich habe die erforderlichen Vorkehrungen getroffen, zu gleicher Mt jedoch kam ich in den Besitz des Berichtes des Oberstadthauptmanns von Kecskemet. Die VorttntersN'chung unterliegt nicht dem Amtsgeheimnis. In diesem' Bericht wurde gemeldet, daß in Kecskemet intelligente ,aber radikalgesinnte bürgerliche - Elemente sich züsammenschlössen und die ö ffentliche Sicherhei't der Stadt Kecskemet gefährde«. (Rufe: Warum hast du nichts verfügt? Dieses Haus ist reif zur Auflösung!) Am 16. November verschwanden Polizisten^' aus der Stadt, bald darauf auch der Advokat Dr. Rudolf Fritz, der, nebenbei gesagt, gegenrevolutionär war und wahrend der Kommune als Gegenrevölutionär Kurierdienste leistete. Am selben Tage erschienen 30 Leute der Brach ialfvrmativn im Kecskemeter Gefangenenhaus, nahmen 36 der Häftlinge mit und verschleppten sie an einen unbekannten Ort. Dasselbe geschah mit mehreren Arrestanten des Polizeiarrests.. Laut dem Bericht war der Führet /dieses Detachements der Wachtmeister Michael Francia- Kiß, der im Dienste des Iwan Hejjas stand und zu dessen Detachement gehörte. (Abgeordneter Drozdy: Dieser Raubmörder! Abgeordneter Benard: Ich verbiete mir solche Ausdrücke über meinen Freund! Sie seiger.Schmutzkerl Drozdy: Sie verwahren sich vergebens trage ge«'! Wer Michael Francia-Kiß verteidigt', tft‘ selbst ein. Haderlump? Diese Aeußerung Drvzdys entfesselt einen furchtbaren Sturm, so daß der Präsident die Sitzung unterbrechen muß.) Rach'Wiedereröffnung der Sitzung verliest Benicky in Fortsetzung seiner Rede mehrere Dokumente, ebenso die Berichte des Oberstadthauptmanns von Kecskemet über die in dieser Stadt und Umgebung verübten Mordt aten. Unter, den Akten befindet sich auch ein solcher Über den Fall des Isidor Neuhau er, in welchem es unter anderem, wörtlich heißt: „Tfie hiesige Bevölkeruna ist in soschjem Maße schüchtert, daß sie sich' nicht traut, Datenbekanntzugeben. Die Rechercheure können auch nicht entsprechend recherchieren. Es wäre notwendig, Rechercheure aus Budapest und Szegedin zu entsenden." Die Untersuchung habe ferner ergeben, baß die Mordtaten zumeist von Bauern aus den Puszten aus geführt wurden, die, zu einem eigenen Detachment vereinigt, ihre Verköstigung auf Grund von Vifitkarte« des Iva« Hejjas erhielte». Der Polizeibericht erklärt schließlich, daß die Polizei außerstande sei, vorzugehen, weil eine unbekannte Mackt sich die ganze Angelegenheit zu eigen macht und die gegen Hejjas eingeleitete Untersuchung einfach als ein Attentat qualifiziert. Ueber die bei diesen Raubzügen zusammengerafften Wertgegenstände, erklärte Wachtmeister K i ß, verrechnen zu wollen; sie sollen für einen Fonds zugunsten der öffentlichen Sicherheit dienen. Benicky verliest ferner Akten über die bekannten Vorgänge in Jzsak, Kiskunsele gyha za, wo die überführten Mörder und Plünderer in Freiheit gesetzt wurden, daß in Kecskement unverantwortliche Elemente auch heute noch die Sicherheit ge-' fährden, und daß selbst die Mörder aus dem Budapester Klubcafe frei herumgehen und Sammlungen veranstalten. Benicky weist nach, daß die Zustände heute nicht- Hefter gewürdlen^^frNd,/ daß' dta^ WöfM 8ördn Mtz. im Prrtannra-Zotel . ist, äuch heute, noch sortwirkt, Erpressungen verübt und baß ganz besonders Michael Francia-Kiß das Pester Komitat in