Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 864 (23.6.1921)
- Date
- 1921-06-23
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Donnerstag - .---r‘ -Bll 1 _ÜJ PolLtische^Rundschau. Faszisten, Deutsche und Slawen in der > italienischen Kammer. In der gellriflcn Kammersitzung nahmen nach dem Führer der Fassistrn. Musolim der deutsche Abgeordnete von Wallkcr (Boten) und der Slawe Rybar das Wort zu programmatlschcn Etttäruncen. Die Worte Walthers waren sehr sorgfältig, wenn auch be* . ftnmnt gewäklt, und wurden' von der Kammer im allmmnnm t» Ruhe ausgenommen. Sie enthielten daS Bekenntnis der deutschen Nationalnäl der durch ihn vertretenen Gebiete mrt der Versicherung, daß die Leuischen Abgeordneten berett seien, den Verhältnissen Rechnung zu tragen und im Interesse der deutschen Provinzen Arbeit zu Irrsten. Dann vcrlaS Abgeordneter Wal her eine ErklL ung, m der gegen die durch die Fr edenskonserenr bewirkte Zerstückelung Tirols protestiert und das Recht der Selbstdeßimung gefordert wird. ,0 Dann ergriff der slawische Abgeordnete Rybar daS Wort. Er ging von der Feststellung aus, daß das vo« ibm verirrtene Gebiet slawischer Rationalität sei. Die Kammer wurde unruh g. gls er das Vrecht in Anspruch nahm, in de« italienischen Kammer slawisch zu sprechen. Er kam auf die Wahlen zu sprechen, und «anme d»e Art, wie sie veranstalret worden seien, «ne Schmach nnd eine Schande. Die Faszlsten erhoben einen ungeheuren Lärm. Der Plästdent ries Rybar zur Ordnung. Er solle das «auonale Getühl des italienische« Parlaments respektieren. Rybar entschuldigte sich, erklärte aber, dre Statistik werde ihm recht geben. Dres müsse jedoch ebenso actum gemacht weiden wie in Ju'vslawim. (Neuer, endloser Tumtut. Die Nationalisten schuem: .Tellerlecker!* .Kroate!*) Als Rybar aus die H a l t u n g des italienischen Militärs zu sprechen I am und hiebei in derselben Tonart weiterfuhr, erhebt sich G t ö 1111 i tmb protestrerte in großer Erregung >m Namen der Regierung. Rybar leiste seinen Provinzen durch solche Sprache ßinen schlechten Dienst. Die Faszisten biüllten: »Rassenesrl!" Kroate!" Rybar endete, indem er die Hoffnung ausdrücke, daß 'S gelingen werde, zu einer sruchtbaren gemeinsamen Arbeit zu fommen. Dir Faszisten brüll' eu: .Nein! Nein!" Traußen vor hem Parlament waren Kordons gezogen, weil die Faszisten etne Demonstration beabilchtigten. Die Marienbader Entrevue. Marvewbad, 22. Juni. (Tschechvslow. Preßbur.) Die Fortsetzung der Verhandlungen mit den leitenden tschecho-slowakischen Staatsmännern entsendete ungarische Abordnung ist hier eingetroffen. Die ungarischen And die tschecho-slowakischen Staatsmänner sind in demselben Hotel untergebracht. Die Verhandlungen sollen in Form vertraulicher Unterredungen in den Privatzimmern der Minister Banffy, Teleki und Dr. Be ne sch stattfinden. Nach einer Mitteilung des Ministers Banffy gelten die Verhandlungen hauptsächlich Rechts- und finanziellen Fragen. - Marienbatz, 22. Juni. Minister des Aeußern Dr. Be ne sch ist heute mit den Mitgliedern der tschecho-slowakischen Delegation hier eingetrosfen. , Pole« ««d die Tschecho-Slowakei. Warschau» 22. Juni. (P. G.) Wie die Blätter melden, sollen dre maßgebenden politischen Kreise Polens die Nachricht «halten haben, daß in den Anschauungen der tschecho-slowakischen Regierung über die ober!chlesi'che Frage eine prinzipielle Wrntzuug e,ngetreten sei. Während bisher in Prag eine den polnischen Interessen feindliche Tendenz vorherrschte, ist nun« hr dre tschecko» ^slowakische Regierung mr Uehrtzeugung gelangt, daß dir polnischen ^Forderungen gerecht und billig sind und nicht bloß den poliiischen!