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Wiener Morgenzeitung · 1921-05-24 · Heft 834 (24.5.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 834 (24.5.1921)
Date
1921-05-24
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Dienstag M--- . ' - -... Graf Bethlen nnd seine jüdische« Landsleute. - ' Bekaunttich hat ein ungarisches Matt die Frage aufßeworscrr, ab der ungarische Ministerpräsident Graf Bethlen, her nach Siebenbürgen zuständig und dort begütert gt und sich bisher noch nicht formell von Rumänien, welchem Siebenbürgen jetzt zugehört, losgesagt "hat. Überhaupt als ungarischer Staatsbürger angesehen werden könne. Das Blatt hat als Motiv dieses säumigen Verhaltens ' des Grafen Lethlen vermögensrcchtliche Rücksichten angegeben. Das Aufwerfen dieser Frage hat in den ungarischen politischen Kreisen begreiflicherweise peinlich berührt und das Ungarische Telegraphen-Korrespondeüz--Bureau beeilte sich auch festzustellen, die Staatszugehörigkeit des Ministerpräsidenten Grafen bethlen ganz außer Zweifel steh«, da die Bewohner der Ungarn entrissenen Gebiete, insolange der Friedensvertrag »licht in Kraft getreten ist, als ungarische Staatsbürger anzusehen seien. Daß diese Auffassung nur ausnahmsweise für Magnaten anb nicht für jeden Sterblichen gilt, geht, wie uns gelchisieben wtrd, aus der Behandlung der folgenden Fälle hervor, deren Authentizität verbürgt ist: .1. Der ständig in Marmarosziget wohnhafte Alexander V a d a s z kam nach Wien, und da er derselben Lusfassung war, wie Graf Bethlen und sein offizielles Sprachrohr, begab er sich zur ungarischen Gesandtschaft und »erlangte als ungarischer Staatsbürger einen Paß nach Ungarn. Die Gesandtschaft verweigerte die Ansfolgung eines pasies mit der Begründung, daß es für einen Juden aicht ratsam ser, nach Ungarn zu reisen. Auf die Frage des Vadasz, ob dies die offizielle Auffassung -»er Gesandtschaft sei, wurde ihm geantwortet, daß es ihm überlassen bleibe, die Antwort als offizielle odr 'private, zu »eh men. 2. Der gleichfalls nach Marmarosziget zuständige Juda k.lüa wollte ebenfalls nach Budapest reisen. Er erhielt such tatsächlich in der ungarischen Geiandtschgst seinen Paß, trat »ie Reise an, kam jedoch nicht über die ungarische Grenze, weil »er an der Grenze diensthabende Leutnant der Nationalarmee nusach in dm Paß die Verwertung eivtrug: »Unerwünschtes Element zurück!' Als Glück, wieder in Wien angekommrn, in her ungarische« Gesandtschaft entrüstet frag, wer eigentlich iu Ungar«, regiert, das Ministerium oder Offiziere, antwortete man ihm ganz ruhig, daß hier m der Gesandtschaft der Minister zu befehlen habe, dort s» der Grenze jedoch die Offiziere Es entspricht auch ganz der Horthh-uugarischrn Moral, daß mau dem G lück. itt nunmehr den unbrauchbaren Paß zurückstellte, die Rückerstattung der erlegte« hoh« Paßgebühre« verweigerte. 3. Wie sehr die „E r w a ch e u d e« Ungarn* auch bei der hiesigen ungarischen Gesandschaft die eigentlichen Machthaber find, bewerft der Fall deS ständig in E z a t m a r wohnhaften Moses Groß, der sich ebenfalls hier vm einen ungarischen Paß bewarb. Die Gesandtschaft bewilligte tatsächlich den Paß, irgendein Organ deS Paßamtes jedoch erklärte rundwegS, daß es für »bärtige Pejesjudeu" keinen Paß nach Ungarn gebe. Ueber ferne Beschwerde beim Vorstand stellte der Hothy-nngarrsche Beamte die Lenßerung in Abrede. Moses Groß bekam wohl schließlich seinm Paß, wagte es jedoch, gewitzigt durch bekannte frühere ähnliche Vorfälle nicht, de» Paß zu benützm und »ach Uugarn zu rersen. 