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Wiener Morgenzeitung · 1921-04-24 · Heft 805 (24.4.1921) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 805 (24.4.1921)
Date
1921-04-24
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 805 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 24. April 1921 Seite 11 v.v Die bucharischen Juden. Mit dem Namen bucharische Juden werden heute alle autochthonen Juden von Turkestan nach ihrem Zentrum im Emirat von Buchara benannt. Nach den Familiennamen zu schließen, stammen sie aus Persien. Ihre Tradition überliefert, daß ihre Vorfahren aus verschiedenen Teilen Persiens hieher eingewandert seien, und zwar unter dem.Eroberer Dschingis Khan und seinem Enkel Tamerlan. Nach der Zerstörung Samarkands im Jahre 1598 übersiedelten sie nach Buchara, wo sie bereits eine beträchtliche Judencmzahl antrafen. Infolge der ungeheuren.Drangsalierungen, denen sie früher ausgesetzt wären, geriet die Heilige Schrift bei den buchärischen Juden in Vergessenheit und eS blieb bloß die mündliche Ueberlieferung übrig. Gegen Ende des 18. Jahrhunderts hat ein gewisser Josef ben Moses Maimon eine Reife über Jerusalem und' Bagdad mach' Buchara unter» nommerr. , Er' führte einschneidende Reformen ein, regelte den Gottesdienst und ließ aus Europa hebräische Bücher kommen. Ihm zur Seite stand der jemenitische Jude Rabbi Zacharia ben Mazliach. - -Für alle Fälle standen sie kulturell höher als ihre Mrtstzolker und konnten' sich diesen keineswegs assimilieren. Im neunzehnten Jahrhundert betrieben sie bereits Talmudstudien und hatten in jeder Gemeinde Schulen. Bis zur Eroberung Turkestans durch die Rüsten -in den Sechziger- und Siebzigerjahren des vorigen Jahrhunderts mußten sich die Juden auch in der Tracht durch gewisse auszezwungene Merkmale von der mohammedanischen Bevölkerung unterscheiden. Es war ihnen verboten, andere als ganz dunkle Neider zu tragen; sie durften keine Grundstücke besitzen und mußten, so oft sie vor einer Moschee vorbeigingen, ihre (Sandalen ausziehen und sich tief verneigen. Sie durf» len.kein Pferd reiten, sondern nur einen Esel, sie durften keilten Gürtel ,tragen, sondern nur einen Strick, der den losen Mantel zusammenhielt. Ging ein Muselmann vorbei, so mußte der Jude dom Esel aLsteigen und ihm Reverenz machen. Und merkwürdig genug, das finstere Rußland mit fernen bekannten Judengesetzen gewährte nach der Eroberung Türkestcms der gesamten autochthonen- Bevölkerung ohne Unterschied der Konfession und Nation alle Rechte. Alle Ausnahmsgesetze gegen die Juden wurden aufgehoben. Die Regierung hatte dabei ihr eigenes Ziel im Auge, denn sie sah in den Juden ein sicheres Element zur Befestigung threr Herrschaft. \ Unter dem Zepter der Romanows gelangten die hucharischen Juden zu großen. Reichtiimern.' Fast der ganze Handel konzentrierte sich in ihren Händen/ Die größten Baumwollfabriken und die weitausgedehnten Baumwollplcmiagen haken Juden zu ihren Besitzern. In religiöser Beziehung waren sie ganz autonom. Es ging sogar so weit, daß viele Marannen, deren Ahnen zur Zeit der Verfolgung zum Islam übergetreten wären, sich wieder zum Judentum bekehrten. Heute gibt es in mehreren Städten zahlreiche Maromnenfamilieu. In Meschhet, einer Grenzstadt in Persien, sollen ungefähr 2000 Dadidin, wie diese Marannen genannt' werden, wohnen. Sie wurden von den'Rüssen gut behandelt, Witzwohl'sie ihre jüdischen Gebrauche im geheimen befolgten. Interessant ist ein Spaziergang im Judenviertel von Samarkand. Die Stadt selbst zerfällt in zwei Teile: die Neu» und Altstadt. Die erstere ist kaum vierzig Jahre alt und zeigt ein ganz modernes Gepräge. Trotzdem verweilt der Fremde nicht gern in der Neustadt, vielmehr zieht ihn der Zauber der Altstadt an. Schon von ferne begrüßen uns die gewaltigen