Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 822 (11.5.1921)
- Date
- 1921-05-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 2; Mütwoch -W> Deutschland geht an seinen polittschen Führern zu- -runde. Sie sind ohne Fiel und ohne Plan, Ueberhebung «nd sklavische Demut wechseln bei ihnen, wie Lachen rmd Weinen beim Säugling und Regen und Sonne tm April. Sie bringen es zuwege, heute sich als Herrenmenschen zu gebärden und über den Volks- Villen hinwegzusetzen und morgen sich vor der Meinung eines rabiaten, schreienden Parteidlättchens zu beugen. Simons stellt den Typus der deutsches Politiker dar. Man tut ihnen gewiß Kein Unrecht, wenn man fie an diesem Manne mißt, denn er ist gewiß nicht der Schlechteste, vielleicht der Beste unter ihnen. Bei der täglichen Arbeit gewissenhaft, fleißig bis Zur Aufopferung, gründlich und objektiv. Vor fremde Menschen und große Entscheidungen gestellt, fahrig, unsicher und unfähig, selbständig und endgültig zu urteilen. Der preußische Militär- und Oürigkeitsstaat hat die deutschen Führer zu dieser Art erzogen. Er hat sie daran gewöhnt, der Macht des Schwertes blind zu vertrauen, in ihr das Einzige und Höchste zu erblicken. Das Schwert war ihr Steuer. Das Steuer ist zerbrochen. Das deutsche Volk wird die Schule des Leidens durchmachen. Vielleicht werden aus dieser Schule neue, starke Männer hervorgehen. Zionistische Irrwege. E. Wie». 11. Mai. r Die Reise der von Weitzmann geführten zionistischen Delegation nach Amerika, welche den Zweck hatte, die Gegensätze, die sich zwischen den Anschauungen der zionistischen Leitung, die den überwiegendsten Teil der europäischen Zionisten hinter sich weiß, einerseits und den Führern, des amerikanischen Zionismus andererseits, aufgetan hatten, zu überbrücken. hat dieses Ziel nicht erreicht. Obzwar die zionistische Gesandtschaft, welche durch Einsteins Teilnahme noch eine besondere Note erhält, in enthusiastischer Weise von den jüdischen Massen begrüßt wixrde und alle Meldungen sowie die Aeußerungen der amerikanisch-jüdischen Presse deutlich erkennen lassen, daß die große jüdische Masse m Amerika hinter der gesamtzionistischen Exekutive steht — eine Haltung, die aus den von den verschiedenen Körperschaften gefaßten Beschlüssen zur Aufbringung bedeutender Summen für den ungeteilten Keren Hajessod vollends klar zutage tritt — hat sich die Mehrheit in der zionistischen Leitung von Amerika auch durch die entschlossene Haltung einer beträchtlichen Minderheit, die deren Beschlüssen die Gefolgschaft verweigert, nicht abbringen baffen, ihren einmal eingenommenen Standpunkt zu verlassen. Der Kamps um das Prinzip des Keren Hajessod ist im Grunde nur das Symptom für eine prinzipielle Meinungsverschiedenheit. Denn letzten Endes betrifft der Gegensatz nicht die Frage, ob her unter der Mitwirkung der amerikanischen Zionisten, derselben, die Nunmehr ihren eigenen Beschlüssen Widerstand entgegensetzen, geschaffene große Palästina-Aufbaufonds ein Unteilbares Ganzes bilden soll, für dessen Aufbringung die Idee des Volksopfers maßgebend zu sein habe, pder ob er, wie es die Brandeis, Mack und ihre Gefolgsmänner wünschen, in bloße Spenden und Investitionen für ökonomisch rentable Unternehmungen geteilt werden soll, die der ausschließlichen Kontrolle der amerikanischen Zionisten zu unterliegen hätten. Es handelt sich vielmehr um die zionistische Grundanschauung über das Wesen des Aufbaus des künftigen jüdischen Gemeinwesens in Erez Jrael. Stellt man sich darunter ein bloßes kolonisatorisches Unternehmen vor, dessen Verknüpfung mit dem Zionismus lediglich seine Beschränkung auf Palästina ergibt, wie es die offizielle Mehrheit der amerikanisch-zionistischen Leitung tut, dann wird man ihre Methoden begreiflich, die Ausschaltung aller ideologischen Momente, den mangelnden Glauben an die nationale Opferwilligkeit und die Betonung des bloßen materiellen Interesses natürlich finden. In diesem Sinne ist auch