Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1921-06-15 · Heft 856 (15.6.1921) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 856 (15.6.1921)
Date
1921-06-15
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2979076-2979773-2979935--07874-2993969
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite'2^ Men, Mittwoch ' Die politische» Derhüttnisse der Jude« In Lettland. " Dve jüdischnationale Wbgedrdnetk int lettischen Parlament,'Dr. I. Hellmann, tzab anläßlich seiner^ Anwesenheit bei der Tagung der Exekutive der jüdischen LLelthilfskonferenz in Wien einem loserer Mitarbeiter Interessante Aufschlüsse über die politische Lage der Inden « Lettland. Er führte unter anderem aus: Iw Lettischen Parlament wurde vor kürzem eine Frage behandelt, welche von prinzipieller Bedeutung für die gesamte Judenheil ist. Das Parlament nahm em von den jüdischen Deputierten eingebrachtes Amendment zum S-onntagsruhegesetz an, welches lautet: ^Arbeiter und Angestellte, welche aureligiösen oder nationalen Gründen am Sabbat iruhen, können am Sonntag arbeiten." Bei der ersten Lesung stimmten für dieses Amendement nur die jüdischen Abgeordneten und die der anderen Minderheiten, insgesamt sechzehn Deputierte. Durch Verhandlungen wurde erreicht, daß die Sozialdemokraten bei der dritten Lesung des Gesetzes für den jüdischen Antrag stimmten, wodurch er durchdrang. Die Annahme dieses Zusatzantrages xief bei den Regierungsparteien große Erregung hervor and sie hielten eine Reihe von antisemitischen Weden, die in Ton und Inhalt an die Reden in der zaristischen Duma erinnerten. Die jüdischen Deputierten antworteten daraus energisch. Die Regierungs-, Parteien haben dann bei der Abstimmung über das ganze Gesetz alje ihre chauvinistischen Kräfte mobilisiert und das ganze Sonntagsruhegesetz, zu Falle ge» hracht. Ei» lebhafter Kampf wird auch im Parlament mn die nationale Autonomie geführt. In der Berfassungsbommission des Parlaments wurde nach Debatten, welche ganze sechs Wochen währten, das ho» dem Vertreter der Zeirei-Zion vorgeschlagene Auto» pomieprvjekt angenommen, nach welchem den nationalen Minderheiten das Recht der Autonomie zusteht, auf Grund dessen sie nationale Organe 'mit öffentlich-rechtlichem Charakter und Steuer zwang schaffen dürfen, in deren Kompetenz die kskLnrellen und sozialökonomischen.Fragen gehören. Die Regierungsparteien trieben in der Hauptkommission Obstruktion gegen den Antrag und schließlich kam es K» einer Einigung, nach welcher die soziale Tätigkeit ebenfalls in die Kompetenz der autonomen Organe gehöre, doch sollte nicht von einer nationalen, sondern bloß von einer kulturellen Autononiie der Minderheiten gesprochen werden. Inzwischen aber wurde die Versassungskommission von 26 auf 16 Mitglieder Deduziert und die Regierungsparteien benützten den Anlaß, das einzige Mandat des Vertreters der Minderheiten mit einem Letten zu besetzen. So ist anzunehmen, daß das Autonomieprojekt in der Hauptkommission durchfallen wird, doch wird es im Plenum wieder etugebracht werden. Allerdings wird dadurch seine Durchführung schwieriger. ’r Für die Juden Lettlands ist von besonderer. Wichtigkeit die Frage der sogenannten „A ch t z i g e r". Lettland hat das reaktionärste Bürgerschaftsgesetz, das «s gegenwärtig gibt. Danach kann Staatsbürger nur der sein, welcher in der zaristischen Zeit in die Bürgerschaftsbücher der Gebiete eingetragen war, welche zum tzentige» Lettland gehören. Da nun das heutige Lettland außerhalb des früheren Ansiedlungsrayons gelegen war, beträgt die Zahl der Juden, welche in den Dürgerschaftsbüchern eingetragen sind, nur etwa 16 bis 20 Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung Lettlands, 80 Prozent sind «nach dem Gesetz ^Fremde", bei den«» spezielle Steuern einige hoben werden und die jederzeit gewärjigen können, des Landes verwiesen zu werden. Durch das private Mmgreifen des Herrn P. M in z gelang es, die Regie- «mg zu