Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 820 (9.5.1921)
- Date
- 1921-05-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Birffe'Z Men, Momüg , Die deutsche Kabinettskrise. Derü«, S. April. Gestern beschäftigte sich der interfraktionelle Ausschuß der Regierungsparteien mit der Frage der Klärung der inner- und außenpolitischen Lage. Er ging nach kurzer Beratung auseinander, ohne zu einem Ergebnis gekommen z« sein. Man nimmt «m, daß es im Laufe des heutigen Tages gelingen wird, die Krise zu einem gewissen Abschluß zu bringen. Die Kandidatur Dr. M a y e r s dürfte nicht mehr aufrechterhalten werden, obwohl der Reichspräsident den Botschafter ersuchte, seine Entscheidung bis heute zu vertagen. Neuerdings tritt wieder die Kandidatur Stresemanns sehr stark in den Vordergrund. Berlin, 8. Mai. (Wolff.) Den Blättern zufolge hat Botschafter Dr. Mayer gestern dem Reichspräsidenten mitgeteilt, daß er den Auftrag zur Bildung des neuen Reichskabinetts nicht übernehmen könne. Der Reichspräsident gab dem Wunsche Ausdruck, daß Dr. Mayer die endgültige Entscheidung aus Montag vertagen möchte. London, 7. Mai. (Reuter.) In einer in Maidstone gehaltenen Rede gab Lloyd George der Hoffnung Ausdruck, daß Deutschland den guten Ratschlägen folgen und die ihm auferlegten sehr mäßigen Bedingungen annehmen werde. Würde Deutschland gemäß dem Versailler Vertrag abrüsten, so wäre es berechtigt, von den Alliierten zu verlangen, auf Polen einzmvirken, damit dieses sich an die Friedensbedingungen halte. Die Horthy-Banditen wieder in Tätigkeit. Pogromexzeffe in Budapest. Die innere »Konsolidierung" Ungarns scheint eigentümliche Formen anzunehmen. Die ungarische Regierung versucht seit Wochen durch erlogene Nachrichten dem Ausland vorzutäuschen, daß eS Horthy gelungen ist, seinen Mörderanhang abzuschutteln und prompt kommt immer die Richtigstellung. Wir haben in unserem Sonntagsblatt ausführlich über neue Mordtaten der weißen Terroristen berichtet. Heute meldet die »Sonn- und MontagS- Zeitung*: Budapest, 8. Mai. (Privat.) Der Verein der Erwachenden Ungarn und mehrere andere christlich-nationale Organisationen , hatten für heute eine Volksversammlung einberusen, die gegen die Verstaatlichung der Arbeiterkrankenkassen Stellung nehmen sollte. Diese Versammlung wurde von der Polizei verboten. Trotzdem sammelten sich vor dem Petöfi-Denkmal große Menschenmengen an, die gegen die Polizei und den' Minister des Innern in Schmährufe ausbrachen. Die Menge zog sodann unter fortwährenden Pfuirufen zum Donaukorso. Dort holten die Demonstranten auS den vornehmen Hotels eine Anzahl von Personen heraus, die sie verprügelten., Auch viele Passanten wurden angehalten und mißhandelt. Nach längeren Bemühungen gelang t§ der Polizei, du demonstrierende Menge zu zerstreuen. Das amerikanische Bureau des Keren Hajeffod eröffnet. New-Forr, 4. Mat. (Jüd. Korr.-Bur.) Das provisorische Keren Hajessöd-Komitee für die Vereinigten Staaten hat soeben in der Union Square ein Bureau eröffnet. Es sind Schritts eingeleitet worden, um eine auS hundert gewählten Vertretern sämtlicher jüdische« Parteien Amerikas bestehende nationale Körperschaft zu bilden. AuS dieser Körperschaft wird ein Sögliedriges Exekutivkomitee gewählt werden. Es wird bereits als bestimmt' verkündet, büß Mr. Samuel U n t e r m a y e r, der bekannte amerilani.che Rechtsanwalt und Millionär, als Mitglied dem Betrat »«gehören wird. Ussischkin hatte eine Konferenz mit Mr.LewiS Ma r s h a l l. Zuverlässigen Informationen zufolge wird Marshall ebenfalls dem Beirat, nngehörsn. Mr. Louis Lipski (Mitglied dev Exekutive der amerikanischen Zionisten und Parteisekretär» einer der Unterzeichner Protests der