Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 832 (22.5.1921)
- Date
- 1921-05-22
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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&etse 4 '-Linen, Sonntag Morgem-ttMtg - M. Mai 1921 Rr. 83VS , i ■—irnrnr—i r „,,mi— - .;■•■-"—• r ’ ■— ■■■■ -•-■■ . r.; Telegramme. M« Sanierung Oesterreichs. London» si. Mau (Privat.) Der Generalsekretär deZ UMerbnndeS Sir Erich Drummond sprach sich gelegentlich ImkS hiesigen Aufenthalts über die Aussichten der Hilfsaktionen Ct Oesterreich günstig aus. Sir D r u m m o n d ist überzeugt, ß die englisch« und französisch« Banken B o n S übernehme» werden, ebenso auch die ter Mevlen-Bons, die nunmehr auf Grnnd des englischen Experteukreditschema« für Kredite als zulässig erklärt wurden. Der Völkerbund. Genf. 20. Mai. (Wolff.) Die provisorische Tagesordnung für die zweite Dölkerbundversa vr m l u n g umfaßt 2? Punkte, darunter Zusätze zum Völkerbundvertrag, Eintragung der Verträge, wirtschaftliche Blockade, Organisation des Sekretariats und Verteilung der Auslagen des Völkerbuudes auf die einzelnen Mitglieder. Genf, 31. Mai. (Schweiz. Dep.-Ag.) Die nächste Sitzmg des BölkerbuudrateS, die ursprünglich ans den 9. Juni augesetzt war, wird am 17. Juni beginnen. Der englische Kohlenkrieg. London. 21. Mai. Die Gewerkschaften der Eisenbahn- und Transportarbeiter haben beschlossen, das Verbot der Entladung ausländischer Kohlenschiffe a u f z u h e b e n, da die Regierung genügend Freiwillige gefunden hat, die die Schiffe löschen. Honda«, si. Mai. (Tel.-Komp.) Heute liege» nur wenig zadrrlössige Nachrichten über den Kobleuardeiterstreik vor. der ■nt schon 50 Tage dauert. Bor Ende der nächsten Woche dürfte« kaum «eue Besprechuuge» zwischen beide» Parteien abgchalte« werden. Dr. Denesch' Reise nach London. 9*a& 31. Mai. (Tel.-Kpmp.) .Tribuua^ erfährt von gut- ■otrrrichteter Seite, daß Minister Dr. B e u e s ch am 26. d. M. ■ach London abreisen nud am 15. Juni wieder nach Prag zurück« Ich«» wird. Wahrscheinlich ^ndelt es sich bei der Reise des MiuisierS nicht bloß um die von ihm vorgeschlageuen Statutenßudrrnnge» tef Völkerbundes, die er « London begründe» soll, ländern auch um den Abschluß des Handelsvertrages zwischen der Tscheche-Slowakei und England und m die Erledigung der DesequestatiouSftage. Peidl und Payer tu Bydapest. Budapest, 81. Mai. Die sozialistisch« Arbeiterführer Jtckius Peidl «ud Karl Payer, die seit Herbst 1919 i« Auslande geweilt habe«, find dm Blättern zyfolge Wied« nach Budapest zurückgekehrt. Der Tisza-Prozetz. Bndapest, 31. Mai. 9» der heutigen Verhandlung des Tisza-Prezeffes erklärte d« Journalist Wilhelm T a r i a u, daß sich Dobo damit gebrüstet habe, er sei der Mörder TrszaS. Der Maschinenschlosser B e g h gibt an, er sei im Aufträge HüttuerS im LaydeSvetteidigungSmiuisterium erschienen und habe dort für Hüttner £ 20.000 behoben. Der Herr, der ihm hgtz Geld Übergeben habe, habe Friedrich sehr ähnlich gesehm, doch löuue Zeuge nicht beeiden, daß es wirlljch Friedrich y>ar. Maßregelung des Landesverbandes ungarischer Kiuobesitzer. Budapest, 21. Mai. <Ung. Tel. Kor,-Bur.) Oer Minister des Innem hat die Autonomie des Landesverbandes der ungarischen Kinobesitzer suspendiert und gleichzeitig eine Untersuchung angeordnet, da der Landesverband eine ftatutenwidrige und unzuläffige Tätigkeit entfaltet hat. Die Fünfktrchner Kohle. Budapest, 21. Mai. (Urig. Trl.-Korr.