Türme und Minaretts, die großen KonigSschlöster und die prachtvollen Moscheen. Die Stadt ist jetzt Wegen der hier herrschenden typhösen Malaria stark entvölkert, die Einwohnerzahl von 300.000 auf 93.000 gesunken. Von-der Neustadt gelangen wir längs einer alten Zitadelle in die Altstadt. Kleine, enganeinandepgereihte, niedrige Lehmhäuschen mit flachen Dächern, schmale, schmutzige Straßen, die von kaum zwei Meter breiten Gqssen. durch» quert werden. Im Sommer dagegen wird, in einem ,>KioSk" Tee getrunken. Hier spielt sich auch das ganze öffentliche Leben ab, hier werden die meisten Geschäfte abgeschlossen. ES ist die europäische Börse. Vorn Registan, der alten KönigSburg TamerlcnrS, führt eine schmale Gaste ins Judenviertel. Dieses ist von zahlreichen Längs- und Quergassen durchzogen und« von einer Lehmrnauer umgeben. Dabei darf man nicht an dar mittelalterliche Ghetto denken. Die Juden wohnen hier freiwillig abgesondert von den mohammedanischen Sarten. Längs der Straße fallen _bic großen Wasserreservoirs auf. Knaben und Mädchen tragen in abgezogenen Widderfellen oder in großen Karaffen Wasser, in ihre Wohnungen. Da kommt cittc Karawane gezogen, hier ein schwer beladener Esel mit seinem. Treiber, dort sprengen Reiter in vollem-Galopp heran? In dieses Gewirr mischt sich das Knarren der riesigen -zwejrädrigen Lastwagen. Hier.^ wird Baumwolle .der»? laden, dort werden Südfrüchte in den Hof getragen — ein Einfahrtstor besitzen die Häuschen der bucharischen Juden viK, tritt m tmA sm ftäßfi, Pforte auf die Straße, bald kündet uns der monotone Gesang der Treiber die Ankunft einer Maultierkarawane. Die großen Geschäfte befinden sich außerhalb des Judenviertels, ebenso die Bankinstitute, welche auch mit Nichtjuden in geschäftlicher Verbindung stehen und es daher vorziehen, am grüßen Basar sich niederzulassen. Das HauS der bucharischen Juden ist — wie überhaupt bei den meisten Orientalen — von der Straße durch eine hohe Lehmwand abgeschlossen. Durch ein kleines, niedriges Pförtchen gelangt man in den Hofraum. Zur Diräße hat das Haus - gar keine Fenster. Auffallend ist das - Fehler: jeglicher Möbel. Der ganze Fußboden ist mit feinen Tektinen» und Perserteppichen belegt. In ßer Mitte befindet sich ein rundes, kaum 30 Zentimeter hohes Tischchen, das über einem ebenso großen runden Loch im Fußboden steht. In den - Wintermonaten wird in diese Vertiefung Kohlehwem« geschüttet und auf diese Weise das ganze Zimmer beheizt. Diese Heizvorrichtung hat noch'«ine andere sehr wichtige Bedeutung. Da man am Sabbat nicht kochen darf, so werden in diesen Ofen schon Freitag die Speisen hineingctan, damit sie für den Sabbat warm seien. Die Mahlzeiten bestehen größtenteils aus orientalischen Gerichten. Palau — eine auf Hammelfett gedünstete und mit Fleisch vermengte Reis» speise — ist eines der beliebtesten Nahrungsmittel. Daneben wird auch Schaslick — auf einem Spieß gebratenes Hammelfleisch — -von alt und jung mit Vorliebe gegessen. ' Fische, eingemachte Früchte und Wein fehlen selten bei einer Mahlzeit. Unser Brot kennen sie nicht. Sie backen Kuchen und LebjoschkaS, eine Art dicker Mazzoth. Die Frauen speisen abgesondert von den Männern. Kommt ein Gast, so werden ihm diese vorgestellt. Das Schlafzimmer unterscheidet sich nur wenig vom Speisezimmer. Wieder verblüffend schöne Teppiche, nur daß in einer Ecke des Zimmers eine größere Anzahl von Stepp- und Wolldecken aufgestapelt ist. Das Gotteshaus sieht äußerlich einer kleinen Moschee ähnlich. Im Innern fällt uns sofort das Fehlen von Leuchtern auf. Ringsum an den Wänden sind kaum 30 Zentimeter hohe Banke angebracht. In der Mitte befandet sich der DImemor. Die Lade mit der Thora ist an der Westwand angebracht. Die Ostwarid des Btthaüses fehlt gewöhnlich. Dies bedingt das heiße Klima, das