Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 839 (29.5.1921)
- Date
- 1921-05-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 833 Wien, Söriiiräg Wiener Morgenzeirung 29. Mai 1921 «Me 5" Die Mge der eiHeMossenen HMtL intHndÄ'MKgebiet ist so bedenklichdaß mit einer Uebergabe an die Insurgenten zu rechnen ist. Die Kohlenfrage wird bedrohlich, weil kein ge-' regeltet: Abtransport erfolgt. Berlin, 28. Mai. (Wolfs.) Eine stark bewaffnete polnische Bande drang in'Hinbenbnrg in ein Haus in der Dvrotheenstraße ein und brachte etine Mine s,ur Explosion. Zahlreiche Frauen und Müder wurden teils schwer, teils le-icht verletzte . Eine englische Division nach Oberschlesien. London, 28. Mai. . Der Berliner Vertreter des Reuterschen Bureaus meldet: Eine ganze britische Division wird umgehend nach Oberschlesien abgehen. Sie wird unter dem Kommando des Divisionsgenerals H e n n i L e r stehen. Die Division wird mit Ärtillerie, Pionieren und Tanks voll ausgerüstet sein. London, 28. Mai. (Funkspruch.) Gestern sind in Oppeln die ersten Züge der für Oberschlesien bestimmten englischen Bataillone eingelangt. Der Wiederaufbau Nordfrankreichs. Paris, 88- Mai. (Tel.-Komp.) Gestern fand hier die erste Zusammenkunft zwischen den deutschen Sachverständigen und den Vertretern des französischen Wtederaufbauministerimus statt. Die Vertreter Frankreichs bemängelten» nter anderem die Qualität d e s M a t e r i a l das für die von Deutschland angebotenen 25.000 Holzhäuser zur Verwendung gelangen'soll. Am Sonntag werden die deutschen Vertreter in der Lage sein, Loucheur ein definitives Angebot zu machen, über das dann der Minister entscheiden wird. Griechischer Frontbericht. Athen, 27. Mai. (Agence d'AthöneS.) Im Nordabschnitt wiesen wir eine feindliche Abteilung ab, die einen unserer Posten am bithynischen Olymp angriff. Im Südahschmtt Ruhe. Im Meander-Abschnitt feindliche Patryuillenbewegung südlich des Flufies. Die Wahlen ins irische Nordparlament. Londion, 28. Mai. (Tel.-Komp.) Bei den Wahlen für das irische Nvrdparlament, die beinahe abgeschlossen sind, wurde de Valera wieder gewählt, obgleich seine Partei von den bisherigen 52 Sitzen nur 12 erhielt. Zu Vertretern der Sinnfeiner im Unterhaus wurden die beiden Führer Griffith und Collins gewählt. Die englischen Unioniften erhielten ungefähr 38 Sitze. In der Stadt. Belfast erzielten die Unioniften bei den Ulsterparlamentswahlen einen starken Erfolg. Es wurde nur ein einziger Nationalist gewählt. Die polnische Kabinettskrise. Warschau, 28. Mai. (Funkspruch.) Der Landmarschall hat auf Wunsch der Mehrheit der Parteien des Landtages an das Staatsoberhaupt ein Schreiben gerichtet, in dem er ihn ersucht, die Demission des? Kabinetts Witos nicht anzunehmen. Man glaubt, daß die Demission nicht angenommen werden wird- Der erste Kommunist im polnischen Kabinett. Warschau, 27. Mai. (Tel. der „W'r. Morgenztg.".) Der Deputierte L a n e u e k i, welcher als Sozialdemokrat in den Sejm gewählt wurde, ist aus der sozialdenr,okratischen Partei ausgetreten und hat sich als Kommunist erklärt. Der Aufforderung der sozialdemokratischen Partei, sam Mandat niederzulegen, Hat.er nicht Folge' geleistet' und ist so der erste kommunMsche Abgeordnete im polnischen Parlament. Als Lancucksi in der letzten Sejmsitzung, in der das Amnestsiegesetz beraten wurde, das Wort ergriff, verließen btie sozial- - demokratischen. Abgeordneten demonstrativ den Saal. Volkszählung in der Tschechoslowakei. Prag, 28. Mai. (TKKomp.) Das statistische Amt veröffentlicht heule die ersten Daten der Volkszählung. Danach betrug die Bevölkerungszähl in der tschecho-slowakischev