überzeugen, daß lettländische Staatsbürger jauch diejenigen seien, welche in der zaristischen Zeit jm dem '«tzt lettlänbischen Gebiet auf Grund einer provisorischen Verordnung vom Jahre 1893 wohnen, bas heißt alle diejenigen, welche dort seit dem 1. Mai jl880 ansässig sind und demzufolge durch die erwähnte provisorische Verordnung bas Wohnrecht erhielten, obwohl sie in den Bürgerschaftsbüchern ihres ständigen Wohnsitzes nicht eingetragen waren. Aber dieses private .Eingreifen hatte, wie jeder politische ' Schritt eines» privaten, keine sichere Wirkung. Per Senat verwar» diese Interpretation und nach 'seiner Entscheidung sind Me sogenannten „Achtziger" Fremde. Ihnen werden Mlch die lettischen Pässe jetzt ab genommen. Dies hat Mrter der Judenschaft Lettlands große Erregung hertzorgerufen. Die jüdischen Deputierten haben nun im ^Parlament ein Amendement zum Bürger- ^schaftsg «setz eingebracht, laut welchem lettische' Staatsbürger xllle diejenigen sind, welche in Lettland ißeit 1914 wohnhaft sind, sowie alle die, welche im November 191.8 zur Zeit der Proklamierung der Lettischen Unabhängigkeit dort ansässig waren. In der ^juristischen Kommission, wo Meser Antrag von dem jZionisten Trohn begründet wurde, wurde der zweite Mil über die Seßhaftigkeit seit 1918 abgelehnt und Ler erste Teil in der Fassung angenommen, daß lettische Staatsbürger alle diejenigen feien, welche in Lettland bis 1914 wohnhaft und durch fünf Jahre im Lande seßhaft waren. Die Hauptkommission hat jedoch den ganzen Antrag abgelehnt. Diese Frage ist jetzt die KremMdÄe für die Judenschaft Lettlanditnb von, WrenerMorze«zeLmig ihrer Entscheidung Hängt bas Schicksal von 60.000 bis.70.000. Juden ab. / , Pottttsche^undschau. Der kanadische Ministerpräsident über de» gionismns. Bei dem offiziellen EmpfaugSbankett zur Begrüßung der zionistischen Delegation hielt der Ministerpräsident von Kanada, Sir Arthur Meigha«, eine Begrüßungsrede an Prof. Weihmann, in der er unter anderem das folgende ausführt: Ich besitze keine genaue Kenntnis der Sache, in welcher Dr. Weitzmann zu uns kommt; doch, indem ich ihn aufs herzlichste bewillkommne, darf ich vielleicht einige Bemerkungen zur Frage der Politik, für die er Sympathie pnd Unterstützung zu gewinnen sucht, machen. Ich bin nicht in der Lage, mich mit praktischen Anregungen an, der .Diskussion über die praktischen Methoden des Zionismus zu beteiligen- Ich kann nur allgemein sageck, daß ^er Zionismus sich glücklich schätzen darf, nun da er sich zu seinem letzten großen .Unternehmen anschickt, der Verwirklichung all seiner.Hoffnungen, daß er der Träger eines großen Ideals ist. Der Reiz eines nationalen Heims, eines Heimatlandes, muß. unbedingt Begeisterung und Aufopferung Hervorrufen, und die lange Trennung von Zion verstärkt eher den Appell an das jüdische Volk, als daß sie ihn schwächt- Welcher Appell aber könnte von größerer Wirkung sein, als der bloße Wille zur Rückkehr? Das jüdische Volk hat Palästina von jeher als seine geistige'Hoffnung betrachtet; nun soll es sein geistiger Mittelpunkt werden. Es soll der Schaffensort und die Schatzkammer des jüdischen Jhealesmus werden. Welch , erhabene Rolle hat der jüdische Geist in der Weltgeschichte gespielt! Verdanken wir Griechenland unsere Auffassung vom'Schönen, Rom unsere Rechtsgrundideen, so verdanken wir Palästina die Religiondie den Grundstein unserer westlichen Zivilisation bildet. Sinai ist ein jüdischer Berg; Oelberg und Calvarienberg aber sind es gleichfalls. Seine höchste- Daseinsberechtigung findet der Zionismus jedoch meines Erachttzns nicht einmal in diesem kostbaren Weltvermächtnis. Es ist dies nur eine Andeutung dessen, was die Judenheit zum Wohle und zum Fortschritt der Welt 'noch beitragen dürfte. Nach einer neunzehn Jahrhunderte chau^rnden Zerstreuung, Verirrung und mehr oder minderen Unterdrückung, was dürfen wir nicht alles von dem befreiten Genius einer begabten Rasse erwarten? Gefesselt, wie