Minorität), hat offiziell auf seinen Posten im Exekutivkomitee der Zionistischen Organisation verzichtet. Es wird angenommen, baß seinem Beispiel auch die anderen Exekutivmitglieder folgen werden, die die europäischen Führer unterstützen.Richter Mack veröffentlicht eine zweite Erklärung, in der er dir von der Verwaltung der Zionistischen Organisation Amerikas eingenommene Haltung rechtfertigt, indem er erklärt, daß jede Föderation das Recht hat, ihre eigene Methode zur Sammlung von Geldern anzk» nehmen, und daß das zionistische Aktionskomitee daher in die Autonomie dev Föderation diesbezüglich nicht eingreisen könne, sofern es Nicht die Zustimmung einer Zweidrittelmajorität besitze. Das palästinensisch« Ätkteidigungs« Korps. Jerusalemv. MM. (Jüd. Kott-Vur.) Zu der bereit» tzemeldelen bevorstehenden Rekrutierung eines jüdischen und arabischen Bataillon» für die Äufrechterhaltüng der inneren Ruhe in Palästtna erfahren wir noch folgende Detail»- Es wurden zwei Arien von Dienstzeit ringeführt, eine einjährige und eine zwei- und dreijährige stwsM. ße&atek Äe M ds ssMxiam LlerHsvt Lvrerier Morgerrzermrig schreiben, erhalten nebst Verpflegung und Bekleidung eine Löhnung von einem Pfund monatlich, während jene, die sich zur zweiten Kategorie melden, einen Sold von vier Pfund monatlich erhalten werden. ES stehe fest» datz dieser Beschluß unter dem Einfluß Mr. Churchills gefaßt wurde. Tagesbericht. Die österreichische Hilfsaktion für die ukrainisch-jüdischen Pogromopfer. Ueber Einladung des Kultuspräsidenten, Herrn Universitätsprosessor Dr. Alois Pick, fand am Montag den 2. d. M. im Sitzungssaals der Israelitischen Kultusgemeinde eine Sitzung der Vertreter der großen jüdischen Organisationen und der meisten auf dem heutigen Aufruf Unterzeichneten Damen und Herren statt. Das Mitglied des Zentralrates der jüdischen Welthilfskonferenz, Herr Dr. Markus Krämer, erstattete ein eingehendes Referat über System und Aufgaben des von der Welthilfskonferenz inaugurierten Hilfswerkes und berichtete über die Lage der ukrainischjüdischen Pogromflüchtlirige und Pogromwaisen. Er referierte auch über die bisher Erfolgten Borbereitungsarbeiten für die durch die österreichische Judenschaft einzuleilende Hilfsaktion und stellte entsprechende Anträge. Hierauf gaben die Vertreter der Organisationen und einzelne Versammlungsteilnehmer Erklärungen ab, wonach sie das Hilfswerk mit aläm Mitteln zu unterstützen bereit seien. Es wurde hierauf unter dem Präsidium des Nniversitätsprofessors Dr. Pick das „Hilfskomitee fürdie ukrainisch-jüdischen Po gram opfer" konstituiert und die Einsetzung von Spezialkommissionen vorgenommen. Die „Wiener Morgenzeitung" eröffnet eine Sammelstellc und wird die einlaufenden Spenden ausweisen. Legitimationen und Ga'Urarten. Die Nationalfondskommissäre und Vertrauensleute des Jüdischen Nationalfonds erhalten — insofern ste den fälligen Mitgliedsüeitrag von 10 Krone« für den Verein «Keren Kajemeth" eingezahlt haben — eine Legitimation, die den Inhaber berechtigt, an der Konferenz mit Sitz und beschließender Sttmme teilzunehmen. Wir ersuchen daher alle unsere Mitarbeiter nochmals, dieser ihrer Verpflichtung nachzukommen, um eventuelle Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Ferner werden zur Reichskvnftsrenz Ga ft karten ausgegeben. Da letztere infolge Platzmangels in beschränkter Anzahl ausgegeben werden müssen, bitten wir alle jene Gesinnungsgenossen» die ein Interesse daran haben, an der Reichskonferenz anwesend zu fein, sich rechtzeitig vormerken zu lassen. Vormerkungen werden entgegengenommen im Bureau de» Jüdischen Rattonalfond», 2. Bezirk, HirkuSgaffe 33. Dee Kampf um den tzaastorfchlüffel. Die Mietervereinigung