Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 828 (18.5.1921)
- Date
- 1921-05-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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CftÄT". MIT MSwoch «IK« — , . ————i 1—i - - . ... Die Entwicklung Palästinas. Der Jaffa er Dr. A. B.-Korrespondent der JBNtutn Zürcher Zeitung" übermittelt seinem Blatte fcfattt instruktiven Bericht über die Entwicklung Palästinas, der vom 18. April datiert ist. VaS erste ordentliche Friedensbudget für Palästina, dasjenige für das Finanzjahr 1921/22, ist streben veröffentlicht worden. Es liefert die greifbarsten und deutlichsten Beweise für den riesigen Fortschritt, den das Land unter der Verwaltung Herbert Samuels in wenigen Monaten gemacht hat. Das Budget weist an Einnahmen 2,214.074 äg. Pfund (etwa 55 Millionen Goldfranken) und an Ausgaben 2,286.133 äg. Pfund (etwa 56,5 Millionen Goldfranken) auf. Diese Zahlen bedeuten, daß das Budget in diesen» Jahre das Dreifache des vorjährigen ausmacht. Sämtliche Einnahme- und Ausgabepoften sind größer als die vom letzten Jahr, manche acht- bis zehnmal. An Einnahmen weist der Voranschlag folgende Hauptposten auf: Zolleinnahmen 451.000 äg. Pfund, Eisenbahneinkünfte 770.000 äg. Pfund, Lizenzen usw. 617.225 äg. Pfund, Post, Telegraph und Telephon 142.334 äg. Pfund, Rückzahlungen usw. 148.745 äg. Pfund usw., wobei die Einnahmen der Postdirektion das Zehnfache, die der Eisen-« bahnen vielleicht das FünfZehnfache der entsprechenden vorjährigen Posten darstellen. B.'i den Ausgaben fallen die großen Beträge für die Verbesserung der Eisenbahnen (etwa 750.000 äg. Pfund), der Post- und Telephonämter, des Sanitätsdienstes und b:s ErziehungswesenS. auf, die zeigen, daß diesen wichtigsten Verwaltungszweigen die größte Aufmerksamkeit gewidmet wird. Der Posten „Kapitalsausgaben für große öffentliche Arbeiten" bleibt vorläufig leer; er soll durch die Gelder der Staatsanleihe, die gleich rwch Unterzeichnung der Mandatsakte ausgenommen wird, im nötigen Maße gedeckt werden. Leider steht im Budget der Posten „Ottomanische Schulbenverwaltung" mit nicht weniger als 195.000 äg. Pfund berechnet. Das bedeutet, daß Palästina 5,000.000 Goldfranken für die alte türkische Schuld abzahlen muß. und das wer weiß wie lange noch,/ da wir ja als ein Teil des ehemaligen türkischen Reiches auch einen Anteil an seinen unbeglichenen finanziellen Verpflichtungen nehmen müssen. Der Posten „Oeffentliche Sicherheit" weist 216.642 äg. Pfund auf, wovon 100.000 Pfund für Schutzpolizei, welcher Betrag sicherlich noch erhöht werden wird, da es sich hier um die vollständige Pazifizierung eines ehemalig unruhigen türkischen Landes handelt. Dieser Kostenanschlag wurde dem palästinischen Landesrat zur Genehmigung vorgelegt und gilt seit 1. April als das lausende Staatsbudget. Ueberhaupt scheint es, baß das laufende Jahr einen großen Aufschwung ins Leben und in die Entwicklung .Palästinas bringen wirb. Die letzten Schritte zur Vorbereitung der vollen Autonomie werden eben getan. Der Oberkommisjär hat amtlich mitgeteilt, daß in den nächsten Monaten Wappen, Flagge und Münzeinheit für Palästina bestimmt werden sollen; als Wappen wird vorgeschlagen, eines der folgenden, allen nationalen Gruppen genehmen Symbole anzunehmen: Einen Oelzweig, Taube mit Oelzweig, Palme, brennende Fackel. Ernes dieser Symbole — oder, falls andere vernünftige Vorschläge einlaufen, ein weiteres — wird demnächst zum ständigen Abzeich'N des Heiligen Landes und soll auf Marken, Münzen und Flaggen angebracht werben. Zugleich treffen die einzelnen Städte alle Maßnahmen für erweiterte Bau- und Jndustrietätigkeit. In fast allen bedeutenderen Orten werden topographische Pläne nach neuesten Methoden angelegt, und trigonometrische Stationen errichtet, eine bisher in Palästina unbekannte Neuerung. Die Erstellung des ersten bedeutenderen Kraftwerkes in Palästina am Jarkon-(Audscha)-Fluß wurde eben in Angriff genommen. Dieses hydroelektrische Werk wird mit einer in Tel-Awiw noch diesen