Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 845 (4.6.1921)
- Date
- 1921-06-04
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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*°k 'fnszJtat, TaavSag ' j> ,... -■--<* ^«^>^..^,4 .. - . - .-. ' PoMscheRundschau. Ritthenans Programmredr. *; Im Berliner Reichstag stellte sich vorgestern der Neue ÄUfbauminister Rathenau mit einer Erklärung, vor, die ihm den HÄ len Unwillen der Nationalisten brachte. Sein Amts-!yebi«t, sagt« der Minister, sei keim politisches, da «r einem pMnett der Erfüllung angehöre. Er ist der Uebergeugung, daß Frankreich es mit dem Aufbau, ernst meint. 'Frankrnch 'hat unter diesem Kriege schwer gelitten. Es ist. Tatsache, daß 3,3 Millionen Hektar des Landes zerstört, daß 1570.000 Häuser beschädigt und davon 300.000 vollständig •g«rft; \L sind, daß seine Schulden ungeheuer angewachsen sind Und daß seine Handelsbilanz passiv ist. Sie werden mir zugeben, ein Land, das sich in dieser Lage befindet, will den M-Herausbau und wird ihn auch wollen in Gemeinschaft mit uns. Und darauf kommt es an. Wenn aber der Wiederaufbau Von der einen Seite ernstlich gewollt wird, dann sind wir verpflichtet, ihn zu leisten. •\ 1 Rathenau kommt dann auf die Angriffe des Deutsch- Nationalen v. Braün zu sprechen. Daß ich die schwersten PÄwrrken gegen die Unterzeichnung des Ultimatums gehabt habe, sagt er7 ist bekannt. Soll matt sich aber, wenn die Entscheidung gefallen ist, zurückziehen und schmollen und sabojHemt? (Nach rechts gewendet:) Sie sitzen doch auch noch hier, nachdem das Ultimatum unterschrieben ist! (Zuruf rechts: Es bleibt uns ja nichts, anderes übrig. — Große Heiterkeit.) Wewiß, wenn wir hier sitzen, so tun wir. das doch nur, um besä Lande zu dienen, und wir dienen dem Lande vor und ßrach dem Ultimatum. Wenn ein Papier die Unterschrift meines. Hauses oder meines Namens oder gar meines Volkes trägt, dann betrachte ich die Unterschrift M meine Ehre und die Ehre meines Landes. Ich halte Unsere Verpflichtungen für erfüllba r, wenn adteMiiafcBVtwffi-. — ■ ■ ..■ >>> ......»«■ lOmr iinnmnwft ausgeliefert sind. In dem Aufruf heißt es zur Erklärung dieser Ausländer „In seinen letzte« Arttkevi verkündet Lenin eine schonungslose Verfolgung der Sozialisten. Zu Hunderten werden trotz der Proteste der Petersburger Arbeiterschaft die Krön städter Matrosen, die man zu einem bewaffneten Aufstand provoziert hatte, niedergeschossen. Mit der gewohnten Grausamkeit versucht man, die steten Aufstände der zur Verzweiflung getriebenen Bauern zu unterdrücken. Lenin, der den Beschluß gefaßt hat, seine kommunistische Politik preiszugeben und sich durch Konzessionen an fremde und russische Kapitalisten und Spekulanten an der Macht zu erhalten, stößt auf den Wider, stand der an der Utopie eines sofortigen KomnmniSmuS glaubenden Mitglieder seiner Partei. Um die kommunistische Masse von seiner opportunistischen „hohen Politik" abzulenken, lenkt er deren Haß gegen die Sozialisten und hetzt sie planmäßig gegen sie auf. Das sind die macchiavellistischen Beweggründe der gegenwärtigen Massenverfolgnngen/ _ Die Krise. In Wien wird verhandelt, um die Schwierigkeiten für die Kabinettsbildung zu beheben. Die Führer der steirischen Parteien find nach Wien gekommen, haben aber in Graz die Weisung zurückgelassrn, die Vorbereitungen für die Volksabstimmung am 3. Juli f o r t z u s e tz e n. Die Kalastrophenpolitik wird also nicht eingestellt. Unter diesen Umständen wird sich die Regierungskrise noch länger hinausziehen, als man ursprünglich gemeint hat. Die englische und sranzöfische Presse beginnt sich betritt mit Oesterreich wieder zu beschäftigen: „Daily Chroniel^ betont den Ernst der österreichischen Frage für Europa. Oesterreich sei ein Gefahrenzentrum und es müsse ihm raschest Kredithilfe geboten werden. Das Pariser „Petit Journal" stellt ein militärisches Einschreiten der kleinen Entente in Aussicht. -vir wollen. t!.