Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 813 (2.5.1921)
- Date
- 1921-05-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2979773-2979892--07461-2993513- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
«amr Wie«, Montag Wiener Morgenzeitung Die unerwünschte -rutsche Arbetterdelegation in London. DeMrr, 1. Mai. Das »Berliner Tageblatt" meldet aus dem Haag: »Central News" berichten aus Amsterdam: Diedeutsche Arbeiterabordnung, die sich Donnerstag nach London begab, hat ihre Reife in Amsterdam unterbrechen müssen, weil die englischen Arbeiterführer ihr Erscheinen in London nicht wünschten. Die Besprechungen über den Ausbau der verwüsteten Gebiete finden infolgedessen in Amsterdam statt, aber ohne die englischen Führer. Die Maifeier. Die Maifeiern der Arbeiterschaft wurden gestern in Men im. großen Stile abgehalten und am Nachmittag mit einem Massenzug der Arbeiter in den Prater beschlossen. Am Vormittag hielten die Sozialdemokrat« in mehr als dreißig Lokalen und auf freien Plätzen Versammlungen ab, die stark besucht waren. Die Kommunisten hielten ihre Maifeier auf dem Frecheilsplatz vor der Volivkirche ab. Nach der Versammlung zogen sie über den Ring. Bor den Ringstraßen- Hotels ergingen sich die Demonstranten in heftige Rufe gegen die . Schieber. Der Zug der Arbeiter in den Prater begann um 2 'Ahr und dauerte siebeu Viertelstunden lang. Die Straßenbahn, die am Vormittag nicht verkehrt hatte, nahm gegen 3 Uhr nachmittags den Betrieb mit geschmückten Wagen wieder auf. Die Maifeiern sind überall in Würde nnd Ruhe verlaufen. Demonstrationen vor der ungarischen Gesandtschaft. Eine Gruppe ungarischer Kommunisten kam in die Bankgasse und demonstrierte dort vor dem Gebäude der ungarischen Gesandtschaft gegen H o r th Y und seine Regierung. Die Demonstranten versuchten in das Palais einzudringen. Da sie alle Tore gesperrt fanden, begnügten sie sich damit, die Fenster einzuschlagen. Als die Polizei kam, war die Gasse wieder leer. Innsbruck, 3. Mai. Die Maifeier hat ihren programmäßigea Verlauf, genommen. Kampfe zwischen der Berliner Polizei und den Kommunisten. Berlin, 1. Mai. (Privat.) In Berlin verliefen die Maifeiern im allgemeinen ruhig. Der Verband der religiösen Sozialisten hielt eine religiöse Maifeier ab. In der MWergafse, wo die Kommunisten eine Versammlung abhielten, kam es zu einem blutigen Zwischenfall. Dort forderte die Polizei die Menge auf, den Platz zu raumen. Dieser Aufforderung wurde Widerstand entgegengesetzt undein Polizist durch einen Messerstich verwundet. Daraufhin feuerte ein anderer Polizist aus seinem Revolver einigeSchüsse ab. Ein Demonstrant wurde getroffen und schwerverletzt. * Paris, 1. Mar. (HavaS.) Der Bor- und Nachmittag des 1. Mai ist in vollkommener Rühe verlaufen. Die Führer der Kraftwagen und die Kutscher streikten. Auch die Bäckergesellen und die Arbeiter in den Lebens- Mittelbetrieben hatten den Streik erklärt, aber es gab' so viele Streikbrecher, daß da- Brot nirgends knapp war. Die Vorstellungen in den Theatern und VarietSs habe» nachmittags wie gewöhnlich stattgefunden. Auch die Nachrichten auder Provinz, den Hafenstädten Und Grubengegenden lassen erkennen, daß die Ruhe nirgends gestört wurde. Die Versammlungen und Umzüge verliefen ohne Zwischenfall. Der«, 2, Mai. (Schweizerische Depeschenagentur.) Der 1. Mai ist in allen Städten der Schweiz in Ruhe verlaufen. _ ChristlichsozialeObstruktiorrim Wiener Gemeinderat. In der gestrigen 'Nachtsitzung des Wiener Gemeinderates kam eS noch zu große« Skandal-- fzenen, worüber folgender Bericht vorliegt: Nach 2 Uhr früh gelangt Stadtrat Siegel zum Referat. Sein erster Antrag betrifft einen Zuschußkredit von 1,842.000 Kronen für den Bau des Kontumaz- Marktes und Seuchenhofes. Ferner beantragt er die