Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 851 (10.6.1921)
- Date
- 1921-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2 DKeu, Freitag Vereinigung des rumänischen «nd ungarischen Königtums? i - st SB i c n, 10. Juni. \ '■ Die Idee, dem rumänischen König die ungarische Krone lkttzubieten und ein« Personalunion beider Reiche zu schaffen, ■jbaHcrt aus der Zeit des Umsturzes. Sie ist von verschiedenen Weiter: her gefördert worden. Einerseits von den Magyaren TraNshlvaniens, welche durch den Friedensvertrag von Ungarn getrennt wurden und aus .diese Weife wieder ihre Verbindung mit dem Mutterland Herstellen wollten, andererseits von den in Ungarn seßhaften magyarischen Adeligen, welche große Güter in Siebenbürgen besitzen, deren Konfiskation sie befürchteten. Auch eine Gruppe rumänischer Politiker erwies sich dem Plane geneigt, und versuchte, den rumänischen König für ihn gu gewinnen. In der Folgezeit aber geriet die auf eine rumänisch-magyarische Personalunion hinzielende Propaganda ins Stocken. Dringendere Fragen brachten sie zum Schweigen. Nun aber hat — scheinbar unvermittelt — die Tätigkeit der Förderer der Personalunion wieder eingesetzt. Die siebenbürgischen Blätter schreiben neuerdings über den Gegenstand und fast durchwegs in optimistischer Form. Die Klausen- Lurger Zeitung „Ujsag" bringt die Frage betreffende Äußerungen des rumänischen Ministers a. D. M i h a l h, eines einflußreichen, aktiven Politikers. Er sagte: „Die Frage der rumänisch-ungarischen Personalunion ist vielleicht im Augenblick nicht aktuell. Aber grundsätzlich habe ich gegen den Plan nichts einzuwenden, im Gegenteil, ich erachte die Idee itf verschiedener Hinsicht als wertvoll. Sie ist bei den Magyaren in Deb'reczin zuerst aufgetauchl. Als König Ferdinand Siebenbürgen besuchte, ist eine dreißiggliedrige magyarische Deputation aus Debreczin unter Führung des Erzbischofs D'esider Balthazar bei ihm erschienen. Es wurde bei dieser Gelegenheit über den Plan der Personalunion, deren eifrigster Anhänger der Erzbischof ist, gesprochen. Der König zeigte sich äußerst interessiert. Nachher hat mir einer der Führer der Deputation, der Universitätsprofessor Kiß, ein Memorandum für den König übergeben. Damals haben sich Mitglieder der Regierung gegen den Plan ausgesprochen. Aber meiner Ansicht nach, wird die Frage früher oder später bestimmt wieder aufs Tapet kommen. Davon zu sprechen, ist jetzt etwas verfrüht, da der König und die politischen Parteien ihre > Meinung noch nicht geäußert haben." ' Das Wiedererwachen der Propaganda ist aber kein zufälliges. Es hängt mit der Ernennung des Grafen Nethlen und des jSavons Vanffy zum ungarischen Ministerpräsidenten, beziehungsweise Außenminister, zusammen. Beide sind in Siebenbürgen geboren und dort reich begütert. Beide sind ein magyarisches Kuriosum, zufolge des Friedensvertrages rumänische Staatsbürger geworden und geblieben, da sie aus Angst um ihren Besitz die fremde Staatsbürgerschaft nicht abgelegt haben. Würde sich, nebenbei bemerkt, ein Jude so etwas erlauben, bann würde er bestimmt als Hochverräter Lei lebendigem Leibe von den Weißen Offizieren geschunden werden, weil der christlichnationale Kurs das verlangt. Aber adelige, gute Christen dürfe« so etwas tun und werden «och Minister. Rdfi christlichnational! Daß diese Heiden Führer der Magyaren für eine Vereinigung mit Rumänien schon aus persönlichen und vermögensrechtlichen Gründen Sympathien haben, ist klar. Dazu aber kommt noch die jetzt gewonnene Einsicht, daß die Weiße Rationalarmee wohl vorderhand für die Unterdrückung der inneren Feinde auöreicht, aber für Eroberungen fremden Besitzes nicht. War doch dieser Armee die Rolle zugedacht, die durch den Friedensvertrag tom Ungarn losgetrennten Gebiete gewaltsam der Stephans» Ikrone wiederzubring«. Nun hat sich erwiesen, daß