Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 881 (10.7.1921)
- Date
- 1921-07-10
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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VM 4 /Men Sonntag Wirtschaft «nd Politik in Sowjetrußland. All» Nachrichten über die letzten Vorgänge in ^owjetrußland enthalten, wenn man die gewohnten Uebertreck ungen der Berichterstattung über russische Vorgänge abzieht, das Gemeinsame, daß die Vvlkskommisjäre beginnen, mit dem ausländischen Kapitalismus zu rechnen,, und auch im Innern ihr Programm, in verschiedener Richtung den Rücksichten auf die Bauernschaft anzupassen. Ueber die.bolschewikische Handelspolitik gibt ein Interview .Auskunft, das der Stockholmer Vertreter von „Politiken" mit dem Chef der russischen Handelsdelegation in Stockholm, Kertschentiew, hatte«. wobei sich dieser folgendermaßen äußerte: Was unsere bisherigen Handelsabkommen betrifft,, so ist das mit England durchaus befriedigend; es sieht auch alle besonderen Fälle vor. Größere Vorteil« aber bietet uns doch der Vertrag mit Deutschlandnach feinem Muster sind alle weiteren Abmachungen dieser Art abzuschließen. Unser« Verhandlungen mit Italien und Norwegen sind noch im Gang, die mit der Tschecho-Slowakei stehen vor dem Abschluß. Unsere Einkäufe in Schweden jm letzten Jahre wurden fast ausschließlich mit Gold bezahlt; nach meiner Schätzung dürsten es reichlich 100 Millionen schwedischer Kronen gewesen sein. Dazu kommt noch eine erkleckliche Dtenge russischen Goldes, das nach Schweden überführt und dort eingeschmolzen worden ist, hauptsächlich zum Zweck deweiterend Versands, unter anderem nach Amerika. Auf meine Frage, wieso denn Rußland bei seinem jetzigen Kleinbetrieb in der Landwirtschaft so große Maschinen benötige, erklärte Kertschentiewr Erstens hat Rußland neben den neuen Kleinwirtschaften noch viele große Güter, die vom Staat betrieben werden. Zweitens brauchen wir Maschinen auch für unsere Bauern; denn wir wollen unsere gesamte Landwirtschaft.modernisieren. Dies hängt vor allem ab von der geplanten Elektrifizierung Rußlands, die wir im Laufe von zehn Jahren durch zuführew hoffen. 36 Zentralen sind schon fertig, 32 weitere sind geplant. Sie werden einmal eine völlige Um-« gestaltung unserer Landwirtschaft herbeiführen; und! wie Sie sehen, ist gleichzeitig ein weitverzweigtes Retz elektrischer Bahnen vorgesehen. Für den Augenblick ist das Transportwesen unser schwächster Punkt. Doch vor allem gilt es jetzt die Lösung der Wirtschaftsfrage. Mehr als bisher werden wir in unserer Politik die Forderungen der Bauern berücksichtigen. Wir nehmen die internationalen Handelsbeziehungen wieder auf, begünstigen gleichzeitig die individuelle Wirtschaft und wollen zum Beispiel allen Hilfe leisten, die eine klein«! Fabrik einzurichten wünschen. Die Großindustrie dagegen bleibt in den Händen und unter der Aufsicht des Staates. Daß der Zusammenhang zwischen Petroleum und Politik nicht nur für die kapitalistischen Staaten, sondern auch für die kommunistische Internationale besteht, . beweist die in Moskau erschienene Denkschrift der Dritten Internationale: „Die Fragen der Kolonial- und Nationalpolitik und die Dritte Internationale", aus der Elias H u r w i e z in der „Weltbühne" den folgenden charakteristischen Abschnitt wiedergtbk: Das kapitalistische England kann jene glückliche Zeit nicht vergessen, da es Baku mit seinen Naphthaquellen in Händen hielt, räuberischerweise Dutzende' Millionen Pud Naphtha nach der Metropole ausführte und gleichzeitig Sowjetrußland von dem ihm so nötigen flüssigen Brennmaterial abschnitt. In Friedenszeiten brauchte Rußland für seine Eisenbahnen und seine Industrie 360 Millionen Pud Naphtha und' 2 Milliarden Pud D'onetz- und englische Kohle. Hatte die Unterstützung Kaledins, D'enikins und Wrangels zu ihrem wichtigsten Zweck, Sowjetrußlanb der harten Kohle, dieses Brotes der Industrie, zu berauben, so