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Wiener Morgenzeitung · 1921-06-12 · Heft 853 (12.6.1921) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 853 (12.6.1921)
Date
1921-06-12
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 SBfen TvnNkag 1WWWII» ' mr .. »>,1»> - - Telegramme. Demisfio» der zionistische« Exekutive in Amerika. SVew-Nark» 6. Juni. (Tel. der „Wiener Mvrgen- Die in Cleveland tagende außerordentliche Zionistische Landeskonferenz der Gereinigten Staaten hat nach stürmischen Debatten mit G t i m m e n m e h rh eit den Herren Louis Brandeis und Julian Mack ihr Mißtrauen zum Ausdruck gebracht wegen der Taktik, welche dazu führe« sollte, eine Spaltung zwischen der zionistischen LandeSvrganisation Amerikas und der zionistischen Weltorganisation herbeizuführsn. Infolge dieses Mißtrauensvotums hat die Exekutive der amerikanischen Landesvrganisation, welche sich in Opposition zu Professor Weitzmann befand, ihre Demission gegeben.! EnglischeunditalienischeDerstärKungen nach Oberschlrfien. Berli», 1t. Juni. Wie dir ^Bosstsche Zeituug" erfahrt, stad weitere beträchtliche Verstärkungen an mglrsche» und italieoischen Truppen nach Obm'chlesten unterwegs. Die mrlitärischm Operationen werden von de» englischen General He « necker geleitet. Heftige Kämpfe. .Oppeln, 11. Juni. (Wolfs.) Englilche Truppen hüben bei Ujest die Orte Niesdrowitz, Rudzrnrtz und Latscha besetzt. Die Kampftätigkeit der polnischen Aufständischen hat heute wieder zw genommen. Im Kreise Rosenberg scheiterte bei Wachwitz ein von polnischer Kavallerie unternommener Angriff unter schweren Verlusten der Insurgenten. Im Kreise Groß-Strehlitz ist in der Gegend von.Stubendorf e.n polnischer Angriff i« Gange. Im Kreise Rgtlbor herrschte an der Oderlinie lebhafte Fenertatigkeit. Bei Rirbodschau drangen die Jnjulgenteu mit stärkeren Kräften vor. Sie wurden zurückgewiesen. Ebenso scheiterten polnische Borstöße bei Pianra. Paris- 11. Juni. (Funkspruch.) Rach den letzten Nachrichten aus Oberschlesien herrscht in G l e l w r tz Ruhe. Tornow i tz wurde von den Polen geräumt. Englische Truppen haben aus dem Marsch zur neutralen Zone Opveln pasiiert. Im Nordabschnitt ziehen sich die Polen langsam zurück; die Kampftätigkeit hat fast ausgehört. Der Aktionsplan der Alliierten. London, 11. Juni. (Wolff.) „Times" melden aus Oppeln, daß von den Alliierten in Oberschlesien nunmehr endgültig ein Aktionsplan angenommen wurde, der gegenwrtig ausgeführt werde. Die. bewaffneten Deutschen südlich Gleiwitz. haben den Befehl erhalten, sich westlich der Oder zurückzuziehen, desgleichen die Polen in demselben Sektor bis an die Grenz« der Bezirke Rudnik nnd Pleß. Diese Räumung sollte bis zum Abend des 10. d. M. durchgeführt sein, weil darauf die Zurückziehung in entgegengesetzter Richtung sowohl seitens der Polen als auch seitens der Deutschen folge, dis das gesamte Abstimmungsgebiet von bewaffneten Zivilisten frei sein würde. Wiener MorgenMtrrni Die Abstimmung der englischen Bergarbeiter. AotnidiM, 11'. Juni. (Funksprlich.) Die Konferenz der Bergarbeißerföderation, die beschlössen hat, das Anbot der Grubenbesitzer den Arbeitern zur Ura bstimm«Y.L vorzulegen, hat den Antrag, den Arbeitern die Mahnung der Vorschläge anzuraten, mit überwiegender Mehrheit abgeleh nt. Die Wahlzettel werden keinerlei Ratschläge enthalten, sondern nur die Mitteilung, daß die Vorschläge das Ergebnis langer Beratungen seien und der Vollzugsausschuß nicht der Ansicht sei, durch' eine Fortsetzung des Ausstandes bessere Bedingungen erzielen zu können. Auf der Konferenz waren eine Million Bergarbeiter vertreten. Eine Angora-Delegation «ach Washington. «onstantinopel, 11. Juni. (Tel.