Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 842 (1.6.1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr 842, Wien. Mittwoch Myr siyd diß Verxüter? Aus Warschau wird uns geschrieben: Es gibt ist Polen bekanntlich' eine politische Methode, die bisher nie versagt hat. Am allen außen- oder innenpolitischen Mißerfolgen sind nach, einem, bewährte«! Rezept die Juden schuld. Auch die schwierige Situation in OLerschlesien wird nicht nur von der Hetzpresse und von Mzwoj-Aufrufen, sondern auch von Blättern, die man für gewöhnliche ernst zu nehmen gewohnt ist, als Werk der Juden bezeichnet.. Nun aber will es die Ironie des Schicksals, daß gerade zu einer Zeit, wo sich! dieses Geschrei gegen die verräterischen Juden am wütendsten erhebt, im polnischen Parlament ganz öffentlich! ein Deputierter, dem man weiß Gott keine allzu nahe Verbindung mit de« Juden nachsagen kann, der Erzbischof T e o d o r o w i e z, der Parteifreund und, wie man sagt, Drahtzieher des Innenministers Skulski, öffentlich des Verrates beschuldigt wird'. In Interessen seiner Partei und der Priesterschast Polens soll Teodvrowicz Staatsverrat begangen haben, indem er in Rom dem Papst Geheimdokumente des polnischen Gesandten Leim Vatikan übergab, wt denen Dinge enthalten waren, welche den Papst in der oberschlesischen Frage entschieden deutsch-? freundlich stimmen mußten. Dieser Vorwurf politischen Verrates ist nicht der erste, welcher der Partei des Erzbischofs Tevdorvwi.cz entgegengehalten wird. Es wurde seinerzeit öffentlich erklärt, an dem Scheitern der ausländischen Anleihe Polens sei Paderew ski schuld, welcher zusammen, mit dem Bankier. Smu.lski in Amerika einen wütenden Kampf gegen diese Anleihe eröffnet habe. Dabei soll der Abgeordnete A d a m s k i der Führer der christlichdemokratischen Arbeiterpartei, welcher eigens «ach Amerika fuhr, mitgeholfen haben. Ob alle diese Beschuldigungen richtig sind, muß denen überlassen bleiben, welche sie im Parlament und in der polnischen Presse erhoben haben. Sie haben die Verantwortung zu tragen. Wer eines ist dabet bezeichnend: Wenn die Juden des Verrates beschuldigt werden, so hört man nie einen Namen. Taucht aber einmal! in der polnischen Oeffentlichkeit der Name eines Verräters auf, so ist es stets der Lines waschechten Polen von patriotischester Färbung. Es ist auch ein offenes Geheimnis, daß an dem geringen Erfolg dev innere« Anleihen Polens die Schichten schuld sind, welche ihren Patriotismus am stärksten auf dem Markt ausrnfen: die Gutsbesitzer und die Bauern, welche beide am wenigsten polnische Anleihe übernommen habend Wenn das polnische Volk klar denkt, kann es auf de« „Haltet den Dieb!"-Ruf, den' seine Patrioten gegen die Juden ausstoßen, nicht,mehr hereinsallen. Die Patrioten sind zu sehr kompromittiert. „Pölonia delenda est“. „Rzecztzospolita", das Organ Paderewski s. hat sich ein neues antisemitisches Hetzstückchen geleistet Sie berichtet in ihrer Nummer vom 22. d. M. unter dem ÜCitel „Poloma delenda est*, daß im März 1920, wir sie „aus durchaus kompetenter Quelle* erfahren haben will, nt Loydon eine „y <h e i m e jüdische Konferenz* abgehalten wurde, welche eine Verschwörung her Juden gegen den polnischen; Staat ausheckte. An der Konferenz haben, Drut dem Bericht des Blattes, »hie bekanntesten Juden Englands" teilgeuommen« unter ihnen: Jstael Z a n g w i l, Jsaac K a h n, M o n t e s i o r e, Sir Alfred M p n d und andere. Aber auch Vertreter des tschechischen, ungarischen, russischen, rumänischen und polnischen Judentums seien zu dieser Konferenz gekommen. Das .letztere sei durch den Sejmdepulierten G r ünb g u m und den Redakteur des ,R a j? n H a j n t" vertreten gewesen sowie durch Sir Stuart Samuel, welcher gerade von Warschau zurückgekehrt war. Man habe sich hauptsächlich .mit der Judenfrqge in Polen besaßt, weil „Polen sich in schwieriger Lage befindet und es daher leicht ist, es zu beherrschen". Es sei beschlossen worden, daß di? Juden aller Länder rin?