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Wiener Morgenzeitung · 1921-06-11 · Heft 852 (11.6.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 852 (11.6.1921)
Date
1921-06-11
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 AZien» Samstag " >p u»i». . ch.,» ■ <■'■ - ■ Pottttsche^Nundschau. Die Entente gegen Horthy. >r Die seinerzeitige Meldung des „Daily Gerald" Dber eine Ententonote an Ungarn, in welcher Kine Aenderung der Regierungsweise gefordert werde, Uwe von Ungarn amtlich dementiert worden. Der i^Abend" erklärt nun, daß die Existenz dieser Note von Hem Ackerbauminister Szabo-Nagyatad bestätigt Worden sei. Die Note verlange die Bildung einer aus Men Parteien beschickten Regierung, Neuwahleil auf Vrund eines demokratischen Wahlrechtes, die tzesetzliche Absetzung der Habsburger, Auflösung der irredentistischen Gebietsschutzliga und der geheimen Detachements ' und Einschränkung der Mechte des Reichsvertoesers. Die Reise des Prinzen Windischgrätz und des Grafen Teleki nach Paris hange mit dieser Note zusammen und soll eine im ch r i st- Kichnationalen Sin» erfolgende Zusammenstellung der magyarischen Sektion ' der Reparationsßommission bezwecken. Es ist also wieder eine Beschwindelung der Öffentlichkeit im Gange. Der englisch-japanische Vertrag. f' Die Behauptung einiger Londoner Blätter, wonachs her englisch-japanische Vertrag auf ein weiteres Jahr abgeschlossen fei, bestätigt sich, wie vom englischen Außenministerium mitgeteilt wird, nicht- Die Verhandlungen über den Inhalt des Vertrags Kinde» jedoch' nicht .mehr statt, da die beiderseitigen Unterhändler: ein vollkommenes Uebeteinlotntnen erzielt haben. Die Rücksichtnahme auf stlmerlla machte inoffizielle Besprechungen in Washington notwendig, die ihrem Abschluß entgegengehen. Soweit Amerika von dem Inhalt des Vertrags Kenntnis erhielt, hat sich die amerikanische Regierung befriedigt ausgesprochen. Man rechnet damit, daß die öffentliche Mitteilung über de« Vertrag im Laufe her nächMn Woche, erfolgen wird. Der Kongreß der Völkerbundliga. f Nus Genf wird gemeldet: Der internationale Kongreß der Völkerbundliga hat seine Arbeiten beendet. Der Kongreß hat auf Grund des Berichts Lady Tleastenes einen von der japanischen und der polnischen Delegation eingebrachten Antrag angenommen, um den Anschluß der Vereinigten Staaten ttit den Völkerbund zu erlangen, und empfiehlt diese Entschließung der League to enforee peace und »»deren Organisationen. Et beauftragte den Generalsekretär, praktische Mittel zu einer Propaganda für diesen Zweck zu suchen. Der Kongreß spricht sich für die Aufhebung der Pässe aus, trotz der Vorbehalte der schweizerischen Delegation, i In seiner Schlußansprache teilte der Vorsitzende des Kongresses, Ador, mit, daß demnächst eine große Prvpagandakommission gegründet würde, in her die hervorragendsten Männer vertreten sein sollen. Der nächste Kongreß findet im Jahre 1922 in Prag patt. Er wird sich hauptsächlich mit der Gründung einer internationalen Streitmacht beschäftigen. Der Rat der Liga wird im Oktober 1921 in Wien eine MitzMg abhalten. _ t Inland. Der Wechsel in der Führnng der chrtstlichsoziale« Partei. Der chriftlichsoziale Parteitag hat einen Personen» strvchfel in der Leitung der Partei gekracht. Der bisherige Dbmann Kunschak mußte dem Dr. Seipel den Platz -räumen. Vielleicht darf man diesen Akt, den die Christlichfo&aien in einer der schwersten Schicksalsstunden ihrer Araktion yornahmen, symbolisch als eine' Entthronung der Demagogie zugunsten einer weiterblickenden und auf tieferer Erkenntnis Nr rrenlchlihen T'r>pe berub-nden Auffassung der sittlichen und taktischen Pflichten politischer Machtfaktoren im Staate deuten. Dr. Seipel hat verschiedene Male wenigstens Ansätze zu einem Aufschwung auf solch höhere Warte des Volksführertums gezeigt. Er hat sogar einmal das Auditorium