Sommer zu errichtenden kalorischen Zentrale für elektrische Energie verbunden, so daß zusammen an die 6 00 Kilowatt produziert werden können. Diese Energie wird für Straßen-, Häuser- und Bahnbeleuchtung sowie zur Speisung der bedeutendsten Werkstätten mit elektrischem Strom und zur Bewässerung der umliegenden Orangerien in Jaffa, Ml-Awiw und Petach-Tikwah verwendet werden. Sobald die erste kleine Zentrale fertig ist, sollen hie Arbeiten am Jordan beginnen, wo auf 30.000 Psexdekräfte Nutzenergie gerechnet wird. Die Ausführung dieser großen Arbeiten setzt bedeutende Kapitalsinvestierungen des Auslandes voraus. In der Tat strömen jetzt private Gelder aus verschiedenen Ländern nach Palästina in der Form von Beteiligung an - Aktiengesellschaften, langfristigen Darlehen usw. Als erste organisierte Stadt erhielt Tel-Awiw den Vorschlag eines amerikanischen Hauses, ihm eine langfristige Dollaranleihe zu gewähren, um die munizipalen Anlagen zu erweitern und den privaten Häuserbau zu fördern. Sobald die Formalitäten und dl« Bedingungen einer Anleihe vereinbart sind, wird itt dieser Stadt eine stark erhöhte Bautätigkeit beginnen. Die erste nach modernen Prinzipien errichtete Zement- und Ziegelfabrit ist eben im Rohbau fertig und wirb im Sommer mit riesigen maschinellen Mitteln zu arbeiten beginnen. Andererseits ist auch die Verbindung mit dem ^stivrdanland in fast normaler Weise hergestellt wor- 3t,;: voriger Woche verkehrt wöchentlich ein direkter . " ' Cxtifa und der Residenzstadt des Emir. Abdallah, Amon. Vor einigen Tagen stattete der Oberkommissär diesem arabischen Vasallen Englands einen Freundschaftsbesuch ab und wurde überall mit prinzlichen Ehren empfangen- Das Band zwischen Palä- , stina und dem östlichen Landstrich ist geknüpft und die regen Handelsbeziehungen zwischen diesen beiden Teilen des Landes werden nicht versäumen, den normalen Verkehr links und rechts des Jordan' zu befestigen, und so wird die Ordnung und Ruhe auch» in dieses reiche Gebiet einkehren. _ ‘ PolilischeRundfchau. Polnisch-jüdische Verhandlungen in Wilna. Aus Wilna wird uns berichtet: Am 8b. M. fand eine vom polnischen liberalen Politiker Alexander> Chominski einberufene Konferenz polnscher und jüdischer Politiker statt, mit dem Zwecke, eine polnisch.- jüdische Verständigung herbeizuführen. Auf jüdischer Seite waren die-zionistische Partei, die demokratische Partei, die Zeirei Zion rmd die Handwerkervereinigung, auf polnischer Seite die liberal-föderative Partei vertreten. In der Eröffnungsrede wies der Einberufer der Konferenz darauf hin, daß eine der wichtigsten Fragen der polnisch-jüdischen Verständigung die der Organisation der jüdischen Gemeinden, vor allem die Wilnaer Gemeinde, sei, und ersuchte die jüdischen Vertreter um Klarlegung ihres Standpunktes in dieser Frage. . Die jüdischen Vertreter legten fytt, daß die Organisation der jüdischen Gemeinden im Wilnaer Gebiete unter den heutigen Verhältnissen unbedingt notwendig sei. Die jüdische Gemeinde müsse des Instrument für eine breitaugelegte jüdisch nationale Autonomie sein. Die einzelnen Gemeinden hätten 'eine Zentralorganiiatiou in Form eines Nationalrates zu bilden, dem ein eigens zu'schaffendes jüdisches Ministerium verantwortlich, wäre. Die jüdischen Vertreter hoben dabei hervor, daß dieselben Forderungen von den Weißrussen und Litauern erhoben werden und weisen auf das Beispiel des unabhängigen litauischen Staates hin, welcher seinen Minderheiten eine ausgedehnte national-personale Autonomie gewährt^ hat, den Juden sowohl wie den Weißrussen und Polen, welch letztere allerdings die Autonomie abgelehnt hätten. Die polnischen Vertreter schlugen dagegen vor, daß die Gemeinden offiziell religiösen Charakter tragen sollen; sie mL^en den EhaLakter von Kultusgemeinden tragen, denen jedoch äuch einige'Funktionen dör sozialen Fürsorge, der Emigration und dergleichen übertragen werben könnten. Gegen die Gewährung einer Autonomie an die Weißrussen sprachen sich die polnischen Redner mit!der Motivierung