der Jude gewesen ist, hat er doch reiche Gaben in den Dienst der Menschheit gestellt, und wenn, erst - das Erwachen seines nationalen Selbstbewyßtsems durch Schaffung eines nationalen Heims ihm seine persönliche Freiheit und seine Selbstachtung nicht nur in Palästina, sondern auch in jedem anderen Lande gesichert haben werden, wird er die Welt durch die Erzeugnisse seiner Energie und seines Geistes bereichern. Es ist, so scheint es mir, eine glückliche Vorbedeutung, daß dieser große Versuch der -Wiedergeltendmachung des jüdischen Nationalbewusstseins auf eigener Scholle unter der Aeghde Englands geschehen soll- Das prophezeit gerade uns Kanadiern eine konsequente Entwicklung, uckd aüs unserem eigenen Werden zur Nation dürfen auch Sie, glaube ich, Hoffnung und Mut schöpfen. Die Verhältnisse sind zwar nicht die gleichen» doch im Wesen unterscheiden sie sich nicht so sehr.> Während eines Jahrhunderts wuchsen die zerstreuten Kolonien. in der einen Hälfte dieses Kontinents unter dem Schutz des Mutterlandes ständig heran; durch Vereinigung haben sie diese- Stärke vor einem halben Jahrhundert, bekräftigt und heute sind sie in ein Stadium gelangt, wo sie als reife Einheit einer grandiosen Gesamtheit ihren Platz unter, deck Nationen der Welt behaupten können, Es gibt noch einen Vergleich, den Sie nicht als phantastisch bezeichnen dürfen. Der Jude ist zurzeit nicht die einzige Stammesart in Palästina, wird es wahrscheinlich auch niemals sein.. Wir sind ebenfalls nicht alle gleicher Abstammung. Durch Uebung von Nachsicht jedoch und in ’dem ehrlichen Bestreben einer gegenseitigen Verständigung haben wir eine Gerechtigkeit erzielt, die unser Heimatland einig und groß gemacht hat. Zn dieser Entwicklung haben unsere jüdischen Mitbürger nicht wenig betgetragen. Mir schwebt für de» Juden in Palästina noch ein« andere Mission vor. Trotz seiner außergewöhnlichen Begabung, sich der westlichen Zivilisation anzupassen, ist der Jude ein Kind des Ostens. Die Welt wächst unaufhaltsam .und beständig zusammen, und über Palästina hinaus liegen jene Länder, die von Milliarden von Menschen alter .Kulturen und mhsteriöser Bräuche bewohnt sind.' Wie soll der Okzident sie verstehen lernen? In Indien hat man gerade einen Versuch' gemacht, eine Regierung nach westlichen Prinzipien etnzuführen. Wäre es nicht möglich, daß bi« Judenheit, die England einen ihrer größten Staatsmänner gegeben hat, )ie, die nun zwischen Ost und West sich niedergelassen hat und die Rassenverwandtschaft - zum Orient aber geistige Beziehungen zum Okzident besitzt, wäre es nicht möglich, daß sie die Vermittlerrollezwischen beiden spielen föitnte? s«f mr; Löss Doch ist dies nicht die Grenze der Dienste, welche die Judenheit der Welt zu leisten vermag. Der Jude gehörte seither und gehört auch nach zu. de« Bürgern jeglicher Ration der Erde. Er sollte — ich glaube sogar, er muß — wenn er sein, nationales Heim begrülchen. will, von einem Bruder schafts ge fühl beseelt sein, nicht nur zu seiner eigenen Rasse, sondern auch! zu den Angehörigen jeder anderen Nation. Wäe es ein zu hohes Ziel, die Brüderschaft unter der gesamten Mensch heit wirklich zu fördern? Kann man von einem auserkorenen Volke Geringeres erwarten? Anfragen über die Unrnh«« in Palästina im englischen Parlament. Wie bereits berichtet, stellte im Oberhaus. Lach Sydenham eine Anzahl von Fragen über die Unruhen in Palästina, die vom Lordkanzler beantwortet wurden. Lord Sydenham lenkte die Aufmerksamkeit auf die Lage in Palästina und ersuchte den UnterstaatSsekretär um Auskunft über die näheren Verhältnisse; ferner, ob die Ergebnisse der im Zuge befindlichen Untersuchung dem Parlament vorgelegr .werden würden; schließlich, ob der Bericht der UntersuchunySkommiffion des General PallinS über die ersten Unruhen, die zu Ostern vergangenen Jahres in Jerusalem stattfanden und ganz ähnlicher Art waren, jetzt veröffentlicht werden konnten. , Der Lordkanzler antwortete^ daß die Kommission, welche die Ursachen und näheren Begleitumstände dieser Ereignisse untersuche, ihre Arbeiten noch nicht beendet habe. Lord Sydenham habe eine ausreichende Kenntnis der dort herrschenden Verhältnisse bewiesen, um sich vorstellen zu können, daß die Kommission nicht nur einen nur summarischen Bericht geben könne, und daß die Untersuchungsergebnisse nur dann von Wert sein würden, wenn sie vollständig vorgelegt würden. Bezüglich der Unruhen habe die Regierung vom High Commissioner einen kurzen Bericht und eine vorläufige Liste der Unglücksfälle erhalten» in welche die LordS über Wunsch Einsicht nehmen könnten. Vor Einlangen des KommissionskerichteS könne man nicht versprechen» daß er derck Hanse vorgelegt werde. Die Bschältnisse, unter denen wir in diesem Teile der Welt zu handeln haben, sind ganz besonderer Natur, und der Interpellant werde verstehen, daß der Bericht derart und unter solchen Umständen abgefatzt ist. daß im öffentlichen Interesse eine Veröffentlichung desselben nicht rätlich wäre. Es sei auch Herbert Samuels Meinung, daß der Bericht über hie seinerzeitigen Osterunruhen nicht veröffentlicht werden solle, weil dies geeignet wäre, die Stellung seiner Regierung zu erschweren. Magyarisches „Edelwild". Wie erinnerlich, hat vor einigen Tagen der Abgeordnete Deniezky im ungarischen Parlament eine Rede gehalten, in der er die Kosten der Hovthyschen Hofhaltung und den Nebermut der Emporkömmlinge aus der ilmgöbung Seiner Durchlaucht schilderte, die MarschallStafeln errichten, und zu diesem Zwecke den Zeremsnienmeister Franz Josefs kommen ließ. In der letzten Sitzung der Nationalversammlung kam Beniczky auf die Wirkung dieser feiner Rede zu sprechen und setzte auseinander, er habe nicht jemand bestimmten beleidigen, sondern ein System treffen wollen. Nun aber, so schloß Beniczky seine Ausführungen, wolle er sich wieder eines rednerischen Vergleiches bedienen, erkläre aber voraus. ' daß er nicht die Absicht habe, jemand damit zu beleidigen. Er habe gelesen, daß auf dem Godöllöer Krongut die Jagd aus Edelwild verboten wurde. Er möchte gern die Bitte aussprechen, daß man unter dieses Edelwild auch die ^Menschen aufnehme, fei eö bei Gericht, sei es außer Gericht. Sollte sich trotzdem eine Jugdgesellschaft finden, die eine Hatz zu veranstalten.wünscht, so erklart er sich bereit, standzuhalten. Er sei bereit, die Treiber auf sein«! Spur und sich dem Anstand zutreiben zu lassen, doch möge man sich in acht nehmen, damit sich nicht ein Jagdunfall ereigne. - Herr Beniczky, den die Entwicklung in die Opposition gedrängt hat, während er eigentlich nach seiner ganzen antisemitischen Vergangenheit und seinem sonstigen Charakterbild — man sagt ihm nach, daß er trotz seiner antisemitischen Ueberzeugung von den Geldern seiner jüdischen Frau lebt — einer der Getreuesten des «christlichen Kurses" sein sollte, mutz eS, nach den Schlußbemerkungen seiner Rede zu schließen, nunmehr a« eigenen Leibe erfahren, daß es nicht ganz ungefährlich ist. in die Opposition zu gehen" und sich damit schon außerhalb der «geheiligten Ordnung";u Ungarn §u stellen. Die itiigtu tjcftc' RegierungsLoaMiorr ist Gefahr. Vorgestern fand in Czegled eine Landwirteversammlung statt, in welcher Ackerbamninlster Stephan Szabo« Nagyatad in einer längeren Rede sich gegen eine Fusion auöspräch und unter anderem erklärte, daß seine Partei eher ihre Vertreter ans der Regierung zurück, beruft und zur Opposition übergeht, als daß ' fie ihre Hauptprinzipien aufgilft. Der Ackerbauminiftex fprach sich auch dagegen auS, daß Neuwahlen auf Koalitir-^sgrundlage durchgeführt werden und warnte davor, eine der Außenpolitik der Nachbarstaatenwidersprechende Außenpolitik z»! betreiben. «Im Gegenteil," führte der Minister unter j anderem auS» «wir müssen uns der Welten pol iti! anpaljcr; I und im Lande eine vernünftige Innenpolitik Anschlägen."

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.