Bewilligung der Kostm per 620.000 Kronen für die Verlegung der Lasikraftwagengarage XX., Traisengaffe, in den ehemaligen Fuhrhof am Johann Nepomuk Berger-Platz im XVH. Bezirk. Gemeinderat Doppler (christlichsozial) nimmt gegen diesen Antrag Stellung. Inzwischen ist es Uhr früh geworden und Doppler spricht noch immer weiter; es hat auch nicht den Anschein, als ob er seine Rede schließen würde. Da hört man dm Gemeinderat Ing. Seidel (Sozialdemokrat) einen Zwischenruf machen: Er hört nicht auf mit dem B l ö d s in n! Gemeinderat Doppler: Ob das ein Blödsinn ist oder nicht, das kümmert Sie einen Schmarrn, lieber Herr Gemeinderat Seidel. Wenn Sie sich hier als Bengel benehmen, dann stud Sie ein ungebildeter Bengel, Sie A f f e n g e f r i e ß, mich werden Sie nicht ^beleidig es! Diese mit erhobener Stimme gesprochenen Worte deS Gememderates. Doppler sind das Signal zu einem ungeheuren Sturm der Entrüstung bei den Mitgliedern der Majorität. Tosende Zurufe ertönen und zahlreiche Gemeinderäte der Majorität eilen zu den Bänken der Christlichsozialen. Einzelne derselben suchen sich einen Weg zu Gemeinderat Doppler zu bahnen, . um den sich im gleichen Moment seine Parteigenossen scharen. Es sieht einen Augenblick aus, als ob es zu einem Handgemenge komnken würde. In dem ungeheuren Lärm sind die-, vielfachen erregten Zwischenrufe nicht zu verstehen. Erst als Gemeindemt Doppler seinen Platz verläßt, löst sich langsam der Knäuel ia den Bänken der Minorität. Bürgermeister Reumann entzieht dem Gemeinderat Dopplerwegen seinerAeußeruna däs Wort. Die restliche.Tagesordnung mit Ausnahme der Hunderter-Stücke wird en bIc»L angenommen. Bürgermeister Reumann erklärt die Sitzung um V Uhr früh für geschlossen. » Unmittelbar nach Schluß der Sitzung suchten die Gemeinderäte Dr. Kienböck, Rummelhardt und. Doppler den Bürgermeister auf und teilten ihm Mit, daß sich. Gemei.nderatDopjplerentschuldige. Tatsächlich brachte Gemeinderat Doppler diese Entschuldigung vor und ersuchte, es möge auch eine Mitteilung an den Beleidigten erfolgen. ^Der Bürgermeister erwiderte, er nehme diese Entschuldigung zur Kenntnis, es sei aber selbstverständlich, daß, nachdem die Beleidigung im Gemeinderatssitzüngssäalr gefallen sei, sie auch im Sitzürigssaale zurückgezogen werden müßte. Die für Montag vormittags anberaumte Sitzung des Gememderates entfällt. Die Austeilung der ehemalige«. österreichisch-ungarischen Kriegsmarine. Wie die Korre'pondmz Herzog meldet, hat die mterallnertr Marinekommlifion iür die Aufteilung der ehemals feindlich« Kriegsschiffe im Sinne der Artikel 138, 138, 139 und 154 des Vertrages von St. Gerwain die ehemalige ssteneichisch-ungarifche Kriegsmarine folgendermaßen aufgeteilt: Der französischen Kriegsmarine worden der Schnellkreuzer »Novara* und 8 Torpedobootzerstörer 850 Tomiln, der italienischen Kriegsmarine die Schaellkreuzer »Helgoland", »Saida", »Admiral Spann" und das Bergungsschiff »Herkules*, der griechischen Kriegsmarine der^ Torpedobootzerstörer »Ulan* rmverleibt. Für Seepolizeizwecke wurden nach erivlgter Desarmirrung Griechenland 6, Rumänien 7 und Pormgal 6 Stück Hochleelorpedovoote zu 250 Tonnen überwiese». Zu gleichen Zwecken erhielt Jugoilawien 8 Torpedoboote zu 250 Tonnen und 10 z» 800 Tonnen. Zur Demolierung wurden Frankreich 1 Großkanwffchiff („Prinz Gagen"), 2 Schlachtschiffe der Erzherzog-Klasse; 2 alte Torpedobootzerstörer, 1 altes Torvrdofahrzeug, 4 alte Torpedoboote. & Unterseeboote und 1 Minenleger über wiese«. Italien erhielt 1 Großkampsschiff («Tegrtihoff"), 3 Schlachtschiffe, 8 Torpedobootzerstörer M 400 Tonne«, 9 alte Torpedofahrzrnge, 8 Küstentorpedoboote «nd 13 Unterseeboote. Großbritannien erhielt 1 Schlachtschiff der Erzherzog-Klasse, die 3 Schlachtschiffe der HabSburg-Klaffr, 9 Küsterwetteidiger, S große und 4 kleine Kreuzer, 13 Torpedoboote za 200 Tonne«. 