Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 855 (14.6.1921)
- Date
- 1921-06-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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9lt 855 Wien, Dienstag Wiener Aiorgenzeimng 147 Zank'ISA Seite Nahnm SoKolow über die Ereignisse in Palästina. Nahm» Svkvlow, der zweite Präsident der zionistischen Weltorganisation, welcher Arrz nach ' den Exzessen in Jaffa aus Palästina nach Europa zuriickgekehrt ist, befindet sich zurzeit in Paris, um die französische Regierung über die Ereignisse in Palästina und die wahren Ursachen der arabischen Ucberfälle auf die Juden aufzukl'ären. Er empfing den Pariser Korrespondenten der Londoner „Zeit", dem er über die durch die Ereignisse in Palästina geschaffene Lage folgende Mitteilungen machte: „Die letzten Ueberfälle der Araber, welche in der gesamten Judenheit tiefe Trauer hervorgerufen haben, sind die Frucht einer verbrecherischen Agitation, welche in der allerletzten Zeit einen besonders scharfen Charakter angenommen hat. Wir wollen diese Ereignisse als beendet cmsehen und müssen dazu schauen, baß sie sich nicht mehr wiederholen. Dafür werben alle nötigen Maßnahmen getroffen werden. Mein Aufenthalt in Palästina aber hat mich noch einmal überzeugt, daß die zionistische Weltorganisation unverzüglich eine bestimmte Richtlinie für unsere arabische Politik ausarbeiten, baß sie ferner die Ar beit smögli'chketten in Palästina entwickeln und den Gchutz im Lande organisieren muß. Auf die Frage des Interviewers über die Einwanderung von Chaluzim antwortete Sokolow: Wie Me wissen, ist die Einwanderung für einige Wochen sistrert worden. Die englische Regierung gläubt, daß es in kurzer Zeit, werm die Gemüter sich ein wenig beruhigt haben, wieder möglich sein wird, dem Einwanderungsstrom nach Palästina freien Laus zu lassen, jedoch nach einem anderen' System. Denn sie ist der Ansicht, daß bisher der Zustrom von Chaluzim nicht rationell genug war. Nur allmählich wird die Einwanderung das werden können, was sie nach dem Willen der Juden schon sein soll. Bisher sind etwa lO.OOOCHaluzim ins Land gekommen. Etwa 2600 werden zeitwellig von der Regierung beschäftigt. Was wird jedoch geschehen, wenn die Regierung aufhört, diese Chaluzim zu beschäftigen? Wir müsse» einfür allemal der Regierung beweisen, daß wir sähig sind, Arbeit für die Chaluzim zu schaffen, und darauf muß unser« ganze Energie gerichtet sein. Wir müssen unverzüglich arrdenHäuferbau schreiten. Danach ist große Nachfrage. Mit einem Wort: Mm muß der englischen Regierung beweisen, daß wir fähig sind, praktisch zu arbeiten. Das jüdische Volk muH genügende K a p i t.a l i e n für das große Unternehmen schaffen. Grund und Boden ist vorläufig genug da, man muß jetzt bauen. Die Chaluzim müssen eine Grundlage haben, um ihre Arbeitsfähigkeit zur Geltung zu bringen. Vorläufig sind die Mittel nicht dar ... i Wir haben' aber das Vertrauen, daß uns das jüdische Volk die nötigen Kapitalien schaffen wird. Meiner Meinung nach Ist im gegenwärtigen Moment die Kapitalsfrage die Hauptfrage.