das in aller Eile vor der Ankunft der zionistischen Führer beschlossene Memorandum gehalten, das gleich in seinem Eingang die Konzentrierung der zionistischen Arbeit auf Palästina in einem Sinne fordert, der bei den Zionisten Europas wenig Beifall finden wirh, indem diese in Gegensatz gesetzt wird zu Gegenwartsarbeit und „Diasporanationalismus", welche die zionistischen Führer Amerikas entschieden abfthnen. Obgleich dieses Memorandum in seinem positiven Delle manche diskutable Ansichten enthält, so läuft - doch'dessen Grundtendenz darauf hinaus, den organischen Gedenken der nationaljüdischen Renaissance, der dft Vorbereitung des Volkes aus das neue Palästina, seinen Kampf um politische Freiheit und Reift als notwendige Glieder in bet einen Kette steht, durch äußerlich' mechanischen, durch praktisch-wirtschaftliche Momente bestimmten Kolonisation^ Zionismus zu ersetzen, der der Idee der inneren Umbildung, der psychischen Vereinheitlichung des jüdischen Volkes völlig fremd gegenübersteht. ES hätte keinen Sinn, die Gegensätze zu verschleiern und darum mutz man deutlich sagen, daß sich' hier zwei grundverschiedene Tendenzen gegenüber stehen, zwischen denen, wie es sich erwiesen hat, eine Verständigung nicht möglich Ist. Der' Kampf um das Keren Hajeffod-Prinztp ist hiebei nicht das wesentliche, hier stehen sich vielmehr tzwei verschiedene Auffassungen des Zionismus gegenüber. Seit der letzten Konvention der amerikanische» Zionisten des Kongresses von Buffqlv im Oktober 1920, Wiener Morgenzeitung 11. Mai 1SR Rr, m der Idee des Keren Hajes'p'tß d?S großen, einheit- ' lichen jüdischen Staatsschatzes und der Beschluß, zwischen rentablen Unternehmungen und bloßen Spenden zu sondern, entspringt einer Auffassung, welche den Aufbau Palästinas gewissermaßen aus dem großzügigen und zusammenfassenden zionistischen Jdeengebäude herausnimyrt und aus einer Sache ideologischer Fundierung tzine Angelegenheit bloßer Berechnungen macht. So kommt es, haß der Gedanke des Volksopfers aus dem Programm der DfthrhM der zionistischen Leitung Amerikas verschwindet, daß sie vvrp verpönten „Diaspora-Nationalismus" abrückt und die Uebertragung der zionistischen Exekutive nach Palästina fordert, da das politische Ziel.des Zionismus bereits als erreicht anzusehen sei und fortab die Aufbautätigkeit, wenn möglich unter Gesichtspunkten allgemeiner Rentaüllität, das Um und Auf der zionistischen Arbeit zu sein habe. Im Rahmen dieser Auffassung hat die Idee der Volkserziehung, &r seelischen Umschichtung und der ganzen übrigen Tätigkeit jüdischer Verinnerlichung keinen Raum. Aber die Ereignisse in Amerika und die Fortschritte des ursprünglichen Keren Haje ssod-Medanftns beweisen, daß oieft Ideologie her Führer nicht auch jene der Massen ist, die ja aus dem gleichen Holz geschnitzt sind wie ihre Gesinnungsfreunde in der übrigen Welt. Die Massen in Amerika erkennen, daß ein nationalisierter Zionismus^ der sich trotz seiner Beschränkung auf Palästina-Arbeit von der Palästina-Auffassung des integralen und tradittvnsreicheren Zionismus sehr weit entftrnt, keine Aussichten auf 'Verwirklichung hat, well, was schon Herzs gewußt und ausgedrückt hat, nur die große unser Werk zu verwirklichen vermag, Und diese drückt sich heute in dem Wort ,F)pfer" aus, Hingabe, nicht Berechnung, Schwung, nicht kaufmännischer Kalkül ist die Parole des Augenblicks, Und wo jene fehlen, wird der Appell an die Beteiligung der kapitalskräftigen Kreise, der den Brandeis und Mack vvrschweben mag, nichts zu wirken vermögen. In dem gleichen psychologischen Irrtum sind gewisse Zionisten Euvopas befangen, welche den Moment für gekommen halten, ^un de» gesunken - zionistische« Radikalismus abzubauen und so auf dem Wege des Kompromisses im anderen Lager Anhänger zu werben. Auf diesem Irrtum beruht der Versuch einer zionistischen Gruppe in Deutschland, welche ein programmatisches Kvmpromißftrtum zur Grundlage einer neuen Föderation machen