des Katholischen Volksbundes durch eine mutige /Absage an den Rassenantisemitismus, überrascht. Damals, ütm 5» Dezember 1919, schrieben wir: „Die österreichischen Klerikalen haben ihr Dilemma noch nicht überwunden. Werden De sich für die Versöhnlichkeit des Herrn Dr. Seipel oder füt den Rassenantisemitismus, den jüngst erst wieder Herr Kunschak gepredigt hat, entscheiden?" Gleichsam als. Antwort auf diese Frage erfolgte bald darauf die Wahl Kunschaks zum offiziellen Parteihaupte. Dr. Seipel ist -war auch weiterhin der Spiritus rector der Fraktion geblitten, plber er hat eS für notwendig gehalten, die Wirkung ferner aufsehenerregenden »Voktt6und*-Rede abzuschwSchen und in Prefem Bestreben manche sachlich überflüssige Ausfälle auf die ^Gefährlichkeit" des Judentums gemacht. Ja, er hat strgar j-ncht verschmäht, sich den Exzedeuteu gegenüber, welche für den würdige» Abschluß des Wiener Antisemitentages zu sorgen Katten, feierlich als einen der Ihrigen zu erklären. Allerdings befand er sich damals in einer merkwürdigen Zwangslage. Sr wurde nämlich selbst — für «ne« Juden gehalten und lief Gefahr, als solcher aus der Tramway geholt und verprügelt zu werden. So ehrenvoll «S nun für eine« katho'.i- Ma MkLsn W LäMW jMes. mem Mal m Wiener Morgenzertnnfl werden, so peinlich' müßte er Lchlnge empfinv^n, die er für eine andere Religion bekommt, zumal wenn diese die jüdische und besagter Priester gleichzeitig Mitglied einer judenfeindlichen Part« ist. Man kann es also Herrn Dr. Seipel nicht verargen, daß er angesichts der drohend über seinem Haupte erhobenen Stöcke, die Besitzer dieser Stöcke aufforderte, in ihrem' löblichen Tun fortzusahren, worauf sie ihn endlich in seinem F-Wagen fortfa'hren ließen . . . Dieses Ereignis ist wohl weniger für die Echtheit des Seipelfchen Antisemitismus charakteristisch als vielmehr dafür, daß sich defer Antisemitismus immer nur unter dem Drucke äußerlicher Zwangsverhältnisse äußerte. Wie Dr. Seipel innerlich über dieses Dogma seiner Partei denkt, hat et nicht nur in der schon zitierten „Volksbund"-Rede, sondern auch in einem Zwischenrufe im Nationalrat verraten. Als ein Großdeutscher den Christlichsozialen vorwarf, daß sie getaufte Juden als vollwertige Mitglieder behandeln, und bei dieser Gelegenheit ein kleines rassentheoretisches Privatissimum zum Beste» gab, warf Dr. Seipel ein: „Wir haben darüber eine andere Meinung!" Leider Hot er diese Meinung nicht 'mmer konsequent vertreten und es bleibt abzuwarten» ob ihn die Partei jetzt wegen seiner Anschauungen an ihre Spitze stellt oder wegen seiner Fähighkeit, diese Anschauung rechtzeitig zurückzustellen . .. Wir werfen diese Frage nicht in »nserer Eigenschaft als national fühlende Juden auf. Denn es ist die Größe unseres Programms, daß es uns von Sympathie und Antipathie der anderen unabhängig macht. Wer als Oesterreicher sind wir daran interessiert, wie weit der neue Führer der jetzigen. Regierungspartei dieses Staates seine geschichtliche Pfliö^ erkennt, alle aufbauenden Kräfte zusammenzufassen. Das reichsdeutsche Zentrum besitzt ein positives Programm und lehnt offiziell den Antisemitr-muS ab. Drüben im Reiche hat man auch jetzt in äußerster Bedrängnis nicht gezaudert jüdisches Genie in den Dienst der Wiederaufbaues zu stellen. Glauben die österreichischen Klerikalen, ihrem Vaterlande besser zu dienen, wenn sie die Arisierung der Aemter und Schulen betreiben, ohne Rücksicht darauf, wie viele Talent in Gegenwart und Zukunft sie durch eine solche Methode brachlegen? Ober ist Herr Dr. Seipel vielleicht gerade' in seiner Bedrängnis am Abend des letzten Antisemitentages der Widerspruch zwischen der christlichgermanischen Idee und der merkwürdigen Praxis jener, die ^ese Idee mit Schlagring und Knüttel verwirklichen wollen, so recht anschaulich zum Bewußtsein gekommen? Die Kabinettskrise. Die chriftlichsoziale