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Wiener Morgenzeitung · 1921-04-22 · Heft 803 (22.4.1921) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 803 (22.4.1921)
Date
1921-04-22
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 803 Wien, Freitag nicht denken. Die Mische Wahlparole ist durch die Iudenhetze dev meisben Parteien von selbst gegeben, sie lautet naturgemäß für jeden selbstbewußten Juden: „Gegen-die Antisemiten aller SchattierungenJ" Wenn wir trotzdem diesem Wahlkampf einige Beachtung schenkenso geschieht dies wegen der "heiteren Momente, die er zutage gefördert hat. Eine allzu Pvoße Bedeutung lammt ja diesen Wahlen, wie immer sie aus gehen roerden, nicht zu. und so kann man.sich in diesem Falle dem Genuß der reinen, Komik ohne Gewissens bisse hingeben. Dös Amüsante liegt natürlich nicht in ft'-n Phrasen und Argumenten, die sich hie drei 'feindlichen Parteien r Christlich soziale, Sozialdemokraten und Grvßdsütsche, gegenseitig an den Köpf werfen; die sind im Gegenteil wegen ihrer Abgedroschenheit schon sehr langloeittg. Nein, das-Lustige liegt in vett Zwistigkeiten, die Innerhalb der 'einzelnen Parteiläger ausgebrochen sind. Die Großdeutschsn waren ja niemals eins ganz, hvniogene Masse. Unter ihnen Lobt denn auch der BMerkmupf am lautesten und nngenieriestm. Bezeichn nenberwetse 4ft>es Herr Dr: Waneck, der sich im Nationalrat als temperamentvoller Verfechter des großdsütschen Häbsburger-tzasfes exponiert hat, dem der Uw- Wille eines Teiles der d-iutschnationalen Provitrzpresse gilt. Man hält ihm vor, daß er dem — Faschingsvergnügött in höherem Mäße gehuldigt hat,' als es der traurigen 'Lüge des Deutschtums entsprochen Hütte. Nun hüben im heurigen Karneval auch andere gut deutschnational Gesinnte durchaus kein den Freuden der Welt entrücktes BÜß?rleben geführt, Herr Dr« Waneck hat aber dött Fehler begangen, statt auf der Nedönte.dbr dtüven -Durfch e N" in der Wiener Hofburg züch» tige arische Mauerblümchen zU erlösenlieber auf dem .^öösen BubeN"--Bäll Mondänen Jüdinnen nachzulaafen. Diese Art praktischer „Judenverfolgung" paßt einigen Parteigenossen des Di. Waneck nicht in den Kram, zuMäl seine offenbar sehr scharfsichtigen Beobachter nicht yttt Eindruck euch singen, <dß ob er den schönen Semitinnen etwa Nur deshälb Nüchstellte, um sie für die bekättnte jüdische Schuld am Weltkrieg zur -Verantwortung zü ziehen! Uns würde nur interessieren, ob solch verblüffende Beobachtungsgabe von —Berufs- Detektivs an den Dag gelegt wurde — eine Eventualität, Miß, wentt 'sie sich erst allgemein einbürgert, in das politische Leben Oesterreichs einen neuen, pikanten Zug zu bringen verspricht — oder ob der Idealismus seiner Parbeibrüder in der freiwillig übernommenen Naderercvlle zufälliger AugeiizeUgen. streng arischer Ge,innung (was hatten aber d re auf dem ,-Bosen Buben"-Ball zu 'uchen?!?) eirre neue Ausdrucksform gefunden hat . , . Weniger laut macht sich der Bruderkampf im christlichsozialen Lager bemerkbar« IM Gegenteil: Er Äußert ich hier Mt in der Form des Totschweigens. Die /MichsPost", die sonst jeden Berfammlungsaussprach .wlitisierender Greisler als höhere Weisheit in die Welt >0saunt, schweigt eines der der Zähl dev Besucher und Persönlich leiten der Redner nach imposantesten christ lich sozialen Meetings to t, weil es im Zeichen des Änschlüßgedankens all Deutschland tagte. Weder die Anwesen heit eines illustreN Gast-s von der reichsbeutschen Zeiitrunispartei noch die Begeisterung der Zuhörer, ja uicht einmal der jedes „christliche" Herz erfreuende Zwischenfall einer Vetpriigelüng sozialdemokratischer Zwischenrufer war imstande, dem Wiener Hauptorgan der veranstaltenden Partei aüch nur bas kleinste Wörtlein zu entlocken. Dieser stille Kampf der „Sittlichreligiösen" ist vielleicht Noch heiterer als die lärmende Deutonensch lacht um die Tugend des Herrn Doktor Waneck . . . Die Christlichsozialen und die Republik. In emer gestern abends abgehaltene» Versammlung führte Abgeordneter Dr. M a t a j a aus: „Es gibt