«id wtrtsckaf'lichen Interessm Polen-, sondern» auch jmen jssaropa- Rechnung tragen. Dre Krakauer »Rowa Resorma* sschretbl in Ergänzung d eser Nachricht: Wen« e-sich tatsächlich i«n eme dauernde und aufrichtige Aendrrung der bisherige« itschecho-slowa'nchen Politik in dreier Frage handelt, svrrd ein »solcher Umschwung die Finallsirrung des polntsch-rumäntschey »Abkommens tmb die Diskuisiou über die evenivelle Teilnahme -Polens an der üciven Entente wesentlich erleichtern. Inland. Wiener Landtag. Sitzung am 22. Juni. D« Landtag von Wien nahm in seiner gestrigen Sitzung nach längerer Beratung die Gesetzesvorlage, betreffend die Abänderung der gesetzlichen Bestimmungen über die Lustbarkeitsabgabe in Wien und jene betreffend die Einhebung äner Landesabgabe von dem Verkaufe bestimmter L)ajxen und von dem Entgelt für bestimmte Leistungen» jitt der Stadl Wien (Lyx ns warenab gäbe) an.?Die chriftlichsozialen Redner versuchten ln letzter.! Stunde noch einige Abänderungen mit Erfolg, j Sehr interessant waren die Ausführungen Doktor .'Bruno Pollacks. Er führt« unter anderem aus,!d«ß jedermann für die Besteuerung des wirklichen Luxus sein muß, daß aber die im Anhänge verzeichneten Artikel zum großen Teil auch nötige Bedarfsartikel umfassen. Es ist anzuerkennen, daß der Referent mit seinem Stabe vorher Tage und Nächte mit der Kaufmannschaft verhandelt und sich zu großen Zu- Zugeständnissen verstanden hat, so daß zurzeit sämtliche Artikel der Baumwollindustrie nicht mehr abgabe- WiMig surd.^ ^de^utun^svoUis^dast -nach dem vor¬ Wiener Morg««,«kt»ng " A. Juni 102t - liegenden Entwurf es genügt, daß Bücher und sonstige Aufzeichnungen zu führen, wodurch viele Bexationen erspart bleiben. Der Export unterliegt nicht dieser neuen Steuer. Redner erörtert ausführlich die krisenhafte Lage von Industrie und Handel, welche gegen die Einhebung einer derartigen Steuer sprechen, andererseits ist die Finanznot der Gemeinde eine ganz kolossale. Er stellt verschiedene AbänderungSanträge, die zum Teile von den Christlichsozialen unterstützt, von der Majorität abgeiehnt werden. Speziell macht Doktor Pollack de» F'nanzrefertznten aufmerksam, daß die Fassung des § 1 die Tätigkeit des vermittelnden Agenten unklar ausdrückt und verlangt klare Formulierung, weil sonst die legitime Agentschaft durch falsche Auslegung des Gesetzes in die Steuerpflicht käme, was vom Stadtrat Bceitner zugesagt wird. Für Len Schutz der bäuerlichen Preistreiber. N Landtag Niederösterreich-Land. Im E n!auf befindet sich eine Anfrage der Abgeordneten Haberl und Genofien wegen' drakonischer Btst>awnaen däacrl'cher Besitzer, namen'l'ch dn,ch das Desirksgencht Dobersbrrg- Die Interpellation spricht von Blukurteilen fl?) g-gen die Bauernfchaf', die durch ms nicht g-w llt sei, die Willkür plnleickcher R ckl'r an sich anStobew z» lassen. Nach Auizählung einiger besond rS krasser Fälle stelle« die Interpellanten die Ansiaoe. ob der Landeshauptmann bei de« obersten Justizdehötdev dahm wirken wolle, daß die Preistreiberei» bestimmungm in einer Weise aniewendt werden, dre dem Geist wahrer Gerechtigkeit entsprichen, und ob et bet dielen Behörden dahin vo stellrg weiden wolle, daß die von bäuerlicher Se»te auf gestellte Forderung zur Bemessung von Fachkommissionen in PrelSireiberetang'legenhni-n berülsicht gt werde. Dre Verlesung der Anfrage wird von den Chiistlich'oüalen an verschiedenen Stellen von lebhaften Zwischmru^en. wie: Pfui! Skandal! Da hört sich doch allcS aus! Der Frauk-Antrag rm Raüonalrar! unterbrochen» Die Liquidierung der Oesterreichisch- «ngarische« Bank. D « ßoitfefeuttg btt ftimfiKiti dir Ute die Liquidierung der Lesierrrichisch-ungarischen Bank ist sür de» 27. d. M. festgesetzt. _^ Die Volksabstimmung ln