hat die orientalische und besonders die Kaukasus-Politik Englands zu einem ihrer Hauptzwecke, sich' wieder in den BesiH der flüssigen Kohle zu setzen, und die Sowjetregierung dieses ihr äußerst notwendigen Brennmaterials zu berauben. So gesehen, ist der Krieg zwischen der Föderation der Sowjetrepubliken und dem Wellimperialismus ein Krieg um harte und flüssige Kohle. Die Sowjetrepubliken sind bestrebt, die harte und' flüssige Kohle um jeden Preis in ihren Händen zu behalten, denn! sonst ist es nicht möglich, die zerstört« Wirtschaft wiederherzustellen und «einen glücklichen kommunistischen Staat, einen Staat der triumphierenden Arbeit zu schaffen. Umgekehrt: Die kapitalistischen Mächte, und vor allem England, sind bestrebt, uns diese Brennmaterialien« wegzunehmen — erstens, um unser« Eisenbahnen zum Stehen zu bringen, all« unsere Fabriken zu schließen und die Arbeitermalftn der Sowjetföderation durch Kälte und Hunger zu erdrosseln; zweitens',, um sich ein Naphtha-Monopol zu verschalen, um die Dividenden der Naphtha-Trusts und Naphtha-Barone zu erhöhen- So wird offenbar, baß die Verteidigung der Place d'armes von Baku nnd der Zugänge zu den Naphthaquellen die heilige Aufgabe des Proletariats von Baku und der arbeitenden Massen ganz AserbeitschanS ist- Bei d>-r Verwirklichung dieser Aufgabe können sie auf die energischeste Unterstützung der russischen, ukrainischen, tatarischen und bgschftr.isclM Republik, kurz: der Wiener Morgenzeit««^ arbeitenden Massen der allrussischen Föderation rechnen. Die russischen, ukrainischen, tatarischen, baschkirischen Soldaten der Roten Armee sowie die Kursanten, die hier auf der--Wache von Baku stehen, werden, im> Bewußtsein der ganzen Wichtigkeit ihres Postens,' im Falle der Gefahr die Zugänge zu dieser großen Stadt, dieser ideellen Feste der proletarischen Rebolution im Osten und diesem ökonomischen Reservoir, bas die proletarischen Republiken mit der kostbaren Naturgabe versieht, ohne die ihre wirtschaftliche Wiedergeburt undenkbar ist, mit ihrer Brust verteidigen. Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß nicht nur das Schicksal der arbeitenden Massen der allrussischen Föderation, sondern auch die Zukunft der Dritten kommunistischen Internationale in erheblichem Maße davon abhängt, im wessen Händen Baku sich befinden wird, diese fortan, heilige Stadt. Hier hat zum ersten Male der KongreHI der Völker des Orients stattgefunden, dessen Vertreter Rußland bis zum Tode zu verteidigen schwören, dieser Avantgarde im Kampfe mit dem Weltimperialismus um die Befreiung der arbeitenden Masse des ganzen» Westens und Ostens. Die politische« Verfolgungen in Rußland. »Praoo Lidu* veröffentlicht eine Interpellation der rechtsstehenden tschecho-slowakischen Sozialisten an den Minister des Aeußem über die politischen Verfolgungen i n R u ß l a d, worin auf die furchtbare Situation in Rußland hingewiesen wird, wo Inquisitionen, Hunger, Todesstrafen, Kerker und Hinrichtungen herrschen, wobei Frauen und Kinder nicht verschont werden. Die Interpellanten ftagen: Ist der Minister bereit, auf diplomatischem Wege die notwendigen Maßnahmen zu treffen, damit die Todesft r a f e in allen zivilisierten Staaten und insbesondere in Rußland aufgehoben werde? Ist der Minister bereit, dafür zu sorgen, daß gegen politische Urteile gegen sozialistisch Gesinnte in Rußland eingeschritten werde? Ist der Minister bereit, soweit dies auf internationalem Boden möglich ist. entsprechende Maßnahmen zu dem Zwecke zu tteffen, daß die Persekutionen von Sozialisten eingestellt und eine allgemeine Amnestie durchgeführt werde? Inland. Die auswärtige Lage Oesterreich». Das Expos« Dr. Schober». Bundeskanzler Dr. Schober hat gestern vor dem' Ausschuß für Aeußeres sein Exposä erstattet. Er konnte auf ein neues Moment Hinweisen, das für die nächste Zukunft Oesterreichs von großer Bedeutung werden kann, nämlich' auf den Eintritt des FriedenSzustandes