Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 805 (24.4.1921)
- Date
- 1921-04-24
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 8 Wien, Sonntag Wiener AtorgenzsrLung 24. April 1ö2l Sfr.- 805 MmiiMM Kautschufc-Schuhabsatz Tiansit Strümpfe alle Fnjjboa. billigst bei 4532 «SS: dL?« 5&&s*-«slBSc32ora Wen, II., Obere Donaastras&e 67—60 Te’eyhon 45.44:! (am 8. Mai) besinnen l Der VorbereitllnMurs zur AufflJlllfTiKnrst IhlflfT Er alle Wiener Mittel* ndflllfcpriiiiJlIg schulen (auch für das Jüdische Realgymnasium) n. w« Hüfsunterrichtskurse c) Mittelschüler in allen Untemchtsgegenstnnäen III* DisPrütongsvorbereitungenfür alle Klassen der Mittelschulen bis zur Matura IT. Stenographie- (für Anfänger und t. Sprachen- | Fort«eschrittene (Englisch, Deutsch, Französisch. Rassisch, Hebräisch) Auskünfte, Anmeldungen und Einschreibungen vom 25*bi» 28. Aoril, täglich von 3 bis .6 Uhr, I.« Fieisciimarkt 15, II. Stiege, Mezzanin Vereinigte Wiener Unterrichtskurse Die Direktion: Dr. Ph. Goldberger 4713 I.WIPPUN6ERSTR. 2Q.. 1X.UNIVERSITÄTSSTR. 12. ♦ RICHTIGE AUGENGLÄSER- BESTE FASSUNGEN BILLIGSTE PREISE REPARATUREN SOFORT IN €!GcNSN -WERKSTATTETsfc NACH AUSWÄRTS POSTWENDEND. HEinsc-mx. ROMAN VON JAKOB . FINGERMANN PREIS 12 MARK / ZU BEZIEHEN DURCH ALLE BUCHHANDLUNGEN UND R. LOEWIT VERLAG, WIEN, FLEISCHMARKT 1 Das Glück. LnS Ke« Hebräi-cbe» des H. D. St»r»-erH. In grenzenlosen Fernen, in unendlichen Weiten fliegt der Engel. - . - Ueber die Maßen viele Tage schon zieht er so dahin ohne Unterlaß, ohne Rast. Bei jeder Sonne, an der er vorüderkommL lei jedem Stern, den er trifft, bei jedem Lurch das Äeltall irrenden Kometen, dem er begegnet, Haft er an:' „Saget mir doch, ich bitte euch, kennt ihr nicht.die Eure? Habt ihr sie nicht gesehen?" Sobald er ein ,,9frirt";. vernimmt, breitet er seine Mügel aus und fliegt unverzüglich weiter. Schade mn jede Sekunde, um jeden Augenblick,, der dahin geht, ohne ihn 'feinem Ziele näherzubringen. — Vor langer, langer Zeit hörte her Engel im Himmel von der Mühfäk und dem Kummer der geplagten Menschenkinder, die auf' Erden sind, von ihrem schmerzensreichen, sorgenschweren Leben, von ihren Seufzern und Tränen. Da entbrannte sein Herz in lieitzem Mitleid. Laut weinend sank er vor dem Throne Gottes nieder und bat flehentlich, Gott möge ihm däß Glück iu die Hand legen, auf daß er eS den ungMliZen Menschenkindern aut Erden bringen kchme« Gott hörte auf die Stimme.des mitleidigen Engels, legte ihm das Glück im die Hand und sprach: „Geh' hin und bringe den Menschenkinder^ das Glück/' . .- Noch an' demselben Tage' verließ der Engel den siebenten Himmel.- Seitdem flog erdahin zwischen der - Sanne, den Sternen und. den Kometen und forschte und suchte nach der Erde, doch bis jetzt ganz vergeblich.