Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 878 (7.7.1921)
- Date
- 1921-07-07
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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; Sette 4 Wien. Donnerstag V"— " ' : "m ” *■"' . <'*«■ Tagesbericht. Einsteins zionistische Propagandarede in Berlin. Wir haben bereits voll der grüßest, dem Ausbau-Palästinas gewidmeten Massen-- klind-gestl'ing -in ^Berlin berichtet, bei der Redner aller Richtungen das Dort ergriffen und die durch die Zionistische Ansprache - - Professor Einsteins ihre besondere Bedeutung }_ erhielt. Der.Berliner „Jüdischen Rundschau" .entnehmen wir. die folgende Wiedergabe der \ ÄrBführungen Einsteins:. T.. - Wiederaufbau Palästinas ist für uns Juden keine bWe^Whltätigkeit -od-r Kolonialangelegenheit, sonderst ein Problem von zentraler Wichtigkeit iür das jüdische -Volk. Palästina ist in ersten Linie nicht ein Refugium für Ostjuden, sondern die Verkörperung, des wi-edererwa-chenden.. nationalen Gemeinscha.fts gefühlsaller Inden. Ist es nun zeitgemäß, und' notwendig, dieses Gemeinschaftsgefühl zu erleben .und zu st örken? Auf diese Frage glaube ich nicht nur aus meinem spontanen Gefühl heraus, sondern ans vernünftigen Gründen mit einem unbedingten Ja antworten. zu müssen. Lassen Sie unS einen kurzen Blick werfen^ auf die Entwicklung der deutschen . Juden in den setzten hundert Jahren. Vor einem. Jahrhundert noch lebten unsere Vorfahren mit wenigen Ausnahmen im Ghetto. Sie waren arm und von den Nichtiuden .durch. einen Wall von religiöser Tradition, weltlichen Lebensformen und gesetzlichen Befchrünküngen getrennt und in ihrer, geistigen Entwicklung' auf ihre eigene.Literatur.beschränkt, nur relativ, schwach beeinflußtdurch den gewaltigen' Aufschwung, den das europäische' Geistesleben in der Renaisfanoe: erfahren Hat. Aber eines hatten diese wenig beachteten, bescheiden lebender. < Menscheir vor uns vorausJe der v on ihnem gehörte mit allen Fasern sein es Herzens,. ein^r Gemeinschaft an, in der er ganz -chusging, in der er sich als vollwertiges Glied ssühlte.,,die . nichts.vvP ihmi forderte, was seiner natürllichen Denkweise' widerstrebte. Unsere damaligen Vorfahren waren körperlich und geistig ziemlich verkümmert, aber in sozialer Beziehung in. einem beneidenswerten srelifHen Gleichgewicht. Dann kam die Emanzipation. Sie botungeahnte Entwicklungsmöglichkeiten. Die einzelnen^ Individuen erlangten rasch Fühlung in höheren lvirLschaftlichen urch sozialen Schichten der Gesellschaft. Sie Mgän . gierig dm herrlichen Errungenschaften in sich auf, die Kunst und' Wissenschaft des AberwlandeS sgeschasien haben. Sie beteiligten sich mit glühender Liebe an Eser 'Mtwicklün.g, indem sie. selbst bleibende Wsrte schufenr.- Dabei nahmen sie -die Daseinsformen der ^richt^iLschen Welt au, wandteü sich' in'steigendem Maße von W.rsureligiösen und sozialen. Ne.bcrlieferung ab, nahriien mchtji'rdische Sitten, Formen.und Denkweise an. j0kn, üt^ sie sich restlos in den zahlenmäßig" weit überlegenen, politisch und kulturell höher organisierten Wirtsvölkern auf, so' daß nach einigen Generativsten nichts S ichtbaveS von' ihnen übrig. blieb. 'Eine, p o^l l st'ä n d i g e A u f l ö f ün g d e s j ü d r f ch e U Vo.lks-Lums. in Mittel- und Westeuropa schien unvermeidlich. Es kam aber anders. Es scheint Instinkte .rassenhaft Verschiedener Natchnen zu geben, die einer Vermischung ^ntgegenwirken. Die Mpassung der Juden an bis europäischen Völker, unter denen sie, lebten, .irr Sprache, Sitten, ja sogar -zum Teil in religiösen Formen, Sonnten nicht jenes Fr«mdheitsgefühl ausköschön, das Zwischen den Juden -und - ihren -europäischen Wirtsvölkern. bestand. Kurz, dieses spontane Gefühl der. Fremdheit , ist in. letztet Instanz auf die' Mnergieverminderung