in der christlich* loyalen Partei Leute, die an sich die Republik, «nd solche, dir an st^ die Monarchie für die. befere Staats form halten. Da sich, aber alle darüber einig sind, daß man unsere gegen» tv ä r t i g e ö st e r r e l ch i s ch e Republik als gegebene Tatsache anerkennen muß/uvd wir uns samt und sonders, der rme mit mehr, der andere »nt weniger Vergnügen, auf diesen Böden stellen, fällt es uns gar nicht ein, aus der Doltorfräge der besseren Staatsform ein PolMkum in der Partei zu machen. Wir sind der Meinung, daß das lerne Problem dc§ wirtschastlichen und moralischen Ausbaues Oesterreichs durch feine überragende Wichtigkeit alle anderen polmschen Fragen , überschattet. Ansfchnßkeratnngen Der Ausschuß für Heerwesen wuche für Diensiag den 26, b. M. um 10 Uhr vormittags z« einer Sitzung unberufen, deren Tagesordnung lautet! 1. Beratung der Regierungsvorlage, betreffend ein Bundesgesetz, womit im Sinne des Art. 156 des Staatsvertrages von S a i n t» G e r m a i n »i e mildem Inhalt des V. Teiles dieses Vertrages nicht i m E, i n k l g n g steheyden, vor dem 4. Rovrmbev 1918 erlassenen Gesetze it n b Verordnungen au ß er Kraft gesetzt werden. . Ä. Wchrgesetznvvelle vom Jahre 1881. Der Finanz- «nd B ud g e taus schuß hält Mittwoch den 27. April, 10 Uhr vormittags, Sitzung, auf deren Tagesordnung sich 1. da- Gesetz über die B er l e g,u n g d e s S i tz e s v o n A t t i e n g e s e l l s ch r f t e n in das Aus-, ,and und 2. die B r o t a «t l a e e im 3abre 1931 besiudeu. Wleutt Morgenzeitnrrg 22. gpttl 1921 Sette 5 toll Deutschlank ersucht Amerika um Vermittlung. Berlin/21. April. (Wolfs.) Die Retchsregierung hat durch Vermittlung des amerikanischen Geschäftsträgers m Berlin an den Präsidenten der V eve in igle« Staaten folgende Note gelangen lassest: Im Namen der deutschen Reichsregikfustg und des deutschen Volkes beehren sich die Unterzeichneten trotz des formell noch bestehenden Kriegszustandes an den Herrn Präsidenten der Vereinigten Staaten von Nordamerika den Antrag zu richten, in der Reparationsfrage die Vermittlung zu übernehmen und die Summe festzustellen, die Deutschland an. die alliierten Mächte zu zahlen hat. Sie sprechen gleichzeitig die dringende Bitte aus, die Zustimmung der Alliierten zu einer solchen Vermittlung herberzuführcn. Dabei erklären sie feierlich, daß die deutsche Regierung ohne Einschränkungen oder Vorbehalte bereit oder willens ist, den alliierten Mächten diejenige Summe, als Reparation zu zahlen, die der Präsident der Vereinigten Staaten nach Drr Au stchußfür soziale Verwaltung wird in seiner Mittwoch den 27. d. M. um 9 Uhr 'vormittags siatrssttdenden Sltznng das Handlungsgehilfen' gesetz (Referent Schnntz) und daS Theatergesetz m Verhandlung ziehen. Der Unterausschuß b e S Jnstizausschusses zur Briatung des PreßgcsetzeS tritt Freitag de» 29. d. M. um 9 Uhr vormittags zu einer Sitzung zusammen-. Die Anleihefrage. In denfmanzieUni Kr isen, die mit der Negierung Fühlung lialtm, »erlaufet süt gestern, daß dir Hllfs'kommis'ion d's 'Völkerbundes an der Forderung frsthält, es Müsse der äußeren Anleihe ctnt innere vorangehen. Da ,m Zusammenhang damit auch von einer Z w a n gsanleihe geiprochcn wird, liegt der Gedankt nabe, daß der Jmanzm Mstrr Dr. G r t m m, der sich wiederholt gegen die Anwendung von Zwangsmitteln. wie Notenabste m,p e l n n g und ähnlich m,die jetzigr Situation als Voraussetzung für seinen Rnckiritt ansieht. Diese Mitteilung trat Hestern sehr stark auf, doch wird versichert, daß derz-ii von einer partiellen Demission in drr Regierung keine Rede sei. Das Kab'N'tt warte vielmehr in seiner Gänze den Fortgang der Verhandlungen mit der Expeitenkommsision ab. Die Volksabstimmung in Tirol. Innsbruck, 21. April. (Privat.) Die Vorbereitungen für die am kommenden^Sonntag stattsindeude Volksabstimmung in Italien sind beendet. Morgen und übermorgen finden noch im. ganzen Lande Versammlungen aller Stände statt, m welchen zur eifrigen Propaganda für dir Abstimnmng geworben wird. Ueber Beschluß dev