-Bur.) Wir das Ungarische Telegraphen-Korrespondenz-Bureau erfährt, hat die Pariser Wied»gntmachungskommisston beschlossen, daß in den nächsten fünf Jahre» 46'/» der geförderten Kohle der Fünfkirchnex Kohlenbergwerke Ungarn und 54°/« dem jugoslawisch« Staat zygeteilt werden. Die Administrativ« Kleinpolens. Warschau, 21. Ma>. (W. P. G.) Der Mimsterrat beschloß in sein« letzt« Sitzu g, daß die Einteilung Kleinpolens i» Wojewodschaften am 1. September in Kraft treten solle. Der polnisch-französische Petroleumvertrag. Warschau. 21. Mai. (Poln. Tel.-Agrntur.) In der letzt« Sitzüng der Fmanzkommission legte der Finanzmimster d« polnisch-französischen Petroleum- Vertrag vor. Erbeutetes Ersenbahnmaterial. Berlin, 21. Mai. (Wolff.) Bon dem während des Krieges von Deutschland in dm alliierten Ländern erbeuteten Ei senbahnmaterial hatte die Reparationskommission als erste Abschlagszahlung die Übergabe von 5000 Waggonbizu« 15. d. M. gefordert. Bis zmn 14. d. M. einschließlich sind an Belgien 3419 Staatsbahnwagen und 61 Privatwagen, an» Frankreich 1462 Staatsbahnwagen und 113 Privatwagen, zusammen 505| Wagen, zmückgegeben worden. Präsident Masaryk t« Capri. Prag, 21: Mai. (Tschecho-slow. Prehbur.) Präsident Mas a r y k ist heute abends mit seiner Tochter und einer größer« Begleitung nach Capri zum ErholungSaufruthalt abgereist. Ein- und Ausfuhr *1« der Tschecho- SlowaKei. Prag, 21. Mai. Die „Tribuna" erfährt, daß die Erteilung , von Aus- und Einfuhrbewilligungen, die mit 1. Juli hätte eingestellt werden sollen. a«f unbestimmte Zeit verlängert wwdrn dürste, dü es unmöglich erscheine, durch bloße Zollaufschläge den der einheimisch« Industrie durch die Einfuhr drobendeu Gefahr« z« begegnen.. Auch werde eS notwendig sein em Verzeichnis jener Waren herauszugcben, deren Einbrzw„ Ausfuhr bis auf weiteres verboten bliebe. Tagesbericht. „Auf der niedersten Stufe der Politik".^ Die Baracken des ehemaligen Kriegsspitals Grinzing dienen jetzt verschiedenen Wohlfahrtszwecken. Einige hat der Wirtschaftsverband der Hochschüler Wiens, zu Studentenquartieren adaptiert. Davon ist eine Baracke ausschließlich vo« jüdischen Hörer« de-i wohnt und soll jetzt in die Verwaltung des jüdischem Hvchschulausschusses übergehen. Ändere Baracken wun^ de« vy« Jugend für svrgeanstalten übernommen und in; den Dienst der Kindererziehung im Freien gestellt.! Auch die Gemeinde Wien hat dort ein „Heim" für den-! selben pädagogischen Zweck gegründet. Das ist sowohl; vom erzieherischen als auch vom hygienischen Stand-, punkte aus sehr verdienstvoll. Man glaubt zwar, daß die aus der Enge der Schulstube befreiten Kinder hiev in Gottes freier Natur für alles G>le doppelt empfängt lich sind, das von ihren im Geist» der Gläckeischerw Schulreform unterrichtenden SHrern in ihre Seele« gepflanzt wird. Wie aber diese edle Saat, die in foj kostbaren Boden gesenkt wird, in Wirklichkeit aussieht,! das erfuhr ein Bewohner der jüdischen Studenten-, baracke mit großem Staunen, das von der breiten Öffentlichkeit und wahrscheinlich auch von den gegen-', wärtigen Herren der Gemeinde Wien und Schöpfern! des Grinzinger Kinderheims geteilt werden dürste. Der. Student erhielt «ämlich von einem Kinde, mit dem! er sich', in ein freundliches Gespräch einlassen wollte, die Antwort, daß den Z ög lin ge n de s st äd ti sch en ,Heims" der Umgang mit den Juden von einer Aufseherin verboten worden sei.