-'Tausende von Jahren schwanden dahin, an Zehntausetzden von Gestirnen kam er vorüber. - aber keines kennt die Prde, keines wußte etwas von - ihr und ihren unglücklichen Bewohnern. Manche Träne rollte ans. den Augen des Engels- Ach. wer weiß, öb seine raschen Flügel ihn nicht noch mehr von der Erde entfernten? Doch nicht ob seiner unsäglichen Anstrengung, picht ob seiner unaufhörlichen Unrast, nicht, deswegen, weil er nicht wußte, ob er sich seinem Zielenähere, weinte er, sondern einzig und allein aus Angst und Sorge um .die unglücklichen Menschenkinder, die nach dem ^Glücke schmachteten und dürsteten, das. er, der Engel, in seiner Rechten, trug. „Sagt mir doch, ich bitte euch: Kennt ihr nicht die Erde? Habt ihr sie. nicht gesehen? Wißt ihr nichts von den unglücklichen Menschen auf ihr?" „Nein", lautete immer und überall die Antwort. Und so breitete -er 'wieder die Flügel aus, Seine hehre, erhabene Botschaft verlieh ihm dazu immer auss neue Mut und Kraft. ' Indessen er dahinflog, wurde die Erde alt und gewann dannwieder neue^ Engend. Ueber sie gingen dahin' die Menschchr,? Geschlechter^ die Zeiten --- unaufhörlich, endlos)-'in.stetem Wechsel und Wandel. Nur gleich blieb sich die Klage der Erdenkinder: : ' „O, daß uns doch einer das Glück brächte!" In brestt Zeit war e^. da spaM ein Stern seher eifrig nach dem Himmel und kundschaftete -den! Weg eines dahinirrWden Kometen aus. Viele Tage \ nahm er sein Auge nicht, von' dem.Fernglas fort, daS! er unermüdlich auf Hie Richtung einstellte, wohin der Kämet so eilig zog. Selbst beim Esten und Trinken, ja sogar beim Schläfen vergaß er des. Kometen nicht. Dann stellte er seinen jungen Sohn an seine Stelle, um nach dem Himmel zu blicken.' Und femrit hatte et zu Ende gegessen odergetrunken, so kehrte er wieder auf'seinen sSeobächLungsposten zurück. DaS-ärgerte den Kometen fürchterlich: „WaS will denn der alte Zauberer dort?" klagte er. „Bin jch denn ein Dieb oder Räuber, daß er fern Auge nicht von mir wendet?" Allem der hochbetagte Sternseher hörte in seinem Tun nicht, auf.' Der Komet ärgerte sich, immer mehr und mehr — vor lauter Grimm und Wut platzte er entzwei. - In diesem Augenblick näherte sich ihm der Engel und fragte ihn mit -feiner hatten Stimme voll Erbarmen, und Flehen: , - --- „Sage mir doch,--lieber'Komet kennst du nicht die Erde? Hast du sie nicht gesehen? Weißt du nichts von ihren unglücklichen Menschen'.?"' „Menschen suchst du auf der Erde?" entgegnete der zornmütige Körnet. „Dort findest du nichts a[2 falte Zauberer und junge Mörder." „Webe! Die unglücklichen Menschenkinder!" klagte der Engel. „Nur infolge - des -dielen Unglücks und Kummers herrscht unter, ihnen die Sünde. Nicht doch, lieber Konret. Man darf nichtgrollen und zürnen. Der Haß ist eine große- Sünde . . Und wie er redete, leuchtete rmd strahlte das Glück in seiner Rechten, so daß selbst das Herz des Kometen sich mit Erbarmen füllte-Mtz lerne vertrocknete, haßerfüllte Seele sich erweichtes fM zu^ einer lebenswarmen, gütigen wurde. . . „Wo ist die Erde?" - Der Komet streckt ein langes, dickes Feuerzepter aus und zeigte auf die Stelle. - /; „Ach. wie weit hat sich die Erde vom Himmel v^- r'rrtN seufzte leise der'Engel — ob des großen Leides, des-Kummers und des Unglücks. . . Und er flog weiter seines Weges.» - . ... :. ' -; Indessen ereignete sich auf der Erdoberfläche etwas. Neues. Wie der Stenstebex den Kometen beobachbrte.!da gewahrte er neben ihr« den Engel und sah. daß da etwas, anderes glitzerte , und funkelte. Dar langen- Zeiten hätte ein BropM auf.. Erden selversfagt, ein Engel aus den -Himmelshöhen werde der Erde