4. In dieselbe Kategorie gehört auch der Mll des Ignaz Mandl in Mako, der, weil er nach Szilaghsomlo, welches »icht «ehr zu Ungarn gehört, zuständig ist, mit seiner sirbmgliedrigen Familie kurzer Havd unter Androhung der Abschiebung ausgewiese« wurde. Man sieht Äso, daß die eingangs erwähnte Anffaffuvg über die Staatsbürgerschaft der »ach de« abgetrennte« Gebieten ,«ständig« oder dort wohnhaften Person« nicht tör alle gleichmäßig beurteilt wird. Dem Herrn Ministerpräsidenten wird genügende Zeit gelassen, sich für die eine oder dir andere Staatsbürgerschaft zu entscheide«, weil inzwischen in Rumänien vermögensrechtliche Frag« erledigt werden soll«. Der Jude biugegen wrrd, selbst w«u er sich als ungarischer Staatsbürger deklariert, auSgewiesrn. und hat »icht nicht einmal Zert, seine wirtschastlrch« Verhältnisse zu ordnm. Das ist dtt Bethleusche Rechtsordnung. Die Einwaudersngsbill ln Amerika. Aus New-Uork wird gemeldet: Die vom Senat angenommene Eintvanderungsbill, welche die Immigration in die Bereinigten Staaten auf drei Prozent aller Staatsbürger der einzelnen Staaten nach dem Stande von 1910 beschränkt, hat zwei Ausnahmen geschaffen, und zwar für soldhe Personen, welche überzeugend dartun, daß sie infolge religiöser Verfolgungen in ihrer Heimat nach Amerika flüchten, ferner für Kinder amerikanischer Staatsbürger, die unter!18 Jahre alt sind. Nach der Prozentnorm werden Einwanderer aus den verschiedenen. Ländern in folgender Zahl in den Vereinigten Staaten zugelassen: Aus Rußland 51.974, aus Oesterreich 50.117, aus Deutschland 75.040, aus England 77.206, aus' Italien 40.294, aus der Türkei 1759, aus Rumänien 1978, aus Bulgarien 346, aus Serbien 139. Insgesamt werden in den 1 4 Monate n, für welche das Gesetz Gülti gkert hat, in die Vereinigten Staaten Z 5 5.4.6. X Einwanderer zugelassen werden. Jüdisch-arabische Verständigung«- demühangen. Die vor den Iasfaer Unruhen begvnrrenen jüdischarabischen Verständigungsbemühungen in Palästina sind nunmehr wieder ausgenommen worden. Delegierte der Mischen, wt> arabischen Gemeinden Jaffas, traten aujl Wiener STforgettgeifctttg Einladung der Regierungsbehörden zu einer Konferenz zusammen, um eine ruhigere Stimmung herbeizuführen. Der Sitzung wohnte der Vorsitzende der Zionistischen Organisation, Nahum So ko low, bei. Anläßlich eines arabischen Festes in Ramleh. wo zirka 10.000 Araber zusammentrafen, wandten sich führende Araber mit beruhigenden Reden an die Versammelten. In Jerusalem fand im Hause des Gouverneurs, General Sturrs, eine Beratung führender jüdischer und arabischer Rotabeln statt, um Mittel und Wege zur Beseitigung der Reibungen zu finden. General Sturrs erklärte, daß die Regierung mit den s ch ü r f st e n M a ßregeln gegen die Schuldigen Vorgehen werde. Die Versammlung nahm ein einstimmiges Vertrauensvotum für die Regierung an. Wilna Litauen zugefprpche«. „East Expreß" meldet aus Brüssel: Der Präsident der polnischen Delegation bei der Konferenz zwischen Polen und Litauen in Brüssel, Professor Aszkenash, hat den Vorsitzenden der Konferenz, Hy mans, folgende Note übermittelt: „Der englische Ministerpräsident hat am 13. d. M. im Parlament die Erklärung abgegeben: ,Laut einer Vereinbarung zwischen Amerika, Frankreich, Italien und England ist Wilna Litauen zuerkannt worden.' Eine solche Erklärung zur Zeit, da direkte Verhandlungen zwischen Polen und Litauen in Brüssel gepflogen werden, machen den Zweck dieser Unterhandlungen zweifelhaft." Die Note bringt dann Hymans und dem Völkerbund zur Kenntnis, daß diese Vereinbarung der vier Ententemächte über das Schicksal von Wilna der polnischen Regierung und der polnischen Delegation in Brüssel bisher in keiner Weise bekanntgegeben worden sei. Fortsetzung der tschecho-slowakischungarischen Verhandlungen. Wie das Tschecho.slowakische Preßbureau erfährt, werden in den nächsten Tag« Verhandlungen zwischen der Tschecho- Slowakei und Ungam nach den in Bruck ander eüha vereinbarten Grrmdsätzen beginnen. Zu diesem Zwecke werden zwri Spuialmiffionen znsammentret«, die eine in Prag, die andere