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Wiener Morgenzeitung · 1921-05-29 · Heft 839 (29.5.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 839 (29.5.1921)
Date
1921-05-29
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sir. ö3£j Tb len, Ä-ounrag Stenn Me er« Volk sich selbst aufgibt. —-7. Ären, 2S. Mar. ,S UebiTr die Art, wie in Oesterreich derzeit Politik »etrieben wird/sollten eigentlich'., an allen Hochschulen jüer Welt Vorlesungen gehalten werden. Man kann jftcr sehen, welche Fehler möglich sind, und wohin sin Staat gerät, der das politische Ziel verloren hat. pie staatliche Unabhängigkeit schwebt jedem Volk als höchste Ziel vor. Das österreichische Volk hat dieses letzte und höchste Stadium der Entwicklung erreicht, stvar nicht aus eigenem Willen, sondern als Resultat ^er Vereinsamung auf einem blut- und trümmerbedeckteu Schlachtfeld. Aber dieses hohe Gut des Eigenheims soll .hingegeben werden für eine ungewisse Zukunft. Das ffierreichische Volk will sein Schicksal nicht selbst Mistern; es vertraut sich und seine Vommepden Gene» prtionen fremdem Willen an. Das ist das Musterbeispiel sivks Volkes, das nicht mehr an sich selbst glaubt, das jirin Vertraue» mehr hat zu feiner eigenen Aast, dessen jeatiynales Euch finden nur mehr in inhaltslosen Liedern, jm Mchpenken über Verlorenes lebt. Jedes Volk,-das daran geht, sich seine Staatlich - stit zu zilmnern, mag hier lernen und aufmerksam ^die tzagesgeschichte verfolgen. . . Das österreichische Volk hat keine Orientierung. £>te einen wollen nach Deutschland, die anderen .streben säe Wicderaufrichtung de^Monarchie an; .gemeinsam sst allen, daß sie ihre Entschlüsse nicht ans sich selbst holen, daß sie in allem und jedem mit fremdem Willen kechnen. Das Nächstliegende wäre. Oesterreich. zu 'deiahen, sich auf sich selbst zurückznziehen und zu. versuchen, chne einfache Wirtschaftspolitik zu treiben, die. hie zum Leben und .zur Arbeit notwendigen' Waren heranholt und dafür eigene Erzeugnisse abgibt. Mer bic Männer, die im Vordergrund des' öffentlichen Lebens , stehen, die in der Negierung sitzen, haben selbst keinen glauben an Staat inld Volk, sie sind.innerlich haltlos, weit sie mit ihrer ganzen Vorsiellungswelt noch immer in der Vorkriegszeit' leben und die Notwendigkeiten des großen UmlernerrS nicht begriffen haben. Die nesio rge«teuiml2ü. WM 19U <ieue 3 An unsere p « Abonnenten in -er Sommerfrische! Wir bitten bei Ueberfiedlnng «m rechtzeitige Verständigung und Angabe der nenen Adresse. Zeit, die ihnen soviel Veraiitwortung auserlegt. trifft sie unvorbereitet und unvertrant mit den Pflichten^ daß in -der /internationalerDiMssiou der Staaten ihrer Stellung. Sie wi's?n nicht, ^vas 'es^ heißt, .ein bereits von dem Zerfall Oesterreichs gesprochen wird, Kolk aus der Bedrückung durch höfische und rniliZaristische Kamarilla in die Freiheit zu'führen, ihm den Verdanken der Selbstverwaltung und Selbstbefreiuug in die Seele M legen und seine Existenz dem Schutze Md der Sorge jedes einzelnen Bürgers anzuvvrtra'ue». Sie wissen es nicht und das Volk weiß eZ uichr. Mau. sagt dem Volk, daß ihm die Entente helfen wird, und-man jagt ihm am anderen Tag. daß. ihm Deutschland helfen wird, oder daß es sich an irgendeinen'Nachbar an-- schießen muß. Niemand aber sagt dem V-ohk, -daß. ös. die Wege zur Rettung in sich selbst finden soll und daß' seiner eigenen Hände" Arbeit' genügen würde.