-Komp.) Unter Führung von H u s r a b B e y, emem Delegationsmitglied auf der londoner Konferenz, begibt sich demnächst eine Abordnung der Regierung von Angora nach Washington, um dem amerikanischen P'ästdemen uüd der Regierung die Absichten nnd Ziele der Kemalisten anseinanderzusetzrm Wo find die 42er-Mörser? Berlin, 11. Juni. (Wolff.) Auf eine Anfrage der interalliierten militärischen Kontrollkommission «ach dem Verbleib der während des Krieges vom deutschen Hrer verwendeten sehr w e r t t r a g e n d e n G e s ch ü tz e hat die deutsche Regierung scstgestcllt, daß von den s r e b e n während des Krieges erbauten Geschützen dieser Art vier noch wahrend des Krieges unbrauchbar und zerstör! worden fhtb^ während von den drei bei Kriegsende noch vorhandenen Geschützen e n Rohr im April 1919 in Essen zerschnitten, das zwe!e im November 1916 ans dem Versuchkplatz Meppen und das biitfc im November 1919 in Magdeburg gesprengt murre. Deutsche Justiz. Leipzig, 11. Juni. (Dolff.) TaS Reichsgericht hat den Juristen R a m d o h l freigeiprochen. Berlin, 11. Juni. (Tel.-Komp>) Heute mittags wurde das Urteil im iüuiten Leipziger Krtegsocrbrecherprozeß gegen den Studenten der Rechte und ehemaligen Angehörigen der deutschen Feldpolizü H a n d o verkündet. Der Angeklagte wurde frei gesprochen und dieProzcßkosten der Staatskaffe aufcrlcgt. Die Lage in München, München» H. Iun^ (Südd. Hkon-.-Dur.) Der wegit der Ermordung des Abeeortneien Gareis beschlossene Generalstreik wird in Mhl'chen nicht gc'chlossen durchgeführt. Nur die großen Betriebe feiern, die mittleren und keinen arbeiten. Die Straßenbahn verkehrt in beschränktem Um* lange mit Hil'e von Freiw'lligen. , Eisenbahn. Post. Elektii;»tätswerkr, GaS- »nd Wafferkrastwerke find i m Betrieb. Pollzirwehr und Reichswehr haben erhöhte B e r e i t s ch a f t. Die büigerl'chen Blätter erscheinen nicht, dagegen vereinzelt die linlsstrhcnden Zcirungen. Die gestrige Nummer des unabyüngigen Organs »De* Kamp Waiden wegen eines aufreizenden Artikels beschlagnahmt. Der Mimsterrat ist zu einer Beratung zusammengetreten. l? Juni 1021 '_ /Nr. 858 Szuvnrays Aussage im Tifza-Prozetz. Vndapest, 11. Juni. (llug. Tel.-Kor.-Bnr.) I« Tisza- Prozeß wurde heute der ehemalige LandesverteidigmgSminist«f Szur «ray als Zeuge vernommen. Er gab an, LadiSlanS FeNyeS habe ihn in feinet Billa in MathaSföld einige Tage vor dem Ausbruch der Revolution ausgesucht und ihm erklärt, er kalte einen Friedensschlnß für außerordentlich dringend. Als sich Ferch es aus der Wohnung entferntes habe er die ihn hinausbegleitende Gattin des Zeugeuj gebet«, diesen zu beeinflusse«, daß er den deutschen! Kaiser besuche nnd aus dm Säbel schlagend von ihm! den Friedensschlutz fordere. Der Zeuge gab weiters au, daß in den Nachmrttagsstunden des 81. Oktober,1918 Stephan Friedrich in ^Legierung eines Gutsbesitzers namens Furo im LandesverteldigungSmiMenürn erschien« sei. Friedrich, erklärte, er sei i« Auftrag deS NationalrateS in Angelegenheit der Uebergabe des Kriegsministerinms erschienen. Die Nachricht von der Ermordung Tiszas sei im Ministerium um 7*7 Uhr emgetroffen. Welch, Wirkung sie auf Friedrich gehabt habe, wisse Zeuge nicht, da er Friedrich nicht beobachtet habe. DeS wertere» erklärt General Szurmah, er sei bereits i» September 1918 verständigt worden» daß der sogmannt« G a l t l e i - B e r e i« die Liste eines revolutionär« National« und SoldatenratrS zusammengestellt habe. Es sei der Befehl er^ teilt Word«, dm bereits konstltuiertm Militärrat zu verhafte»/ doch fei der Befehl so ungeschickt ansgesührt worden, daß