Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 849 (8.6.1921)
- Date
- 1921-06-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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mrmr Wien, MNwocff Wiemer DkorgsnzeiLttug 8. Juni 1921 Seite 8 Von unserem Budapester Berichterstatter. Tandor gegen AmdraW. — Bethlens PlSne. — Enthüllungen und ihr Ende. - Ehristlichnatiouale Schreibweise. — Die mißglückte Negiernngspartet. — Isolierung der Ehristlichnattonalen. D ab-apeff, S. Zimi. ' Die sSMüttfMe WöM brächte Hfige SÜlfregung. Erst gab eS einige Duells, darin Redekkkntpfe in der Nationock» Versammlung, wobei Sänd 0 r gegen Andr a s fy auftrat und Graf Bethlen aus ME bvlschewikischen Schreckbibel Vorlesungen gegen die deWökratische Bewegung hielt. Pauk Sanbor wandte.sich gegen die' Anklage, baß die.Juden am Verlust des Krieges, am Umsturz, an der Oktoberrevolntio», am Bolschewismus und an den taufend anderen Schäden in unserem staatlichen Leben schuld wären. Vieser Sanbor ist der typische ungarisch-jüdische Patriot, immer nervös, immäv chauvinistischer als jeder Stockmagyar. Als mau die Lügen deS Kolossy-Hollänber gegen den Szogebiner Oberrabdiner Dr. Bdh verlas, war Sanbor der erste Zwischeurüfer: ^,Man soll ihn aufhängen, wenn er das gesagt hat!" Diesmal trat er als Verteidiger deS gesamten ungarischen Judentums auf. ES ist dies keine schwere Aufgabe. Die Kriegsliteratur gibt schon eine Menge von Beweise« gegen die antisemitischen Lügereien und der alte konservative, nationalistische Publizist Eugen Ralyfi schreibt^ daß tu der Zeit der ungarischen Räteregiernng Christen und Juden im den Gesängniss« beisammen/saßen. Es ist auch allgemein, bekannt, baß vtc pwijujm wmjwme viel mehr gelitten und verloren haben als die christlichen Beamten und .Grundbesitzer, die meist in den Aemwrn oder als Betriebsleiter in ihrer eigenen Wirtschaft -leihen konnten. Sanbor richtete in sein« Rehe auch einen scharfen Angriff gegen Andrassy, der aufbrausend dazwischenrief, daß Sanbor ihn darum angreife, weil er der Führer der christlichnationalen Partei geworden sei. Bon diesem neuen christlichen Führerder in der Abenddämmerung seines politischen Lebens seine ganze liberale Vergangenheit verleugnet, ist zu bemerken, daß er ebensosehr. christlich ist, .wie er liberal war. Er war nämlich liberal, denn er konnte gegen den reaktionären TLfza nur mit liberalen Schlagtporten kämpfen und intrigieren; aber er blieh immer ebenso re« aktionär wie Tisza. Er hat lieber die Koalitionsregierung gesprengt, als daß er der Einführung des allgemeinen Wahlrechts zustimmte, und erwarb sich durch Verfolgung der Arbeitergewerkschasten den Namen des „schwarz«« Grafen". So echt, so aufrichtig ist auch seine jetzige Christlichkeit. Er ist römisch-katholisch, aber Atheist, gegen, allst konfessionellen, kirchlichen Angelegenheiten gleichgültig. So wurde er der Führer der christlichen Partei —> ohne christlichen Glauben, nur um zur. Macht zu gelangen. Hier ist er ober an seinem Platze, denn diese Partei will auch nichts anderes. Es ist schwer zu sagen, bei wem die Erniedrigung größer ist: bei ihm oder bei Upponyi, her ein fanatischer Ahrist ist; er befindet sich nicht in der „christlichen" Parier, indirekt aber hilft er ihr doch und läßt sich von dieser Kotcrie von Räubern, und Mördern feiern und huldigen. Karl Rassay ist einer her heftigsten Bekäntpstr der Regierung und des christlichnationalen Kurses, Im Anfang hat er dieses Regime unterstützt. Er war früher Staatssekretär im Justizministerium. Jetzt käinpft er aber für. hie wahre Rechtsordnung und für das ursprüngliche Programm des Grasen Bethlen, wonach, mit der sozialdemokratischen Partei ein Ausgleich gefunden werden soll. Bethlen hat sich! in seiner Programmrebe als. ein , ganz gewöhnlicher reaktionärer Politiker vorgestellt. Der „Nepszava", d«S Organ der sozialdemokratischen Partei, schreibt über Bethlen: „Uns überrascht nur die Methode und die Naivität, mit welcher her Ministerpräsident auch dem letzten Spitzel aufsitzt und alle dummen Erzählungen für ernste Wahrheit nimmt. Sv. können sie nicht erreiche«, was sie vielleicht zu erreichen wünschen."