Oesterreichs vetüristakttte gestern in der VolkShalle und auf dem Platze vor de« Rathaus eine große Kundgebung, welche der Schaffung eines neuen Mieterrechtsgesehes und der Stellungnahme zur Hausbesortzerordnung galt. Die Teilnehmer begaben sich aus den einzelnen Bezirken in geschlosseneii Zügen unter VoranttagUNg von Aüfschrifttafeln zur Versammlung, die von vielen Tausenden besucht war. Der Vorsitzende, Beamter Kolbe, erklärte, datz die Mieter stegen bescheidene und gerechtfertigte ZinSsteig-kUNü nichts emzuwenden haben, dagegen verlangen sie, daß die Wohnungen in einen menschlichen und bewohnbaren Zustand gebracht werden. Der Rechtsanwalt der Mietervereinigung, Felix Kößldr, nannte das Mieterschutzgesetz eine revolutionäre Tat, die sich mit der Abschaffung der Leibeigenschaft vergleichen lasse. Das Gesetz müsse ausgebaut und den heutigen Verhältnissen angepatzt werden. Dies sei nur durch eine straffe Organisation zu erreichen» Das in vielen Häusern bereits geschaffene System der Hausvertrauensmänner müsse im neuen Gesetze verankert werden. Buchdruckergehilfe Hosmayer, der über daß neue HauSbesorgrrgesch sprach, meinte, daß die Amvändt gegen den Haustorschlüssel aüß Sicherheitsgründen nicht stichhältig seien. Die maßgebende Instanz, die Polizeibehörde, habe dreimal ein Gutachten übgestaltet und konstatiert, daß die Sicherheit dadurch nicht gefährdet würde, wenn die HauStorschlüsiel auSgefolgt werden. Gemeinderat Bermann bezeichnete das gegenwärtige Mieterschutzgesetz als unzulänglich. GeiMndttat Sch leiser sagte, daß die hmttgtz Versammlung berufen seiden Kampf um die Mieterordnung einzülriten. Gemeinderat Müller erklärte, daß im Falle AM SteuerslretkS der Hauseigentümer die organisierten Meter den Zins einlässteren und die Stenern bezahlen wer-«» Nachdem noch Gemeinderat Dr. Grün gesprochen, wurde einstimmig eine Resolution beschlossen, in der dem Verlangen nach Aufhebung des Mietkrschutzgesetzes energisch entgegengetttten, die Schaffung eines modernen Mieterrechtsgesetzes und die obligatorische Einführung deß Hausiorfchlüfsels ohne Bezahlung verlangt wird. Die Versammlung weist die Drohung der Hau-« eiaentümer mit dem Steuerstreik entschiede« zurück und wird bei dessen Durchführung die Gemeinde weitgehend t müerüüüerr rwd den LMreik proklamier«. /g. «Etöi igzr; m m Auch auf dem Platze vor de« Rathause wurde« zu gleicher Zeit wie in der VolkShalle Reden gehalten. Nach Beendigung der Versammlung zogen deren Teilnehmer ohne Zwischenfall wieder in die Bezirke ab. Die MMonen-efrau-ation Sei der A. E. G. Dieser Tage ist der Haupttasfier der Allgemeinen Elektrizitäts-Gesellschaft Adolf Theodor Schuster nach Veruntreuung von 3,700.000 K. mit seiner Gatttn Auguste flüchtig geworden. Schuster hat, wie wir erfahren, diese Flucht im eigenen Auto durchgeführt, das fein Chauffeur Johann Stiepak lenkte. Die A. E. G. hatte erst vierundzwanzig Stunden nach Feststellung der Betrügereien des Schuster die Anzeige erstattet, worauf die Polizeidirektion alle großen Städte des In- und Auslandes und die Grenzbehörden auf die Flüchtigen aufmerksam machte. Nun ist der Chauffeur Sttepak am 7. d. M. mit dem Auto in die Garage in der Laxenbnrgerstraße zurückgckehrt. Durch seine Aussagen ist erwiesen, daß bei der Erstattung der Anzeige da- Ehepaar Schuster schon jenseits der Grenze war. Stiepak teilte nämlich mit, daß die Fahrt am Mittwoch den 4. d. M. bis nach St.Pölten ging, wo übernachtet wurde, von da gina es weiter über Lin-, Frei stad t «nd Sommerau über die tsche ch ische Gre n ze. Die Behörden der Tschecho-Slowakei find vo« der Flucht in Kenntnis gesetzt. DaS Auto wurde von der Polizeidirektion b schlagnahmt. Langenrssenz ««statt