-! Solche Pädagögik dürfte nicht nur kaum nach dem Geschmack der sozialdemokratischen Schulreformer sein, sie. widerspricht sogar dem Empfinden — der „Reichspost"^ welche über die politische Verhetzung pon Kindern gende entrüstete Worte findet: „Es ist ein trauriges 'Zeichen für unsere verlotterte Zeit, daß die Jugend hineingezerrt wird in den wilden Kampf der Parteien; ein wahrhaft schändliches Leichen aber ist es, baß die Jugend nicht zu versöhnender Parteiarbeit erzogen wird, die auch den Gegner ehrt und achtet, sondern zu rücksichtsloses Kampfe." \ Hoffentlich werden sich das die merkwürdigen, Pädagoge«, für die die „Reichspvst" Auto-, r i t ä t i st, hinters Ohr schreiben. Denn daß die Kinder--! Verhetzung vornehmlich von diesen Kreisen kultivier^ wirb, beweist eine andere beschämende Institution in; de« Grinzinger Baracken. Eine von diesen steht nämlich! dem Katholischen Jugenbbund zur Verfügung«, obwohl dieser Verein in der nächsten Nähe, nämlich iw der Hohenauergasse Nr. 12, ein eigenes Haus besitzt I vnb der jetzt herrschende WohmmgSmangel eine Svswo^ mischere Verwendung der Baracken opportun erscheinen, ließe. Die katholische Jungmanuschaft benützt nun dieses Baracke zur Aufführung von antisemitischen!! Tendenz stücken. Wahrlich, eine würdige Verwes Original englische Burberry flr Regeninähtel, 140 cm. brät, ä K1630 p. Meter» in der Stadtrest enmesse nur I», Welfabnrggas8e 10-19; Halbes Bekenntnis. Jakob Wassermann hat einmal, in der Schrift „Der Literat /oder Mythos und Persönlichkeit^, ein Bekenntnis abgelegt, indem er den Literaten als d«l vom Mythos losgelösten produktiven Menschen bezeichnete. Woraus folgt, daß er, wo er Apostel wird,. ioft „seinem Werk einen Willen verleiht, eine Sucht über die Kunst hinaus, und fein Werk gültiger haben will, als es der Kunst eigen ist, zu gelten". Dieses Bekenntnis erfüllt sich' nun an dem, der es getan, da er' jetzt, im Abstieg seines Lebens, in der Zeit nahezu völliger Erschöpfung seiner literarischen Schaffenskraft, eine Schrift*) veröffentlicht, deren Sinn er also umschreibt: „Ich will mir Rechenschaft abgeben über den problematischesten Teil meines Lebens, den, der «ein Judentum und meine Existenz als Jude betrifft, nicht als Jude schlechthin, sondern als deutscher Jiche, zwei Begriffe, die auch; dem Unbefangenen Ausblick auf eine Fülle von Mißverständnissen, Tragik, Widersprüchen, Hader und Leiden eröffnen." Von dieser Fragestellung aus verlebendigt der Schriftsteller, welcher die Vieldeutigkeit des Wortes gut innehat (in seiner Analyse des Literaten in der Form des Tribunen hat er einmal festgesteMr „Go wick er undurchdringlich' mit Hilfe des Wortes, unsichtbar, hinter dem Wort, ein wunderliches Widerspiel zum schöpferischen Menschen, der unsichtbar ist hinter der Gestalt") — verlebendigt er derart seine Jugend in Fürth, der alten Juderlgemeinde, den Durchgang seines Lebens durch die Versuche im bürgerlichen Beruf, durch die Militärzeit, die Zweifel an dem Wert seiner Pro« buktion bis zu ihrer literarischen Anerkennung. Und immer und überall begegnete Wassermann, dem es darum ging, von einer Nation anerkannt zu sein, als deren Mitglied er sich fühlt, „jenem in den Volkskörper gedrungenen dumpfen, starren, fast sprachlosen Haß, von dem der Name Antisemitismus fast nichts aussagt, *) Jakob Wassermann: „Mein Weg als Deutscher und Jude". .192.1. S-Lischer-BrrlgL, Berlin. weil er weder die Art noch die Quelle noch die Tiefe noch' bas Ziel zu erkennen gibt. Dieser Haß hat Züge des Aberglaubens ebenso wie der freiwillige« Verblendung, der Dämonenfurcht wie der pfiffigen Verstocktheit . . . Gier und Neugier sind in ihm, Blutdurst, Angst, verführt, verbockt zu werden, Lust am Geheimnis und Niedrigkeit der Selbsteinschätzung. Gr ist in solcher Verquickung und Hintergründigkeit ein besonderes deutsches Phänomen. Es ist ein deutscher Haß." Und da bricht aus dem, der solches erkannt mch erfahren, ein verzweifelter Schrei, jetzt, da er nach langem