\ Zum Schluß erklärte der Minister: Ich halte es für jjftottg, meine Aufgabe zu erfüllen, die nicht nur eine nationale, sondern eine Weltaufgäbe ist. Es schwärt diese Wunde am Körper Europas, die Wunde des Amfortas, und diese Wunde schließt sich nur durch das Schwert, das sie geschlagen; nicht früher wird der Friede in die Welt kommen, als bis diese Munde sich geschlossen hat. J'! Reichskanzler Dr. Wirth sagte am Schlüsse seiner iRede: Ich benütze die Gelegenheit, um eine Aeußerung zurücktznweisen, die der Abgeordnete v. Nraun getan hat. Cr hat ^-wter lebhafter Zustimmung der Rechten gesagt: „Mr wollen "tzrichtA zu tun haben mit derartigen Machenschaften des jüdischen Kapitals. Deswegen sehen wir gerade in der 'jetzigen Zusammensetzung des Kabinetts eine schwere Gefährbong/' '.Es war ein billiges Be rgn ü gen, mir den Mangel an Gebanken vorzuwerfen, eitt noch billigeres Ver- Mügen, mit den Gedanken eines vulgären Antisemitismus hier Männer attackieren zu wollen, die reine Pflichterfüllung dahin geführt hat, wo sie heute sitzen. General Smnts über Völkerbund und DSlkerbnndrltt. Aus Kapstadt meldet Reuter r I« südafrikanischen Parlament hielt der Ministerpräsident General Smuts eine Rebe, in der er entschieden für den Völkerbund eintrat. Er drückte die Meinung aus, daß der Bölkerbunbrat nicht im Vinne des Völkerbundes gewirkt habe. Smuts sieht keine Mders Hoffnung für die Zukunft des Menschengeschlechtes als best Zusammenschluß der großen und kleine» Völker nach dem Grundsatz der gleichen Rechte und hofft, daß die Südaftikaner in diesen dunklen Lagen tat Völkerbund unterstützen. Der ^Minister sagte wörtlich: „Laßt uns nicht den Völkerbund be-;Wmpfen, wir wollen aber de« Obersten Ratbekämpfe n, Her vielleicht im Unrecht ist." ' ’f- 1 (Der südafrikanische Ministerpräsident ist durch seine pro- >zü)nistische Haltung, der er in einer überaus verständnisvollen Hkche .Ausdruck verliehen hat, in allgemeiner Erinnerung.) Herstellung der persönlichen Freiheit in Rußland? Reval, Juni. Die Petersburger „Kvasnaja. Gazeta" veröffentlicht eine Verordnung, mit welcher Hie Sowjetregierung die Unantastbarkeit der Person wiederherstellt. Jeder Verhaftete muß innerhalb vierjundzwanzig Stunden verhört werden. Falls ein Arbeiter verhaftet wird, muß innerhalb böser Frist sein Gewerkschaftsverband benachrichtigt werben, auf dessen Bürgschaft hin er auf freien Fuß gesetzt werden muß. Verhaftungen und Durchsuchungen dürfen nur aufGrund schriftlicher Befehle ausgeführt werden. * Die Notwendigkeit einer solchen Verordnung in dem „freien Rußland" gibt viel zu denken. Zahlreiche einwandfreie Personen, die Rußland in der letzten Zeit besuchten, haben über Massenverhaftungen undGrausambeiten des bolschewikischen Systems berichtet und die Einzelheiten, die mitgeteilt wurden, erinnern ganz an die Zeiten der „Ochrana" und der berüchtigten dritten Abteilung. Ein Aufruf der Auslandsvertretung der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Rußlands, der mit jden Unterschriften R. Abrarno witschimd L.Mario w zu Spenden für die Opfer des bolschetvikischerr Terrorismus auffordert, geht gerade jetzt durch die, Kresse. Er erzählt, daß alle Gegner des Systems einigesperrt, mißhandelt und in die Provinzgesängnisse verMbep werden, wo sie der. Willkür lokaler Satratze«. Don der deutsche« Gesandtschaft. Wie wir erfahren, ist an Stelle des zum Vertreter deS Reiches in Warschau in Aussicht genommenen Botschaftsrates l. Klasse von