« erbitterten' und erbarmungslosen Kampf gegen Polen führen müffe». Dazu müßten in allen Ländern spezielle Komitees begründet «erden. Eine gewaltige Presseagitgtipn gegen Pole« sei einznleiten. Mg« müffe alle Einflüsse qusnützm, damit Polen möglichst wenig Gebert erhalle. Deshalb müßten in den Plebiszitgrbreten. besonders in Danzig, und in Schlesien, für Polen Io viel Schyier,gleiten als Möglich bereitet «erden, Wan mW alles daransrtzen, daß emfluhrerche «nd verantwortliche Stelle« in Pole« mit Juden oder wenigstens mit Judenknxchten besetzt werden. Besondere Aufmerksamkeit sei in dieser Beziehung dem Außen? n«d Kriegsmmisternun zuzuwenden. Wan müsse sich bemühen, daß Pole« sich an Denischland annähere «nd dqß es kein Bündnis ryit Frankreich schließe. Die polnische Mark .müsse auf dem Weltmarkt mit alle» Wisteln gedrückt werden, damit die polnische Regierung gezwungen werde, Anleihen bei jüdischen Financiers qufzunchme«, die ihr solche dann um dm Preis von Privilegien für die Jpden Polens gewähren würden- I?de kommumstlsche Aktion in Polen sei tatksästrg zu unterstützen. Dieser famos? Bericht, welcher alles Gute enthält, das für di? Jndenhrtze in Polen tauglich ist, stimmt interessanterweise fast wörtlich mit einem Bericht überein, den vor einiger Jeit di? ..Gazeta Warszawska" veröffentlicht hat, was dem Redakteur * dieses Blattes eine Bcrleumdungsklage des Abgeordneten. Hrünbäum Pgezogen hgt. Pas aber beirrt den Redgktepr des ..Rreezpöspolita* nicht in seiner heiligen Aufgabe, die darin besteht, hie öffentliche Weiuppg in Polen durch di? niedrige Verleumdung zu . vergiften, haß ay allen polnischen Mißerfolgen Polens und insbesondere an der ungünstigen Stcklunguahme Englands zu Palens Vorgehen i« Oberschlesien die Jude» schuld seien. Die antisemitische Hetzpreffe iu Pplen Wiener Morgenzeitstng An unsere p. t. Leser und Abonnenten! Heute, den 1. Juni beginnt ein neues Abonnement. Wir ersuchen, die Erneuerung rechtzeitig vorzünehmen, damit in der Zustellung des Blattes keine Unterbrechung eintrete. Die Verwältrmg der „Wiener Morgenzeitung". ■ * ». Bezugsbedingungen: Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit . Postzusendung) Kr. 100.-- monatlich. Mit Postzusendung: Deutschösterr?ich monatlich ........ Kr. 100.— Tschecho.Slowakei monatlich ....... Kö. 17.— Polen monatlich.. . . . poln. Mark 100.— Zngoslawien monatlich.Dinar 12.— Deutschland „ ......... Mark 1?*— Aumänie« ,» ....... . . Lei 20.— Holland „ ......... holl. st. l.|50 Schweiz ,» . .. . Fres. 3.^ England „ .. . sh 3.— Italien „ .. Lire 6.— Amerika n ......... Dollar —.50 Frankreich, Belgien monatliche .... Fres. 6 — Zahlstellen:. Oesterreichifcheo Postsparkaffenkonto (Wien) 15Ü.6S3. Tschecho-slow. Postsparkafleykonto (Prag) 59.351. Polnisches Postsparkaffenkonto (Warschau) 190.227. Deutsches Postscheckkonto (Berlin) 108 .702. Pnmiiyiep (Ezernowitz): Allgemeine Deposttenl'nnk, Filiale Czernowitz. Jugoslawien: Äser KUlcky bänkcin, Osijek Qajev trg II ober Postsparkaffenkonto (Agram) 40.085. Italien (Trieft): 8ov!ets Ifallana di credSto Commerclale, Triest, Via Mazzlni 30. arbeitet in diesem Punkte Hand in Harch mit allen polnischen Drahtziehern und ihren Kreaturen, wie „Rozwoj" und dergleichen. ' In dieser von den Hetzern geschaffenen Atmosphäre kann eine polnisch-jüdssche Verständigung schwerlich zustande kommen- Vor einem Verband der baltischen Staaten. Aus Ko w nv wird berichtet: Dtzr litanischc Außenminister Puritskis, welcher soeben von seiner Reise nach Riga und Reval zurückgekehrt, gewährte einem Mitarbeiter des 5d^wnver Tagblattes „Die jüdische Stimme" ein Interview, ick welchem er sich ' über die Ergebnisse seiner Reise äußerte. Unter anderem sagte. Puritskis, es sei nunmehr der Grundstein zu einem Verband der baltischen Staaten gelegt worden. DÄser umfaßt zurzeit nur Litauen, Lettland und Estland, soll aber mit der Zeit zu einem Verband sämtlicher balti-- schen Randstaäten äusgestaltet werden>^ Wie bekannt, steht auch bei den polnisch-litauischen Verhandlungen in Brüssel die Einbeziehung Polens in einen solchen Verband der baltischen Staaten zur Diskussion. Die Schaffung eines solchen Staatenverbandes ist von nicht unwesentlicher Bedeutung, da sie der Balkanisierung Osteuropas entgegenwirken kann. Japanische Pslitik in Sibirien. Heber die i a p a n l s ch e Politik i n Sibirien veröffentlichen die „Times" ein Telegramm aus Tokio» in »welchem der nachfolgende Plan geschildert wird: Die Republik des fernen Ostens erhält eine demokratische Regierung und lehnt den Kommunismus ab..W l a d i w o st o k wird offene H a f e n st a d t und werden die Festungswerke geschleift. Tschita, Chabarowsk, Blagoweschtichrnff und andere w.chüge Städte werden als offene Handelsstädte crllärt. Bergwerlskon,Zessionen und Berechtigungen zur Ausbeutung von Wäldern werden an Fremde aller Nationen in glercher Weise verteilt. Die freie Schiffahlt auf dem An^urikuß und das persönliche Eigentum der Ausländer werden garantiert. - Eine anUftmitische Prrtzkampagne in Frankreich. Ein Teil d?r französischen Blätter .ist in der Diskussion über die Reden Lloyd Georges bereits dazugekommen, auch in dieser Angelegenheit d i e I u d e n a l s d i e S ch u ldrgen zu erklären. Si? begegnet sich in diesem Bestreben mit jenen p o l n i s ch e n B l ü t t epn, die fisr die Entwicklung in Oberschlesien die Juden verantwortlich machen, und mi( der a l l d e u t s ch e n P r e s s e, die jedes Unglück, drS Dcutschlgnd trifft, den Juden in d'e Schuhe schiebt. Die französische Preffe bat heräusgcsund en, daß das englische wirtschaftliche Leben unter jüdischem Diktat fleht und - daß auch die erchlische Politik von Juhm im Australs des intcbnatiouaken Kapitals bebcrzscht wird. Der „Matin" siebt an der Spitze dieser Aktion und. hgt sich einep- Herrn Maurice P r e v y t verschrieben, der in vier Artikeln nachweist, daß Sir Alfred W o y d, Hc-.r S a f s o o nt RufusJsaacs (Lord Reading) usw. Lloyd George ihre Pokitff auioktrohieren. Bei dieser Gelegenheit kritlsicrt der „Matzu" auch das französisch-englische Abkommen über die Nopdgrenze.Pakäsirnas ynd beschuldigt e p r't 0 g pr p t, i dm er „Prinz von Israel" nennt, haß er deir Gchutz pßp'Kanf? interDu dejs-HäufigHassoon übernommen habe. i:'3ünfi92f v .. ' Seite 9\ : . E -.u :.U.... ----- :-f Gemeinsamer Landtag. Sitzung am 31. Mai. Der gemeinsame Landtag von Wien und Niederösterr^y- Land trüt gestern zu seiner konstituierenden Sitzung zusap'.mer^- Zn Präsidenten und Präsideutenstellvertretern wurden die geordneten S e i tz, S t e i n e r, I n k e l und O f e » b ö ck gewählt. Hierauf fand?« di? Wahlen in die einzelnen Kommis sipnen, Ausschüße und Kuratorien statt, worauf die Sitzung n/ch Verlesung eini-ep Anfragen geschloffen wu^e. --- Telegramme. Die Lösung der oberschlesischen Frage^ Berlin, 91. Mai. Die „Deutsche AllgemeinÄ Zeitung" meldet aus London: Wie aus diplomatische Quelle verlautet, haben in der Samstagsitzung des! Botsckafterrates der e n g l i s ch e und italienische! Botscyaster vorgeschlagen, in den deutschen und dem polnischen Distrikten Oberschlesiens die Ordnung durch reguläre deutsche, beziehungsweise polnische Truppenj Herstellen zu lassen. Der Vertreter der sranzösischens Regierung wandte ein, daß durch Kvrsantys' Nach-z geben eine solche Maßregel unnötig sei. Hieraus seij bei der interalliierten Kommission