aus, daß die Weißrussen nicht als Gegenriation anzusehen seien. Pie jüdischen Vertreter beharrten auf ihrer Forderung, daß die jüdischen Gemeinden öffentlich-rechtliche Institutionen sein müssen, die vom Staate anerkannt sind. Die darauffolgende Debatte trug sßhr lebhaften Charakter, ohne daß es jedoch in dieser Frage zu einer Einigung gekommen wäre. Schließlich wurde beschlossen, demnächst eine neue Konferenz abzuhalten, bei welcher die Fragen der jüdischen Politik im Wilnaer Gebiet in der nächsten Zukunft erörtert werden sollen. Die Verständigungsaktion der polnischen Regierung in der Iudenfrage. Aus Warschau berichtet man uns: Die Tätigkeit der Ministerialkommissian für die Jubenfrage stockt jetzt gänzlich; wie in gutunterrichteten Kreisen versichert wird, hat dies seinen Grund hauptsächlich darin, daß der Innenminister S k u l s k i der ganzen Tätigkeit der Kommission opponiert. Gr will sich in btt Frage des p o l n i f'ch - j ü b ischen Ausgleiches nicht engagieren. Zurzeit erklärt S.kulski, er sei fest entschlossen, seine Demission zu gebe», und könne sich daher nicht au der Arbeit der Ministerialkommission für die Jubenfrage beteiligen. *- ■ Um dieser Opposition Skulskis zu begegnen, hat, wie „ftutjet Polski" erfährt, die Ministerpräsident WitoS an alle Mitglieder der Ministertalkomniisston ein Rundschreiben gerichtet, in welchem er sie aufforbert, die Kommissionsarbeit fortzusetzen und dem Mnisterrat daS Ergebnis ihrer Tätigkeit ehestens vvrzulegen. Bisher hat jedoch dieses Zirkular keinen greifbaren Erfolg gehabt. ' Ml dies steht im Gegensatz zu de« Darlegungen der polnischen Regierung, auS denen man den Eindruck gewinnt, als befände sich die ganze Aktion in gutem Fortgang und werde, wenn «and) langsam, so doch erledigt. Ein offizielles Communrquee des Klubs der Sejm-Abgeordneten des, Jüdische« Nattonalrales in Polen (Grünbaum,HartglaS,Doktor Weinzreher, Dr. Thon, Farbstein und Rosenblatt) führt nun aus, daß eS den Anschein hat, alS käme eS der polnische» Regierung mehr darauf an, diese Meinung über einen günstigen Gang der Aktion zu verbreiten, als die Lösung der Judenfrage in Polen ernsthaft durchzusühren. Nach einer Darlegung über den Stand der Ausgleichsaktion, in welcher angeführt wird, daß während der Verhandlungen die rechtliche Lage der Juden Polens sich nicht nur nicht verbessert, sondern verschlechtert habe, und baß die von der Regierung versprochene Erfüllung der Mindestforderungen der jüdischen Vertreter bisher nicht erfolgt fei,' wird in dem erwähnten Eoimnuniauee erklärt: l?. ««amwmf --;-—---—-1 ' „Der jüdijchnationale Klub der Sejm-Dc'.stierten Bein? jüdischen Nationalrat ist im Bewußtsein seiner Vervulttvortungs gegenüber der jüdischen Oeffentlichkeit der Ansicht, baß nicht mehr an den Unterhandlungen teilnehmen darf, durchs, die nur Illusionen geschaffen werden, welche die faktische!! antijüdische Politik einer Regierung decken sollen, die nichtgesonnen ist, die berechtigten Forderungen der jüdischen Bevölkerung zu erfüllen. Der Klub ist natürlich weiterhin! wie früher bereit, rpit der polnischen Oeffentlichkeit an der Regelung der Judenfrage Mitzuarbeiten." Amerika «kd die Kriegskredite der Alliierte«. Der Washingtoner Korrespondent der „Daily News" will in Erfahrung gebracht haben, daß die amerikanische« Minister, welche bisher dem Gedanken einer Tilgung! der europäischen Kriegsschulden feindlich^ gegenüberstanben, sich' allmählich zur der UeberzeugunF bekehren, daß eine Streichung dieser Posten sowohl von! Amerikas wie von Englands Seite angesichts der gegen-: wärtigen Konstellation in ernste Erwägung zu ziehen' wäre. Amerika bemerke, daß es für seine politische' und ökonomische Isolierung einen gefährlichen Preis! zahle. Der Eisenbahnverkehr nehme ständig ab, während' sich in den Lagern die Vorräte häufen. Aus dieservon Bankiers, Fabrikanten, Exporteuren und Äckerbauern konstatierten Situation ergebe sich als logische Konsequenz die Streichung der Schulden der Alliiertest^ Diese Notwendigkeit