- i|iu bei aller Welt Vertrauen, und Kredit zur Arbeit .zuMH^ffen. Ein Volk, das nicht an sich , glaubt, das,sein: tzeMgste's, seine Freiheit und Unabhängigkeit nicht sich.selbst verdanken will, sondern ..um die Wohlmeinung und / die Unterstützung anderer mächtigererer Völker Littet, baut sein Geschick auf Schwimmsand. Jede Tenderung der politischen Konstellation kann zur- Katastrophe' führen. Sehen wir uns in Europa um. Mitten im Ko;riinLNt liegt die Schweiz, die . sich, ihre staatliche Unabhängigkeit in furchtbaren Kriegen erzwangen hat. S}te skandinavischen Staaten haben den Grundstein zu. ihrer Existenz in einer Zeit gelegt,.die an Härte.und. Rauheit unserer heutigen Epoche gleichkömusi. Keinem djeser Völker ist es eingefallen, die Staatsbildung mm Staatsentwicklung von einem anderen außenstehenden Element abhängig zu machen. Die UMei/"fhie...fbsld, zwischen Deutschland, bald zwischen Fränhxeiä) Und England schwankte und auf jedes eigene politische Leben verzichtete, mußte zugrunde gehen iu dem -Augenblick, nw sie in den großen Weltkmnpf sich hineinzerveu.ließ. Gewiß lebt ein Staut nicht für sich allein und. seine Beziehungen zur Nachbarschaft legen ihm gewisse, poli- Wichten auf. Aber diese Einwendung bezieht sich doch nur auf die Lebe ns äußer ung'eines geschloffenen, selbstsicheren Witrschaftskörpers, nicht aher. aus die Frage: Unabhängigkeit oder Anschluß. D i e t r a g e n d e. I d e e eines jeden Volkes kann nur darin bestehen, daß es sein Höchstes daransetzt, seinen eigenen Acker für sich zu bestellen, auch wenn es den Pflug'erst aus der Ferne beziehen muß. Dies gilt in gleicher Weise für große wie für kleine Völker und wenn Oesterreich Erkannt Wie. daß es das Wort Wilsons von der Befreiung der kleinen Völker auf. sich selbst hätte -auwenden und in die Tat umsetzen müssen, dann hätte es sich bei. den fassen wie bei' den kleinen Nachbarn den Respekt verschafft, der ehrlichem Streben immer gebührt. Gerade das Beispiel der kleinen Staaten Europas,. wie sie vor dem Krieg bestanden, gerade die Schweiz, Holland, Schweden und Norwegen beweisen, daß es nicht gut ist, sich in Gesellschaft Großer.zu begeben, und da§ serbische und das belgische Volk, -die davon abwichen, haben das Experiment blutig bezahlt. Serbien, das.-erst eine österreichisch-, dann .eine russische Orientierung Versuchte, hat seine Jugend auf den Schlachtfeldern Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung". liegen lassen müssen und auch stink, durch den Krieg errungene Vergrößerung hat ihm bis heute wenig Freude, dafür aber schwere innere Kämpfe gebracht. Belgien ist überfallen worden, aber es hatte selbst in Geheimverträgen, von denen der Krieg den Vorhang weg-, gezogen hat, den Einmarsch französischer Truppen für. den deutschen Kriegsfall gestattet. .Auf der einen Seite stehen also Völker, die ihre Freiheit' nur sich selbst ändert,rauen, ans der anderen BölM, 'die - ihre iSelbst-- bestimmung aus der Hand legen. Die-politische Opportunität, die zu gewissen Zeiten den Anschluß an' einen Großen oder aneine Konzentration von Großen als verlockend erscheinen läßt, ist ein unberechenbares Ding. Das Schicksal läßt, sich nicht , in die Karten schauen. Bulgarien und die Türkeiliefern , die traurig^ Bestatt-: -güng für diese Binsenwahrheit. : Oesterreich hat sich selbst artfgegeben .und' verzichtet auf seine Unabhängigkeit. Und. da wir in keiner durch besondereEthik-sich aus zeich nenden Zeit leben, so ist es nirr selbstverständlich, daß sich die Nachbarn zu Wort melden und daß allerhand Begehrlichkeiten wachgerufen worden sind. Es ist heute kein Geheimnis mehr, und niemand MhereralD,der .'Präsident?dLs^'National-' rates. Dr. Weiskirchner hat dies selbst in'einer Rede vor seinen Wählern angedrutet. Der Bundeskanzler .hat in. einer Telephondepesche au .die Ab'stimmunßsparteisn in Salzburg alte Momente zusammengefaßt, die gegerr eine Fortsetzung der Selbstmordpolitik sprechen. Hoffentlich gelingt es ihm, das Unheil.aufznhalten..Aber-für die Dauer wird sich die Vernunft kaum durchsetzest können in -einem Volk, das entschlossen ist, seine Freiheit aufzugeüen. Die Regierung HW Mha Autorität»^ weil sie nichtandas Volk glaubt, das Volk hat keine tragende ''Idee, weil es nicht an sich und an seine Kraft