sich nahen und den Menschenkindern das Glück bringen. Daran - denkend, erkannte der Sternseher, daß das,!was er ffah. eben der verheißene Engel mitsamt-dem >, Glnckk sei. Näsch'eilte die Kunde hin über die Erde''. : „Ein Engel kommt! Schön naht sich der Engel und 'bringt uns das GlückY\! . Müberall, wo Menschen sich fanden, erscholl die! Botschaft der Freude. ' Man forschte, prüfteberechnete und fand, - baße an einem bestimmten Tag«,, zu einer Minute, in der und der geographischen Höhe und Breite der Engel mit dem-.Glück aus -er -Erde anlangen werde. Als der bestimmte Tag' anbrach, strömten die Menschen von allen vier Enden der Erde, von allen Böllern und Zungen herbei, hin an den bezeichnen Ort. Sofart begannen sic, einander zu drängen und zir stützen, in die Seite,, an die Schulter, denn jeder wollt« zuerst an dem rechten Platz sein, um dem Engel 1 alls^leich daß Glück aus der Hand reißen fii können, s Verirr Drängen sKmtzften sie avjeinander Dch ßesA Schimpfen fingen sie an, einander mit den Fausten zu bearbeiten und schließlich mit Messern aufeinander loszuziehen. Es entstand ein fürchterliches Gewirr und Getöse. Das Blut floßwie Wasser. Viele sanken ' erschlagen oder verwundet zu Boden. Andere, die stärker Ivaren, zertraten die Liegenden mit ihren Füßen. DaS' Stöhnen der Niedergeschlagenen nnd Sterbenden stieg zum Himmel empor. Als der Engel von ferne sah. was sich da an, bahnte, wie sich die Menschenkinder stießen und drängten, rief er unter Aufbietung aller seiner Kräfte mit lauter Stimme: „Haltet ein, haltet ein! Mein Glück reicht für euch alle, 0 Menschen!" Keiner jedoch achtete darauf. k Ganz nahe an die Erde herangekommen, sah nun der Engel die Sterbenden, die sich..in ihrem Blute wälzten, vernahm er ihr Seufzen und Stöhnen, da ihre Seele'von ihnen wich. Da rannihm - eine Träne aus den Augen und fiel auf das Glück, in seiner Hanb. Seit diesem Tage hastet ein' Mecken auf dem glanzenden und glitzernden Glück. Er rührt von der Träne des Engels her, die darauf gefallen ist. Stets ist' nun ein Tropfen Kummer Dr immn beigemischt jeder Freude und Lust._ Der erste Sozialist in der hehrRschen Literatur?) j Bon Dr. Sk. rn Dxlber. . AnfabgS Februar 1878 beschäftigte die Wcncr Polizei eine senfaüouelle politische Affäre. Am 17. Februar logierte im Hotel du/ Nord (2. Bezirk) ein russischer Jngenittwnmmens And r e j K! i m 0 w i c z, der dann "am 13. vori-Ärcu nach Krakau mit'drei:.-gvotz«N:-schwqr«n-Koffer« -abreiste. Zm Hotel - ließ er iwch^ drei Säcke mit Büchern zurückin denen: sich eine Menge ropolutjorrar-sozialistischer Mug-schriftcN-und,. Literatur in dc^r sogenaMien ÄeinruMchen sutraiuischeN) Sprache befand. Diese Säcke wollte nun ein Jude abholcn, der bei der Wiener Polizei als New-Dorker ^iriirnWst ge-, meldet und in der ^Krum-mbaumgasse 12 wcchnHafp wax^Da. die Polizei Vvn dem Jnchatt, dieser Säcke instirpliert war, erteilte sie den Auftrag,, jenen, der sie im Hotel abholen/ scllie, zu verhaften. / In den Siebziqcrjahren nämlich hatte die-. österreichische Negierung stets Augst, por den sozialrevolutivnären Strömungen und lüntrollierte deshalb akle nM Wien kommen- >den Ausländer, insbesondere aber Russen, da sie in