zurückzuführen. Dies ist. deshalb auch nicht durch wvhlgenreinte Druckmittel aus der Welt. Zu schaffen. Nationalitäten wollen nicht vermischt sein,, sondern , ihre eigenen Wege gehen. Ein Frieden.s- HUstarL. ist nur dadurch, herbeizuführen, daß sie sich gegenseitig dulden und achten. . Dazu gehört vor allem, daß wir Juden uns unserer Existenz als.Nationalität wieder-bewußt wer-d-en und daß wir diejenige Selbstachtung ,wieder erwerben, die wir zu dieser Existenz notwendig, brauchen. Wir müssen wieder lernen, uns zurm fever* Vorfahren und zu unserer. Geschichte zu bekennen und wir müssen als Volk wieder Kult-u.raufgaben auf uns nehmen, welche geeignet sind, unser Gemeinschaftsgefühl zu stärken. W genügt nicht, baß wir uns als Individuen an'der kulturelle« Entwicklung der Menschheit beteiligen, wir müssen auch solche Aufgaben in Angriff nehmen, die die nationale Ge* samt heit zu fördern imstande,sirch. Nur so kann sss? Judentum' wieder sozial gesund werden. •; ' Äm diesem Standpunkt aus - bitte ich Sie, die zionistische Bewegung anzusehen. Die .Geschichte hat «ns heute die Aufg abe Zugewiesen, beim Wirtschaft-* iichen und kulturellen. Aufbau- Palästinas tätig mitzu, wirken. Begeisterte und hochbegabte Männer haben die Arbeit vorbereitet. Viele vortreffliche StammeSgLnvssen jind- -bereit, .sichihr. voll und ganz zu widmen. Möchte jeder Ävn ihnen die Wichtigkeit des Werkes voll fühlen und nach Kräften zu dessen Gelingen beitragen! iJch möchte Ihnen jetzt noch' einige Worte sage« Aber meine Erfahrungen auf einer Reife nach Amerika, welche ich im Dienste der Zionistischen Organisator speziell für die Förderung der Universität. in Jerusalem in den, letzten Monaten'unternommen.habe. Nein größter Erlebnis war, baß ich zum ersten |iil.tuauut richIML-dtlKr» __Wiener M»rg«nzett»«z Mitteilllnge« ms dem PMikum. ChrSisttr v»a bester K&ufer Wiens SOU BRILLANTEN, PERLEN Juwelen, EdelsteinhHndler Rablnowiticb, Juwelier U ■AXUHUANSTRASSE 5 II., STEPHANIESTRA8SE 3, «or Nr. S (lafzlge Nofilerstr.) Tel. 8541 u 4$I46 (Jet;lgs Kollsndstmue) Im eigenen H«wa Haltestelle Opernrinf, Zag. K&rntnerstr. .. . saneug aeiohioMen. 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Ich habe gesehen, wie außerordentlich opserungsvoll und gestaltungsfähig diese Menschen sind. Sie haben es in kurzer Zeit dahin gebracht, daß zum Beispiel die geplante 'Universität, wenigstens soweit die medizinische -Fakultät in Betracht kommt, gesichert ist. Ich habe dort auch gesehen, daß es meistenteils der Mittelstand war und überhaupt das einfache Volk, nicht diejenigen, welche durch besondere soziale Stellung oder sonstige Gaben der Natur ausgezeichnet waren, daß die einfachen Menschen es.sind, welche noch das gesunde Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Opferwilligkeit im stärksten Maße gehabt haben. Ich habe dort den Eindruck gewonnen, baß, wenn es gelingt, bis Zentrale des jüdischen Volkes in Palästina wirklich' zu bekommen, dann haben wir, trotzdem wir in unserer großen Mehrheit Über die Länder verteilt bleiben, wieder ein geistiger Zentrum, und das Gefühl der Vereinsamung wich von uns weichen. Dieses ist die große erlösende Wirkung, welche ich mir von dem Wieder«« öuMu MlMnaS versprecht. -v'i ,, In Potsdam ist mit dem' Bau eines Instituts, zur Nachprüfung der.Relativitätstheorie begonnen worden. Man rechnet damit, das Gebäude bis zum Herbst dieses Jahres fertigstellen zu können. Das Teleskop wich nach Plänen konstruiert weHen, die Dr. Fre undlich vom Astwphysikalischen Observatorium in Potsdam vorgeschlagen hat. Die praktisch« Nachprüfung des Relativitätsprinzips konnte bisher nur gelegentlich vorgenommen werben, eigab nicht ganz einwandfreie Resultate und' setzt «ine ständige systematische Arbeit voraus, wenn eine befriedigende Lösung gefunden werden soll. Diese Arbeit kann nur von einem besonders' ausgerüsteten Institut, wie er setzt in Potsdam entsteht, geleistet werden. Eine der zu lösenden Auf«» gaben bezieht sich auf die Frage, ob' die Schwere ein«!»