sämtliche Mitglieder flüchten konnten. Der Galrlei-Berei« habe sowohl die Front wie auch daS Hinterland mit revolutionäre« Broschüren und Agitator« über flutet. Stephan Frieder ch erklärt, daß er zur Zeit seiner Ministerpriisidentschalt erfahren habe, daß Keri anZ Wim! heimkehren wollte. Er habe unter Hinweis darauf, daß Kerr' der Ermordung des Grafen Tisza verdächtigt werde, den ObeAtadthauptmän» hievon be* nachnchtigen lassen. Später habe sich Keri schriftlich an ihn u» einen Paß gewendet; er habe jedoch diesen Brief mit der Bemerkung eingesendet, daß Keri der böse Geist der Kärolyi-Regie» rung sei und des Mordes verdächtigt werde. Holubowhtfch zu fünf Jahren Kerkers verurteilt. Lemberg, 11. Juni. (Ukrainischer Pressedimst.) Der gewesene Ministerpräsident der Ukrainisch« Volksrepublik H o l u b o w y t s ch wurde nach einjähriger Präventrvhaft vom. Revolutionstribunal m Charkow zusünfJahrenKerkers verurteilt. Holuvowvtich wurde des Staatsvcrrates gegen r»e Sowjetrepubltk und der Trrlnahme an der antibolschewrkischen- Bewegung ,n der Ukraine schuldig erklärt. Ungarisch - tschechische Wirtschgfsver» handlangen. Budapest, 11. Jirni. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die zu dm ivntschcktllchrn Verhandlungen Mlt der Tschecho-Slowaker hier eing'troffenen tschecho-ilovakischen Delegierten wurdm heute vom Minister des Aenhern Grasen B a n f s y empfangen. Dü merrtorischm Beratungen werden Montag vormittags im Mimstcrium des Amßer« beginn«. Die Donankonferenz. Paris, 11. Juni. (Havas.) Die internationale Donaukonferenz hat in ihrer gestrrgm Sitzung die Bestimmungen über den S t tz der internationalen Kommission festgesetzt und sodann die Beratung der Vereinbarungen begonnen, die unter d-.m TiteH »Allgemeine Bestimmung«" zusammengestellt sind. rechen Sie mit Mama nnd Sie wird Ihnen bestätigen, dass man die schönsten Anzug- und Kostilmstoffe, Gabardlns, Home-Spuns, Selden-Poulards zu den billigsten Preisen nur in der Sftadfi-Restenmesse, I.» Weihburggasse 10—12, und I.» Adlergasse 5, erhält Der Sänger. Von Eugen Hoeflich. Nahe bei. Essrat Jissrael ist ein Jemenitenquartier, dessen Bewohner mir freundlich waren, wenn ich zu ihnen kam und stets mit guten Worten meiner gedachten, weil sie meiner Liebe sicher waren. Meine ganze Ehrfurcht aber galt ihrem Chacham, einem uralten, weißen Manne. Nie ward die Feierlichkeit der Lichter größer, als wenn ich sie vor ihm brennen sah in der Stunde des Sabbataufganges. Von diesem Chacham, der stets schwieg, von dessen Lippen kein Wort kam, weder in der Frühe des Aufganges noch in der Stunde des Abends, in aller Zeit, da ich ihn kannte, es fei denn, daß in manchenstillen Stunden, da die sanfte Umnachtung, die ihn umgab, sich löste und er aus den Namen der Mütter die Zahlen suchte als Zeichen der Zukukft, von diesem alten Manne, der der beste Sänger in allen Quartieren ver Hemeniten von Säana bis Jerusalem gewesen war, wurde erzählt und ich hörte die Erzählung vor den Häusern der Jemeniten, hie leise und ehrfürchtig mir berichteten: Dieser Chacham, Ja'ub el -vahdani, kam vor vielen Jahren hieher in die Heiligste und die Stimme seines Gesanges drang aus dem Bethause in die Stadt, daß die Beter in allen Bethäusern aufhorchten auf den Sänger der Demeniten. Und die Gewalt seine- Geftmges drang vor die Stufen des Thrones, gelobt sei der, dessen Name« ar trägt, daß die Dienstengel eilfertig herdbeilten, die Sünden der Kinder dieser- Gemeinde von ihren Häuptern -u nehme«. Bis eines Abends, der Tag der Versöhnung war angebrochen, dieser große. Sänger vor die Lade des Gesetzes trat nnd er nicht gesammelt war zum Dienste des Gebetes- Da verLMg die Gnade. Aber sein«« Haup.te und. sei» Gesang, der mächtig anhub, wie immer, ging rn fassche Bahnen und die Gemeinde wandte sich in den Schmerzen ihrer Versündigung. Da verhüllte Ja'ub el wahdani sein Antlitz und er floh in die blaue Finsternis seiner Stube, die ihn umfing und mählich in Träume hinüberleitete, aus denen plötzlich Elijahu, der Prophet erwuchs und gewaltig vor dem^ stand,' der falsch gesungen hgtte im Dienste des Königs: Weil du ungesammelt vortratst aus der Gemeinde der Sünder, wandten.