glaubt. Es will sich im' Schatten, eines Größeren bergen. So baut man keinen Staat. Jedes Volk, das daran geht, sich seine Staatsichkeir zu zimmern, mag hier lernen Und aufmerksam die Tagesgeschichte verfolgen. -m 8«t«efsant D dis 'Haltung der FofzrsieN, bitim tmöt letzten Endes die erwartete Niederlage der Soziaüsteni vereitelt hat. Ihre Haltung in der Frage der Beteiligung odei2 Nichtbeteiligung an der Eröffnungssitzung der Kammer, welche m Anwesenheit des Königs stattsindet, beweist, daß unter den Faszisten keineswegs programmatische Einigkeit herrscht, und eines ihrer Häupter, der bekannte Mussolini, der frührre Sozialist und später der lauteste Kriegspasaunenbläfer, erklärt kategorisch im „Popow d'Jtalia", er werde nicht zulassen, daß die-Grundlinien des von ihm geschaffenen Faszismus, drr eine ausgesprochen republikanische Tendenz habe, von neuen Zuläüfern verwischt werden. Die Eröffnung der Kammer bedeute eine dynastische Zeremonie. Dem .Rufe7 1 „@8 lebe der König!" setzen die Fasnsten den anderen entgegen: „ES lebe Italien!" Unser Symbol — erklärt Mussi" lini ist nicht der Schild des Hauses Savoyen, sondern das Bündel (Fascra) der Aktoren, das römisch, und wenn Ihr erlaubt, auch republikarnsch ist." Die Situation ist also auch nach den Wahlen recht verworren und der Umstand, daß die Zahl jener, die auf. Giolittis Nachfolgerschaft lauern,, nicht gering ist. vermag sie nicht zu erleichtern. Die Wahlen haben die erwartete Klä. rung nicht gebracht, für eine Koalition zwischen den 'geznerischön Lagern ist in Italien die Zeit noch.nicht, gekommen. Und so blÄht -es sehr fraglich, ob es Giolrtti. gelingen wird, die drei: Gruppen der Bürgerlrchliberalen, Katholiken und.^Sozialisten .'.vor .seinen Wagen zu spannen. Vorläufig sind die Gegensätze zu groß, die Sozialisten denken nicht an. Kon« . Zessionen-. und . die Katholiken stellen Forderungen.' zu welchen sich auch der bürgerliche' Liberalismus sticht de» /. quemen kaum Giolitti macht zu dem Ausgang, der Wählen ein. .süßsaures Gesicht, aber die Mene wird darüber nicht hinwegzutäuschen verinögen, daß sich diesmal der alte Schlaufuchs in seinen Berechnungen. geirrt hat. Die Wahlen sind boryber, aber Hie Apolitische Krise"'ist Italien ist dannr keines- " ä,egs'beseitigt, und die schwache Haltung Ssorz as in außen' politischer Beziehung, welche im Jnteresse'chön Italiens -kleinasiatischen Aspirationen eine Frankreich freundliche Haltung diktiert," die'oft' anderen nicht minder vitalen Interessen .der Laird'es'widerftrestet, ist nicht geeignet, die Position der Re» gierung zu stärken. r i Viel erörtert wird auch die Frage des Einzugs der in Südtiröl gewählten deutschen Mgeordneten. Dr. NLut- P i'cst\u s s i war der Abgeordnete, der in der österreichischen Konstituante die Abschiedsrede für die Südti'roler hielt, Graf Toggenburg gehörte dem vorletzten Mististerium Serdle r 'chtz-Minister .des Innern an und wurde vom 'Exkaiser' K a r l. plötzlich entlassen. Die beiden änderen sind Neulinge. Es wird nun darüber gesprochen, ob sich diese Deputierten am Monte Cittorio der deutschen Sprache bedienen dürfen. Pie. Geschäftsordnung gestattet für die Vertreter 'Savoyens die Anwendung des Französischen- .. Jedenfalls drohen, die. Faszisten schon heute. Auch die paar Slawen, die im Küstenland -gewählt wurden (unter ihnen ein Kommunist), erwecke« das Interesse der Presse. Politische Rundschau. Nach den Wahlen in Italien. R 0 m, 25. Mai. -Das Ergebnis der italienischen Wahlen gibt den Polin» scheu Krisen den Anlaß, zu den verschiedensten Erörterungen über die mögliche Zusammensetzung des neuen Kabinetts und den künftigen politisch«» Kurs. Auf verschiedenen Seiten kommt die. Meinung zum Ausdruck, daß die Tage der politischen Tätigkeit Giolittis gezählt seien und daß er einem Nachfolger aus der Gruppe des n a t i 0 u a l