26 alte KMentorpedoboote and S Minenleger. Die im Baa gewesenen Schiffe «nd Unterseeboote (18) wurden an Ort and Stell« zerstört. Bon der Donanffvtiille erhielten Rumänien 3, Jugoslawien 4 Montlore. 8 alte Monitore wurden süe Hafenzwecke der Internationalen Donaukommissto» zugewirsrn. Oesterreich erhalt bte Patrouillenboote Stör, „Barsch", .Compo" »nd »FegaS", Ungar» die Patronillenboote „Lachs", „Wels*, „Biza" »nd »Curla*. Die ehemalige österreichisch-ungarische Kriegsmarine zählte im Jahre 1914 4 Großlampfschiffe, 13 Schlachtschiffe, 'S Panzerkreuzer. 11 kleine Kreazer und 120 Torpedofahrzenge, Torpedo-' boote, Unterseeboote und HilsSichiffe, insgesamt 150 Schiffe mit rvnd 280.000 t. bei einem Friedensstand von 2000 Seeossizieren und Marinebeamten und 18.000 Mann und einem Kriegsstand von rund 80-000 Mann. Die zur Demolierung gelangende« Schiffe hatten einen Fncdcnswert von über 800 Millionen Goldkronen. Das auch «och heute für Friedenszwecke (Industrie) verwendbare Material — zahlreiche Dampfturbinen bis $» 26.000 Pferdekräste Einzellristuns, Elektromotoren bis zu 1000 Kilowatt Emzftlristung, Druckluitpumprv, Wafferrohrkcffel, Einrichtung-- gegenstände aller Art, Hunderte von Tonnen Knpfer und Messing üsw. — stellen einen Wert von wenigstens 300 Millionen Goldkronen oder 30 Milliarden Papierkronen dar, welche Summe den ehemals feindliche« Staaten zugute kommt. Die MoralitSt des christliche« Kurse«. Das Hauptorgan'des christlichen Kurses in Ungarn „Uj Nemzedek" jammert in einem zu Herzen gehenden - Artikel über den Verfall der Sitten in Budapest in den letzten zwei Jahren. Wenn M Nemzedek" sonst von moralischem Pfphl und dergleichen spricht, fo tut es dies gewöhnlich nur, um durch an den Haaren herbeigezerrte Beispiele die Bevölkerung glauben zu machen, baß die Erreger der sittlichen Verkommenheit von den so stark gehaßten Juden ausgehen. Aber kn dem zitierten ' Artikel ist nicht einmal andeutungsweise von Judjön di« Red«, denn es handelt sich um intime Familienangelegenheiten des Kreises, von dem „Uj Nemzebek" und die gleichgesinnten Organe seines Kurses jetzt leben. . DaL Blatt [m&x «adevewrr M(gnt au bei Kmwep- 2. Mai 1921 Nr. 813 ' abteilung eines Budapest Spitals tätiger Arzt über* mittelt uns Daten über die soziale Schichtung der in» seiner Behandlung stehenden weiblichen Kranken und diese Ziffern sind erschreckende Beweise dafür, baß d«i größte Teil der Kranken, den sogenannten besseren! Kreisen, dem Mittelstände angehört. Die Zahl dieser Kategorie von Kranken ist selbst im Verhältnisse zu früheren Jahren erschreckend groß geworden. In dem Spital stehen ungefähr hundert weibliche Kranke in; ständiger Behandlung, monatlich sind 25 bis 30 Neuanmeldungen zu verzeichnen und etwa 30 Prozent dieser gehören vornehmen Familien an. Ein Teil stammff aus dem Beamtenstande und ein beträchtlicher Teil zählt zu den privaten Haushaltungsmitgliedern. Aber nicht nur und auch nicht hauptsächlich diese irr offene^ Behandlung stehenden Kranken zeigen den Tiefstand der Sitten in Ungarn, sondern mehr noch die scheinungen in den Privatordinationen der Aerzle. Hiev schleichen tiefverschleiert durch geheime Eingänge diel Opfer des Leichtsinns; die Geheimhaltungspflicht des Arztes ist ihre einzige Hoffnung, ihr Leben weitets tragen zu können. Bei eintzrn Arzt erschien »ein jungest Mädchen, bas der besten Gesellschaft angehört, als guL erzogen und bedingungslos korrekt bekannt war, und! jammerte und flehte um Heilung und um Diskretion. Das! Blatt schreibt diesen Massensündenfall der übermäßige» Freiheit, den modernen Auffassungen und nicht zuletzt der? mehr als freien Mode der Bekleidung zu« Der christliche Kurs, der sich jetzt in