werde dem amerikanischen! Publikum von Woche AU Woche deutlicher. Bekanntlich hatte auch die Mission Vivianis den Zweck, die Streichung der französischen Kredite durchzusetzen und Amerika zum Eintritt in den V'ölferbund und zur Anerkennung des Versailler Vertrages zu bewegen. Die Frage der amerikanischen Forderungen ah die Alliierten wird aus der Sphäre der katastrophalen Folgen der Friedensschlüsse, die man in Mittelunb Osteuropa täglich am eigenen Leib" empfindet, sehr leicht in ihrer ganzen Bedeutung verständlich. Zwischen! Amerika und den ihm verschuldeten Alliiertere herrscht; in ökonomischer Beziehung eine vielleicht nicht wesentlich' geringere Spannung, als es die ist, welche die Unvernunft der Friedensverträge zwischen den Siegern und! Besiegten geschaffen hat. Aber wie in Europa die Uölgütt der wirtschaftlichen Verelendung weiter Bevölkerungs- Kassen, des finanziellen Ruins der besiegtest Staaten und der mangelnden Kaufkraft ihrer Bewohner allmählich eine Ausbreitung der immer allgemeiner werdenden Krise und bei deren langer Dauer auch eine, ökonomische Ausgleichung, der Gegner, allerdings nach! der negativen Seite, zu schaffen drohen, so hat sich der gleiche Prozeß in dem Verhältnis zwischen dem industriell und kommerziell hochentwickelten Amerika und den ihm tief verschuldeten europäischen Siegerländern bereits an-, gesponnen; denn diese Verschuldung ist sine dev Hauptursachen des auf den Westrändern Europas lastenden Druckes und damit der wirtschaftlichen Krise in Amerikawelche immer schwerere Formen anzunehmen droht.' Für Frankreich bildet die Frage der amerikanischen- Schulden eine schwere Sorge und in Italien erklärt man sich geradezu außerstande, diese Schulden ln absehbarer Zeit irgendwie abzutragen. Bisher hat man nur von den Möglichkeiten einer Fristerstreckung der amerikanischen Forderungen zu hören bekommen. Sollte sich Amerikas Regierung tatsächlich! zu einer Streichung der Schulde« entschließen und zu einem solchen Schritt die Zustimmung der gesetzgebenden Körperschaften erlangen, so wäre dies eine Maßregel,! welche geeignet wäre, die Schwierigkeiten der euroväischen Krisenzustände sehr stark zu entspannen. Andererseits würde dies aber auch ein überaus eindringliches! Memento an die Führer der Ententepvlittk bedeuten, den von Amerika ihnen gegenüber beschrittenen Mg auch ihrerseits gegenüber den besiegten Möchten einzuschlagen, ohne welche Maßregel die Entschließung Mrerikas nur einen halben Schritt bedeuten würde. Wenn sich Amerika zu einer so radikalen Entscheidung entschlösse, so müßte es, damit sein Ziel, der Abbau der Krise, erreicht weche, selbst die Bürgschaften fordern,! welche zu diesem Resultat führen könntest, und! eine Revision der Verträge und der gesamten, den Besiegten gegenüber eingeschlagenen Politik, welche Europa stets neue Wunden schlägt, waS in der Frage der Sanktionen bald augenscheinlich wettren dürfte, wäre die nächste Folge, die sich aus der Entscheidung Amerikas in jenem Sinne ergeben müßte. Rußland braucht de« Frieden! Moska» zöge» die 2veißga,diste». Mveka«, 17. Mai. (Funkspruch.) Der Moskauer Sowjet hat eine« Aufruf erlasse«, in dem es ». a. heißt; Burzew hat für tat Monat Juni «ach Paris einen Korrgrch zm Gründung «neS neue« gegenrevolutiouären Zentrums zmy Kampfe gegen die Sowjets eiaberufen. Miljukow und KerenslH arbeite« in Paris i» Interesse des französischen Imperialismus'' In Berlin habe« der rechte Flügel der Kadetten und di« russi. scheu Monarchisten mit Hilfe deutscher Reaktionär« neue Säulen der Gegenrevolution geschaffen. DaS Heer WravgelS ist nock/ imcker nicht aufgelöst, obwohl sich daß amtliche Frankreich von ihm loSgefagt hat; es befindet sich zurzeit in Serbien und ist eine mächtige Stühe der russischen Imperialisten. Rassische Gegen' revolutionäre arbeiten an allen Orten Europas, um einen neuen Krieg gegen Sowjetrußland herauszubeschwöre». Rußland braucht den Frieden und fordert alle Völker anf, den Umtrieben der Weißgardisten ein Ende^8..&&&&».