Republik am 15. Februar d. I. 13,585.730 -und hat feit 1910 um 871 abgenommen. In Mähren und Schlesien, ist ein Bevölkerungszuwachs von 42119, in der Slowakei von .66.655 und in Karpathorußland ein solcher von >7396 zu verzeichnen, wogegen die Bevölkerung in Böhmen um 117.041 Köpfe abnahm. . Verhaftung der Kommnnistenfnhrer von Klausenburg. Klausenburg, 23'. Mai.' Gestern wurden die Führer der hiesigen kommunistischen Partefi etwa 20 Personen, während eines Festes v e r h' a'f t e t. Sie hatten eine Zeitung, »Die Fackel" herausgegeben. und gesiegelt wurde, sann unten durchs Menschen nicht geändert werden ..." Und während all dieser Bemerkungen betrachten dich die Augen der Gäste mit ehiem durchdringenden und prüfenden Blick, als wollten sie das „Geheimnis" der Zelte aus deinen Gesichtszügen, Blicken und Andeutungen herauslesen. Und wenn ich mich auf einige Minuten abtyende, um nach der Arbeit zu schauen und sie. mich nicht sehen oben so tun, als sähen sie mich nicht, da Offnen sie den Mund uttfc sprechen offenherzig: ^Das ist nichts anderes als Militär, und nur scheinbar tun. sie, als wären sie Arbeiter," spricht -er Eine. „Die dort, die irr den Zelten wohnen, das sind die wahren Besitzer der Siedlung, und für sie wurde der Boden gekauft, der Australier ist nur zur Täuschung da," äußert sich ein anderer. \ * „Und ich sage euch, daß das Spitzel sind, die diel Fehler im Laude arrfzudecken kamen, und sich als Arbeiter ausgebeil, Hamit sie nicht die Diebe und Räuber spüren," beschließt der Dritte. , i / Und ich denke bei mrr mit einem bitteren, wehmütigen Lächeln: .! 0 „Ihr, Sühne des Orients, ihr Listigen dev Listigen, auch ihr seid diesmal hineingefallen, in eurer Naivität. Noch immer glaubet ihr, dqß starke Karste hinter uns stehen . . ." Und was werden sie morgen sagen, wenn ihnen die ganze Wahrheit bekannt wird: Daß ^>iese Einwanderer wirk^K' nichts anderes als Arbeiter sind, die ihr Bryt suchen upd es nicht siudefi. Daß das Gut samt Gebäuden, trotzdem es. auf jüdischem Boden und mit jüdischem Gelbe, gebaut wurde, dennoch Fremden gehört. Daß das jüdische „Heer" nichts anderes als eine traurige Erinnerung der Vergan'genheih ist. Daß auch hie Mischen Polizisten^ aus denr Lande verschwinden und jedesmal durch — AegYMl ersetzt werden, . Der Tisza-Prozetz. ' Budapest, 88. Mai. (Ung. Tel.-Korr.-Bnr.) In der heutigen Verhandlung des Prozesses gegen dl^ Mörder des Grafen Tisza geben mehrere Zeugen an, daß der. Angeklagte Gärtner in der Märia-Tberesia-Kaserne die Verstellung von Soldaten verlangt habe, um fich mit ihnen in die Wohnung.des Grasen Tisza zu begebe». Der Konditor Eugen L u k a c s erklärt, Gärtner habe sich vor ihm dahin geäußert, daß er Tisza ermorden werde. Advokat Frater gibt an, Johann Hockhabe ihm während der Kommune mitgeteilt, daß seines Wissens Pogantzi der Mörder Tiszas sei. Generalstreik in Christiania. T)r:stiant!,a, 28. Mai. (Tel.-Kvmp.) Der Generalstreik ist am Freitag ausgeürvchen. Alle Arbeit ruht.- Die Zeitungein sind nicht erschienen. Der erste Streiktag ist überall ruhig verlaufen. Die jüdischen Arbeiter Amerikas für den Keren Hajefsod. New-NM, 25. Mar. (Jüd. 5ßorr.