Parteikorrespondenz berichtet: Die Kärntner Landtagsparteien haben eine Abordnung nach Graz gesandt, um die Bcdenken des Kärntner Volkes gegen etwaige Folgen der steiermärkischen Anschlußabstimmung vorzutrage». Es ist daher eine neuerliche S t e l l u n g n a h m e der Parteien zur Frage, ob die beschlossene Volksabstimmung durchgeführt werden soll, zu gewärtigen. Diese Tatsache äußert insofern ihre Rückwirkung auf die schwebende Regierungskrise, als diese Stellungnahme, welche doch die wesentliche Grundlage für die Entwirrung der Regierungskrise berührt, ab gewartet werden muß. Es ist daher vorauszu sehen, daß die Regierungskrise nicht vor Mitte der nächsten Woche gelöst werden kann. Dienstag ist der Vorstand der christlichsozivlen Bereinigung auf halb 10 Uhr vormittags und die Vollversammlung auf 11 Uhr vormittags einberufen. Am selben Tage 3 Uhr nachmittags wird auch die Reichs- Parte ileitung zu einer Beratung zusammentreten. Präsident Dr. Ding Hofer hat die. Großdeutsche Bolkspartei für Mittwoch vormittags einberufen. Die Konferenz von Portorose. Am s. Juli soll endlich die Konferenz der Alliierten und der Sukzessionsstaaten in Po rtorose zusammentreten, um die aus dem Vertrag von Snint- Germain sich ergebenden Zukunftsfvagen zu regeln. Außer Yen Vertretern Frankreichs und Englands, die offiziell an dieser Konferenz teilnehmen, wird auch ein Vertreter Amerikas den Beratungen zwecks Information der amerikanischen Regierung beiwohnen. Den Vorsitz auf der Konferenz von Portorose wiich der italienische Gesandte in Wien Marchese della Torre t ta führen. Unter den italienischen Delegierten für die Konferenz von Portorvse wird auch Commendatore Corutti genannt, der vor dem Kriege lange Jahre der italienischen Botschaft in Wien zugeteill war und als Fachmann in Fragen der ehemaligen Monarchie gilt. In römischen Kreisen ist man der Ansicht, daß von der Inferenz in Portorose nicht eine restlose Lösung sämtlicher zur Verhandlung gebrachten Probleme zu erwarten ist, sondern bloß ein eingehendes Studium und die. Annäherung der Standpunkte der Nachfolgestaaten. Staatsausgaben 99 Milliarden, Staatseinnahmen 48 Milliarden. Da» kommende österreichische Budget. In der gestrige» Pressekonferenz sprqch Ministerialrat Doktor G r u b e r über das kommende Budget und dessen Defizit von etwa bv Milliarde». Die Berpflichtnngr» arrS Staatsschulden» Verpflichtungen mck dem FrirdenSvertrag, PenflonSlastm und Züval'dmuntcrstützMgm habe« sich um ft1/, Milliarden erhöht, die Ausgaben für das B u n d e S h e e r yo» 3 ruf 3 Milliarde«, wogegen Lie DolkSernährung öMilliarden weniger lostet. Die Einnahmen der Staatsbetriebe habe« sich «n ungefähr 4 Milliarde» vev» HtMWft Zy» hM Smmsämtem fatt Adt duS'. MralliMm. 11. Juni 1921 Nr. 852 taimralnüsch"! Systems die kaufmännische Buch." Haltung emgrführt werden. Die Eisenbahnen zeigen im neuen Budget trotz der Tarisverdvpplungrn em Defizit von 4 6 Milliarden, die Post von 3'35 Milliarden. Die staatliche« Zuschüsse an die Länder find von 2'6tz auf zirka 3 66 Milliarden gestiegen. Die Einnahmen aus öffnetlichen Ausgaben sind mit S Milliarden hoher <14'85 Milliarden) prälimimert. Der P erfonalanfw and ist von SV, auf 28 Milliarde« gewachsen! Zur Deckung des Mehraufwandes von IS'/» Milliarden sind die Telegramm- und Telephongebühren, die Preise der Tabakfabrikate, die Valutenumsatzsteuer, Zollaufschläge und die Eisrnbahntarise beträchtlich erhöht werden. Die Volksabstimmung t« Steiermark. Die steirische Landesregierung publiziert die Kundmachung über die Volksabstimmung für den 3. Juli d. I. Die Landesregierung beruft sich in der Kundmachung auf dir Landtagsbeschlüffe vom 8. April und 81. Mai d. I. Die zur Abstimmung gestellte Frage lautet ebenso wie in Tirol und Salzburgs „Wird der Anschluß an da- Deutsche Reich gefordertund ist mit Ja ober Rem zu