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Wiener Morgenzeitung · 1921-05-01 · Heft 812 (1.5.1921) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 812 (1.5.1921)
Date
1921-05-01
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Kr 812 Men, Sonntag_Wiener «torgenzeiumg l. Mai 1921 Heitd Tagesbericht. Theodor Herzl, dir r- Antisemit. Man hat Theodor Herzl von den verschiedensten Standpunkten aus gerecht zu werden gesucht, hat ihn als Feuilletonisten, als Vühnenschriftsteller und vor allein als jüdischnationalen .Politiker in Theorie und Praxis kritisiert. Nun hat ihn ein teutscher Mann von einer neuen Seite entdeckt und erweist ihm die unerwartete „Ehre", ihn unter seine Kronzeugen für Lie — antisemitische 'Heilslehre aufzünehmen. Dieser kühne Entdecker heißt OttokarStauf v. d. March'. Oder richtiger gesagt, ex heißt nicht so, er nennt sich bloß so, was peu unschätzbaren Vorteil für ihn hat, baß seinen Wel auch die Republik nicht abschasfen konnte, weil er von jeher nur in dem imaginären Reiche? der Träume vorhanden war, über welches der österreichischen Republik nach dem Wortlaute des Friedensvertrages von Saint-Germain Seiner'ci Ho Heilsr^'cht zusteht . . . Dagegen ist Ottokar Stauf v. d. March Herr und Gebieter in diesem Reich, denn er ist ein Dichter. Die breitere Oeffentlichkeit bekam seine Poesie allerdings nur dann zu Gesicht, wenn sich ein Käsehändler . des Papiers, das durch die Staussche Muse in Makulatur verwandelt worden mar, erbarmte und der darauf prangenden, Lyrik oder Epik durch Einwickeln seiner duftenden Ware, erst köstlichen Ge- . halt verlieh.. Fühlte sich der Käufer nach dem Genuß des Käses noch nicht ganz satt, so brauchte er nur die Stausschen Verse auf der Hülle zu lesen,' um den Appetit restlos auf einige Tage zu verlieren.. . Rur der Dichter selbst wurde von seinen Werken nicht satt und so . kam er auf die Idee, einmal.ein Büch vuf den Markt' zu werfen, von dem er sich einen größeren Erfolg versprechen durfte, als von seinen früheren, , weil es — utcljt von ihm war/. . . Es enthält nämlich nur „eine Sammlung jüdischer und nichtjüdischer Aussprüche", führt den 'Titel „Die Juden, im Urteil der Zeiten" und erschien im „Deutschen Volksverlag", München, 1921. Tex ideelle Zweck.dieser 'Zusammenstellung ist der, zu zeigen, daß Herr Ottokar Stauf v. ö. March mit Schopenhauer, Richard Wagner, Herder und anderen anerkannten Genies etwas Geistiges gemeinsam hat, nämlich — den Antisemitismus. Herr Ottokar Stauf v. d. March ist nämlich Rassenantisemit. Das hindert ihn aber nicht, in seinem Buche auch Juden bas Wort zu erteilen, wenn auch nur, um das Urteil, daß Herr Ottokar Stauf v. d. March über ihre Rasse schon gesollt hat, zu bestätigen. Und das tun erstaunlich viele, die sich's nie hätten träumen lassen, daß sie mit den Ausgeburten ihrer orientalischen Phantasie bsch:Buch-:-^j.nes//-r-ssenstolzeU-.