^ Auf hie Frage des Korrespondenten, ob nach' der Meinung Sokolotvs die künftige Sicherheitstruppe eine gemischte Miliz aus arabischen und jüdischen Elementen oder bloß eine solche aus jüdischen sein solle, erwiderte Sokolow: Das ist eine große und ernste Frage. Wir müssen eine gewisse organisierte Macht im Laude haben, um baS national« Heim auf loyale Weise zu schützen, unter der Aufsicht der Mandatsregierung. Ich hasse, daß wir das erreichen werden; auch dafür müssen wir große Opfer zu bringen bereit sein. Zum Schlüsse fragte der Interviewer: Wie denkt die jüdische Bevölkerungen Palästina über den High Commissioner und sein Verhältnis zu den Arabern- > Sokoloty antwortete: Die jüdische Bevölkerung von Palästina wünscht« den High Commissioner fester, energischer zu sehen, aber die Regierung will lieber den Weg der Vorsicht und Evolution beschreiten. Ueberhaupt ist der gegenwärtige Moment sehr ungünstig für eine Politik der Faust. Man muß mit dem neuen Geist, der Freiheit rechnen, welcher die ganze Welt durchweht, und besonders mit der arabischen Autonomiebewegung/welche in der letzten Zeit in Palästina beträchtliche Dimensionen angenommen hat. Konstantin Sktrmunt — polnischer Autzenminister. Warschau, 13. Juni. (W. P. G.) Zum Minister des Aeußern wurde der bisherige Gesandte in Rom, Konstantin Skirmnnt, ernannt. Die Entscheidung fiel Samstag abends nach erfolgter Einigung der Vertreter der Mehrheitsklubs. Herr Skirmnnt, der im Gvodnver Kreis begütert ist, war vor dem Kriege Mitglied des russischen Reichsrates. Während des Krieges, weilte er zunächst in Stockholm und. dann in Paris, wo. er sehr eifrig für die polnische Sache tätig war.. Antrag ans Errichtung eines. Ministeriums für nationale «nd religiöse Minderheiten in Pole«. Aus Warschau wird uns gemeldet: In der letzt« Sitzung der VerfaffungSkommisstou des. polnische» Parlaments würde die Drganlsativn der höchsten Behörden des Staates durchbrrate». Laut Artikel 9 deS Organ,satlvnSentwmfeS wird Polen IS Ministerien besitzen; die Ministerien für Volksernährung, Knust und Kultur, VollSgesmrdheit »nd öffentliche Arbeiten solle» ausgelassen werden. DaS bisherige Ministerium 'für Bildung und religiöse Angelegenheiten wird fortan nur Bildungs« Ministerium heiße» und die Abteilung für die eiuzelue« Religionen Demission der bisherigen Leitung. <1/ vrland, 9. Juni.. (Jüd. Korr.-Bur.) Die bisherige Leitung der amerikanischen Zionisten unternahm einevz letzten Versuch, um ihr Prestige zu retten. Professor Frankfurter hielt eine große Rede, in welcher er Weitzmann usurpatorisches Verhalten vorwarf, da er allein ein Uebereinkommen mit JaVotinfky zwecks. Eintrittes in die zionistische Exekutive getroffen habe. Eine von den Anhängern der alten Leitunjg eingebrachte Vertrauensresolution für Brandeis, Mack und Genossen, die zü stürmischen Debatten führte, wurde mit 153 gegen .71 Stimmen verworfen, worauf die gesamte Leitung ihre Demission gab. . ■ - Die Agrarbank für Palästina gesichert. Mvelainb, 9. Juni. (Jüd. Korr.-Bux.) In seiner Erwiderung auf die gegen ihn gerichteten Angriffe teilte Weitzmann mit, daß es bank dem Besuch« her zionistischen Delegation in Amerika gelungen sei, die jüdische Agrarbank in Palästina zu begründen, für welche die Kapitalien bereits vorhanden seien. Die Schlußsitzung. S' velaUd, 10. Juni. (Jüd. Korr.-Bur.) Nach der Annahme einer Resolution auf bedingungslose Unterstützung des Keren Hajessod durch - die amerikanischen Zionisten hielt Naiditsch eine Ansprache, in der er seine Zufriedenheit mit den Ergebnissen der Konferenz zum Ausdruck brachte, mmawama wird ttn besonderes Departement im Jnnenmimsteuum bilden.. Bei der Diskussion über, die Zahl der Ministerien stellte de'" jüdische Deputierte Gründalrm den formellen Antrag, noch ein 14. Ministerium iür die Angelegenh.iten der nationalen und religiösen Minderheiten in Polen zu schaffen. Die Debatte über diesen Vorschlag wird zu ammrn mit der Erörterung über die Kompetenz der einzelnen Ministerien abgesübrt werden. Gegen eine Vertretung Frankreichs am päpstlichen Hose. Paris, 10. Juni. (Privat.) Die französische