! Die Lügen und die Verleumdungen, die Bethlen gegen den Bund der Bürger und Arbeiter (ein politischer Block der liberalen und demokratischen Elemente o hne Vazsonhil «=». mit den Sozialdemokraten) und gegen die nichtbolschewiki scheu ungarischen Emigrant«» losließ, erweckten sin starke Enttäuschung in den ungarischen demakratischep und.sozialistischen Kreisen. Die Presse hat sich. so viel mit diesen Bor würfen beschäftigt, daß die pbenzUierte, sehr interessante und vielsagende Aeußerung des sozialistischen Organs ganz unbeachtet blieb. Diese Aeußerung. bekräftigt doch unsere Information, daß Bethlen, wie früher, so auch jetzt, als er zur Regierung gelangte, die Verständigung mit den Sozial bemokraten suchte. Die Verhandlungen blieben aber erfolglos da Bethlen die Forderungen der Arbeiterschaft nicht erfüllen wollte oder konnte. Jetzt will er also nicht nur gegen die Arbeiterschaft, sondern auch gegen alle demokratischen politischen Elemente die. Waffen de« Lüge, der Verleumdung und des Terrors wieder anwenden. ■ - „Der Bund der Bürger und Arbeiter sagt Bethlen ~ steht in Verbindung mit dev Wiener Emigranteugruppe Lovaszy-Garami (die sich dsr Diktatur ferngehalten haben). Gar am i steht in Verbindung mit ft an fl (der BolkSkommissär war. Mt aber bis unabhängige sozialdemokratische Gruppe Leitet) und Kunst heht i« Verbindung mit Bela Au» tu Moskau." Bethlens Absicht ist klar. Sr Witt den Bund der Bürger ÄchMr h tk vMsitbm veMW Steven und so die Bildung der einheitlichen Regierungspartei erzielen, - die bisher an dem Widerstand der demokratischen Teile der Kleinen - Landwirte - Partei gescheitert ist. Die, lärmende Zustimmung der christlichen Presst enthüllte diesen Plan. Jedermann weiß, daß nicht «uv der Bürger- und Atbeiterbund, sondern auch. Garami und Kunfi in chäefstrr Gegnerschaft zum Bolschewismus »nd zu Bela Kun kehen; die bolfchewikifche Presse richtet viel heftigere und ungerechtere Angriffe gegen die Sozi-lderno traten als gegen die bürgerlichen Parteien. Dev „Pro lota^, das Wiener Organ der ungarischen Kommunisten, verspricht Garami und Kunst ebenso häufig, pielleicht «och häufiger Md aufrichtiger den Galgen als dem Horthy. .Gararni. und Kunst sind rolitische Gegner. Obzwar all dies ebenso wie die durchaus bürgerliche Richtung Lo vassys und Batthyavys bekannt ist, schreibt doch eine christlich nationale Zeitung: „$>tp Hand Bela Kuns, diese schmutzige, blutige Hand, die Hand eines vom GhettoLVurm zum wütenden und grausamen Cäsar gehobenen Abenteurers, beunruhigt vo« Moskau a^s durch die Wiener Emigranten die politische» Rat ten ne st er in Budapest" und verlangt vo» Bethlen nach Worten auch Tate«. Eine andere Zeitung wünscht, „daß das Schwert uiedersansen soll". Worin besteht der Beweis für diese Relation Moskau— Wien—Budapest - In zwei Briefen Bela Ku!»s, in denen er feine Genossen auffordert, nach U u g a cn zu gehen und dort die unterirdische Bewegung zu organisieren. Diese Briefe, aus denen man den politischen Ernst Auns erkennen mag, sind vor einem Vierteljahr in einem ungarisch-kommunistischen Blatt in Rußland erschienen und wurden dann von einer Kaschauer sozialistischen Zeitung übernommen. Sie beweisen nichts gegen die bürgerlichen pder sozialdemokratischen Parteien, nicht einmal etwas gegen hie Kommunisten, die nach einer Aeußerung des Wiener „Proketar" von einer Reise näch Ungarn nichts wissen wollen. Trotzdem