Schrecken hält und sich dabei beveichert. Benicky richtet daher an die Mgrerüng. die Anfrage: Ist. die Regierung geneigt, zu verfügen, daß die Personen, welche gezwungen waren, ans der Gemeinde Jzsak sowie den anderen zwischen der Donau und Theiß gelegenen Gemeinden zu flüchten, ohne Unterschied d«r Konfession die Möglichkeit erhalten, in ihre Wohnorte zurückzuöehren? Ist die Regierung geneigt, die öffentliche Sicherheit in diesem Gebiet mit völliger Schonungslosigkeit - wiederherzustellen? Ist die Regierung schließlich bereit, die an- :geblichen Oberleutnants Iwan Hejjas, Stephan Pata ky, die angeblichen Leutnants Franz Balogh und Füzessyden angeblichen Zugsführer Michael Francia-Kiß und seine 5?omplizen zu verhaften und vor das unabhängige ungarische Gericht zu stelle«? Ministerpräsident Bethlen versuchte in seiner Antwort das Vorgehen Benickys als einen Racheakt gegen die Regierung hinzustellen und erklärt, die vorgebrachten Fälle untersuchen zn wollen. In seiner Replik hebt Benicky hervor, daß er zu einer Regierung kein Vertrauen haben kann, die-es über sich brachte, einen Pro na i ins Ministerium des Innern an die Spitze der Gendarmerie zu stellen und einen Julius Gömbös als Bizestaatssekretär in dasselbe Ministerium zusetzen. Der Ministerpräsident werde nur dann berechtigt sein, in sohohem Ton zu sprechen, wenn er der Interpellation, besonders bezüglich des Hejjas, entsprechen werde. - Die Wirkung dieser Interpellation auf das politische Leben kann man aus dem folgenden amtlichen: Stimmungsbericht des Budapester Delegraphen-Korrespondenz-Bureaus erkennen. Die gestrige Interpellation des Abgeordneten B enieky wird in politischen Kreisen als ein Sturmlauf gegen die Regierung betrachtet, der wegen seiner nachteiligen Wirkung auf die innere, Konsolidierung sowie auf den guten Ruf des Landes im Ausland auf das schärfste verurteilt wird. Die Partei der christlichnationalen Vereinigung behandelte gestern abends die Interpellation und es wurde einstimmig der Auffassung Ausdruck gegeben, daß die Partei zwar jede in der Vergangenheit begangene Verletzung ber'Rechts.orbnung auf das tiefste bedaure und von der Regierung erwarte, daß sie mit ganzer Energie jedes Unrecht auf das schärfste, ahnden werde, jedoch der Ansicht sei, daß es den Interessen des Landes schade, wenn Ereignisse verhandelt werden, die im Zusammenhang mit der Revolution vor sich! gegangen seien. —y. Wien, 17. Juli. Die aus Ungarn kommenden Nachrichten lassen erkennen, daß die politischen Kreise in einer seltsamen Unruhe und Spannung den kommenden Tagen entgegensehen. Der Sturm gegen das Horthq-Regime bereitet sich vor, und daß sich seine ersten Anzeichen gerade im Lager der gewesenen Freunde des Reichsverwefers zeigen» gibt der Lage ihren besonders ernsten Charakter. Die Regierung har ihre besonnene Energie längst verpufft und schwankt zwischen Drohungen, Provokationen und ängstlicher Nachgiebigkeit. Der Minislerrad tagt unausgesetzt und die von der Regierungsseite erhobenen Klagen über die arbeitsunfähige Nationalversammlung ' zeigen die tiefe Kluft, die sich zwischen beiden aufgetan hat. Die Nationalversammlung will nicht arbeiten: >ste will nicht die Rolle des Abstimmungsmümelüken weiterspielen. sie will die verschiedenen Vorlagen trotz ihrer Aktualität nicht