m Budapest. _ Inland. Die Sanierung Oesterreichs. Gestern hat die Finanzsekt tvn des Völkerbundes mit der Beratung der österreichischen Frage begonnen. Die Auspizien für diese Konferenz sind nicht sehr günstig. Frankreich und England befinden sich in schweren außenpolitischen Konflikten, die ihre' ganzen diplomatischen Kräfte absorbieren. Italien ist durch die Neuwahlen in eine unklare innere Situation geraten .Die Finanznöte der großen Staaten sind so weitgvetfend, baß wieder der Plan der restlosen Tilgung der Schulden an Amerika ventiliert wird. Der Völkerbund wird Mitte Juni seine Entscheidung treffen, dve dann den Obersten Rat passieren muß. Man wird also frühestens Ende des nächsten Monats genaueres darüber wisßrn, ob die Entente dem Finanzplan des Dr. G r i m tn zustimmt, ob sie zur Befürwortung einer äußeren Anleihe geneigt ist und — was für den Augenblick die Hauptsache ist — ob sie imstande sein wird, Vorschüsse auf diese Kredite zu gewähren. Für Oesterreich ist dies von großer Bedeutung. Die Lebensmittelvorräte sind fast erschöpft, wir stehen vor der neuen Ernte, deren Aussichten wir nicht kennen, von der wir aber genau wissen, daß die Agrarier infolge ihrer sittlichreligiösen Erziehung mit Mehl und Fett weiter wuchern werden. ' Der Sitzung des Finanzkomitees sendet Reuter eine Betrachtung voraus, in der er die Hoffnung einflußreicher Kreise" ausspricht, daß die Mächte ihre Pfandrechte zurückstellen werden. Wenn sich diese Hoffnung erfüllen sollte — bisher besteht noch immer ein Einspruch Italiens — so würde dies noch immer nicht viel bedeuten. Denn die Zurückstellung der Reparationsforderungen ist ja die Voraussetzung, auf welcher die drei Experten ihre Pläne aufbauen. Geschieht die Zurückstellung nicht,, dann ist jeder weitere Reformplan wertlos. Ein Land, dessen Aktiven unpvoduktiv verpfändet siyd, kann sein Budget auf keine sichere Grundlage stellen. Oesterreich kann seine Existenz aus eigener Kraft begründen; aber dazu muß ihm die finanzielle Bewegungsfreiheit und die freie Verfügung über seine .Aktiven garantiert werden., Die Verhandln«-«» übe* Westnuga*». Heute vormittags beginnen die neuen Verhandlungen .zwischen Oesterreich und Ungarn über die Regelung der westungarischen Frage. Die österreichische Regierung steht, wie sie immer erklären läßt, aus dem Standpunkt des Saint-Germainer Vertrages und be- >-trachtet die Angelegenheit Westungarns als abgeschlossen. Sie würde also nur über technische Einzelheiten der Uebergabe des Gebietes und über die Regelung der finanziellen Frage verhandeln. Ungarn dagegen konnte bisher von seiner Negation nicht abgebvacht werden. Die ungarischen Vertreter wollen Oesterreich höchstens Grenzkorrekruren zugestehen und versprechen große Lebensmittelaushilfen. Da aber Ungarn sich trotz seines Reichtums nur mit Mühe selbst aus seinen Vorräten ernähren kann, sind, diele Versprechungen nicht viel wert. - 24. Mai 1021 /Nr. 884 Außenminister Dr. Wirth über die Richtlinien der deutsche« Politik. Berlin, 23. Mai. Reichskanzler Dr. Wirt fi erklärte in einer Unterredung einem Redakteur des »Berliner Tageblattes" über die Richtlinien dyr deutschen Politik unter anderem folgendes: Sofort nach der Bildung der Regierung sind die zuständigem Stellen angewiesen worden, die Reparattonsfrage nach! großen Zügen zu behandeln und ste in Form vow Gesetzentwürfen einem Ausschuß des Kabinetts undj hernach dem Kabinett selbst vorzulegen. Diese sachlichen Vorbereitungen können nicht auf eine Augenblicks^ Politik eingestellt fein. Unsere Politik muß von sachlicher Seite eher auf lange Sicht gestellt werden^ Deutschlands Befreiung kann nur durch Arbeits-, leistungen erfolgen. An dem Opferwillen des deutschem. Volkes und an dem festen Willen, dauerd mit«! zuarbeiten, nicht nur für ein paar Wochen, muß