Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 842 (1.6.1921)
- Date
- 1921-06-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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>' > J9R8r lüuitf iunnBoA ... "■' - i ■■-■" -» «MN^MSWWWS^ Die Anschlußgefahren. r We tofr gestern berichteten, hat zwischen den dipto- Matischeu Vertretern Tschecho-Slowakei und Ingojslawiens in Men eine Besprechung stattgefunden, die ver Frage der Bolksabstimmungen über den Anschluß Die Aussprache wurde auf den rumänischen Geien ausgedehnt. Die drei Vertreter der kleinen ttto haben sich auf ein gemeinsames Boxgehsn geigt, das in Erscheinung treten soll, wenn die Arenen für den Anschluß, fortdauern sollten. In dieser »insicht kommt den Beschlüssen des steirischen Landltages große Wichtigkeit zu. Der Pariser „Eclair" glaubt faxt wissen, daß die Entente bei der Fortdauer der An- .schlußbewegung die militärische Besetzung von anz Oesterreich beschließen würde. Italien würde Tirol und Salzburg, Jugoslawien Kärnten und Steiermark, die Tschecho-Slowakei die übrigen Gebiete Oester- Mchs besetzten. Gleichzeitig würden die Hilfsaktionen zur finanziellen Wiederaufrichtung sowie die Ernährungsznschüsft eingestellt werden. Auch „New Aork Herald" weist auf die möglichen Folgen der Plebiszitbewegung hin. Italien könnte Villach besetzen, Jugoslawien neuerlich das Drau- »fer als Grenze verlangen. Auch andere Sanktionen seien zu. erwarten, insbesondere die Verweigerung tzes Kredites. Im „Echo de Paris" betont Perkrnax, die Consulta habe eingesehen, daß es keineswegs im Interesse Italiens liege, den Anschluß Oesterreichs an den germanischen Block zu begünstigen. Es fct daher von Italien ein stillschweigendes vftbereinkommen milden Snkzessivnsft aalen getroffen worden, dessen erstes Ergebnis die Demarchen gewesen seien, die in der letzten Zeit in Wie« stattfanden, um der Pftbiszitbewegung Einhalt gebieten. iy Dto Gerüchte über eine Regierungskrise, sich aus der Sachlage mm selbst ergeben, werden vorläufig als unrichtig bezeichnet. Der Kanzler weilt fe Klagenfurt unb wird erst heute früh nach Wien kommen. In den Regierungskreisen wird erklärt, daß ftir einen Rücktritt der Regierung kein Anlaß vorliege, da ja die Entente die Korrektheit der österreichischen Regierung stets anerkannt habe. Die entscheidenden Verhandlungen zwischen der Regierung und den Parteien werde« erst im Laufe des heutigen Tages beginne» und, wie man annimmt, unter dem Druck eines befristeten Ultimatums der kleine n und großen Entente stehen. Ob dieses Ultimatum auch die vou den Pariser Blättern angedeuteten Sanktionen ««fassen wird, steht noch dahin. Aber es ist leider W erwarten, daß auch dieses Einschreiten keine positive Folge haben witt>. Die Verhetzung der Provinz gegen Dien ist zu weit vorgeschritten und weder die Regierung stoch die .Parteien haben Autorität genug, die Volk^ abstimmungen, die zu einem politischen Sport geworden firtb, zu verhindern. Jeder Beschluß, der sich gegen ihn richtet, kann, auch wen« er noch so Unsinnig ist, in de« Ländern auf Erfolg rechnen. Dazu kommt «och, daß die Länder durch die famose Bundesgesetztzedung völlig autonom sind unb baß alle Verpflichtungen, die die Bundesregierung auf sich nimmt, von khneu nicht akzeptiert werden. Die Länder tragen keinerlei Verpflichtung und keine Verantftvrtnn g. Diese Stimmung wird von den Agenten der reichsdeutfchen Bolkspartei weidlich ansgenützt. ES' find sehr große Geldmittel, die da« in Verwendung Wmmen und die österreichische Oeffentlichbett ununwr-' drvchdn in Erregung halten. Es ist kftr, b iß auch eine jvem^issivn der Bundesregierung hier keinen Wandel schafft« kann. Die nette R giernng könnte wieder nur aus den Parteien gebildet werden HM diese Parteien find gegenüber der. Pwvich! «md' die« Provinzstammtischsn