« die 2iöne deiner Kehle ihre Bahn! Und als Ja'ub sich des Morgens erhob, siehe, da lag der Aelteste seines Samens, Jossef, tot auf seinem Lager. Wir trugen ihn zu Grabe, .doch kaum hatte der Ostwind den Hügel getrocknet, warfen wir einen zweiten auf und bargen. Dalud in. ihm, den zweiten Sohndes Chachams. ■, Und ehe drei Tage vergangen waren, ergriff Fieber den dritten seiner Söhne und er rang mit dem' Tod, bis er ihm verfiel am Abend des fünften Tages- Sechs Söhne hatte dieser Mann und sechs begruben wir im Monat Elul... Ja, o Herr, sechs Hügel warfen wir auf und wir waren bereit, den siebenten zu graben, für Ja'ub el wahdani. Aber Ja'ub erfuhr nicht die Gnade des Sterbens. Schweigend faß er in der Stille seiner Stube und blickte vor sich' hin^ dunkel war seine Stirne und seine AuM schlossen sich dem Pfeile der Sonwe. Eines Nachts aber brach ein Schrei aus seiner Brust, der uns aufschreckte von unseren Lagern und wir sahen den Chacham, voll wirrer Gebärden, die Straße hinabrennen, bis die farblose Dunkelheit sein rotes Mid verschlang. Sechs Monde sah keiner den verstummten Sänger, bis ereines Morgens wieder vor dem Bethause saß, stumm und starr. Nie erfuhr einer, wo er die Zeit seine» Abwesenheit verbracht hatte. Selten spricht er ein Wort, aber tvas er spricht, tritt ein, deM auf. s^i»er Zunge Legt ei» BkM ÄMs.. So erzählten die Demenit)en. Meine ehrfürchtige Liebe zu dem alten Manne aber wuchs von diesem! Dtg an ins Unermeßliche. Ost ging ich hin, ihm meine Ehrfurcht zu bezeugen, doch er sprach nicht, nur!' segnend hob er die Hand über meinen Eingang und!' über meinen Ausgang. Um diese Zeit aber schoß die Not hoch auf im Jerusalem. Mann und. Weib vergingen an Hungers' und die Nächte waren erfüllt vom Schreien der Ster^ benden und von der Schritten der Männer, die hinter:' den Bahren gingen. Bor dem BetKaus der Sephardün! aber, da der Thron < Elijah« des Propheten steht, weinten die Weiber, weil die Lampe in der Zbammer, des Thrones zu verlöschen drohte. Bringt keiner Oel^ schrien sie, bringt keiner Oel für das heilige Lichts Und sie schrien und rasten die Mauern entlang in toller Ohnmacht der Verzweiflung, bis um die Mittagszeit eines Tages ein Mann aus der Kammer trat undi in die siebenfach ineinandergeschachtelte Synagoge rief: Das Licht ist verlöscht! Da schwiege« die Weinenden und es war, als! würde ein Engel den Raum verlassen, der nun ange-. füllt war bis an die Decke mit den Sünde« der. Beter und mit ihrem Unglaube». An diesem Tage aber, da das Licht in der Kamme« Elijahu des Propheten verlöschte, verlosch das Licht Ja'ubs, des Sängers, und ier ging ein i« die Barm> Herzigkeit Gottes, gelobt sei sein Name! In dieser Nacht noch, ward er Hegraben auf dem Oelberg bei den Vätern. Und in dieser Nacht, so berichten die Jemeniten, habe seine Stimme bn ihrem Bethaus gesungen, so rein und so gewaltig, wie nie in der Zeit seines Lebens, wie nie eine Stimme vor ihr. Dies ist die Geschichte pes Gängers Ja'ub el wahdani, von dem gesagt wird, baß er der größte Scknger aller Zeiten des Demeu war.

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