-Bür,) Die jüdischen Schriftsetzer 'gegründeten. einen Aktionsverband mit der Aufgabe der Ausbringung größerer Beträge unter den jüdischen Arbeitern in Amerika für den Keren Hajefsod. Der Verband erließ den ersten, Aufruf an alle Mitglieder der Schrjiftsetzerunion, daß jeder von ihnen -wöchentlich einen Dollar für den Keren Hajessod beisteuern soll. Teilweiser Abbruch der Bergarbeiterstreiks. Graz, 28. Mai. Wie der „Arbeiterwille" meldet, hat die. heute hier tagende Konferenz der Betriebsräte und Vertrauensmänner der Bergarbeiter beschloffen, den Vorschlag der Verbandsleitung zur Kenntnis zu nehmen, daß in allen jenen steirischen Kohlendcrgbaubetrieben, wo entweder der Negierungs- Vorschlag angenommen oder sonst eine Einigung mit den Unternehmern erzielt wmde/ die Arbeit Montag den 3V. d. M. wieder aufzunebmen ist, während bei den Werken der Alpinen Montangesellschaft tn Fohnsdorf, Scegraben, Göriach und Bruck an der Mur der Streik unverändert andauert. ... Was werden fte morgen sagen? Wist sehr werden sie über ihre Naivität und ihre unnütze Furcht lachen! Und wenn ich manchmal meiste gewöhnliche Arbeit im Gärten verlasse und in die Stabt ziehe,' um dort meinen Trost zu suchen? und die Anzeichen'der .Erlösung zu sehen, die sich vvrtastet und naht ... '; V >• Da sehe ich die Schar der Macher, die Aktentasche unter bepr Arm, die „Anträge" über „Anträge" und „Pläne" über „Pläne" haben, die eilig ujtb aufgeschreckt herumlaufen und an die Türen der. Armier klopfen. Ich habe auch dja Uenzter gesehen, die von Menschen wimmeln; die unendlich reich sind an Kanzleien, Schreibern und Büchern. - . Ich habe auch die dringenden Versammlungen gesehen, die die Nacht zum Tag machen. Ich' habe auch die „Konlmissionen" gesehen, die zeitig früh von allen Weltinetropolen und allen, möglichen „fach männischen" Organisationen kommen. Ich habe auch die „Männer der Tat" gesehen, die von jenseits des Ozeans gekommen sind, und in ihrem Mund' Nur — Worte, jn den Händen nur — Taschen führten. Da dachte ich daran, daß das Land wüst ist wie zuvor, und der Boden in den Händen Fremder, und Fremde bearbeiten ihn. ' Da verdunkelte sich das Licht meiner Augen und ich kehrte gebeugt inmeine Kolonie zurück, zu meiner gewöhn lichen Gartenarbeit. Und mein Herz pochte in mir, meine Seele ward gebemütigt und schwere, bittere Worte brachen ans meinem Munde' hervor ... 1 - lieber wen und worüber zürnst du, Menschensohn? Nechohpth, A4. Schewat. , Der Antisemit. Aus dem Jüdischen des N. Bryck, Wenn mich einer unversehens fragte, ob' es irr berw Städtchen, aus bim ich stamme, auch Antisemiten gab, ich könnte ihm wahrhaftig keine rechts Antwort' geben. Nein zu sagen, hätte ich! Furcht, denn wie karm es möglich sein, daß auf der weiten Welt sich', ein Ortsfindet, in dem es keine Antisemiten gibt? Doch Io zu sagen wäre ein Unrecht meinerseits, denn ich Hab« nie bemerkt, daß die christliche Bevölkerung unseres. * Städtchens Haß' gegen die Juden gezeigt hätte. Das mag wvhl daher gekommen sein, daß unser Städtchen sozusagen ein jüdisches Städtchen war. Es zählte mehr Juden als Christen. Vielleicht kam es auch' daher, daß - zwei Drittel der kleinen nichtjüdischen Siedlung fast gänzlich von den Juden den Erwerb zog. Die Männer hackten für uns Holz, trugen Wasser, reparierten die . Strohdächer auf den halbeingefallenen Häuschen und taten noch allerhand Arbeit für uns. Ihre Frauenscheuerten an jedem Freitag die jüdischen Fußböden, weißten die Küchen, putztendie Leuchter und das andere Messing- und Kupsergerät und alle zusammen, Männer,. Weiber und Kinder, heizten apr Sabbat unsere Oefen, trügen die Leuchter urch machten sich sonst nützlich, anl Peßach kauften sie das jüdische Gesäuerte und alle liebten sis die flaumigen, weiften, wunderschönen,' jüdischen - Sabbatkuchen . . . Das dritte Drittel der christlichen Bevölkerung, das schon ihrer Aristokratie an- ' gehörte, kreiste auch' um die jüdischen Schüsseln. Sie waren mit uns geradezu gut Freund, ihre „Spitzen"- > und unsere gehörten demselben Klub an, spielten zusammen Karten, besuchten einer des anderen Familien- ' feste. Auch