ohnmächtig. Es find heute Eft der österreichischen Politik wieder dieselben Schriftkelter und Sekretäre mächtig, die während des Krieges die Politik des Deutschen Nativnalderbandes gemacht haben und durch ihr Denunziantenweftn viel jp dem Unglück Oesterreichs getan haben. Außer den ittDSbeutschön Agenten Md es hauptsächlich deutschdsthmifche Elemente, die von Dien aus einer-' ftits die deutschböhmische Oeffttttlichkeit verhetzen, andererseits keine« Tag vorübergehen lassen» vhne krgenbeinen Ententestaat in irgendeiner Mise zu 'ärgern. m ist eine geradezu kindische Politik, die hier Ietrleben wirb, und der Schaden, den diese abgehansten vnd unwrjstanbsloftn Schriftleiter stiften, wirb' immer größer. 'r ' Insbesondere die gvoßdeutsche Partei steht ganz «Mr der Fuchtel dieser Leute und der Mfftk, den b'ft Grvßdentsche Bvlkspartei am Sonntag ihrer Par- « amentsfraktivu erftikt hüf, ist auf eine solche xruelle zurücktzuführen. Solange diese Zustände bestehen, kann ftine Regierung etwas bessern, es sei denn eine Beamteuregierung, dft es versstcht» bä& Mrrastisch geworden« Parlament' seinen Prrwß. KÄnftreftn zu Überlassen und selbst nach dem RM«n 8« fttzn. Oesterreich Wt immer m einem Fehlerkreis r Oft hilft der EnMi« kammi nicht» wett dft Wx* tWußagitaiiöN besteht, ÄNÜ die UnschlUßagitafiM Verdi« Hilft der Entern«. Dieser Kreis müßte «Mich ük ausgeschnitten werden. Wert» sich die EnOnte entschließt, Oesterreich ausgiebig und tatkräftig ' pt Helftu, wenn sie das wirtschaftliche Leben wieder nt Gantz toemgt* die Berkuhrsbeschränk««ge» aufhebt und dazu hilft, baß der vollständig freie Ha nd el hergestellt wir-, daun werden bieft Spukgeister von selbst verschwinden, weil ihnen der Boden für ihre Tätigkeit entzogen wird. Solange wir aber eine Parteiregierung haben, die mit wechselnden Majoritäten arbeiten muß, so lange werden dm Schriftleiter Oberwasser behalten. I‘ g'.., Steiermark stimmt ab. Graz, 31'. Mai. In der heutigen Sitzung de- Landtages wurde der Antrag der großdeutschen Abgeordneten, daß am 3. Juli in Steiermark eine Volksabstimmung über den Anschluß an Deutschland vor- .znnehmen fei, mit den Stimmen der Großdeutschen, Christlich so zialen und Bauernbünbler angenommen. Die Sozialdemokraten erklärte«, daß sie in konsequenter Verfolgung ' ihrer bisherigen Haltung in der Anschlußfrage, die dahin geht, daß über den Anschluß an Deutschland nur durch den B und ab gestimmt werden könne, nicht für de« Antrag stimmen werden. Sollte jedoch eino Volksbefragung in Steiermark durchgeführt werde«, ft werden sie, damit das Ergebnis dieser Volksbefragung kein falsches Bild vom Änschlußwillen deS steirische« Vvldrs gebe, sich von der Abstimmung nicht ab sentiere«, sondern an ihr teilnehmen. ' Graz, 31. Mai. (Privat.) Der Beschluß des Landtags .über die Abstimmung wurde sehr rasch in der Stadt bekannt. Studenten in Autos fuhren durch die Stadt und demonstrierten für den Anschluß. Die ganze Stadt, besonders der Jakominiplatz, das Rathaus und andere Gebäude waren beflaggt. Am Abend fand unter großer Beteiligung der Bevölkerung ein Fackelzug statt. Auf dem Freiheitsplatz kam es zu Kundgebungen für den Anschluß. Polilisch^RunVschau. Rom—Portorose. Nach einer kurzen Pause sind die Verhandlungen der Sukzession sstastten in Rom wieder in Fluß gekommen. Ihre Hauptaufgabe besteht darin, die stehen Staaten noch vor den Besprechungen in Porto rose, für die nun endlich der 15. Juni als fixer Termin bestimmt ist, in den Angelegenheiten zu einigen, die die Liquidierung der Erbschaft Oe st erreich- U^n g a r n s^chetrefftn- Die Schwierigkeiten der Verhandlungen^ ergäbe» sich teils, aus den Unterschieden in der Gesetzgebung tzrr neuen Staaten», teils aus dem Valuta Problem. . Kompliziert .wurden die Besprechungen «och