! Einfluß auf bas Licht mrMbt, da Einstein behauptet hät. daß zum Beispiel Hchtstrahlen, die von einem Fixstern aus. an' her Sonne vorüberk-immen, «-'gelenkt werden^ v' . " " v< '; ' * In der „Frankfurter Zeitung" schreibt Artur Eloesser: Bor dem EingangStore zum Blüthner-Saal ein unbeschreibliches Gedränge, Anfluten der wartenden- Menge.-gegen ein sturmfichevss'Gitter, das sich' durchaus nicht auftun will, stoßweises Zurückflnien gegen die Gtrgße, daß sogar die emsigen „Elektrischen" Zu vvr^ verhaltener- Fahrt und•-zur Rücksicht auf bÄrvhte Men-, schenleben nötigt. Beschwörung gegen daS unbarm* herzige. Gittertor und die dahinter verschanzten- Merker: wollen hinein,! Mr haben alle Karten! 7-> Zionisttsche Jungmannschaft übrigens von.einer Siam-' migMt, die gute.Kolonisten pepfpricht, versucht hieseS ChavS zu bewältige», M W^er^.schmäsen-''MSe, de»' nun sparsamgeöffneten Gitters einv^Kette von SipoS geMosfen hat. Wer eine Karte Kei^t — aber ich weiß nicht, was man den Braven alles, gezeigt haj-, darf unter ihren eifern verschränkten Armen hindurchschlüpfen. Einen so leidenschaftlichen Ansturm habe ick f seit einer Pariser Versammlung nicht, erlebt, in der Jaurds üher Proletariat und Weltfrieden sprechen sollte. Damals.versuchte ich ein sehr kleines und sehr älteres Fräulein, bas sich' ängstlich gegen mich' gepreßt . hatte, vor Erstickungsgefahr zu retten;- sie verschwand aber förmlich' untermeinen Händen, und bis auf einen in,der Fasson etwas gekränkten Blumeuhut. habe ich nichts mehr von ihr gesehen. Jetzt bewahrt es sich', baß besonders die jüngeren Damen bis strenge und sparsame Mode angenommen habe», überhaupt keine» Hut mehr zu tragen, und'nachdem wir einig« Treppen stür- »mh. M. Dy« ül Pi tim HyMM MW 7. Juli 1921 Rr. 788 . .. |)| . ■ --—-■ hüben, sitld die Frisuren durch! raschen Zugriff kn die jugendliche. Haarfülle auch' schon wieder geordnet, j Ich Saale sebst hat sich sofort Ruhe und Disziplin^ hergestaNt; ich bemerke sogar junge- Leute, die beul Damen und älteren Herren ihre frühe-rstürmten Sitzplätze mun wieder ab treten. Es geht ihnen um ein«! ernste Sache, um den letzte« über ursprünglich zionistische -kreise nun hinaus gehenden Aufruf an die Judvnheit 'ür das Siedlungswerk in Palästina, das gerade jetzt -ruuch' zwei arabische Pogrome mit Blut gezeichnet toüt* i )C« ist, Der erste Redner, Rabbiner Dr. Nobel (Franks urt), tzinterläßt' das Wort „an unseren großen Geinnungsgenossen Wert Einstein", der tatsächlich mit „nichtendenwollendem" Jubel empfangen wich. Bis er!>urch eine lei^r hunwristische Bemerkung abgvwehrt hat, kann ich' mir den berühmten Forscher der Zeit in Ruh-s an sehest, dessen Theorie niemand, zu erklären imstandh ist. dessen Stxllung. in der Geistesgeschichte aber von manchen auf die Höhe der Größen Galilei und Newtonj veranschlagt wird. Der photographierteste Mann dep. Gegenwart hat tatsächlich die langen. schwarzen 5kÜnsti lerlocke« und den wvich herunter hängerck>en Schnurr«! bart. Der feine Rasfevopf, von der Seefahrt gebräunh! scheint einem Musiker zu gehören — ohne andere Ein«, führung würde ich ihn einem Cellisten zuschreibM, b>ch im Adagio träumerisch' die Äugen schließt — und wi« ich höre, soll Professor Einstein auch' im familiärest Quartetts mit großer Auszeichnung die Bratsche spielen'-! Seine lässige und unoffizielle Haltung hat gar nichts von pwfefsoraler ex cathedra gebietender Würde mt&. noch weniger als nichts von der halbmilitärische« Forsch^ zu der^ sich deutsche Mlehrte m der wilhehninischey. . Aera erzogen, damals ließen sich' flotte Leutnants der Juristerei, schnurrbartstarke Majore der -Theologie unk! kommandierende Generäle der Philosophie feststellen^ D'ieser so ,Mgedient aussehende Einstein beginnt seine RÄe mit einem seifen, weichen, fast weiblichen!! Organ, bas trotz langer Bortragsub'ung gar keine! rhetorische'Schulung anzeigt und das sich ohne allen! Nachdruck dennoch mit einer unbegreiflichen Deutlich!