sie waren Anhänger der jüdischen Koch- ' kunst, vergingen' beinahe nach einem Stückchen jüdischen Fisch und besonders nach' einem jüdischen .Rubel. Sie hatten sich alle unter den Juden gut eingelebt und- ' sprachen sogar untereinander Jüdisch... Unter solchen : Umständen konnte es, wie ihr seht, bei uns keine Anti-; semiten geben. Wenn es vielleicht doch' Antisemiten gab', sowaren sie es nicht offenkundig und' legten ihre;. Gefühle nicht der breiten Oeffvntlichkeit vor..... ’;i. Da wir nun keine einheimischen Antisemiten ' hatten, sandte uns Gott dafür einen aus der Fremde. - Er fiel uns geradezu vom Himmel herab. Eines schönen Tages zeigte sich' in unserem Städtchen ein -gar wun- * derliches Geschöpf. Ein dickes, von einem Bart wild''" nmwuchertes Gesicht, eine mächtige, rötlich-blau sstimmernde Nase, zwei große, erloschene Augen, die wie - aus Glas aussahen. Die ganze Figur irgendwiever-' -' brückt und haltlos, auf dem Kopf eine Militärmützeohne Kokarde, gehüllt in einen Offiziersmantel ohne , Epauletten. Die Füße staken in schwarzen Lackstiefeln-. ’ die vorne ihre Mäuler weit anfrissen. Wer das war und woher er kam, wußte keiner. Da aber wir Juden - ein Volk des Wissens und Ergründens sind, so kam ' man bald darauf, der neue Einwohner heiße Stepan Makaritsch Krowaljub, er sei einmal eine „Spitze" ge- ' wesen, und zwar eine von den hohen, aber wegery > irgendeines Vergehens habe man ihn weggeschickt. Die Offiziere des Kvsakenregiments, das in unserer Stadl -. stand, nahmen' sich, seiner an, der , gab' ihm zu essen/ ' jener ein paar Silbörmünzen, ein anderer alte Kleider. Die zuletzt genannten zwei Gaben aber wanderten sofort ins Wirtshaus- . (* Dieser neue Ankömmling nun erwies sich offen-- kundig als ein gefährlicher Antisemit von d'er ärgsten . Sorte. Er'ließ keinen Juden über die Gasse gehen. ' Sv wie er einen sah, waren seine Trinkeraugen blut-- unterlaufen, Geifer rann ihm vom Münde, seine Hände ballten sich zu Fäusten und er war bereit, sich auf den Juden zu stürzen. Besonders nach denr Pogrom in Kischinew zeigte er offen seinen Judenhaß. Vor Freude tanzte er beinahe mitten auf per Straße und schrie: Wartet, Zydi, wir werden bald' auch, mit 'euch' ab-- rechnen! Die Juden begannen v»r ihm Angst zu haben und ihm auszuweichen. Sie bedachten gar. nicht, daß ein ,. Chederjunge imstande gewesen wäre, ihn umzuwerfen: denn, er war stets etwas angesäuselt und hielt sich nie fest auf den Beinen. Nebst den Juden hüßtö er gründ-- lich den Popen der einzigen orthodoxen Kirche unseres . Städtchens. Auch' ihn schimpfte er: „Zyd^ lind gab ihm keine Rnhe, wenn er ihn auf der Srraße traf/. Dieser Haß gegen dey Popen mag zwei Ursachen gehab'^. haben : Erstens war der Pype ein sehr liberaler Mann/ ', ein wahrer Judenfreund, -und' zweitens sah' er einem! '" Juden so ähnlich','daß, hätte man ihm einen jüdischen^ Kaftan angetan und eine seidene oder samtene Kappe"(. aufgesetzt, er sicher Wie ein chassidäscher Jude der UltertzM Generation ausgesehen hatte. Und dem Popen hattest^ wir es zu verdanken, daß wir unseren Antisemiten'^ lvxwurden. ' - Eines «Tages — es wurde her^ Gehurtstag dE. Zaren gefeiert — gab' es bei der Kirche große Prr-adtz °- Das ganze Kosakenregiment stand in feierlichen Reihens ans der Kirche trug man die Heiligenbilder, denen der .Pope im FeDrn-at nachschritt. Plötzlich stand, wie aus denr Boden gewachsen, Stepan Makaritsch mitten auf dem Platz, bewegte sich, mit schwankendem Schritt auf den Popen zu, faßte ihn mit einer Harck beim Bart und hob die zweite drohend auf. Sofort eilten einige. .Kosaken aus. der Reihe und rissen ihn mit Mühe *