es de» tapfere» Helden leicht fällt, jüdische Leiber in Kasernen- Mlexn zu schänden und dann totzuprügeln, Arbeiterführer W! massakröLreu und auSgePlünderte reiche Juden in die Donau zn werfen, baß es hingegen sehr schwer ist, mit Numänien, Serbien, der Tschecho-Slowakei und anderen Mächte« Krieg zu führen. Man hat sich daher dem Gedanken htr „friedlichen" Eroberung zugewendet und will dem rumänische« König die Stephanskrone ontragen. Allerdings nur «mter der kleinen Bedingung, baß er es durchsetzt, baß Ungarn in alter Größe ersteht. Fein ausgedacht! Erst soll Rumänien den Serben und Tschecho^Slowaken die Beute entreißen und die seinige dazulegen. Ist der ungarische Globus wieder schön zusammengeslickt, dann kommt der Rumäne dran. Mit einem ist leicht fertig zu werde«. Unverfälscht magyarisch und christlichnational! - : Pottttsche^Rundschau. Der Mische Kongreß in Amerika. ,Aus Rew-Iork wirb brrichtet: Dt« stark« Bewegung für die Einberufung des jüdisch-amerikanischen Kongresse? bereits weitere Kreise und es machen sich i\' ... eines lebhaften Interesses bemerk- T; He wurden durch die vorderes ..iien, welche von dem provieinberufen war nnd unter 1.50 Delegierten stattfand, welche ■öj . Körperschaften vertraten. Auf der Bejratung rMr Dr. Schmarja Lev in eine vielbemerkte Wede, in welcher er den amerikanischen Juden ihr indifferentes Verhalten in der letzten Zeit zum Borwurf machte. Die Juden Amerikas dürften nicht bloß die Vermittler von Philanthropie und Politik zwischen den Ghettos des Ostens und der übrigen Welt sein. Es. jgebe nicht zwei Judentümer auf der Welt, sondern M Bk &>!«&.„, Wiener Morgenzeitung Owul Die zionistische jabreskonferenz in Amerika. Wleveland, 6. Juni. (Jüd. Korr.-Bur.) Gestern wurde hier im Hotel „Cleveland" die 24- Jahreskonferenz der amerikanischen Zionisten eröffnet. Sämtliche Mitglieder der 'in Amerika weilenden zionistischen- Delegation haben sich hier zur Konferenz eingefunden. Die Konferenz wurde vom Präsidenten, Richter Mack, mit einer Begrüßungsrede eröffnet. Bei der. darauffolgenden Wahl des Vorsitzenden erlitt Richter Mack seine erste Niederlage, indem Richter D a n n e n b a u nr mit einer Überwiegenden Mehrheit von 139 zu 75 auf Mack abgegebenen Stimmen zum Vorsitzenden der Konferenz gewählt wurde. In der Eröffnungsrede verteidigte Präsident Mack die Haltung der Leitung der amerikanischen Zionistischen Organisation im Kampfe um den Keren Hajessod und legte Dr. Weitzmann die Schuld für die Art, wie die Keren Hajessod-Kampagne geführt wird, zur Last. Die 'Leitung ist einem Friedensvorschlag nicht abgeneigt. Weitzmann, Ussischkin, Naiditsch, Dr. Lewis und Mossinson lehnten jedoch eine Diskussion über die Ein-, zelheiten auf der Konferenz ab. In ihren Begrüßungsansprachen forderten sie die amerikanischen Zionisten zur Arbeit auf. In einer einhelligen Resolution forderte die Konferenz den Völkerbund auf, de« Mandatsvertrag über Palästina zu ratifizieren. Die Resolution spricht dem Oberkommissär Palästinas ihr Vertrauen und gleichzeitig ihre Entrüstung über die Geschehnisse in sicherste Medizin gegen den Antisemitismus sei eine Stärkung des Semitismus. Wir müssen unser Heim wieder errichten, dann werden wir aufhören, eine unorganisierte und in den Augen der Völker unbestimmbare Masse zu bilden. Es wurde einhellig beschlossen, den jüdischvamerika'nischen Kongreß zu einer permanenten und zentralen Institution zu machen, welche hie Interessen des G e s a m t Judentums vertreten soll. Das Wahlrecht soll jeder Jude oder jede Jüdin haben, welche das 21. Lebensjahr erreicht hätten. Der Kongreß solle die zentrale Vertretung des amerikanischen Judentums bilden und . spätestens am 30. Oktober l. I. zusammentreten. . Z Polen «nd seine Minoritäten. Aus Warschau wird uns geschrieben: Mitten in dem judenhetzerischen Pressechor» der