• Teutonen füllen hätten dürfen, selbstverständlich, ohne-daß sie um Erlaubnis gefragt worden wären und für ihre Beiträge honoriert würden. Das Geld steckt der germaniiche Idealist selber ein. Denn ein Buch, das ihm nichts einträgt, hätte er ja allein verfassen können, dazu hätte'er es'nicht notwendig, gehabt, sich mit fremden, zum, Teil sogar' rassesremdeu Federn zu schmücken . . . Sv aberhat er die grüßten Geister „ohne Unterschied der Rasse und des Bekenntnisses", wie die Formel des „judenliberalen" Jargons lautet, zur unfreiwilligen Mitarbeit herangczogen, um seinem Werke Glanz und —. An- . ziehurlgskraft auf die Käufer zu verleihen. Diese materielle Ausbeutung jüdischer Denker ist aber ' noch lanlp: nicht das ärgste. Roch schlimmer ist ihre ideelle Vergewaltigung. Denn unter den ange- Jn dieses - letzte Jahrzehnt Mt eine' parallel gerichtete Tätigkeit in einem eigenartigen jüdischen Zentrum, in Wien. ^Jn diesem Kreuzungspunkt des jüdischen Ostens mit dem Westen ging gerade bei Juden, welche aus dem Westen stammten und irgendwie im jüdischen Drama und Theater einen Anknüpfungspunkt an die neue jüdische Entwicklung^ spürstn. der Anstoß zu jüdischem Theatex in spezifisch jüdischem Stil ans- Die ersten Versuche, dieser Art sind mit den Namen Hugo Zuckermann, Egon Brecher und einiger anderer junger Menschen mit Streben nach Erfassung jüdischen Wesens verbunden. Sie fanden kein Publikum in Wien. Denn in dieser Stadt der Kreuzungen und Uebergänge konnte ein auf eindeutige jüdische Form gerichtetes Streben nirgends Widerhall finden. Inzwischen brachte der Krieg eine wesentliche Acuderung der jüdischen ' Physiognomie Wiens. Sie wurde bestitnmter, -fündeutiger. Wien, bas unter, den Verhältnissen, wie sie sich für die Judenheit gebildet haben, bestimmt ist, ein Zentrum für daßneue Judentum zu werden, bekommt ein jüdisches Profil, das ihm bislang in der Sphäre einer' Zeit, da der jüdische soziale Uebergang alle Formen des jüdisch-geistigen Unterganges hervorgebmcht hatte, immer mehr geschwunden war. Und so konnte es kommen, daß in den letzten drei Jahren wieder Kräfte ans Werk gingen,, mm das jüdische Theater fvrtzuentwickeln. Es entstand die „Freie Jüdische V o l k s b ü h n e". Und ihr.gelang es vor einigen Monaten, ein, wenn auch sehr bescheidenes, jedoch eigenes Theater zu erhalten. In diesem Theater wird jüdische dramatische Literatur gespielt, und es vollzog sich etwas Eigenartiges: Was so lange gesucht wird, was überall fast aussichtslos schien, das entwickelte sich hier mit unglaublicher Raschheit: Ein nicht nur künstlerisch ernstes, sondern auch mit jüdischem Stil, wenigstens mit Ansätzen eines solchen, gespieltes jüdisches Theater er- Kanh. .Es. daß. LLrche M WM die MtMmrO- An unsere p. t. Leser und , Abonnenten! Infolge der neuerlich enorm gesteigerten Herstellungskosten der Blätter sehen sich die,.Wiener Tageszeitungen gezwungen, die Bezugspreise für Abonnement und Einzelverkauf zu erhöhen. Vereinigung der österreichischen Tageszeitungen. * ■ 1 * * Auch die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitung" sieht sich genötigt, die Bezugspreise entsprechend zu erhöhen. Die Erhöhung wurde nur in dem Ausmaße vorgenommen, als notwendig ist, um die gesteigerten Gestehungskosten decken zu können. Wir bitten unsere Freunde und Leser, dies als eine im Interesse der Erhaltung unseres Blattes notwendige Maßnahme zu werten und uns umso gewisser ihre Anhänglichkeit zu bewahren. i Abonnementpreise ab 1. Mai: Für Wien (zum Abholen in den Trafiken oder mit Postzusendung) Kr. 100.— monatlich. Mit Postsendung: D rutsch österreich monatlich ........ 100.— Tschecho-Slowakei monatlich . ..Kö. 17.— Polen monatlich ......... poltt. Mark 100.— Jugoslawien monatlich ........ Dinar 12.— Deutschland „ ....... Mark 12.— Rumänien „ ....... 1 . Lei 20.— Holland . it ......... holl. fl. 1.50 Schweiz ,» ......... Fres. 3.