Schön der Legationsrat von Scharfenberg zum Griandtsckaslsrat bei der deutschen Gesandtschaft i n Wien ernannt worden. Herr von Scharfenberg hat seinen Posten bereits angetreten._ Telegramme. Ei» neuer englischer Riesenstreik bevorstehend. London» 1. Juni. Eine neue industrielle Krise, welche an Größe des Betzgwerkskrife nicht nachsteht, droht auszubrechen. Die Baumwollspinner haben den Beschluß gefaßt, die Arbeitslöhne um 30°/. zu reduzieren. Daraufhin haben die Gewerkschaften der Textilarbeiter eine Urabstimmung veranlaßt, welche dm Arbeitern Gelegenheit geben sollte, ihre Haltung .ta der Frage der Lohnreduktton zu Kennzeichnen. Die Arbeiter habm mit 95°/o aller abgegebenen Stimmen die Lohnreduktion abgelehnt. Nun ist ein Vermittlungs- Komitee, bestehend aus acht Fabrikanten und acht Arbeitervertretem, gebildet worden. Im Falle des Scheitems der Verhandlungen wird die gesamte Arbeiterschaft der Spinnereien, welche ungefähr 800.000 Personen umfaßte, Samstag mit dem Streik beginnen. Der belgische Außenminister lobt Deutschland. Brüssel, 3. Juni. (HavaL). 9m Laufe der Beratung deS Budgets des Ministeriums deS Aeußeren in der Kammer ergriff der Minister des Aeußeren das Wort. Er erkannte an, daß Deutschland guten Willen z» zeige« beginne, die von ihm eingegangen« Berpflichtunge» z» erfülle«. Der Minister bekannte sich als Anhänger einewest" sich« Blocks, der Frankreich, England, Italien und Belgien vereinig« müsse. Bezüglich der Uebereinkommen legte Heb«« tat, daß das französisch-belgische Militärabkommen einen absolnt defensiv« Charakter habe und die belgische Unabhängigkeit vollkomm« schütze. Die Ursprungszertifikate über deutsche Wareu ausgehoben. Prag» 8. Juni. (Privat.) Wie n»S das britische Konsulat in Prag mittrilt, hat das britische Ministerium deS Auswärtig« angrordnet, daß infolge der Annahme der ReparationSbedingungrn seitens der deutschen Regierung in Zukunft schon nach England bestimmte Waren keine Ursprungszertifikate mehr notwendig find. Amerika sür die interuattouale Abrüstung zur See. Part», 8. Susi. Rach amerikanisch« Meldung« habe die Regierung der Bereinigten Staaten bei d« Mächten bereits Schritte in der Frage der internationalen A brüstung zurSee unternommen. Es werde vorgeschlagen, baß diese Frage vor dm O b e r st e n Rat znr Verhandlung gebracht werde. Wladiwostok und Rikolsk-Uffnrijsk von weißen Truppen genommen. Moskau» 3. Juni. (Funkfpruch.) Unter dem Schutze javanischer Bajonette ist es gegenrevolutionären Weißgardisten gelungen, sich der Städte Wladiwostok und Rikolsk-Ussurijsk zu bemächtigen. cpn» 845 Ministerernennnngen in Polen. Warschau, 3. Juni. (Fuuksprnch.) Der Departemmtschefi i« Handelsministerium Ludwig D a r o «f k i wurde %od Arbeitsminister trab der Präsident der Stadt Kalisch, Johamr M i ch a l s k v zum BerpflegSminister ernannt. Vrrüuderuugen in der jugoslawische» Negierung. Agram, 3. Juni. Bautenminister Jovanovie wurde mit der Leitung deS Verkehrsministeriums betraut. Handels- Minister S v a h o und GesundheitSministrr Karamehme« d o v i c find zurückgetreten, weil die Regierung ein« großen Teil der im März mit den Muselmanen eingtgangenen Berein» barungen nicht gehalten habe. Unruhen in Syrien. Paris, 1. Juni. (Privat.) Es wird gemeldch daß in Syrien erneute Unruhen ausgebrochen sind und daß französische Truppen gegen die Aufständischen in die Gebiete von Dumesri, Chouvur und Djebel Efra gesandt wurden. Auch in den Gebieten von H a m a sollen Unruhen zu bemerken sein. Der Bahnhof von Gmirdschi wurde in Brand gesteckt. . Dr. Ruppiu» Reise «ach Europa. Jerusalem, 1. Juni. (Jüd. Korr.