beantworten. Telegramme. E«gla«d gegen die Kemalisten. Paris, 10. Juni. „Journal* meldet, die Beunruhigung über die Lage in Kleinafien sei in de» letzten Tage« in der Haltung der offiziellen englischen Kreist deutlich zutage getreten. Man weise daranf hi», daß die K e m a l i st e n Großbritannien offen alS Feind behandeln «nd den englischen Schiffen de» Zutritt zu den türkischen Haken verweigern; weiters, daß sie deck mit Frankreich abgeschlossene Abkommen nicht eivhalten.und selbst den Abgesandten Franklin-Bouillon abgelehnt haben. ' Der Mnisterrüt in Chequns habe eine Aenderung i« der bisherige«streng neutrale» Haltung Englands im Kampf zwischen den Kemalisten und den Griechen ins Auge gefaßt und nach einer Erklärung CbamberlainS sei eine englische Eskader, bestehend aus de« Panzerkreuzern »Jrovdale*, „Ajax" und „Pegasus* sowie einigen Torpedobootzerstörern, bereits i». die türkischen Gewässer abgegangen. Eine Reche von Anzeichen ließe sogar eine allgemeine Verwicklung im Orient befürchte». Blockade über die „Angora-Türkei". ' London, 10. Jnni. (Funb'vruch.) Die Zeitungen meldendaß,man in Regierungskreise» die Verhängung der Blockade über die „Angora-Türkei" erwäge. Venizelos' englische Konfereuzen. Paris,. 10. Juni. Der Berichterstatter btt „Chicago Tribüne" meldet über den gegenwärtiger^ CVerlauf her Besprechungen Venizelos' mit der t tt g*' li schen Regierung : Venizelos habe zwei Stunden mit Lloyd George verhandelt. Er habe erklärt, daßs König ^nstantin vom Volke selbst, das ihn zurückberufen habe, werde avgesetzt werden, und habe Lloyd' George nahegelegt, eine Zusammenarbeit Englands mif Griechenland auf folgenden Grundlagen anzubahnen: 1. Bildung eines Koalitionskabinetts in Athen, das Denizelisten, Unabhängige und Royalisten umfassen soll. 2. Dem König sowie den Mitgliedern seiner Familie soll verboten werden, auf die Ernennung von Offizieren oder auf militärische Operationen irgendeinen Einfluß auszuüben,. 3. Die Ernennung von Offizieren habe nach der Befähigung der Anwärter zu erfolge«; für höhere Offiziere sei die Zustimmung Englands, notwendig. Kovstantinopel — griechische Operationsbasls? London, 10. Juni. (Funkspruch.) Aus Konstantine« pel wird gemeldet,, daß die Alliierten geneigt sein sollen, den Griechen die zeitweise Benützung der S ta d t als Basis für ihre kriegerischen Unternehmungen gegen die. Türken zu erlauben. Die kleine Entente. Bukarest» 8. Juni. „Lup Talorul* veröffentlicht eine Unterredung seines Pariser Korrespondenten mit dem Minister Dr. Beneschüber dentsch echo-sl o w atis ch-rumä- «ische» Vertrag «nd die kleine Enterte. Minister Dr. Benesch erklärte, der Vertrag sei eine logische Notwendigkeit, welche früher oder später verwirtticht werde« müsse. Die kleine Entente werde das vernichtete System ersetzen, sie werde definitiv d<ck Staatenbild Mitteleuropas konfolldierm und sich g e g e » jede« Versuch einer ErnevernngMitteleuropaS und einer Verletzung der Friedens Verträge stelle«.Dersüdflawrsch-rumänssch'-tschecho-slowakische Vertrag wird zv einer Antithese eines M i t t e l-j e u r o p a, welches eine Wiederaufrichtnng Oesterreich-UngarnS anstrrbt. Zum Schluffe bemerkte der Minister, daß der rumänischtschrcho-flowakische Vertrag einen wohltuende« Einfluß ans Ischecho^ slowalisch-polnischen Beziehvngrn mckühe« werde, die er optimistisch betrachtet. ' Die Läge t« Oberschlefie». I Berlin, io. Juni. (Prioa!.) Die Kämpfe mit den Auf» ständischen daun« an. Die Polen find durch englische Truppen aus de» nördliche« Bezirken hinauSgedrängt. Die Beschießung R a t i b o r S wurde eingestellt. — Die daS Reutrrfche Bureau ersäbrt, fei der Vorschlag, -wischest de» Deutschen mb den Polen ln Oberschlefie» ehe neutrale Zone zu schaffen, als unpraktisch falle» gelaffen worden. — Im Unterhaus erklärte

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