appelliert werden. Diejenigen Parteien, die sich an dev jetzigen Regierung beteiligen und beteiligen wollen^ müffen ihre Mitarbeit auf Jahre einstellen. Niemand soll ausgeschlosten sein, der auf sachlichem Boden am Wiederaufbau Mitarbeiten will. Mit Personen, die, etwa nur parteitaktische Manöver führen wollen, darf Deutschland nicht rechnen, Ich will die Mitarbeit jener großen wirtschaftlichen Führer herzlich begrüßen,! die in der- Kriegszeit dem deutschen Volke durch! Organisationsarbett das Ausharren im Wettkampf ermöglicht haben. . Auf die Frage, was ihm zu dem Jawort «rftimmt habe, erwiderte der Reichskanzler: Wer in dev Wett hätte bei Ablehnung des Ulttmatums an Deutschlands Willen geglaubt, bis zur Grenze seiner Leistungsfähigkett den Friedensvertrag zu erfüllen?, Niemand. Wir hätten die ganze Wett gegen uns! gehabt. Und dann bedenken Sie die politische» Folgen. Ein Verwachsen der Ruhrkohlen mtt den französischen Erzen, was hätte das politisch für Folgen gehabt? Wenn wir im Kriege das Leben und die! Gesundheit von Millionen nicht geschont haben, um wieviel mehr müssen wir in der Gegenwart Geldleistungen auf uns nehmen, wenn wir dadurch deutsches Land und deutsche Freiheit retten können! Mich hat immer! die Ueberzeugung geleitet, daß jene Richtung der Politik! scheitern müsse, die meint, daß man durch dauerndes Hinhatten und Ausweichen und dadurch, daß man Bedingungen stellt und die Sache an sich herankommenj läßt, die Lage meiftem könne. An die Stelle der akademischen Auseinandersetzungen tritt jetzt der Ge-! danke der Leistungen. Selbstverständlich können die Leistungen nur dann große sein, wenn kein Teil des deutschen Volkes, grollend über das Jawort, bei-' fette steht. _ Telegramme. Die Forderungen Amerikas. Paris» 29. Mai. Der „Matin* meldet aus Nrw-Dorl, der amerikanische Botschafter in London, Harveh, sei mt Besitz! einer Aufstellung, die in groß« Züg« die Voraussetzungen an» führe, unter den« die Bereinigten Staat« ein« neuen Dölkervereiriigung Bettreten würde». Die erste Bedingung sei mit der Erklärung HarveyS, die jede Hoffnung auf den Eintritt Amerika» i» dw gegenwärtig« Völkerbund zerstöre, schon erfüllt. Weit« verlangen die Vereinigten Staaten von d« übrig« Großutächt«! dir Versicherung» daß sie d« anderen Staaten gegenüb« g«echt handeln wollen. Als Beweis hiefür hätte die Anerkennung deamerikanischen Standpunktes in der Mandatssrage, dm die Bereinigten Staat« unter all« Umständen anstechterhalt« würde», sowie in der Petrvlrumfragr und i» d« Frage der Insel N a p zu dien«. Eine französische Anleihe in Amerika. Pa*i», 28. Mai. Wie die Blätt« auS New-York melde».' hatten die Finanzvertret« der französisch« Regierung mit einem amerikanisch« Bankensyndikat eine m 20 Jahr« rückzahlbare Anleihe vo» 100 Million« Dollars z» 7*/,% abgeschlossen. Die Anleihe wird mit 95 emittiert werden. Unrnhe« in Aegypten. SondE, 23. Mai. (Funkspruch'.) In Aeghpke» sind in den größeren Städten Unruhen auSge-. brachen. Englische Truppen haben die Ruhe wiederhergestellt. Es sind mehrere T§te zu beklagen^ In Alexandrien wurde englisches Militär tzy» den! Eingeborenen angegriffen. ■: ’ Alexandrien, 23. Mai. (Reuter.) Im Verlaust der Ruhoj stkrungen m der. letzten Nacht sind ftaf Europäer getötet und 73 verletzt ward«. Die Ruhestöruug« dauert« bis Heu» mittags. Di« Danziger Jade» tat de« Völkerbund. Danzig» 22. Mai. (3üb« K»rr.-Bur.) Dir hiesige zionistische Organisation hat dem Komitee der jüdisch« Delegationen m Paris ein ausführliches Memorandum zugeschickt, mit dem Ersuch«, die darin vorgrschlagm« Abänderung« deS SrnatsentwurseS, der eine Naturalisierung der i» Danzig wohnhaften Ostjuden fast unmöglich macht, dem Bölkrrbnude zu unterbrnte» und auch der» .Annahme zu bchttwort».

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