verabschieden, sondern will ihr Interesse lieber den Enthüllungen zuwenden, die einander in den letzten Tagen in gesteigerter Erbitterung folgen. Die Regierung ist im Bereiche der Nationalversammlung durchaus in die Verteidigung gedrängt und hat sich vom Reichsverweser die Ermächtigung zur Auslösung der Kammer erteilen lassen. Die Führer der Fronde sind StephanFriedrich und -Edmund Benitzky. Beide gehörten selbst Kabinetten an und beide haben an d^r. Schilderhebung Horthys teil* genommen. Es N.kein gutes Zeugnis für-die- De« mo^ratie Ucharns, daß der Kämpf um die Reinigung des Landes von den Parasiten gerade von diesen Männern ausgeht, die selbst sehr unerfreuliche Erscheinungen sind. Friedrich ist einer der geschmeidigsten Politiker, der den. Weg von der Karolyi-Revolütion durch ben Kommunismus bis hinab zum Horthy- System gegangen ist. stets aktiv, stets schiebend» stets -bemüht, auf der Seite der Majorität zu bleiben. Die gräßlichsten Exzesse der Gänsefederoffiziere gegen die Juden fallen in die Zeit seiner Amtsführung. Daß er sich von Horthy getrennt hat, mag seinen Grund darin haben, daß er, der bürgerliche Ingenieurfür die wirtschaftlichen Erfordernisse des Landes denn doch ein anderes Verständnis besaß, als der ungebildete Raufbold; man suchte sich seiner zu entledigen und wollte ihm im Tisza-Prozeß mit Hilfe bestochener Zeugen, gefolterter Sträflinge und gefälschter Briefe den Strick drehen. Aber die Intrige kam bald zum Platzen und Friedrich mußte sreigegeben werden. Er verließ den Gerichtssaal, in dem seine ebenso unschuldigen Mitangeklagten Fenyes und Keri, durch jahrelange Hast gebrochen, zurückblieben. Friedrich will jetzt sein Mütchen kühlen und aus seinen Anhängern eine „Partei der Mutigen" formieren, die sich vor allem gegen die Person Horthys wendet. Benitzky, der früher Minister des Innern war, blickt ebenfalls auf eine blütenweiße Vergangenheit zurück, die vor allem durch die Ermordung der zwei „Nepszava^-Redakteme geschmückt ist. Er ist Karlist und die Behandlung des Exkönigs durch Horthy hat ihn zur Oppositton getrieben, in der er durch seine Wiffenschast um viele Geheimakten gefährlich wird. Friedrich tritt mit einem politischen Programm auf den Plan, das für die Mafien viel Bestechendes hat. Er will die Herstellung der Rechtsordnung, die Agrarreform, die Wiedereroberung der Slowakei und die Anbahnung freundschaftlicher Beziehungen zu Oesterreich. Er wendet sich also ebenso an die demokratischen Bürger wie an die chauvinistischen Massen und die Ovationen, mtt denen er überall empfangen wird, zeigen die Stärke seiner Positton. Jede Demonstration gegen ihn ist eine Warnung an Horthy. Daß nun auch noch Geheimbefehle des Reichsverwesers in die Oeffentlichkeit geraten sind, die die Verhaftung Friehrichs trotz seiner Immunität anordnen, hat diesem neue Freunde zugeführt. Man kann das, was sich in Ungarn vorbereitet, am besten an der freitägigen Rede Benitzkys ermefien, der die Verhaftung der Lumpenkerle Hejjas und Genossen forderte. Das bloße Aussprechen dieses Verlangens ist eine Tat und beweist, wie verhaßt dieses Mordgesindel schon ist. gegen das sich sogar die Polizei stemmt. Die ungarische Regierung macht sich auch zum Gefecht bereit. Sie aeiat in der west-

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