in einem geschlossenen Raume das Zusammensein einer größeren Volksmenge unmöglich macht. Man betet mit dem Gesicht nach Westen gewandt, weil Jerusalem im Westen von Turkestan '»egt. Ein kleines, finsteres Kämmerchen schließt sich an den Betsaal an, wo die Frauen an den hohen Festtagen beten. Leim Betreten des Gotteshauses werden die Sandalen, die man ipte Galoschen anzieht, abgelegt. Diese Sitte ist von den Muselmanen entlehnt, bei denen es verpönt ist,' Staub mS Haus, respektive Gotteshaus zu tragen. Die Gebetbücher entbehren aller jener Kapitel, die sich auf die Leiden der Juden in Europa beziehen. In den religiösen Dogmen weichen die Bucharen nur wenig von den europäischen Juden ab, nur daß sie am Nüsttag zum Opferfest ein Lamm schlachten. Der Arme sucht sich einen Gesellschafter aus und schlachtet zü zweit, zuweilen auch zu dritt, das Opfer. Die besten Stücke bekommt der Chacham. Das Edikt des Rabbenu Gerson anerkennen sie nicht und dürfen die Polygamie betreiben. Das Weib wird noch zuweilen gekauft. Die bucharischen Juden führen rin patriarchalisches Leben. Da der Kindersegen sehr groß ist. sv finden wir Familien vor, deren Zahl an die 23 bis 30 Personen heranreicht. Das Oberhaupt ist stets der greise Pater FamiliaS. Ihr geistiges Oberhaupt ist der Chacham, der g'wohnlich seine Studien in Jerusalem absolviert. Ebenso wird der sschochet in der Heiligen Stadt ausgebildet und ist.schon mit vierzehn Jahren berechtigt, den Beruf auSzuüben. Für gewöhnlich kommt ihm auch die Funktion des Lehrers zu. Die - bucharischen Juden repräsentieren den reinen semitischen Typus. Sie sind von hohem Wuchs und kräftigem Körperbau. Sie hoben große, schwarz«, lebhafte Augen, schtvarz-es Haar, dunkle Gesichtsfarbe und eine typisch semitische Nase. Die reine jüdische Rasse scheint sich hier unter den günstigen klimatischen Verhältnissen am, besten erhalten zu haben. Der bucharische Jude ist ein Städtehewohner und steht kulturell höher als der kaukasische Bergjude, der Ackerbau und Viehzucht betreibt. Von außerordentlicher Schönheit-sind die bucharischen Jüdinnen. Sie sind schlünk. gewachsen, . schwächlich gebaut, haben schön .ausgeprägte Formen, schwarzes, langes Haar, in zahlreiche dünne Zöpfchcn geflochten, ein kohlschwarzes, großes, helleuchtendes' Auge urch einen feinen, rosig angehauchten Teint. Die Mädchen Werden früh reif und heiraten schon im vierzehnten Lebensjahres Die Sprache der bucharischen Intelligenz ist im Hause und int Geschäftsleben nur Hebräisch, ebenso die des Mittelstandes. Die ärmeren Volksschichten sprechen den jo, genannten pharsischen Jargon, ein Gemisch von pharsischen. armenischen und türkischen Idiomen. Bis heute haben wir noch keine genaue (Statistik über die bucharischen Juden, .deren Zahl man auf 16.000 bis 20.000 Familien schätzt, ebensowenig über die persischen, afghanischen, kaukasischen und l iMdchtze« guten. Lchttt» küe» itffc noä m ctem wilde» Zustand und führen eine den Kurden ähnliche Lebensweise. Durch die hebräische Sprache kann man sich mit all drefen Juden sehr gut verständigen. In Turkestan geben die bucharischen Juden eine Zeitung in hebräischer und kleine Flugschriften in pharsischer Sprache heraus. Im übrigen abonnieren sie alle großen hebräischen Zeitungen. In Teheran erscheint die hebräische Zeitung „Schalom", welche von der Aliance Jsraelite Universelle subventioniert wird, Auch besitzen sie einige Schulen vom bekannten Alliancesystem. Die große jüdischnationale Bewegung ist auch an den bucharischen Juden nicht spurlos vorübergegangen. Die jüdische Moderne riß auch sie mit. Der zionistische Geüaule ist ihnen heute nicht mehr fremd. Viele Lucharische Judenkinder werden sogar ins Jaffoer und Jerusalemer hebräische Gymnasium geschickt. In Palästina haben sie ihre eigene Kolonie. In der Stadt Buchara haben sie in ihrem Stadtviertel die Gassen nach den Namen der bedeutendsten Kolonien benannt. Do gibt es eine Rechoboth-, Nischon-l.