Schule, Literatur und Gesellschüft di« 'Herrschaft gesichert Hai, muß demnach zugebe«, daß er zur Säuberung der Sitten nicht mm nicht-! heigetrageu hat, sondern im Gegenteil: die Fesseln, di« er der ungarischen Gesellschaft angelegt hat, haben auch auf dem Gebiet des »Familienlebens und gerade, wie aus diesem Artikel hervorgeht, in den nichtjüdischen Kreisen eiste Reaktion in entgegengesetzter Richtung ae- Zeitigt. _ Tagesbericht. Eiustei« vor de« New-Porker Journaliste«. Albert Einsteins Erscheinen in New-Dork war^ wie man den amerikanischen Blättern entnehmen kann, «ine der größten Sensationen, die das sensationslüsterne! New-Porker Publikum je gehabt hat., Sv viele irdische Berühmtheiten mau auch schon gesehen und begrüßtj habe, heißt es verschiedentlich, so habe doch New-DorL noch nie vorher das Glück genossen, eine „kosmische Berühmtheit" bei sich zu sehen. Einstein aber sei nach Sir Isaak Newton die erst« kosmische Berühmtheit der Weltgeschichte, «nb da es Newton aus. den verschiedensten triftigen Gründen versäumt hat, New-Pork zu besuchen, so sei das Erscheinen Einsteins eine noch nie dagewesene Denkwürdigkeit in der Geschichte der Stabt. Obwohl Einstein nicht, als Gelehrter stach' der neuen Welt kam, sondern um die zionistischen Bestrebungen zu unterstützen, ließ mau Natürlich nicht die Ge* legenheit vorübergehen, um möglichst Genaues von ihm Über seine Relativitätstheorie zu erfahren. Der Sturm der Zeitungsmänner setzte daher sogleich nach feinem Eintreffen mit einer unerhörten Stärke ein. Einstein wurde in seinem Hotel auf Schritt und Tritt von wißbegierigen Journalisten verfolgt, die ihm mit gezücktem Bleistift in den Weg traten, ihn ftt eine Ecke drängten und nicht lvsließeu. Da Einstein nicht Englisch' spricht, so mußten sich die Unterhaltungen mit Hilfe eines Dolmetschers vollziehen, was nicht gerade zur Klärung der Situation beitrug. Ms Proben seien einige der Fragen und Antworten in diesem heftige» Kreuzverhör zur allgemeinen Belustigung erzählt. Man drängte in ihn, seine Relativitätstheorie dem gespannt aufhorchenden Publikum in ganz wenigen, Mfachen Worten mitzuteilen, und Einstein sprach fttundlich: „Bis meine Theorie erschien, glaubte man, daß, wenn das! Universum vernichtet würde, Raum und Zeit bleiben würden. Aber meine Theorie beweist, daß, wenn das Universum vernichtet ist, Zeit und Raum mitvernichtet werden. Das ist Relativität." Noch niemals waren New-Vorler Journalisten so verdutzt wie nach dieser Rede. Aber da mau nun einmal noch' keine „kosmische Berühmtheit" interviewt hatte, so suchte man sich zu fassen und nach einiger Zeit brachte ein besonders unerschrockener Ausfrager das Folgende vor: „Wenn Zeit und Raum verschwinden, wohin gehen sie denn da eigentlich?" Auch auf diese indiskrete Frage erwiderte der Professor sogleich in liebenswürdigster Weise. Er sagte dem Dolmetscher etwas und dieser setzte mm den Journalisten auseinander, daß Professor Einstein 87 Minuten und die schwierigsten mathematisch-algebraischen Rechnungen brauche« würde, um diese Frage zu beantworten. Darauf herrschte wieder tiefes Stillschweigen,, die amerikanischen Zeitungsleute suchten mühsam nach Fassung. Dann sprach ein anderer: „Man sagt, daß nur zwölf Menschen in der Wett verstehen, was Professor Einstein meint." Das war als ein Kompliment gemeint und als ein Versuch, die Unterhaltung fort» zusetzen. Einstein nahm die Aeußerung aber durchaus nicht so auf. „Aber nein," sagte n entrüstet, „wenn ich meine Theorien in meinem Hörsaar auseinandersetze, dann verstehen alle meine Studenten, was ich! meine. Warum sollten sie auch nicht?" Darauf folgte wieder ei« längeres Stillschweigen. Den Reportern wurde unheimlich zumute und sie fürchtete«, daß dieser jfii «Hrmtlick dninßHmd« wem» jfc j»$ ÜUW