— England », .. sh 3 — Italien „ ... Lire 6.— Amerika * .. Dollar —.50 Frankreich, Belgien monatlich..... Fres. 6.— Einzelpreis in Wien an Wochentagen Kr. 3.50, an Sonntagen Kr. 4.— Die Verwaltung der „Wiener Morgenzeitmrtz". Zahlstellen: Oesterreichischrs Postsparkassenkonto (Wien) 150.093. Tschecho-slow. Postsparkassenkonto (Prag) 59.351. 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Der antisemitische Verehrer von Schopenhauer und Weininger gibt nun einen Beweis von Möglichkeit.für jüdisches Theater mit wirklich eigener Note besteht. Dieser Kreuzungspunkt, welcher dem jüdischen Wesen bisher so viel Unsegen gebracht hat, scheint die Möglichkeiten in sich zu bergen, den neugerichtetcn Kräften im Judentum zum Durchbruch zu verhelfen. Wer je Aufführungen der „Jüdischen Volksbühne" in Wien gesehen hat, die schon an Sorgfalt die der meisten Wiener Theater übertrefsen, muß fühlen, daß sich hier Kräfte regen, welche zu, neuen, nicht geahnten Möglichkeiten führen. Aber nicht nur für einen jüdischen Theaterstil sind in Wien Entfaltungsmöglichkeiten gegeben, sondern gerade hier besteht die Möglichkeit, dem jüdischenTheater ein Publikum zu schaffen, welches es braucht. Für dasalthergebrachte Theater hat der Jude nicht allzu viel Verständnis. Der Jude der starren Tradition kann es nicht haben. Wien ist aber jüdisch unbefangener, es ist heute Kreuzungspunkt der Juden, welche jüdisches LLesen in neuen Formen erfassen wollen, und derjenigen, welche die alten Forme» mit neuem Leben zu erfüllen, bestrebt sind. Daraus ergeben sich nicht nur die Grundlagen für neue Formen jüdischen Theaters, sondern' auch fstr ein neues jüdisches Publikum, das für eben diese neuen Formen empfänglich ist und mit dessen Hilfe sie weitergebildet werden können. Das jüdische Theater im allgemeinen braucht ein Publikum. Es hat es noch nicht. In Wien kann ein jüdisches. Theater, wenn es, wie die „Freie Jüdische Volksbühne", so ungeahnte neue Perspektiven der Entwicklung jüdischen Wesens bietet, sich ein Publikum schaffen. Ja, es ist Pflicht aller, die die Entwicklung neuen jüdischen Wesens wollen, für solches Theater Publikum zu sein. Denn sie finden darin Angelpunkte für das, wonach sie streben. Und ein wirklich interessiertes Publikum wird den neuen Stil des jüdischen Theaters, der hier so glücklich angebahnt wurde, tveiLerjühnn.zu neuen Möpferischen Möglichkeiten. deutsch-arischer Verecündia, indem er sogar den Mann,, den jeder national fühlende'-Jude nur mit höchster Ehrfurcht nennt, dessen Name ihm als das Symbol der neuerwachlen jüdischen Würde und Freiheit heilig ist, zu seinen Zwecken mißbraucht. Er erkühnt sich,. , auch Aussprüchö Theodor Herzls in den Dienst seiner antisemitischen Propaganda zu stellen! Diese, dem edlen March wa s serkop f entsprungene Idee' ist so skurril, daß sich die Empörung über eine solche ,Leichenschändung unwillkürlich in befreiende Heiterkeit auflöst. Der arme Tropf, der diesmal mit Schere und Kleister einem Erfolg nachjagt, der seiner Feder bisher versagt blieb, verdient gar nicht, ernstgenvmmen zu werden. Er bedroht das Judentum mit dem Schlachtrufe: „Die Waffen hoch!" Aber er stiehlt sich' die Waffen, da seine eigenen stumpf sind, zusammen, wo er sie findet. Und im Finden ist Hepr, Ottokar Stauf von der March — das muß man ihm lassen — wirklich genial. So fand er ein brauchbares Herzl-Wort