zwischen Amerika und den Zentralstaaten. Di« amerikanische Politik muß in d«m Verhältnis zu Deutschland und zu Oesterreich neue Gesichtspunkte' au.fstellen. Bezüglich Oesterreichs kann es keine besonderen Schwierigkeiten geben. Die in Amerika Bebeschlagnahmten Guthaben und Waren Oesterreich- Ungarns können in ihrem Oesterreich; gehörenden; Teil als Pfand für Kredite 'herangezogen worden, und es wäre Sache Oesterreichs, einen solchen Vorschlag zu machen. Bet allen Fragen der auswärtigen Politik Oesterreichs muß die wirtschaftliche Seit« in den' Vordergrund gerückt werden und jede politische Aktion muß auf ihr« mögliche Rückwirkung auf die Lag« des Staates geprüft werden. Dr. Schober fordert Realpolitik, die stete Bedachtnahmv auf die Verbesserung der Lebensbedingungen des Staates und der Bürger. Daraus ergibt sich seine wiederholte Warnung vor allen Anschlußbemonstrationen, deren Gefährlichkeit für die Kreditaktion Dr. Schober kräftig.unterstreicht. In dieser letzteren -Angelegenheit ist der Kanzler optimistisch'. Er glaubt, baß auch Italien in die Zurückstellung der ReparationSrechte willigen und daß die Kreditaktion binnen kurzem in Gang kommen wird. Italien verlangt die Berücksichtigung seiner auf fünf Millionen Pfund Sterling geschätzten Okkupationskosten. Solange dies nicht geregelt ist, kann aber kaum mit einer raschen' Behandlung der Angelegenheit gerechnet werden, zumal auch die letzte Entscheidung bei Amerika liegt. Der Bericht der Finanzdelegierton des Völkerbundes ist von Frankreich bei Botschafterkonfexenz vorgelegt tootben, die zwei Bedingungen aufgestellt Hat: Die eine ist, baß die Bereinigten Staaten sich in diesem« Punkte den Ententemächten anschlteßen, und der Vertreter der Vereinigten Staaten bei Her letzten Botschafterkonferenz, Mister Görden, hat drei Fragen vorgäegt erhalten, um sie seiner Regierung zu übermitteln? Stimmt sie der Aufhebung des GeneralpfandrcchtS in Oesterreich bei? Wirb sie amerikanischen Privatleuten gestatten, sich an Vorschüssen und Anleihen für Oesterreich zu beteiligen, und wjirb fite auch zustimmen, daß ein Amerikaner an -er in Wien zu errichtenden Kontrollkommission Hilnehnre? Wir hoffen, schreibt her „Temps", baß die Untwlort der Vereinigten Staaten auf jede einzelne dieser Fragen günstig lauten Wird. Die zweite Bedingung beziehtsich auf die italienischen Ansprüche. Wenn man dies in Betracht zieht, ist es schmier, mit Herrn Dr. Schober an eine» nahen Termin für die Kredite zu glauben. Die Beziehungen zu den Nachbarstaaten sind gut und fte-rMMtlM tm die wsfftmgartM Fragp^ 10. IlM 1921 SSt. 88$ dieses schwächliche Adoptivkind' b-r üsterreichtschon «fl lttik, macht ihre Schwierig ketten geltend. Doch kann' man, wenn Ungarn von der Entente zu gutem Willen veranlaßt wirb, auf Beilegung hoffen. Erfreulich ist, wjas der Kanzler über bas Verhältnis zu Rußland sagte: Es ist gut, baß Oesterreich' hierin die Weg« der christlichsozialen französischen' Orientierung verläßt und Mißland nach' seiner Fasson selig werden läßt. DaS System Rußlands hat uns' nichts zu kümmern, solange es «nicht bei uns auf politische Werbung auSgeht- Der Kanzler sagte über diesen Punkt: „Am A «Nb' TS. Jttrck fanden hier unter Beteiligung vvn Rssortvertretern mit dem hiesigen russischen Vertreter in Kriegsgefangenenangelegenheiten Dr. B r >o n s k i Beratungen über ein Handelsabkommen mit Rußland und über eine Ergänzung-Vereinbarung hinsichtlich der Heimschaffung der Kriegsgefangenen statt. Diese Beratung«! hatten für beide Teile vorläufig nur Informativen Charakter. Dr. Brvnski wird nun unsere Mitteilungen seiner Regierung vorlegen und es wird sich nach seiner Rückkehr zeigen, was er aus Moskau mitbringt und ob er zur Führung von meritorischen Verhandlungen ermächtigt wird. Bet unS besteht die Absicht, zwischen Oesterreich nnd Rußland Vereinbarungen herzustelle«, die sich im großen und ganzen an das einschlägige Abkommen zwischen