-! keit artikuliert. Was sagt der berühmt-'. Mann? ZunächI das Durchschnittliche, das bei solcher Gelegenheit min-, bestens gesagt werden muß'. Aus einem recht fertigem Manuskript, daS einen freien rednerischen Einfall, eine. ' spontane Abschweifung kaum nochzuläßt, liest er einiges Sätze über die Schicksale der Juden im letzten J-ahrhundert, über ihre Zusammengehörigkeit und inneres Gewißheit'als sie «och! im Ghetto saßen, übtzr ihrst Uneinig!KLt, und 'imvere Ungewißheit, als sie eman^! " zipiert wurden. Dann selbständiger gegen sein M'anu^ skript erstattet Einstein den Bericht über seine 0teif$ nach' Amerika, die. hauptsächlich' der'^Propaganda jiltj die Errichtung einer UniversitÄ ist Palästina -galt.'! Man weiß', baß er vom Prä'! .'Enten der Per-' . einigtest Staaten empfangen und mit den größten Ehrungen ausgezeichnet worden ist,' denen sich ein deutsches- Gelehrt^:. ' im Aushind natürlichj — je aUszusetzest hatte. Man macht sich bereit, Chärakteristisches, Pikantes, Sensationelles aüs dem Laude der Unbegrenzten . Möglichkeiten zu hörchr,. zu der dichten Reihe von . Photvßraphien, die aus Einstein fast eine mänulichT Kinoschönheit gemacht hätten, noch den persönlichen Und intimeren Text zugeschenkt zu bekommen. Abest der Redner scheint auch von dM Reportern drüben nichts! gelechtt zu haben, und nach einigen unscheinbaren Sätzen« beschränkt er sich auf die Bemerkung: „Ich habe inj meinem Leben schon viele Juden gesehen; aber jüdij»! sches V o l k zum ersten Male in Amerika; noch dazu! frisch zugewandertes aus hem östlichen Europa." DaS sagt er ohne Pathos, er hält auch.nach dem Mtz nicht' inne, um ihn in den Hörern auSllingen zu kaffen.' Aber man fühlt: DaS ist-Erlebnis und Gelöbnis, Hin-^ «gebung und Aufrichtung, schamvolle Trauer und bindender Schwur.. Und während der Hörer mit diesem Satze'län'gst noch nicht fertig ist, ist er e§ schon miß seiner Rede und hat hinter dem BvrstandStlsch eine! Deckung genommen, die ihm gdgen einen Sturm VW Jubel! und Beifall Unterstand gewährt. -' M > Dieser Mann hat sich für den Verkehr mlt dev Oefstntlichkeit nicht «cksteschliffey, ünd man. begreift schnell,' daß er einer von den ÜneitM, aber auch UNß mißtrauischen und Ungerüsteten ist, die jedem Zudrang von' Msstagern - und Auslegern Leicht zum Opfer! - fallen. Einfwin hat wenig zur Sache gesagt, und Kochs ist jeder der zionistischest' Hörer zufrieden, well er e9| gesagt hat; seine Persönlichkeit, weichi und! verhalten^ aber voll Richtung und stiller Gewalt, hat ihnen BürgH ' schast hinterlassen. « - Sch«lschl«tz am Mische« Real» gymnafium. Am 6. d. M. schloß dar Wiener jüdische RealavAnasinnr sei« -weite- Schnljahr- Zw zwei Klaffen, von dm« die erste in drei. die rweite in emre -Abteilung geführt wurde, genossen 204 Schüler, davon IW Knaben rmd H Mädchen, den erste» von jüdischem Geiste getragene« Gymnafialxnterricht « Wie» Nar 32hatten sich der dvrchde»Zuwachs des HebrLisch e« vermsachtm Erschwerung devorgeschrirbenen Lehrplänenicht gewachsen gezeigt. Di« überwiegende Mehrheit der übrige» hat durch ihre Lernerfolge bewiese», daß die Erricher einer solche» Anstalt, die in einer für »ns« Volk entscheidenden Zeit de» nationalen Geist i» die Seele des jüdischen Nachwuchses pflanzt, den.richtige» Weg beschrittm »nd der Jugmd «ich die richtigm Führer auf dies« Weg «iigegeße« haben. Allen'voran gebührt' wohl tzW DßM» Dr, bann ober s»ch hM