angefragt worden,! ob sie. der Ansicht sei, daß der englisch-italienische Vor-i schlag durchaus notwendig sei. . \ Der Botschafterrat habe beschlossen, zwischen der; deutschen upd der polnischen Zone ein n e u r r a l e s Gebiet zu schaffen. , Der englische Vertreter habe weiters an die französische Regierung das Verlangen gerichtet, daß dev Oberste Rat am Mittwoch zusammentreten . soll. Vriand habe dies jedoch a b g e l e h n weil er die Kammer Freitag auf zehn Tage vertagen wolle.' Innerhalb dieser Frist werde er ^eue Vorschläge machen^ Rach dem „Oeuvre" sei man in Paris bereit, den Engländern Zugeständnisse zu machen und die Konferenz für Samstag einzuberufen. Ein englisches MtiMNtUM an die > . KyrfMy-Txuppen. Optzoly» 3H. Mai. (D(l.-Komp.) Der General. H k W ' mekrr, der Kommandant dzrmueingerroffen egepgAchen Truppew wird.vor Inangriffnahme dex SäuberuutzßaKion an die polnische^ Insurgent?« enr -8il«ündig?§ Ultimatum richten «üt der Aufforderung, sofor-t die Kqmpshqudsnngen einzustellen unv di?'Wff?H abzulleseru. Sosti? Korfcmty diesem Ultimatum nicht Folge (eiste« so w rd die militari: die Aktion rücksich'.sivS dnrchgrcisin, ., ,J\ Die polnische Kahiflettskvise. Warschau. 3l. Mai. (Funkspiuch.) Dev RrktW -beej.. Krakauer Universität Est reicher hat die Kandidatur, für den! Posten deS Mimsters d?Z Acußern a b g e l e h n t. '! G8tz««s t« Ht pqlyÜchW Zozial- . jseraoöraüe. Warschau, 28. Mai. (Privat.) In der polnischen sozia--?' listischen Partei ist seit einiger Zeit, eine starke «ach links! gerichtete Opposition gegen die Führer Dasz.hyskch cz.ewski und andere zu'bemerken. Eine Anzahl pon „Linken^! ist aus der Partei ausgetreten. Eine . Gruppe der ffnks-. stehenden Sozialisten hat einen Aufruf veröffentlicht, tpwelchem sie der Parteileitung vorwirft, daß; ihre Polltiki gänzlich den Weisungen des „Belvederes", das heißt des.. Präsidenten P i l s u d s k i, fglge,' daß sie die Osfenfive; gegen. - Kiew, die imperialistische Politik Polens, .welche,sich in de^ mit Petljura in der ostgalizischen Frage und in der Annexroni ukrainischer und wgihrusstscher Gebiete auf Grupd V.dess Rigaer Friedensvertrages offenbart habe, unterstützt hätten«.: Anttjüdische Exzesse ip Lodz.' Lodz, 26. Mai. (Tel. d..„Wr. MoxgMtg." Verspätet.)'.Am, 25. Mai um halh 7 Uhr^ abends begannen einige HustganAi in der Widzewski- und Kamiennagasse die jüdischen Passanten., zu prügeln. Ick de« Straßen entstand eine'Panik, man,' begann die Geschäfte zu schließe«. Dies gab dem Pöbel, der.! sich inzwisc^n vermehrt hatte, noch mehr Mut' und man: überfiel mit den Rufen „Schlägt die Juden!" die jüdischen Passanten mit Stöcken und Messern. Ein jüdische« Musiker namens Luftig, auf den mit.Eisenstangen loS»>. geschlagen wurde, wurde schwer, vier andere Personen! wurden ckeicht verwundet. Auf dringende Vorstellungew mehrerer Juden, die zur Polizeiwache geeilt waren, schritt Schuhmannschaft ein. Die Exzedcnten zerstreuten sich rasch/ es gelang, zwei von ihnen zu fassen. Sie wurden in Gtz-j wahrsam gebracht. Kompromißvorschlag in der Wilnarr Frage. Brüssel, 30. Mai. (Tel. der «Diener - Morgenzßitung".^ Hhmans' Vorschläge zur Beilegung deL Konflikts zwischen Po.sep und Litauen, «reiche auf der Konferenz in Brüssels den Delegationen beider Partei«: übergebe.« wurden, gche«! dahin, daß das Gebiet von Kowno und von Wilna zluer seit ständige Kaptone ngch dßm Muster der Schweizer Kantone bilden solle«. In Wilnq soll ein polnischer, in Kowno ei« litauischer Laphtgg bestehen. Die gemeinsame Regierung fstü beide Kantontz soff in Wilna errichtet werden. Durch drestz' Erpichtunb tzinA litauischen Nationalitätenstaates fotz' dttz AM^ion WnoK huM einen beiden Streitteile Umgangs« werden. Hy Htzmanh' Vyxschlägon' ist auch ein' bHstkijD KÄHW. KiWN WWlEWr. '