Deutschland «nd Rußland' Die Kreditaktion für Oesterreich. Dl« Ftnanzkoutroll». Gestern ist in Wie» d« dänische ScktionSchef R i i S" H a n s e», der vom Völkerbund als österreichischer Finanzkontrollor in Aussicht genommen ist, ringrtroffon. In den nächsten Tagen folgt ihm Colonel Schuster nach. Beide Herren werden hier längere« Aufenthalt nchme«, nm di« Kreditverträge vorzuberrtte». , , * Der ,TempS* teilt über die Aktion der Botschafterkonfereuz für Oesterreich mit: E» handelt sich jetzt darum, dir Kontrollkomunsston zu organisieren «nd der nötige« Fondist» d ist erste» Vorschüsse aufzubringem Die Kommission wird sich wahrscheinlich aus dem französischen Fmanzdelegierte» Avenol, aus Sir Basil B lacke t t als Repräsentanten Englands, audem dänische« Financkommiffär G l Ü ck ü a d und einem italienischensowieamerikanischen Vertreter zusammensetzen. Sie wird mit der Zusiimmung der Ententemächte ernannt werden, da sie die Rechte wahren soll, auf die die alliierten Regierungen provisorisch verzichten. Sie wird die Machtbefugnisie, die bisher das yinanzkomitee des Völkerbundes innebatte, sich evenwell übertrage» lasten. Sie wird « cht ständig in Wien sitz«, sonder« hier durch einen ständige» Agenten vertreten sein, der vielleicht der Direktor rm dänischen Fmanzm'.msterium Riis-Hansen sein wird. Auf diese Weise w rd die Finanzkontrolle wirksam und unparteiisch durch' geführt werde», ohne daß irgendein Konflikt politischer Smflüffe in Wien entstehe« kan«. Eine englische «nd e in t fra»tvsischeFl«a«zgr»Ppr »eigen sich bereit, die Fond« für die erste» Borschüst« zme BerfÜgvng zu stellen. Eint veatraleGrnppr wird ihrerseits wenigstens eine Million Pfund Sterling beitragen. I« Gänze hofft man in kurzer Zeit Vorschüße f Ü r s e ch S M o n a 1 r, die sich auf fünf Millionen Pfund Sterling belaufe« können, zusammmzubringen. Da» Länderbankgesetz. Bundeskanzler Schober «nd Finunzmmister Dokii,. Grimm sowie Minister des Inner» Dr. W a b e r pflogen gestern m»t de« Bettieter« der Großdeutschen Besprechungm in Angelegenheit de» L.8 n d e r b a « k g e s e tz e S. Die Regierung setzt all ihre» Eifer darein, die Zustimmung der Großdeutschen z» diese« Gesetzentwurf »u erlangen, «m ih» noch vor den Gomme»ftr,e« z« erledigen, da die interessierte« franzöfische» Kreise die Verschiebung der Angelegenheit für de» Herbst al« Ablehnung betrachten würden« Dir großdcutschm Abgeordnete« erklärte», die Eröffnungen der Regierung nur informativ zur Kenntnis nehmen zu könne«, da die meiste« Klubmitglirder Wim verlast« hält«. Sie müßten nach wie vor der Länderbankvorlrge in ihrer jetzigen Form gegenüber eine ablehnende Haltung einnehmen. Diese Abgeordneten negier« d« Zusammenhang zwischen Kreditaktio» «nd Länder, baukgesch, d« die Thustlichsozial« immer wieder energisch betonen- Interparlamentarische Union. Geste« fand i» ParlamentSgobäode die Konstituierung der österreichische» Gruppe der interparlamentarische» Union statt, au der Delegier der Christlichsozialeu, der Grobdeutsch«, der Bauernpartei und Abg. Czerniu teilnahmen. Zur« Präsident« der Gruppe wurde Abg. De. M a t a j a. zum Vize« prästdeuteu Miuister Dr. W a b e r gewählt. Die österreichische Gruppe wird bei tm vom tt. bis 19. August «Stockholm stattfindenden 19. Koufer«» de« interparlamentarischen Union durch ein« Delegiert« vertreten sein. Eine Einschränkung de» Optivns- . rechtes? Wie da» »None Wiener Abendblatt* erfährt, wird durch eine interne verfügnug drS BundeSministerS für Inneres angeordnet, daß Optio «Sa «suchen von Person«, die nicht mindesten -»ehnIahrem Wie« ansässig sind, ab,»- weisru sei«, während bisher eine genaue individuelle Brsisurg jedeersten Ansuchens vorgenowm« worden ist. —- Eine solche Berjügung wäre eine Verletzung drS Friedensvertrages. der von giner solch« zeitlichen Einschränkung nichts weiß. Es wird notwendig sein, daß die Regiernna diese Anocleaeuhett sobald als möglich asjkM.'