Regierung hat »ach sechzehnjähriger Unterbrechung erneu G'.sandten beim Vatikan ernannt, nachdem die entsprechende Geseyrsvo,lag« von der Kammer piwenommen, aber vom Senat abgelehnt worden war. Nunmehr hat die demokrmische Linke des Seüats, welche 166 Senawren umfaßt, mit allen gegen -wer Stimmen beschlossen, im Senat gegen die Ernennung als gesetzwidrig zu protestieren. Ferner wurde beschlossen, bei dieser Gelegenheit auch gegen die erfolgte Ernennung von Feldpredigern bei der Rheina>mee Stellung zu nehmen^ Der vävstlrche Gesandte und die ernannten Feldprediger haben bereits ihre Posten aug'l-etin. IrrlmrÄ. Die Kabinettskrise. Test«» fand zwischen dm Whrein der ChriWchsozialm m der Großdeutschen Besprechungen wegen der Beilegung der Kabinettskrise statt. Heute treffen hier der steirische Landeshauptmann Dr. R i n t e l e n und einige« Führer der dortigen Christlichsozialcn ein. um mit der chrisilichsozialen Reichsparteileitung zu-konseueren. Falls es Herrn Dr. Seipel gelingest sollte, die Grazer »Unbotmäßigen" zur Vernunft zu bringen, dürfte zur Zusammeustellung der neuen Regierung geschritten werden. Auf jeden Fall wächst die ganze Krise zu einer Groteske, die nur das eine beweist, daß die östeneich'!e Politik den Smn für Humor noch nicht verloren hat. Oesterreichs Wiederaufbau in englischer Beleuchtung. Unter dem Titel „Hilfe für Oesterreich" veröffentlichen die „Times" einen Leitartikel, der sich mit dem Wiederaufbauprvgramm des Völkerbundes befaßt und worin es unter anderem heißt: Ob eS vor der Durchführung einer neuen Währung mit definitivem Goldwert möglich fein wiiL, eine öffentlich gezeichnete Anleihe ohne Garantie für Oesterreich zu erlangen, bleibt abzuwarten. Es ist von höchster Wichtigkeit, daß die Wiederherstellung Oesterreichs — der Schlüssel zur wirtschaftlichen Auferstehung Zentvaleuropas — von allem Anfang an von internationalem Charakter sein sollte, und man muß aufrichtig hoffen, daß die führenden neutralen Völker, die ein kaum geringeres Interesse als die Alliierten haben,, den Wiederaufbauplan praktisch unterstützen werden. Die internationale Kommission, welche die österreichischen Finanzen während der Zeit der Wiederherstellung kontrollieren wird, sollte alle Beteiligten repräsentieren, und es wäre gut, wenn ein Neutraler an der Spitze stünde. Selbstverständlich ist es von Wichtigkeit, daß die. Mitarbeit der Vereinigten Staaten gesichert wäre. Die Erfahrung wird lehren, welche Verbesserungen des Planes nützlich oder wünschenswert sind. Inzwischen wird die österreichische Bevölkerung gut daran tun, anzuerkennen, daß die Bereitschaft der Alliierten für das Wohlergehen ihres Landes wesentlich ist, daß jedoch die Anschlußabstimuiungen nicht geeignet sind, ihr Wohlergehen sicherzustellen. . >1 > da sie eine Periode der zionistischen Antätigkeit in AuwriM abgeschlossen „ habe. Weitzmann gab - der', Hoffnung , autz , die Mitwirkung aller amerikanischen Zionisten Ausdruck, auch^ jener, die früher an der politischen Arbeit mitgewirkt habend da sie sonst die zionistischen Reihen Melassen müßten., £>'!£ Konferenz (rahm eine Resolution an, in der sie ihr Beft bauern über den Rücktritt von Branders und Mack ausdrückk.- Es verlautet, daß die in der Minorität gebliebene Gruppe sich im Nahmen der Organisation, zu einer besonderen Fraktfoich zusammenschließen werde, -um praktische Palästina-Arbeit zw leisten, ohne am Keren Hajessod Anteil zu nehmen. Zu diesetck^ Zwecke wurde ein M e ing clnberufen, Ms welchem B.r a n dej,ßs " seinen Arbeitsplan entwerfen soll. . >, Die neue zionistische Leitung in Amerika. Cf velarrh, 10. Juni. (Jüd.Korr.