aber hoffen jetzt die christlichen Blätter, baß' unter dem Druck der von Bethlen enthüllten Gefahr des Bolschewismus die Vereinigung der Christlichnationalen mit den kleinen Landwirten z« einer RegwnmgSparteß glücke» worbe. Aber, da^u wird es nicht kommen. (Inzwischen hat Bethlen infolge der scharfen Erklärungen LovaszhS, GaramiS, KunfiS und Rassah in der Nationalversammlung eine ybschwächung ME AisüßeLnngen aorgenommen. — Die Rch,) | Dis M^kung des Unftnkms Bethlens war nicht die erwartete.' Der Redner der kleinen Landwirte, Abgeordneter Berky, erNärte sich, als nicht befriedigt; seine Partei unterstütze di« Regierung nur so lange, als ihr Führer Szabo» Nahatad im Kabinett sitz«; im übrigen übte er »ine scharfe Kritik an der Regierungspolitik und warchte sich gegen di» feudal« Klassenpolitik, mit de« Drohung, daß das Bott alle weg fegen werbe, die der demo üratischeu Entwicklung im Wege stehen. : ' Die Ereignisse der letzten politisch«« Woche beweisen, daß das Verlang«» dieser demokratischen Entwicklung in Ungarn schon so stark ist, baß sich di« reaktionäre Grastnregisrung Jmb der Weiße Terror dagegen nicht mehr lan^e werden verteidigen können.» Bethlen hat also etwas erreicht, waS er nicht Wollte: Er kräftigte Heu demokratischen Block Md hat erzielt, daß die Männer, die an her Oktoberrevolution teilnahmen, jetzt sich offen zur Revolution bekennen. So hielt di» unabhängig« und hi»!48er-Partei am Sonntag in Budapest ihr« erste große Versammlung, zu -er sich wieder Delegierte aus dem ganze« Land« pinfanden. Der erste Redner war Desider Abraham, der Ministerpräsident der Szegediner Regierung, ftüher Staatssekretär unter ftarvlht. Er sagte, die Oktoberrevolution sei gestürzt, weil das Bürgertum z» stßg \ war. Graf Batthhany, der mit großen Ovationen-empfangen wurde, teilte mit, daß ihm der Ministerpräsident Graf Teleki die Herausgabe seiner Memoiren nur gestatten wollte, wenn er sie selbst zensurieren könnte. Gras Karokyt — sagte ed — könne nichts dafür, daß ihn der König betrogen habe. Die Regierung solle endlich eine Abrechnung über die in der Bankgasse entwendeten 140 Millionen Kronen geben. Alle Redner erklärten, baß der Kämpf gegen die Reaktion nicht ohne Sieg enden werde? Die protestantische Kamrnfchast wird aus der Partei der kleinen Landwirte austtnnr, weil diese noch immer in der Regierung vertreten ist. An ihrer Spitze steht der reformierte Bischof von D'ebreczin, Balthasar.' Wahrscheinlich wird Szabo-Nagyatad aus der Regierung schewen uub dann wird die christlichnationale Partei vor de« Gefahr der Isolierung ihres blutigen Kurses stehe«. der weiteren Aufrechterhaltung des Inter nie rte.»^ lagers betonte. > | Minister des Innern Rad ay hob im Gegensatz zu,, den gestrigen Ausführungen des Abgeordneten BpodH hervor, daß die sogenannte Kino Verordnung, die.bloA in einer Revision der Kinolizen.zen bestehe^ keinen Eingriff in das 'Privatrecht bedeute (bloß. eiW antisemitische Maßregel!). : j Auf ein« kurze Mde des Abgeordneten Ernst e** widerte der Minister Raday im Namen des Finanz-. Ministers, daß die neue einprozentige Umsatzsteuer au$ eineinhalb Prozent werde erhöht werden ü.nd daß daA halbe Prozent zur Unterstützung des Finanzhaushalts der Hauptstadt und der Landstädte verwendet werdW sollen. f Hierauf wird das Budget des Min iste< riums des Innern auch in de»! Einzelheiten angenommen- Bei der Verhandlung des Budgets des Finanz-^ Ministeriums erklärte Finanzminister He ge düs, esf geschehen bei der Steuerbemessung und bei deren Eintreibung wohl Ungerechtigkeiten (die hauptsächlich! die Juden betreffen!), doch sei er bemüht, diese abzustellen^ Der ungarische Staat habe 33 Prozent seines Ge<. hietes. und 40 Prozent seiner Bevölkerung verloren^ jkHoch 70 Prozent der Staatsangestellten behalten. - Die