Wer«. Ein bekannter Wiener Spediteur ist vor kurz« Zeit unter mysteriösen Umständen gestorben. Nach seinem Tode tauchten allerlei Gerüchte auf» die davon wissen wollten, daß der Mann nicht ans natürliche Weise umgekommen sei. Die Polizei hat in der Angelegenheit Erhebungen gepflogen und festgestellt, daß dem Spediteur zu einer Mahlzeit irrtümlich anstatt Wein eine Flasche mit Laugenessenz serviert wurde, von der der Bedauernswerte trank. Der Tod trat bald nach dem Genuß der giftige« Flüssigkeit ein. ES hieß, daß eine Nächstverwandte des Verstorbenen unter dem Verdacht deS Mordes verhaftet worden sei. Wie vir nun erfahren, ist eine solche Verhaftung nicht, erfolgt. Die Behörden haben vielmehr bereitfestgestellt, daß ein Unglücksfall und kein Verbrechen vorliege. Die Erhebungen sind jedoch trotzdem noch nicht abgeschlossen. Ärgyptokogie v«d Christe«tum. Im Lagerhaus der Stabt Wien ist fvtt einigen Zeit ein Beamter tätig, der sich als Deuter demottfcher Hieroglyphen einen Namen in der wissenschaftlichen Weit gemacht hat. In Frieldeuszeiteu gestattete ihm fein keines Dewnögen eine solche Liebhaberei. Jetzt aber hat beides an Kaufkraft so ziemlich alles verlvrem fein Vermögen und die wissenschaftliche Arbeit. Daher sah sich der Manu genötigt, eine materiell einträglichere Beschäftigung zu suchen. Nach der Rassenlehre der Mtiftmiten hätte er als Jude nn« eigentlich Schieber werden müssen. Statt dessen dsmühte er sich aber um irgendeine ehrliche Arbeit, bewarb sich sogar ttm die Stell« eines StraßenbahnschaffmrS und landete schließlich» da er nebst Altägyptisch auch' vier moderne Sprachen beherrscht, als Beamter im Lagerhaus. Kenner der Verhältnisse wisse«, daß das beinv „parasitäre Existenz" ist. Ab^r gerade dadurch h»t«r sich den Unwillen der „Reichspost" zNg«zogen. WaS soll da» ^sittlich-religiöse" Blatt mit einem Judo« anfangs«, dar so wenig in dioSchadlvne des semitischen Materialismus paßt, daß er sich zuerst eine« finanziell so unergiebigen Beruf sucht, wie es der eines Aegyptolvge» ist, and de« schließlich, um nicht zu verhungern, eirM Posten annimmt, der einen Gelehrten von Ruf geistig kaum befriedigen und auch! materiell nur sehr bescheidene« Ansprüchen Genüge leiste« barm- Wäre der Mann verhungert, wie vor einige« Wochen der jüdische Zahnarzt, dessen tragisches End« auch ein so merkwürdiges Licht auf den „jüdischen Ausbeuter- und Wuchergeist" warf, mit dem die antisemitische Demagogie hausieren geht» dann hätte die „Reichs post" wenigstens dem Sozialismus eins versetzen können — durch den Hinweis auf das Elend der geisttM Arbeiter im „wt-eü" Wien. SV aber ist für sw aus dem Fall gar Win agitatorisches Kapital zu schlügen, womit der Mann in den Auge« der frommen Christen jede Existenzbevechtigung verwirkt hat, Sie werfen demagogisch die Frage aus, inwiefern Aegyptologie M Beschäftigung im Lagerhaus befähige. Als ob das durch die Gesetze geheiligte Junktim zwischen der Kenntnis lateinischer Vokabeln und der Tätigkeit des BriefmarbenabpempelnS mehr Sinn hätte! Und alö ob gerade für bw Chvisttichsozialien, dort, wo sic Ämter zu vergeben haben, jemals die Vorbildung der Bewerber für die Besetzung ausschlaggebend gewesen wäre für sie, die einen' Breisler zum Verwalter der wichtigste« Wohksahrtsanstalteu, einen Anstreicher zu« Oberturaivr dev Landeshhpothekenbank, einen immer besoffenen Mechaniker zum Stüdtvai uni» den, Besitzer eines Stundenhotels zum Landtagsabgevrdneten gemacht haben! Bon all diesen würdigen RSpräseNtanwn des christlich-germanischen Idealismus, in den öffentliche« Bertvstungskörpern des alten und neuen Oesterreich unterscheidet sich der Aegypöologe im, hAfe m f&£ fern, jrfTW*».. JPCL *fflLJE!EJ2Eaa