-Bvr.) Dr. A. R » pp i«, Mitglied der Zionist Commission, ist gestern «ach Europa abgeresst. Cr wird sich in London aushalten und an d« Sitzungen des Großen Aktionskomitees teilnehm«. Dr Ed et verbleibt in Jerusalem als Leiter der Zionist Commission. Die polnisch-jüdischen Derstüudigungsverhandluuge« 1« Wilna — »uter» kröche«. Warschau, IS. Juni. (Privat.) AuS Wilna wird berichitt: Wie bereits gemeldet, haben in den letzt« Wochen zwischen den Vertretern der progressiv« polnisch« Partei« und den jüdischen Parteigrupp« in Wilna BerkändigungSverhandlungm stattgefunden, bet denen insbesondere die Stellung der jÜdischen G e m e i» d e und die Frage derAntonomiefürdie nationalen Mi»derheiten im Gebiet von Wilna zur Diskussion stand«. Die Beratnuge» fördert» bisher wenig poffitive Resultate zutage. Sie sollt« vorige Woche im Departement für innere Angelegenheiten fortgesetzt werde». Nunmehr Hab« jedoch die jüdischen Delegiert« knapp vor dem Termin, der für die werteren Beratungen festgesetzt war, die Meldung erhalten, daß »infolge einer unerwarteten Störung, deren Gründe außerhalb des Jn»«departemen1S lieg«", die anberanmte Konferenz auf eine «och zu bestimmende Zeit verschoben werden müsse. Dte amerikanische Einwanderungsbill i« Kraft getretr«. Washington, 1. Juni. (Tel. d. „Wr.-Morgenztg?) Das vom Präsident« H a r d i« g Unterzeichnete Gesetz, welches für die »ächst« IS M o » a t e die Einwanderung in die Vereinigt« Staat« auf 3V, der in Amerika wohnhaften Zahl der Bürger der einzeln« auswärtig« Staat« beschränkt, tritt am 8, d. M« in Straft. _ Tagesbericht. Mitarbeiter. Dir haben diesmal nicht lange wert« müssen. Nämlich auf die „Mische Schuld" an dev gegenwärtigen Regierungskrise in Oesterreich. Sie beginnt sich schon langsam heraus-, zukristallisiereu. Borlärifig wagen es zwar weder die christlich^ sozial« noch, die devtschnatiouake« Plätter, die Juden, allein für das Debakel einer Taktik verantwortlich jit; machen, die Me Groß den tschen gestern noch voll Stolz als einen Triumph ihr« Partei für sich reklamierte«, während die klerikale« Fördere« des LänderpartikulariSmus sich insgeheim reumütig gestehen: „Mea xulpa, mea maxima culpa!'' Aber wenigsteneinen gewisse« Anteil an der tragischen Schuld möchte uns die Presse aus beiden Parteilagern gar zu gerne in die Schuh« schiebe«. In diesem Bestteben sind die feindlichen Brüder einig, Mr über unseren Kompagnon, üb« den Besitz« des übrigen Anteils, geht ihr Urteil noch auseinander. Während die „Reichspost" ihrer ganzen Rassenthevrie zum Trotz eine „seelische Einheitsfront zwischen Mltattscheu und Ztonistvp^ konstruiert, sprichtdie „Deutschösterreichische Tageszeitung" von einer „beliebten' miü vtelgeübteu Arbeitsteilung zwischen Strozzigasft' und Taborstraße". Was nun die Möglichkeit einer seelischen Wahlverwandtschaft zwischen jüdischnationalen Redak- Unten und deutfchnativnalen Schriftleitern betrifft, scheint sich die „Reichspost" von de« Lehren Gobtneaus und St. H.. Eham-! berlains zu den Ansichten Richard Skraliks bekehrt zu haben,- b« im DonnerStag-Feuilleton deS christlichsozialen Hauptbarlegtr ,,Me Menschheit ist dne organische Einheit von ein heitticher Abstamnmng, einheitliche« «Schöpfung, pinheit . ltcher Entwicklung, einheitlicher Zielaebimg, « rmmer wahrender Gleich z eitigkett aller ihrer Glieder, als» in not wMbigem Synchronismus. Es gibt daher nur ein eKultur ««twicklung in der Menschheit, wie eS im menschliche» Körper nur ein Wachstum gibt; mögen auch der ober fläch lichen Betrachtung die Kulturen" verschiedene» Völkerkreise auseinanderzustreben und eigenen Schicksalen z» folgen scheinen." ■ Und zum Schütß Mir wollen Geschäft und Unterhaltung! Das ist das Wesen jeder Generation. Man vergißt es nur!" , j , Nun, »vir versprechen Herr,» Dr. Äralif, daß »vir