--Zion-, eine Sichron-Jakob-Gasse. Die Lucharischen Juden bilden einen gesunden Meris Anschlag, der für die Palästina-Arbeit geradezu prädestirnert erscheint. , ' Leider wurden sie von der Bolschewikenherrschast hart mitgenommen. Schon im Jahre 1918 wurde die Stadt Buchara von den aus Persien heimkehrenden Kosaken in einen Trümmerhaufen verwandelt. In der Stadt Kotzand überfielen die Sarten das jüdische Viertel, verbrämsten die Häuser und raubten die gesamte Bevölkerung aus.' Alle ihre Besitzungen wurden konfisziert. Einen Teil ihres . Barverniögens retteten sie über Afghanistan und haken t* in Indien deponiert. Heute befindet sich nur die ärmere Bevölkerungsschichte noch in Turkestan. Die Wohlhabenden wanderten teils nach Indien, teils nach China aus. Jedenfalls aber warten alle bucharischen Juden auf die Stunde der Erlösung/ auf die Rückkehr nach Erez Israel. - Dr. M. R c t j er. Aus dem. Bekenntnisbuch „H e i d : i - tum, Christentum, Judentu nt", 2 Bände, das demnächst im Verlag Kurt Wolfs erscheint. — Die Hauptthese, auf der Max Brod sein Werk aufbaut, ist die ■ Unterscheidung von edlem, das heißt unbe- - hebbarem, metaphysischem Leid der Menschheit und ihren Politisch behebbaren Schmerzen. An diesem Punkt scheiden sich die Geister. Ist alles Unglück edel? Oder ist alles unedel? Oder gibt cs sowohl ' edles als unedles Unglück? Erstaunlich selten (um nicht zu sagen: nie) findet man in der gesamten Weltliteratur die richtige Antwort. Denker und Dichter sind entweder demütig, dann aber auch am unrechten Ort demütig, nämlich auch im Gebiete des abwenh- . baren Unglücks (christlicher Typ) — oder sie stellen sich aus die eigene Kraft, auf Menschlichkeit, Fortschritt, dann aber; gehen sie auch am Unrechten Ort wacker drauf los, machen vor dem unabwendbaren Unglück nicht Halt. Und das sind noch die guten Autoren! Es gibt nämlich auch solche, die nur am Unrechten Ort demütig und nur am Unrechten selbstvertrauerisch sind (Quietisten, entartete Mystiker). Man wird meist finden: Hat ein Autor die richtige Einstellung gegen das edle Unglück, so nreist (als müßte das so sein) di«, unrichtige gegen das unedle Unglück. Und umgekehrt. Wenn also Gorki („Der Kleinbürger und die Revolution") gegen Dostojewskis „Dulde" und Tolstois „Der Gewalt nicht widerstehen", soweit diese Maximen das poli» tische, soziale Gebiet betreffen, mit großem Rechpolemisiert, so ist es beinahe selbstverständlich, daß er tut' ebenso großem und beschämendem Unrecht die tiefer* religiöse und Neinheits- Sehnsucht der Auti- Westler verhöhnt. Er versteht ebensöwenig abzugrenzen, die beiden Gebiete zu scheiden und für jedes von ihnen mm andere Verhaltungsweise zu fordern, die tätige für da? soziale Elend, die demütige für die Angelegenhciten de? Herzens und des Himmels, wie irgendein anderer enropäii - scher Autor. : Ganz verlassen müßte ich mich fühlen, als eine Knriofttat, in monströsem Irrtum befangen, (denn es ist möglich > daß alle dies nicht sehen — und nur ich sehe es?) — last : ich nicht immer wieder ein« ganz klare, ganz übereinstimmend mit mir sondernde Talmudstelle, zum Beispiel im Traktat Kidduschin (zit. nach Wünsche): „R. Jdi hat mir erklärt: ) Es heißt Jesaja 3, 10: Saget dem Gerechten, daß. er.püij ist, denn die Früchte seiner Taten wird er genießen. Gib es denn einen Gerechten, der gut, und einen Gerechten, der nicht, gut ist? Allerdings! Wer gut gegen den Himmel uni gegen ^e,,Mitgeschöpfe ist, der ist ein „Zcrdik tow", ein gutci Gerechter. Wer aber nur gut gegen den Himmel und bös« ' 04K8 & MilaeMtM d« Ä M »nicht aut« Gerechter'

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