dadurch, daß auch noch, wie bei Polen und Jugoslawien, russische und bulgarische Gesetze zu berüGichtigen Ware«. DaS Balutapvodlem kommt ins-« besondere für Polen, Oesterreich und Ungar« m Betracht. Dies« drei 'Staaten weigern sich, den jetzigen Stand der Währung als Grundlage dev Abrechnungen zu akzeptieren, während die anderen Staate« einwenden, daß eine Erhöhung der niedrige« BaMtou nicht verbürgt werden kann. Im einzelnen ist M bemerken, daß man sich bisher nur über Abmachungen einigen konnte, die «ach dem 1» November 1913 getroffen würden. Me Abmachungen zwischen einzelrmn Staaten wurde«, wie zum Beispiel der tschechischösterreichische Archivvertrag, Von der Konftrenz anstandstos zur Kenntnis genommen. Bon wirtschaftlichen Fragen, die gegenwärtig im Vordergrund der Diskussion stehen, seien hervvrgehobenr Die Ab rech' n nng des Postsparkasfenamtes, der Banken, der Spar- und Dorfchußkasft« u«d der Hypvihekarkredittnstitute, ferner die Aufteilung btt Reserven der Sozialversicherung und der staatliche« VttfichernngsüNstalten. Hier zeigt sich wtt schärfsten die Schwierigkeit des BitlutapvsMmS. Dis italienische Regientttg berechnst die Lebenshaltung ettmS tttritetii mit 10.000 Lire, was nach Wem« Währung ungefähr 300.000 Kronen ausmacht. Ebenso schwitzig ist die Valvtaftage bei der Regelnng der Gchulbe« und Korberunge« der einzelnen Angehörige« der gewesene« Monarchie. Für die Behandlung dieser Frage solle« gemischte Kommissionen errichtet werden- Auf dwsem Gebiete find am deutlichsten die entsetzliche« Wirkungen des Krieges p erkennen. Viele Angelegenheiten jüdischer Flüchtlinge sind derart verwirrt worden, daß man tfc Rom fast ratlos ist- Ts wird insbeftndere ftlgeuber Fall mid> geteilt: Bei Ausbruch des Krieges ist ein Grenzsolda t in der Bukowina gefallen. Er war «M Böhmen zustätwig und seine Witwe «nchte M hm Evakuierung vvu Ezernowitz bas Land VMasft», Die arme Fr«« ist, wie beäreiflich, eine ständige Uw sucherin aller i« Betracht tommeutzen AemftS geworden «nd es ist ihretwege« eim pi MlidWam Attm VetschriM« WEM. DA fichßchtsche RSgiernng schiebt die BenstouspskW der ruWäntM» m während Rumänft« s«h «ff dB tschschtM Wttttp dstrgerschast beruft. Die in NM äbgAschftsssnen Wlsmmen solle« möglichst bald de« Parftme«M vorMgt werden, m mk M Sröft üöM» M WMß«. Die Konftreuz bi Kortovose Aftd «We hm BükzessitzusstaatsM auch noch England und Fra«kreiK, «SgliKerweffe auch .AmetkäL» am^agm. gsh« iTImü im r9tt. 8tt> -—-—a Programm bezieht sich auf wirtschrftliche Wmachunge« aus den Beziehungen der einzelnen Stsaten zueinander« Im Vordergrund steht die Beratung der Verkehrs^ fchwierigkeiton. Es liegt eine Reihe von Vorschlägeit für die Herstellung des freien Verkehrs für. Güter und Personen und auf Milderung der Paßvorschrifte« vor. Es soll im Wesen das Bisam für den Transitverkehr om fge höben und durch eine Sichtgebühr ersetzt werden, die während der fahrt eingehoben wird. Da alle Staaten das gleiche^ nteresft daran haben, daß die Verrammlung der Welt, durch die Paßschranken aufhort, ist zu erwarten, daß die Kon ftrenz in Portvroft dazu beitragen wird, daß in die Pvlittk etwas Menschlichkeit und Bernunp hineinkommt. Rathenau — Aufbauminister. Boa »uftrem Berliner Berichterstatter. Walter Rathenau ist als Anfbauminister ur die deutsche.Reichsregierung beruftn worden. Er hat im Jahre 1914 die. deutsche Rvhstvfforganisation geschafftn, ist nach achtmonatiger Tätigkeit von seiner Stelle im Kriegsministerium zurückgetreten, weil cr die Niederlage Deutschlands voraussah und für einen Verständigungsfrieden nicht wirken^ konnte. Jetzt soll er die Umformung der deutschen Wirtschaft durchführen, um den ungeheuren Anforderungen entsprechen zu könne«, die das Londoner Ultimatum an Deutschland' stellt. Rathen»«, der im- 55. Lebensjahre