e st B l o ck S den Platz werde räumen müssen. Jm Mttelpunkt des poetischen Interesses steht die Frage der künftigen Haltung der S 0zialdemokraten. Von verschiedenen Seiten, und nicht zuletzt ans Kreisen der Regierung selbst hat man sich bemüht, die sozialistischen Führer zur Mtarbeit mit den bürgerlichen Parteien zu gewinnen. Dies, wäre, obgleich einzelne sozialistische Deputierte für eine solche Politik zu haben wären, keineswegs leicht, da der liberal-demokratische Block, welcher knapp vor den Wahlen eine Tagung abhielt, sich auf ein entschieden antisozialistischeS Programm geeinigt har. Man .sieht so ziemlich allgemein ein, daß die Gegensätze innerhalb, der bürgerlichen Parteien ein Regieren nach den Wahlen schwer machen werden, wenn es nicht gelingt, mit den Sozialisten oder den katholischen „Popolari" zu irgendeinem Einvernehmen zu gelangen, und aus diesem Empfinden heraus ist der Wunsch, die Sozialisten von ihrem Standpunkt der programmatischen Opposition zu positiver Arbeit herüberzubringen, verständlich. Aber die diesbezüglichen Erwartungen haben sich nicht, erfüllt. Der „Avanti" hat rasch aügewinkj und die Parteileitung hat offiziell erklärt, sie halte es gegenüber den verbreitelen Nachrichten über die Möglichkeit, einer Zusammenarbeit der Sozialisten mit anderen Gruppen für überflüssig, solche Meldungen erst zu dementieren. Auch die katholische Partei verhält sich bisnun sehr reserviert. Dr. Diamand über de« Abbruch -er polnisch-jü-ische« Verhandluugeu. - Der Warschauer Korrespondent des' „Lodzer Tag«' blati." hat den sozialistischen Abgeordneten Doktor.: Diamand, welcher an der polnisch-jüdischen Berständigungsaktion teitgenommen hat, über die durchs ■ den Abbruch der Verhandlungen geschaffene Situation. Lesragt. Dr. Diamand gab in seiner Antwort die Schuld'! am vorläufigen Scheitern der Aktion der Demagogie der polnischen Parteien, welche mangels ernster politischer Programnre für die bevorstehenden Sejmwahlen de» Antisemitismus als Pvogrammpunks brauchen. Er gab auch, ein Großteil der Schuld dem Innenminister Skulski Mer dessen Kampf gegen di^ AnsgleichsakLivn wir. bereits berichtet haben. Die Red.). ■' „Daß das .Tempo der Unterhandlungen so langsam und der Erfolg der Verständigungsaktion so nichtig! war, so daß es zu. einem toten Punkt in den Verhandlungen gekonrmen ist, sei nicht zum wenigsten damit! zu erklären, daß die Verhandlungen nicht auf die richtige Grnndlage gestellt waren. Denn für eine so prinzipielle und brennende Frage, wie es die Lösung der Judenfrage in Polen unbedingt ist, genügen nicht Unterhandlungen zwischen der Regierung und den jüdischen Vertretern. Das sei ein Problem, an dessen Lösung beide Lager der Gesellschaft, die Polen, und die Juden, aktiven Anteil nehmen müßten."- Ans den Worten des in allen politischen Wässerm gewaschenen Diamand scheint doch hervorzugehen, daß er, wenn auch' spät, sieht, der Weg einer Verständigung des pvlltischen Volkes mit dem als politischen Faktor «rlzweifelhaft bestehenden jüdischen Volk sei der einzig gangbare. Diese Anschauung des Herrn Diamand muH registriert werden, weil sie gegenüber seiner bisherigem; Stellungnahure gegen die politische Mündigkeit der Juden Polen? einen entschiedenen Fortschritt bedeutet.^ Soll diese Ennnziatwn des Deputierten Diamand viel-' leicht die Antwort auf die Vorschläge des Rabbiners? von Nadzimno fein, welcher Herrn Diamand Vorschlags die Verhandlungen mit der Regierung ohne die jüdischnationalen Parteien wieder aufzunehmen?. AMNHi-0e9«l!scn«n in Interessengemeinschaft mit her Fabank R. T. (Bolzbank A.-G.), Budapest Wien, I., Wipplingerstrasse 23 Postsparkassenkonio: 150.652 : Telephon Nr. 13-1-37, 13-1-99, 13-3-86, (3-3-92; Tel.-Adr.: Mitling, Wie« Kulante Dnrchftihrnng von Belehnnagen aller Art

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