will, die sich „Binjan Haarez" nennt und geistig völlig an der hier gekennzeichnete» Adrffassung der amerikanischen Führer orientiert ist. Die zionistische Praxis eines jeden Tages ist es, welche diese Auffassung Lüge straft. Wie wichtig es auch ist, daß wir im heutigen Stadium unserer Arbeit den Appell an die jüdische Volksgesamtheit ergehen lassen müssen, so beweist die nationale Arbeit tagtäglich von neuem, daß nurdvr große Zug in der Propaganda, die völlige Hingabe an die Idee, der stete Hinweis, daß es aufs Ganze ankommt, die Lauen zu erwärmen und die Säumigen mitzureißen vermag. Wirken kann nur das lebendige Beispiel: Jenes, das unsere Chaluzim geben, die in Konsequenz ihrer. Auffassung vom Pioniertum ihr ganzes Sein Erez Israel weihen und das werktätiger zionisttscher Pflichterfüllung, welche sich nicht mit der Phrase begnügt und durch das eigene Opfer beweist, daß es. ihr Ernst ist mit dem Gedanken der Auferstehung des jüdischen Volkes in seiner alten Heimat. Wer sich mit wenigem bescheiden will, weil er nicht den Mut hat, das Große zu fordern, das wir brauchen, der wiiä> auch dieses wenige nicht erhalten können; nur der volle Schwung, der aus ungebrochenen Idealen ausströmt, vermag mitzureißen und die Größe in die jüdische Arbeit zu tragen, ohne welche sie ihr Ziel nicht zu erreichen vermag, das nicht allein in der jüdischen Besiedlung Palästinas besteht, sondern in ihr das Mittel sieht zur Neuschöpfnng des jüdischen Volkes. PolitifcheRundfchau. Hardings Begrüßung der zionistischen Delegat «n. Aus der jüdischen Presse Amerikas wird »Unmehr der Text der Begrüßungsschreiben bekannt, welche der Präsident der Vereinigten Staaten, Harding.uud Vizepräsident Collidge aus Anlaß des zu Ehren der Delegation veranstalteten Riesenmeetings aN die zionistischen Führer richtete. Harding gibt seinem Bedauern, Ausdruck» dringlicher Sftgievungsgeschäfft wegen am Kommen zur Versammlung verhindert worben zu sein, um die Gäste begrüße» zu können. Er hätte ihnen gern seine großen Sympathien und wärmd» Gefühle persönlich ausgedrückt, was jedoch leider unmöglich sei. Die Gäste, Führer auf zwei so wichtigen Gebieten, erinnerten an die großen Verdienste, die das jüdische Volk zü jeder Heft und in alle» Ländern für das Wohl der Menschheit geleistet hat. Vizepräsident Collidge schreibt: ES wäre für «ich m besonderes Vergnügen, mich persönlich am Begrüßungsabend für dft bedeutenden Persönlichkeiten. Prvftsfov Einstein und Dr. Weitzmann, die ein ftder auf seinem Gebiete so berühmt sind, beteiligen zu könne«. Wir begrüßen sie als Vertreter der Wissens chaften und einer Nation, die in allen Ländern ständig nach Freiheit gestrebt hat. Wir begrüßen sie als Vertreter einer Rasse, die jsd viel beigeträgen hat zue ökonomischen und kommerziellen Entwick ist es, klar mxm. es. Dft «MM LüpM m K.W» M.HM.. der Kricgo^'u. Wir anerkenne,; sie als Träger ein« alten und ewig andauernden Zivilisation. ’ * Ungarische Bodenrefoxn». Aus Budapest wich uns berichtet: In einer' d^r letzten Sitzungen der Nationalversammlung erregte eine Interpellation des Abgeordneten Stephan Samo ghi wegen dev recht eigenartigen Durchführung« der sogenannten Bodenreform bedeuftndes Aufsehen. Anlaß zu dieser Interpellation hat die unlängst erfolgte Parzellierung der Hatvaner Besitzung des Baron Deutsch de Hatvan gegeben. Hey größten AeiL des Bodens, sagte der Interpellant, habe HM besitzloser Kleinlandwirt" in der Person Sr. Exzellenz des Baron Emmerich Ghillany erhalten. Die neuen Besitze dürfe» wohl im Sinne des Gesetzes nicht verpachtet werden,^dennoch habe der Herr Baron die Spir itusrafftnerie, die sich auf dem neue» Besitz befindet^ sofort verpachtet. Die übrigen Teile der Besitzung bewirtschafte er gemeinsam mit einem ähnliche» „Kleinlandwirt", dem Univexsitatsprpftssor Johann Tu so». Die invaliden und besitzlosen Landwirte haben keine einzige Parzelle erhalten, dagegen seien die Harre« Obernotgre, die Bizenotäre