sich in der letzten Zeit wieder besonders stark hören laßt, find doch immer mehr Stimmen in der polnischen Oeffentlichkett» zu hören, welche gegen de« Antisemitismus in Polen entschieden -mftreten. So hat sich jüngst Wladyslaw Mickiewicz, der Sohn deS berühmten polnischen Dichters Adam Mickiewicz, in der französische« Zeitschrift „Le monde nouveau" vom ethisch-christlichen Gesichtspunkt auS gegen den antisemitischen Geist, der jetzt ui Polen gezüchtet wird, ausgesprochen. Er bekennt sich alS Anhänger einer Verständigung mit der, Juden und erklärt, die Juden in Polen haben ein Recht auf Entwicklung ihrer nationalen Eigenart. Die» faßt Mtckiewleg so zusammen: „Man predigt den Juden zuviel die Assimilation an die Stammbevölkerung deS Landes. Man mutz ihnen statt dessen die Freiheit gewähren, daS zu sei«, war sie find." Vom realpolitischen Gesichtspunkt aus spricht fich gegen die antisemitischen polnischen Methoden der ehemalige polnische Ministerpräsident Kucharzewski auS, welcher erst vor kurzem in der Wochenschrift «Tydzien Polsti" die Methoden der polnischen Außenpolitik scharf krttisiert und nun im Anschluß daran die Judenfrage vom politischen Standpunkt erörtert. Er weist daraus hin, wie Re antisemitischen Methoden Pole« in England und Amerika schaden und daß dafortwährende Geschrei der chauvinistischen Hetzpreffe gegen den jüdischen Einfluß in England und Amerika verzweifelte Aehnlichkeit mit den Methoden der Alldeutschen und Kommunisten habe, welche ebenfalls stets ausrechnen, wieorel Juden in der Polittk der Entente an hervorragender Stelle stehen und damit nur Deutschland schaden. Auf ein überaus wichttgeS Moment aber weißt ei« «Fremd im eigenen Heim" betitelter Leiartikel im «Kurzer Polski" hin, auf daS Moment der kulturellen Gleichgültigkeit gegenüber den Richtpolen im Lande. Der Artikel geht von dem Bericht über einen Bortrag über das jüdische Theater aus, den Sammh Gronemann in Berlin gehalten hat und weist darauf hin, daß dieser Vortrag eigentlich in Warschau hätte gehalten werden müssen; denn wa» m Berlin ein literarisches Kuriosum gewesen sei, wäre für dre polnische Bevölkerung Warschaus eine Entdeckung. Dies aber sei eine Tatsache, die eng mit der innerlichen Stellung der polnischen Bevölkerung zur jüdischen, litauischen, ukrainische«,, deutschen und weihrussischen Frage im Lande zusammenhängt. Im polnischen Staate lebte seit Jahrhunderten eine Millionenbevölkerung, von deren innerem Leben und geistigem Streben die polnische Gesellschaft nichts weiß und gar nicht da- Verlangen habe, etwas zu wissen. Gerade das macht <5 den Polen schwer, die nationalen Minderheiten und deren Wesen zu verstehen und bringe Zerklüftung und Separation hervor, Der Artikel schließt: «Wie lange wollen wir von der Bedeutung de» jüdischen Theater» in Wilna durch Vorträge in Berlin Kenntnis erhalten? ES wäre gut» sich darüber zu informieren, gerade Jaffa aus. Der Ehrenpräsident der Zionistischen Weltorganisation nnd der amerikanischen Organisation, Oberrichtev Louis Br and eis, ist zur Konferenz nicht erschienen. Er erklärte, der, Konferenz so lange fernzubleiben, bis ein Friede zwischen den amerikanischen Führern und der zionistischen Delegation.geschlossen ist. LvlÄio«, 8. Juni. (Tel. der „Wiener Morgenztg.") U«termeyer versuchte einen Ausgleich der .Anschauungen herbeizuführen und die amerikanischen Führer sind bereit, den Keren Hajessod, gemäß den Londoner Beschlüssen, mit folgender Modifikation anzuerkennen: Der Keren Hajessod soll den amerikanischen Zeichnern Shares der jüdischen Kolo« nialbank in der Höhe von 27 Prozent ihrer Beiträge gewähren. Diese Bankshares soll er für finanzielle Investitionen verwenden. Den amerikanischen Zionisten soll eine ausreichende Vertretung in -der Budgetkommission der zionistischen Weltorganisation eingeräumt werden, und die