in der „Jüdischen Zeitung" von 1890/ obwohl die „Jüdische Zeitung" erst im Jahre' 1906. gegründet wurde. Und das so „Gefundene" verwendet, er geschickt für seine Zwecke. Das ist allerdings nichts so schwer, wie es aussieht. Denn ein aus dem textlichen > Zusammenhang gerissenes Zitat kann man jeder beliebigen Deutung zuführen, auch' der, die der Weltanschauung seines Schöpfers und dem Sinne des ganzen' Werkes^ aus dem es stammt, polar entgegengesetzt ist. Wenn mau jemandem, der vvn Lessing nichts weiß,/ nur die Aussprüche des, Patriarchen von Jerusalem vorliest, wird er „Nathan den Weisen" für ein antisemitisches Tendenzdrama halten. Auf diese Weist kan«' man Bismarck als einen Deutschenhasser und Buddha als Gottesleugner hinstellcn — warum also nicht Theodor Herzl als Antisemiten? Dazu gehört keinerlei Talent, sondern nur ein Mangel an Verecündia, größer^ als ihn die die Schänder her Weimarer Fürstengrufi an den Tag legten. Denn diese haben um schnödem Mammons willen dst Särge Schillers und Goethes ihres Metallschmucks beraubt, aber den 'Geist der bestohlenen Toten ungeschoren gelassen. Ottokar Stauf von der March aber sündigt wid-er den Geist der von ihm Geplünderten und begeht damit - ein sonderbarer Vorkämpfer der christlich-germanischeü Weltanschauung! — die größte Sünde, die das Christen-, tum kennt, die einzige, dieses nicht vergibt. .Dururst sind die Weimarer 'Gruftschänder Ehrenmänner im VNgleich zu Ottokar Stauf von der March... '_; . W. H. Sp Die Wiener Antisemiten haben wieder einmal einest, erhebenden Sieg gestiert. Es ist ihnen im Oesterreich.- - scheu Touristenktub gelungen, die israelitischen Assi'nn-' lauten, die sich, allen Warnungen von jübischnatwnaler Seite zum Trotz, immer wieder in arische Gesellschaft drängen, hinauszuwerstn und ihnen so zu beweisen, wer sie wirklich' ins Ghetto zurückführen will: Wir. Zionisten, denen die jüdische Würde über alles geht, oder die edlen- Teutonen, die die-Juden nur so lange unter sich dulden, als materielle Schwierigkeiten zu überwinden sind, dann aber den Genuß der mit jüdi-' schem Gelde geschaffenen Institutionen brutal für sichalleiu in Anspruch Nehmen. Wie oft haben wir warnend unsere Stimme erhoben, aber die Antwort von der gewissen „mosaischen" Seite war nur ein Wutgeheul darüber, daß wir mutwilligerweise einen Keil zwischen Juden und Deutsche schieben wollen. Nun haben sie sich durch den Augenschein überzeugt, wer die eigentlichen „Keiltreiber" sind. Jetzt scheint allerdings.-den Juden im Touristenklub ein Licht aufzugehen unh stst versenden eine Aufforderung an die jüdischen Touristen, dem Klub den Rücken zu kehren. 'Wir sind neugierig, - wie lange dieses neuerwachle Gefühl-für jüdische Würde anhalten wird. Die jüdischen Touristen haben in der Ha ko ah ihre geeignetste Organisation. In diesem Punkte können wir den . antisemitischen Rednern vollständig be! pflichten. Was letztere sonst noch vorbrachten, sei nur für Feinschmecker unfreiwilligen Humors regi- Wien, UDorotheergasse 17 -Tel.9162,2916 GesanMriclitiiiig Schloss Klessheim Nachlass ERZHERZOG LUDWIG VIKTOR ' II. Teil: SPEZIAL-AUKTION Mobiliar, Bilder, Graphilca, Kunstgewerblich!) Arbeiten, laponika. VERSTEIGERUN6 von morgen, Montag den 2. bis Mittwoch den 4. Mal, Freitag den 6. und Samstag den 7. Mai ab 3 Uhr im Franz Josef-Saale. Ja

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