Zahl her Staatsangestellten könne also keines^ Wegs vermehrt werden. Redner sei sich der Mängel her finanziellen Administration wohl bewußt, hoch sei daran auch die ungarische Gesellschaft schuld, die sich der gegenwärtig viele offene Stellen güfweisenden Finanzbeamtenlaufbahn zuwenden sollen Das frühere Vorurteil gegen die Finanzbeamten habe feinen Sinn mehr. Ein Abgeordneter wünscht eine - Lösung der- Beamtensrage^ nach österreichischem - Muster. ■ Der Minister erklärt sich damit nicht einverstanden/ «ine bürgerliche Gesellschaft vertrage keine sozialdemokratische Administration. Sie müsse : daran zugrunde gehen. Zum Schluß betonte der Minister, daß sein sogenanntes romantisches Steuersystem,/ das eigentlich ein objektives Steuersystem sei,' ein Mindestmaß von Wministration verlange. Hierauf wird das Budget des Finanzministeriums-' auch in den Einzelheiten angenommen. j; Zum Budget des Handelsministeriums, spricht:' Baron Josef S z t e r e n y i, der'die völlige Freiheit hesWirLschaftsverkejsrs fordert. Bejondtzrs der freie Verkehr m den landwirtschaftlichen Produkten,: müsse wiederhergestellt werden. Er wendet sich gegew . di,e monopolistische Privilegierung der Genossen-'! schäften und entwickelt den Grundsatz, daß unter/ den gegenwärtigen Umständen keine Jndustrieförderungsondern eine Exportförderung nottut. Die Arbeiterfrage müsse im Geiste der Versöhnung behandelt werden. Die Organisationen her Arbeiter müßten ebenso anerkannt werden wie die der bürgerlichen Gesellschaft. Die internationale Organisierung der Arbeiter stehe zum Patriotismus in keinem Gegensatz- Die ungarische. Arbeiterschaft habe im Kriege .ihre Pflicht geradeso erfüllt wie jede Klasse der b-ürgerlichen Gesellschaft.^ Falls in einem Teil der Arbeiterschaft noch der G e i st. , des Bolschewismus lebe, müsse er mit allen Mitteln ausgerottet werden. Dies könne aber keines wegs verhindern, daß gleichzeitig eine gesunde uH. liebevolle, die Interessen der Arbeiter fördernde Sv- , zialpolitik befolgt werde. Zum Schlüsse reicht Rednereinen Beschlußantrag ein, demzufolge Ln die Liste der mit billigem Getreide zu Versorgenden auch die Handelsangestellten und dA Privatbeamten ausgenonrmen werden sollen. Telegramme. Das ungarische Parlament. Hegedüs will kem SsterreichifcheS Beispiel. *- Sztereaqt als BolfchetvikevtNter. Budapest. 7. Juni. (Ung. In Fortsetzung der «peziald-batt» »he» den Staatßvovarw schlag sprach Abgeordneter Hvrnyanszktz. te» im den LolscheMschM Umkbile» bk SvMMdigM Die Sitzung de» Obersten Rates verschoben. Paris, 7. Juni. (Trl.-Komv.) ,Petit Journal* erhält eine Meldung aus London, in der gesagt wird, es sei B r-i and. g e l «n g e n, die Tagung de- O b e r st e n R a t e S auf un-' bestimmte Zeit zu verschieben. Die eugfische, öffentliche Meinung sagt sich, daß sich Lloyd George von Briand ständig zum Nachgrben bewegen laffe. Neuaufstellung einer Roten Armee. Bern, 7- Juni. (Tel.-Komp.) Das Ukrainisch^ Pressebureaü meldet, daß int Gebiet der Donkosaken! eine große bylschewikische Armee neu ausgestellt werde und die ganze Gegend in «in Kriegslager verwandelt sei. Führer und Organisawr dieser Millionenarmee sei General Brussil o w. Der Beginn der Aktion wird' streng geheim gehalten. ' MitzbrSuchst in der amtlichen polnischen Grotzeinkanssstelle. i Warschau, 6. Juni. (Tel. d.„Wr. Morgenztg.".) Die Mißbräuche und Unterschlagungen in der amttlichen Großeinkaufsstelle „Puzop" über welche bereits berichtet wurde, haben eine eingehende gerichtliche Untersuchung zur Folge gehabt, die bereits zwei, Monate andauert uns immer neues belastendes Material Wer die Heschästosührung des „Puzapzutage fördert. $» wurden bereit» zahlreiche Beamte oe» .PuzayE sowie Wvatversone« vechaftet. We uuude» saMde»oLratilche AMalo?E »MotnAI