alle „Kleinlandwirte", die in Lackstwftln herumstolzieren, die Gendarmen und die Polizisten mit Boden und Besitz reichlich bedacht worden.; Die Altruistenbank, die die Parzellierung im Auftrag des Staafts durchgeführt hat, kümmerte sich um die Landwirte absolut nicht, dagegen soll sie an diesem Gv-i schüft zehn Millionen Kronen verdient habe«. Dasii Schönste aber kommt noch: Nach Beerdigung her Pm>, Bllftrung verständigte die Bank einzelne Käufer, daß' sie den angekauften Boden wohl nicht erhalten werdmr,! dagegen werden 20 Prozent des im vorhinein erlegten Kaufbetrages mrftr dem Titel der Kriegsgewi« « -j steuer zurückbehalten. Der Ackerbamninister ist auf! diese recht interessante Interpellation vorlänsig die An«- wort schuldig geblieben. Inland. Die KredithilssaLtion. Die Fmauzdelegirrtni des Völkerbund«- Joseph Lveuohj Sir D. Drummond-Fraser und Staatsrat Emil Glückftad haben ihren Bericht an die Finanzfekti-n des! Völkerbundes, noch bevor fie Wie» verließe«, fertiggeftellt. Sr«' sind ,u einhelligen Beschlüssen und Anträgen gelangt, die mml mehr de« Finanzkomitee des Volkerbuydes vorgelegt »wrb«J DaS Finanzkomitee wird wegen der Dringlichkeit des Gegenständebereits am 3Y. d. M. zusamnentreten, Um über Bericht! und Anträge sobald als möglich schlüssig z» werden. Die Qt*l nannten Herren haben angeregt, die Konferenz de- FinanzftmiteeS deS Völkerbundes nicht in Genf, sondern in einem den Finanz»! zentrrn nahergrlegenen Orte abzu-Ltte». mn mit de» maß-! gebende» Geschäfts- und Reglerungskreisen rasch und bequem Fühlung unterhalten zu können. Es wurde zunächst an Paris g^ dacht, dock verblieb «au zuletzt aus prMscheu Gründen brr London. ES wird also die Finanzkvnserruz, die über die öfter«, reichliche Sanierungsaktion berate» wird, in London am 20, d.M abgehalten «erden. Der F««fterst»r, «Mt Dt. L-renze«.. Die Meldungen vom Krankenlager des am SonntaW m St. Lorenze» überfallenen Landeshauptmanns Ri»-! telen lassen erftnnen, daß die ganze Angelegenheit! fürchterlich übertriebe« dargestellt worden ist. Herr«! Rintelen geht es so, wie jedem, der am Sonntag m eine Rauferei hinein geraten ist. Ernster sind die Nach»! erscheinungen der Sache. Die wegen des Uebvrfatts! verhafteten fünf Personen, angeblich Kommunisten, wur-i den in Kapfenberg durch ihre Freunde der Gendarmerie-) vskorft entrissen and in Freiheit gesetzt. So berichftH wenigstens die Abendblätter. Eine amtliche Mitteilung liegt nicht vor. Mer auch ohne diese Folge ist der Vorfall vom- Sonntag nicht ohne Einwirkung auf die inneren Der-', hältutsso Oesterreichs. I« 'allen Parteilagern erkennt man, wvhttr der Terrorismus und das Spiel mit der! Straße führt. Alle Parteien sind damit belastet und;! es ist tttt freche Tartüfftrie, wenn sw jetzt ausnahmslos von dtzr geschwächten Autorität des Staates spreche«. Es wäre viel gescheiter, wenn sie alle, Christlich-; soziale, Sozialdemokraten und Grvßdeutsche, die den« gemeinsten Terrorismus gegen die Juden, rin den Tag! legen und Hann die etttftsftlte Menge nicht mehr be-! herrschen können, ihre Sünde» erkennen utch die Me-! thvdvn der Brutalität zurückswllftn. Die Sozialdemo-j kraft« haben die ungesetzlichen Austveibungserläsfti gegen die Ostjuden auf dem Gewissen, die wenig ckehr als Exzesse bedeute«. Sie haben im Herbst des Dor-! jahres jübifchnationaft Versammlungen gesprengt. Lhristljchsozialen sind alft Bekenner, des. Holzkomments und ihre von bayrischen und magyarischen Sachver-j ständigen geführte Bande hat beim Antisemitenkougrest Genügendes in dieser Mchtuug geleistet, die Groß-! deutschen kövnen ebenfalls auf ansehnliche Leistungen ihrer Jugend Hinweisen. Daß die Kommunisten Ge-! waltanheftr sind, hat man längst gewußt. Wozu haü «a« sft in Steiermark durch llvberfälle auf ihre Ver-j sammlungen gereizt? Ein Unrecht zieht eben eine g«E Kvtft gleicher« Mbel hinter sich' her. Es ist unsinnig, im Zusaril.neilhailg mit ö®! i KwMttUasiMUisMi t««i «Xd».