Steiermark abgesagt. Aus Graz wird gemeldet: Der Arbeitsausschuß für die Volksabstimmung^ verlautbarf, daß die Borbereitungs» achten und die B.psammlungstätigkit bis auf weiteres einzustellen sind. Daher finden bie bis jetzt angekündigten 113 Versammlungen für die Bolksabstimmüng einstweilen nicht statt. — In der Landesregierung ist wegen der AbftimmungS» frage eine Krise entstanden; Dr. R inte len, der sich überred«« lassen wollte, feine Demission zütückzuziehen, ist von de» Großdsu.sche« gezwungen worden, endgültig, zu gehe«. Die Kaufmannschaft an Bundeskanzler! Schober. Das Gremium der Wiener Kaümannschaft hat in seiner gestrige» Piäsidialfitzung den Beschluß gefaßt, den Bundeskanzler Schober, dessen Amtsantritt alle wnt chastlichm Krei'e bie größten Hoffnungen enlgegenbringen. in einer besonderen Zn> scherst zu begrüße«. ES wmde zum Ausdruck gebracht, daß die Kaufmannschaft von der Regte, ung Schober mit Rück, sicht auf die großen Detdienste, dre sich der Bundeskavzlrr i« Bereich, seiner Tätigkeit in Hinsicht auf die Herst llang der Ordnung erworben hat, envartet» daß er «un auch sehr viel z«r Wiedetherstellung geordneter BtrdÄwiffe bei, traar» «etde und daß da« große Verständnis, das Bundeskanzler Schober br-nun allen wtrrschaftUche» Frage» entgegengedrncht hat, her Kgusmanuichait zugute komme. Die Wiener Lehrer gegen Vizekanzler Dretsky. Gestern fanden in ganz Wien die Bezirkslehrerkonferenzen statt. Sie verliefen durchwegs ohne Zwischenfall und waren einmütige Kundgebungen für eine ungestörte Weiterführung der Schulreform. I» dreizehn großen Konferenzen versammelten sich die dreitausend Lehrer und Lehrerinnen der Stadt Wien unter dem Vorsitze der zuständigen Mzirtsschulinspektoren. Während im Vorjahr der neue Lehrplan den Gegenstand von Beratungen bilde e, wurde diesmal üb^r Vorschläge für eine zeitgemäße Beurteilung der Schulkinder und ihrer Leistungen verhandelt. Neben die bisherige Klassifikation der Schülerleistungen soll vom Schuljahr 1^22—23 an, auf wissenschaftlichen Grundlagen fußend» eine genaue Schalerbeschreibung treten» welche-dem Lehrer die Möglichkeit gibt, sich «in getreues Gesamtbild von der Leistungsfähigkeit der Schüler zu machen und auf Grund dessen einen wohlbegründeten Rat für die Entscheidung über die weite« Schulbahn und die Berufswahl zu erteilen. Geteilte Meinung herrschte hinsichtlich der Einführung .eines neuen Lesebuches, das, vorläufig nur in Probedruck vorliegend, im Schulbücherverlag, erscheinen soll. In einigen Bezirken wurde an dem jüngst er» schienenen Erlaß des Unt«rrich sanijus Über di« weißere Anwendung des neuen Lehrplanes scharfe Kritik geübt. weil sich in ihm ein durchaus zeitfrepchtr« «form* jeiudliAer Geist auAdrückbe^ .Es. wurde, lebhafftes. Befremden darüber ausgedrückt, daß ein solcher Erlaß aus j einem Amie hervorgehen konnte. daS in Mer Reform-i abteilung Fachleute vereinigt. Die in der Versammlung, anwesenden Vertreter btt Reformabteilung des Unter* richtSamtes gaben hierauf namens dies r Abteilung gende aufsehenerregende Erklärung ab: „D e Reformabteilung ist am Zustandekommen dieses Erlasses in keiner Weise beteiligt gewesen und wir haben uns vom Herrn Bizekan'ler B reifkh die Ermächtigung erwirkt. dies ausdrücklich f^stzusbrllen." Diese Erklärung ries Berregung hervor. Die Länder und der Staat. Im Vo'arlberaer Landtag erklärte vorgestern der LandeShauvtmann Dr E n y.e r, die Ursache der Regierungskrise sei nicht tu Du«, so«dn« in dm Ländern zu suchm. und sei dadurch' bervargenifm worden, daß die Länder die Führung der Außm- Politik a« sich rechen wollt«, die nach der Berfasinng ein Recht des DnndeS fei. Die rinz g richtige Haltung, die dre Länder eiunebmm