zionistische Verwaltung in Palästina soll das Budget nur mit Einwilligung! der Budgerkommission ändern dürfen, ferner soll der Keren Hajessod der Kontrolle der zionistischen Exekutive unterstehen. Innerhalb der zionistischen Delegation herrschten Meinungsverschiedenheiten bezüglich' der Annahme der Vermittlungsvvrschläge. Auch unter den Konferenzteilnehmern sind viele gegen eine« derartigen Friedensschluß. , das jüdische Element eine so große Roll» spielt, in sein entscheidendes Stadium tritt. Das goldene Zeitalter der Knechtschaft sei vorüber, während welcher der Pole die Verantwortlichkeit für das eigene Geschick auf andere überwAze« konnte." Gerade diese freimütige Analyse der kulturelle» Gleichgültigkeit der Polen gegen alles, was nicht polnisch ist. zeigt, daß in den klardenkenden Kreisen Polens die Erkenntnis aufdämmert, in der Behandlung des jüdischen Problems seien andere Entdeckungen wichtiger als die täglichen Entdeckungen der Hetzpreffe über die jüdische Verschwörung gegen Polen. Nur durch klare Kenntnis des jüdischen Wesens, wird das polnische Volk imstande sein, das jüdische Problem in Polen zu begreifen. Dann wird der Boden bereitet sein für die Verständigung von Volk zu Volk. Eine polnische Note an Amerika wegen der ukrainischen Juden. Aus Warschau wird uns berichtet: Das polnische Ministerium des Aeußern hat an den amerikanischen Gesandten Gibson eine ausführliche Note gerichtet, in welcher die Lage der Juden beleuchtet wird, die aus der Ukraine und Rußland flüchten und durch die neue amerikanische EinwanderungSbtll in hoffnungslose Lage gebracht werden. Die zwei Bestimmungen der EinwanderunKbill, daß eine bestimmte Zahl von Emigranten aus Polen für danächste Jahr festgesetzt ist und auf jedem aus. ländischen Paß die Staatsangehörigkeit des Einwanderers angegeben sein mutz, machen er, wie die Rote ausführt, de« jüdischen Flüchtlingen au» Rußland und der Ukraine nn* möglich, zu ihre« nahen verwandten in de« vereimztefl Staate« auSzuwander». Die polnische Regierung Lärm diesen Emigranten keine polnischen GtaatSpaffe geben, weil sie russisch« Bürger und auS ihrem Lande infolge der Verfolgungen und der Pogrome in der Ukraine geflohen sind, Solche Flüchtlinge befinden sich mehrere tausend in de« östlichen Gebiete» P olenr. Sie alle haben nahe Verwandte in Amerika. Es Wäre ungerecht, wenn die Vereinigten Staat«» für diese Flüchtlinge keine Ausnahme machen und sie nicht nicht auftrehmen wollten. In diesem Falle müßte die polnische Regierung sie in dar Land, aus dem sie! vor de« Verfolgung und Pogromen geflüchtet firib,’ zurückschicken, da die EruährungSverhältniffe und de»! Wohnungsmangel in Polen ihr Verbleiben dortfelbst unuwglich «rachen. Daher vendet fich die polnische Regierung an dm amerikanischen Gesandten mtt der Bitte, er möge bei' seiner Regierung in Washington sich bemühen, daß der polnischen Regierung die Möglichkeit gegeben werde, diesen Emigranten ausländische Paßdokumente .au'zufolge«, welche die amerikanische Regierung und ihre Konsuln beim Erteilen der Visa anerkennen, daß ferner den Emigranten aus Rußland rmd der Ukraine, welche sich bereits i in Polen befinden, amerikanische Bisa trotz der festgesetzten Dreiprozentnorm gegeben werden. Der amerikanische Gesandte anwortete dem polnischen Außenministerium, daß die Note der polnischen Regierung ein« Frage berühre, welche bereits die Aufmerksamkeit der maßgebenden amerikanischen Kreise erregt habe. Er werde die Note seiner Regierung übermitteln und seinerseits den Standpunkt der polnischen Regierung unterstützen. Der Gesandte der Hoffnung Ausdruck, daß diese Bemühungen in Washingtoner Regierung Anhänger finden werden. gao dci! Die Franzose» und Westnngarn. Nachdem der Friedensvertrag mit Ungarn muw mehr auch von Frankreich', der dritten Großmacht fe hn i** flompf »Um«, t» ***** farft