Bemühen die Erkenntnis der Aussichtslosigkeit der Bemühung gewonnen hat und „bie Bitterkeit in der Brust zum tödlichen Krampf" wird: „Es ist vergeblich', für sie zu leben und für sie zu sterben. Sie sagen: er ist ein Jude." Der Aufschrei ist echt, ist Bekenntnis und kann, ist er'wirklich der Ausdruck „schicksalhaften Konflikts", Mitgefühl wecken. Wer eS bleibt doch etwas übrig, ein ungelöster Rest, der dieses Bekenntnis zu einem halben, mit halbem Munde hervvrgebrachten macht. Wassermann schreit die Tragik heraus, atB Deutscher nicht von Deutschen anerkannt zu sein. Als Jude, einzig den Juden zugehörig, fühlt er sich nicht. Um aber ganz Deutscher zu sein, braucht er eben bie Anerkennung durch die Deutschen. Anders ist für ihn soziale Einordnung nicht gegeben. Hier liegt der Kern des Problems. Und da sei an bas Ergebnis, der Wassermannschen Schrift „Der Literat^ erinnert, darr damals also formuliert hat: „Er (der Literat) ist auch der von der Gesellschaft losgelöste Mensch, der einzelne, innerhalb eines nur durch äußere Gesetze verkitteten Gemeinwesens. So wie er aber ohne das Vorbild des schöpferischen Menschen nicht zu denken ist, bleibt er auch in seinem Tun und Lassen, durch sein Persönlichkeitsbestreben, durch bie Notwendigkeit der Spiegelung, durch das Element des Ehrgeizes und durch bas Element des Verrates der Gesellschaft verbunden." Notgedrungen muß also der Literat immer und immer wieder Eriveis für die Würdigkeit zu sozialer Einfügung bringen; denn er hat nicht die Fähigkeit zu ihr, sondern an ihre Stelle treten Sehnsüchte und! so oder so formuliert^ Sendungen. Und auch Wassermann macht in seiner Beöenntnisschrift, wo er sich mit sich; als Deutscher und Jude auseinandersetzt, seine Produktion, sein literarisches Werk zur Sendung, zum Apostolat einer bestimmten „Sucht über die Künste hinaus". Sein Werk durchdringt eingestandenermaßen der Wille, den Beweis für sein Deutschtum anzutreten. In' diesem Aspekt stellt er seinen „Kaspar Hauser" und „Das Gänsemännchen" dar. Damit aber, mit dieser eingestandenen Zweckhaftigkett seines Werkes, hat Wassern mann das Mitgefühl, welches sein Ausschrei über die Vergeblichkeit als Deutscher anerkannt gu. werden, weckt, um das Wichtigste gebracht: Um den Glauben an die Wahrhaftigkeit seines Bekennens. Den« er hat es aus.! der seelische« Einstellung des Literaten geschaffen. Der Literat aber hat nie foziale Bindung, er sucht aüch' nicht soziale Bindung, solcher« die Geltung innerhalb einer Gemeinschaft. Wobei es auch der Klüngel sein kann. Wassermapn hat wohl diese persönliche Geltungim Klüngelkreis nie versucht. Eines aber ist sicher: Däßj es ihm nicht auf die soziale Bindung, sondern auf di«! Geltung, auf die Wirkung ankommt. Sie ist freilich für den von der jüdischen Gemeinschaft entfernten Juden schwer zu finden. Aber sie wäre zu finden, wo schöpferische Kraft vorhanden ist. Pie fehlt in Wassermanns Werk und! kann durch keinerlei Apostolat ersetzt werden, das auf Geltung hinzielt. ES ist nun eben das Schicksal des! produzierenden Juden, der in der fremden Gemeinschaft das Wesen des Schöpferischen, den Mythos, verloren, hat, ihn durch; persönliche Geltung ersetzen zu wollen, und so immer nur — Literat zu sein. In seiner Schrift führt Wassermann ein Gespräch mit einem Freunde an, der aus einem urdeutschen Nürnberger Patrizierhause stammt, in welchem ihm der Freund, der in ehrlicher Geradheit immer wieder Entscheidung verlangt, die „Entweder Jude oder Deutscher" lautet, einmal zugesteht, er, Wassermann, sei ein Ausnahmsfall. Und ein ähnliches Bestätigungstmrt der AuAnMne spricht