-©ut.) Der neuen Exekutiv^.. der amerikanischen zionistischen Organisation gehöre an: PetÄ Schweitzer, Louis Lepsky, Abraham Goldber^ Richter Rosenblatt, Canheim und Robinso^ Schweitzer wurde zum Kassier und Lepsky zum.Sekretär ge-' wählt und außerdem wurde ein siebengliedriges Berwaltungs-- komitee eingesetzt; von der Wahl eines Präsidiums wurde!- vorläufig Abstand genommen. In das große zionistische Aktionskomitee wurden entsendet: Morris Rottender^ Rosenblatt, Schulmann, Schweitzer , mr^- Robinson.!".! . . WTf^rTTM Telegramme Teilweise Durchführung des Generak streiks t» Bayer». .c'xL. München, 13. Juni. Ruhe und Ordnung sind gester« «rw heute früh nirgends gestört worden. Der Streik deH Arbeiterschaft m den großen .Betrieben geht weiter, dagegen Wirtin dm kleinen und mittleren Betrieben gearbeitet. Die Straßens,ahn verkehrt auch heule. Der Dienst wurde mit E i n s.ch r är^. k n n g e n zur gewöhnlichen Stunde ausgenommen. Der (*:c bahnbellieb ist normal, die Züge verkehren regelmäßig. , Das Dunkel, das über der Mordtat liegt, ist bisher m gelichtet worden. Was die angekündigte Ausdehnung des Generalstreiks ganz Bayern anbelangt, so liegen aus Kempten, Lindau, Paffo Dcggendorf und Landshut Nachrichten vor, die besagen, daß deH Streik teilweise durch geführt wurde. W Zeitungen sind in diesm Orten nicht erschienen. Ruhrstörunge stnd jedoch nirgends vor gekommen. Allenthalben hat die vrgaui sierte Arbeiterschaft Versammlungen einberufe«, um m Stellung zu nehmen. Der Oberste Rat. Paris» 13. Juni. „TempS* meldet: Die nächste ZusammW kunst des Obersten RateS dürste Ende Juni stattstndeu^ wenn im Verlaufe der beiden kommenden Wochen inOberschlesier^- ene Klärung und Beruhigung der Lage eingetreten seinwürde^ und die Ereignisse im Orient den alliierten Regieruugm gestattet - sollkm, eine gemeinsam zu Erfolgende Politik festzulegen. - Moskau kaust Lebensmittel im Aus-! lande. v Moskau, 13. Juni. (Funsspruch.) Das Dolkskommisscm^ für Volksernährung hat im Auslande 850.000 Pud Meh^ . 61.000 Pud Zucker, 750.000 Pud Hülsenirüchte, 40.000 Pud . Flttschkonserven und 80.000 Pud Schweineflelschkonserven bestM',.^ Die Waren werden djirekt nach Petersburg gebracht werden und ' sind lediglich zur Verpflegung der Arbeiter bestimmt. Vr~ Die erste« ausländischen Schisse i« D Petrograd. Berttzi, 13. Junl. (Privat.) Am 8. ff. M. wie dem „Matin" aus Riga gemeldet wird,, die erste» -' ausländischen Schiffe nach einer vierjährigen Unter-s brechung in Petrograd eingetroffen. Das erste SchiE.' war ein holländischer Dampfer, welcher Tran brachM 7- und von einer ungeheuren Menschenmenge und Über--- dies von einer offiziellen Delegation begrüßt wurde.?-- Am Weich desselben Tages sind zivei englischeDampfep! '^ eingetrvffe«. MtlitärkonveMis» zwischen Angora »nd Moskau. Marsch««, 13. Juni, (ymilixmch.) Di« BolschavikÄ habm in BaK: eine Militärkonveution mit drü Kemalisten «nterschriebru, die Sowjetrußland zur mili^ t arischen Hilft gegen Armenien und Griechenland verpflichtch Auch die Verpfleg«»- der Kemalisten wud vöu Rußland übev^ uamme» werden. Ei« sranzöfischer Unterhändler in Angora. > Pari», 13. Jom. (Funlspirch.) Im Axstrage der ftattjBfrf - scheu Regierung ist Franklin Bouillon zu Verhaudlungen mit de« Kemalisten i» Angora eingelrosseu. 's i >!>>'.» fl 1B in Interessengemeinschaft mit der Fahank &.T. (Holzbank A.-G.), Budapest Wien, I., Wipplingerstrasse 23 MspftrkastsskontQ: 150.852 : Tslfl|)hoR Hr. iL.I-87. (3-1-99. IS-3-86, 13-3-92 : Tel.-Adr.: Mlttfung, TLlLütv llarokLüüruHü Vüv ßeMMaflej ailei Äxi