müssen, solang e f i e sichbeiOesterrerch befind e « ist, daß sie sich «ach d e r B e r s a s s« « g richttn. DieBerhSlt«issesi«dstärt er a l S d e t Willeimeigene«8a«de. Man fann sich die Länder derzeit nur i« Rahme« Oesterreichs denken. Heute wollm wir praktisch srtn, rechtlich sein ««d an! dem Bode« der Berfaffung stehm. Daran wird sich der Landtag in seiner gesetzgebende« und verwaltenden Tätigkeit halte«. Telegramme. Iudenmorde in Sibirien. London 21. Juni. (Privat.) Reuter meldet aujtz Shanghai: Herr Stefan, ein Schweizer Bürger,! welcher soeben aus Ugra, dem gegenwärtigen Hauptkonzentra ionspunkt der antrbolsche.vikischen Streitkräfte in Sibirt u. zurückoLkehrt ist, schildert der Reuter- Agentur einen Pogwm der antiüvlschewikischen Soldaten des Barons Ungern in Ugra. Er berichtet: „Ich habe Ugra in Begleitung von drei Juden, Dr. Gastkin, Zuckermann und Marksohn, verlassen. Soldaten der russischen Armee des Baron Ungern hielten das Automobil! auf. in welchem wir saßen, und prüften die Pässe der Reisenden. Ihr Anführer, Hauptmann Feodvrow, wies! mir einen Beseht des Baron . Ungern vor, Me Juden, Bolschewiken und chinesischen Soldaten auszurotten'.' Nach der Paßvisitation wurden die drei genannten Juden von den Soldaten erschossen." Stefan gab ferner an, daß Kosaken in die jüdischen Wohnungen in Ugra eindvangen und niedermachten, wen sie fanden.. Am nächsten Tage sah man vor den Häusern die Leichen der Ermordeten liegen, darunter Kinder, denen jhmcho und Füße abgeschnitten waren. s^- Brrurteilung na« Rabbiner« in Sowjetrutzlaud. «k-Ä, Sl. Juni. Md. ftott.-Säme.') Edier Mrldüng der Petersburger „Prawda" zufolge verhandelte pdr einigen Tagen das Revolutionstrwunal in Smolensk die gegen eine Reihe von Geistlichen der rechtgläu- -igen, katholischen und jüdischen Konfession erhabene Anklage wegen gegenrevolutto- «ärer Umtriebe. DaS Gericht nahm bi« gegenrevolutionäre Betätigung , der Rabbiner im Wege der Gesellschaft zur Hilfeleistung an arme Juden als erwiesen an und verurteilte die Rabbiner GinSVerg und Friedland sowie hen Vorstand der jüdischen Gemeinde zu zweijähriger Gefängnisstrafe. Dis Synagoge wurde von den jüdischen Kommunisten beschlagnahmt. s -! L'_J Ei»eKovfere«z der jüdischenGernewden in Lettland. Riga, 20. Juni. (JÜd. Korr.--Bur.) Für den 27. d. M. wurde eine Konferenz der jüdischen Gemeinden in Lettland einberufe«. * Die Konferenz wird eine autoritative Körperschaft zu schassen haben, welche als die rechtmäßige Vertretung sämtlicher jüdischer Gemeinde« im Lande zu fungieren haben wird. Did Konferenz wird auch eine» größeren Kamps nach außen aufnehmen müsse«, und zwar mit der im ganzen Lande umsichgreifenden und wohlorganisierten antisemitisch en Propaganda! Ltigkeit, welche in letz er Zeit einen erschreckenden Umfang angenommen hat. ES sind nicht mehr geheim« Organisationen, die sich der antisemitischen Hetzpropaganda befleißigen. Diese Tätigkeit wird vielmehr von der gesamten nichtjüdischen P.esse des Landes betrieben und sogar hie Beamtenschaft nimmt an dieser .Arbeii offenkundigen Attteil. L . i;; < j Antisemitische Unruhen in Algier. fw», 20. Jmii. (Prwat.) Wie bereits gemelbek kam er. infolge der Hetze der französischen Zeitung „Tribut in Konstantine zu Judenkrawallen. In de» Pariser Presse werden nunmehr Einzelheiten berichtet Die Juden hatten die Maßregelung des Antisemiten« blattes verlangt. Die Agitation wurde jedoch fortgesetzt und steigert« sich zn einem antisemitischen Uebersall auf daS Lokal des jßd '.scheu Sportklubs „Schomer". Es kan» nunmehr zu Straßenkmwallen, in deren Verlauf daä Lokal der „Tribüne" angegriffen wurde. Die Aw rich,tuug deK Hetzblattes, wurde Zerstört u»td ein Test