einemjeden Russen einen gefährlichen „NihiliZten" zu-sehen glaubte. Ln der Tat. .lieh sie den New-Aorkec JoürnÄtsten, als er. im Begriff stäNd, die Bücher des Klimowicz abzuhÄen, vorhnft-en. Außerdem veranlaßte sie eine strenge- Revision iu seiner Privattvahnung und konftszierte feine Kauze Korrespondenz. Bei seinem Berhör nannte sich der Verhaftete Artur Fr.em.d-n, dorr Beruf Journalist -in New-Dork. Iil. ihm Flauste die Polizei den «bedenklicheu ftewiffchen tund'- rcvolutionaren,-Parteigänger" zu sehen, - der- -jn OLsterrLicheine große Propaganda gegen den Staat führe und sowohl Nrhilsmus M Panslawismus verbreite. , Nihilismus - und MnslaviSniuS —7. so gegensätzlich d'«!. Vereinigung dieser beiden. Begriffe klingt.— waren für die damaligen Regierungsstellen die gleichen' Gespenster, die nur die staatliche Ordnung zu vernichten gedächten, llnd eben dieser, her Wiener Polizei so gefährliche ^Nihittst-Pmrsiawist" war kein anderer der hebräische OchriftsiÄler Ahron L i e b e r m a n n, der Redakteur der ersten sosialsitischen Zeitschrift in der hebräischen Literatur. Bei seiner Verhaftung fand man bei ihm eine große -Korrespondenz in hebräischer nnd in anderen Sprachen^*). JnSb-efondece bilde» ten für die Pehörde die Briefe, die den Stempel »Ligue internationale des «bÄutionaires socicckfftes" trugen, tme auch Broschüren, mt8 denen ersichtlich war, daß Liebermann sozialistische Ideen propagierte, ein Corpus delicti. Da aber Liebermann Russe war, so sah die Polizei in ihrer Angst vor dem Panslawismus in ihm einen Agköstov für die Gründung einer sl^rwischen UniversalrepuMk. Kurz vor LiebermännS Verhaftung fand in Lemberg ein großer politischer- Strafprozeß gegen die Sozialisten O st a p Derlecki, Brzezinski, Darabasz. w'egen der Propaganda statt,-die sie äm Auftrag des Genfer- Aktionskomitees getrieben hatten, in welchem DragaManow, Lawww, Bole- 'slaw Limmrowskr und andere Sozialisten wären. Die Wiener Polizei glaubte also, daß Liebermänn mit den erwähnten Kreisen in Verbindung stehe, und in ihrer Unkenntnis der vL^chiedenerr sosiaiistffchjerl GtwMUngen machte sie zwischen Nihilisten, Panslarvisten und Sozialisten keinen " Unterschied. Von didsem GesichtspuE aus betrachtete sie auch die ganze Arbeit Liebermanns. Besonderen Verdacht erivcckke ein Vorgefundener Brief in seiner konfisgierten Korrespondenz eines gewissen RatacH (sicherlich em Deckname) aus Lemberg, mit.dem Datimi vom 3. Juli 1877, in dent von der Absendung einer großen Bücherfendu«g. mit geheimer Literaturnach^ BeÄi« - an die Sflbteffe „Gur«w i c z" berichtet wird. Sodmm. teilte Ra tackt mit« daß er in Lemberg nur einen wirklichen Anhänger ß&funben habe, der eine intelligente Arbeitskraft sei und d-ie- Pärtze^ „Sache"-- leiten' werde. Aus Grund dieses Briefes gelangte die Polizei. ,gur Schlußfolgerung, -daß- Liebermanndie 'gange revolntuvriäre Ppopaganda tzvgen Oesterreich leite. Außerdem war sie über-- zeugt, patz dße russischen Nihiltstur Hand in. Hand mit'den-' *) Gin Kapitel einer größeren historischen Arbeit Unter demselben Titel **) klnser Aufsatz basiert auf dem Ntenmaterittl det MrattorOLurvau^mr Wiener Haus», Hof» Mid Staats, ii itTm. t % mtTifcn im- - - /