steht, genießt europäische» sowohl wegen der Art, itt' der er die wirtschaftlichen und politischen- Tagespdoblöme behandelt hat, als auch wegen der Kritik, die ftine eigenartige Persönlichftit in Deutschland erfahren hat. In der aktiven Politik ist Rathenau ein Neuling und es ist deshalb in jedem Sinn eine SensatBn, wenn sich das Zkabinett Wirth entschlossen hrt, gerade diesem Manne die Lösung einer Aufgabe anzuvertrauen, die heute fast Über Menschenkraft hinausgeht. Er hat bisher keine Gelegenheit gehabt, hie in seinen Schriften ausgesprochenen Ideen in die Wirklichkeit umzufttzen. Doch sind seine Gedanken bekannt genug, um vorausfthen zu lassen, in welcher Weift er fein Amt führen wird undwo er mit den sachlichen Widerständen im1 deutschen Wirtschaftsleben zusammenstoßen wird. Persönliche Widerstände gibt es heute schon in Mengen und sft lassen sich alle in das der heuttgen deutschen Politik eingebürgerte Wort „Jnd" zusammenfasftn. Rathenau ist Jude und das genügt, um ihn von seiten der Alldeutschen^ vor der weitesten Oefftntfichkeit herabzusetzen und zu denunzieren. Man hat ihn: zwar bis heute nichts Ehrenrühriges nachsagen können,, aber schon die Tatsache seiner jüdischen Zugehörigkeit hat ihm eine Schmutzwelle von Beleidigungen tutb' Kränkungen zu gezogen. Daß er außerdem noch in Spa dem Herr« StinneS entgegengetreten ist und dessen Pläne als tiefste Gefahr für die deutsche Arbeit enthüllte, hat das antisemitische Geschrei in der Gttnnes- Presft z« einem wütenden Chor anschwellen lassen, der sich jetzt «ach der Berufung des Jude« Rathenau in tat Kabinett noch weit stärker wird vernehmen lassen. Rathenau ist der Wortführer der Planwirtschaft. Er verlangt eine gegenseitige D. u r ch d r i n g u n g v v n Praduktivu und Verbrauch auf der Grundläge eines ProzefsüS» bei welchem Arbeitgeber und Arbeitnehmer unter der ständigen Anteilnahme der staatüchen Aufsicht die Solidarität trage» solle«. Es ist tat sozial-ethisches System, das Rathenau vertritt^ und trifft sich m viele« Punkte» mit dem Marxismus. State Id« ist d»r strikte Gegensatz der GewaltpolM, ob fte nun den Krieg als- Mittel herwendet oder die Lohnsklaverei der Arbeiter erzwinge« will. Es ist deshalb erllärlich, daß der heftigste Widerspruch gegen Ralhenaus Berufung von seiten der iw Hansab und sich sammelnd« Schwerindustrie ausgeht, die ihm in aller Form erttttevt» Fehde au sagt. „Der Hansabund wird jtoftt Versuch» de» Planwirtschaftsgedanken in Ltt «mzusetze«, auf dar eutschiedenste bekämpfen und alft Gegner »iw« derartigen Wirtschaftspolitik nur sich fchavta .. . Dev Bund muß fein» mitvrbeitende LwgVkit beim Meberaufbau in »ine Oppositivnsstellung änder«, fvbald Rathenau sein« Pläne zur praktisch»« Durchführung zu bringe» sucht." Die deutsch» G«ßtndustrte hat mm bi» zum heutig« Lqg in keiner! W»is« zu erkenn«« gegeben, daß ihr der Wiederaufbau iu dem Simm am Herzen liegt, Deutschlands Gesuuduug hevbetoUfghM. Sie hoi alles getan, uw eine Versöhnung mit des Enteni» zu verhindern, und sie hat nirgends es versucht, die deutsch» Mrtschaft so zn orgüstiftoken, daß sie den unter harten Zwang ge stellte Repmattzmen ftlgsn kann. Von der deutschen Großittvastri» stntz' vtt Bemhuungm und Voranschläge ausgkga«M, dw A Lvnbvu ft kläglich Schissbruchi gettttar haben «Nd als zweideuirg und unklar verworfen wurden. Es wird übznwurton sein, vd Rathenaus Pläne. dWchfMtar ftrck »«d ob sft nicht den Geftmtta» noch weiter «schütteM kölMBn. Ab« daß schon heute und! von e\m Welle» bk bist Schuld an der BerschMfüngi bSe OeaeNsÜtzr ttÜA Oschossen ivM E baß dieft SMft WM jetzt mit Oppsfickm brcht, zeigt, wie uüftchllch dft pttttt m Deutschland geworden ist und Oft sthr bis ftfo# Llvyb MevvgkS berechtigt war,; taß in NAtschwich dar Wist von 1.914 noch Uwmi m btt Mchl ist. WT