Bezirksabstimmungsbehörde Innsbruck läutet die den Abstimmendeä vorliegende Frage: ,LVird der Anschluß an das Deutsche Reich gefordert?" Man rechnet mit einer Stimmenabgabe öott % xmtb 100.000, wovon mindestens 90 Prozent sich für den Anschluß aussprechen werden. Die polnischen Konsularvertretunge» in Oesterreich. In den nächsten Tagen wird ein Vertreter des polnsscheu Außenministeriums nach Oesterreich alreifen mit dem Auftrag, eine Reorganisation der polnischen Kousularamter durchzuführen. Ankunft des amerikanischen Schiedsrichters Mr. Hines in Wien. Gestern nachmittags um 4 Uhr ist auf dem Landungsplätze der Ungarischen Fluß- und Seefchifffahrtsgefellschaft am Praterküi der Schiedsrichter füv die Aufteilung des Dvnauschiffsparkes, Mr. Walker Hines mit dem Salondampser „Sophia" von seiner dreiwöchigen Inspektionsreise, die ihn nach den tschechoslowakischen, ungarischen, serbischen und rumänischen Donaustationen geführt hatte, wieder in Wien angenommen. In Begleitung des amerikanischen Schiedsrichters befanden s.ch sein Vertreter Colynel Kratz und Sekretär Mr. Clagget. In Hainburg war Mister Hines von Konsul Re in in g haus und Legationssekretär Dr. Schmid vom Bundesministerium des Aeußern natnens des Präsidenten der Republik ünd des Bundeskanzlers als Minister -es Äeützern begrüßt worden^ diese beiden Funktionäre machten die Fahrt des Schiedsrichters als Ehrenbegleitung auf der österreichischen Donaustrecke mit. In Wien hatten^ sich am Landungsplatz zum Empfang eingefnnden: Vizekanzler Breisky, Bnndesminister für Verktzhrswesen Dr. Posta mit'Sektionschef Dr, Rodler, der amerik-nische Kolynxl Cauf^v, der Generaldirektor der Donaü-Dampfjch.ffahrtsgesLllschaft Hofrat Csafary, in Vertretung des Bürgermeisters Reumann Obermagistrutsrat Dr. Held, der Direktor der Urrgarischeit Fluß- und Seeschiffahrt^gespllschaft Dietrich und Stationsvorstgnh' Kgpitäu S kuharsky. Nachdem hie „Sophia." angelegt hattze. begaben sich di^ LUNl Empfang exjWnerM Hetren auf hi? eingehender Prüfung und Untersuchung recht und billigs bofindert sollte. Sie verpflichten sich hiemit aüsdtüMch, seinen Schiedsspruch, wie er auch lauten möge, in allen Einzelheiten sowohl den Buchstaben wie dem Geiste nach zu erfüllen. Tief durchdrungen von der inneren Berechtigung dieser Bitte und in unzweifelhafter Aufrichtigkeit unterbreitet das deutsche Volk durch feine verfassungsmässige Regierung dem Präsidenten der Vereinigten Staaten seinen Antrag. Es hegt die zuversichtliche Hoffnung auf. Gewährung seiner Bitte, auf daß nach Recht und Ge. rechtigkeft eine endgültige Entscheidung gefallt werde zur Erfüllung trefgefühlter Wünsche aller zivilisierten Nationen, zur Abwendung der ünabsehbqren Folgen drohender Zwangsmassnahme», zur Herlletsuhrung des Friedens der Welt. Grz. Fessrentzäch, gtzz. Dt. Simonis. brücke. Vizekanzler Bryiskh begrüßte in Vertretung des in Graz weilenden Bundeskanzlers Dr. Mahr und; namens der Regierung den Schiedsrichter Mr. Hines beim Betreten österreichischen Bodens. Nach Entgegennahme der Vorstellung der zum Empfang Erschienenen fuhr Mr. Hines <in Begleitung des Bnndesministers Dr. Pesta in fein Hotel. Wie wir erfahren, wird Mrt Hines sich einige Tage in Wien aufhalten, um die Ergebnisse seiner bisherigen Erhebungen zu sich en und weitere Informationen ein-. zuziehen; er wird sich hierauf nach Paris begeben und von dort aus dürfte dann der Schiedsspruch, den er im Sinne des Artike ls 300 des Staats Vertr ages von Saint-Germain - en - Lahe zu fällen berufen ist, erfolgen. TelegramMe. . Oberschlefien. * Berlin, 21. April. Die „Deutsche Ällgememe Zeitung* meldet aus Löndou: Lloyd G c o r g e hat an'den englischen. Vertreter in der vberschlcsischen Abstimmungs'ommission em^ Schreiben gerichtet, trau» er um die Bekanntgabe der Ursachen für hie Verschleppung der Entscheidung in der Grenzfestsetzung, b'tter. Er fordert dm Vertreter auf,^/auf eine sofortige Env'chetdmtg m drängen und sie möglichst schon wnethalb der nächsten drei Tage nach London zn übermitteln. In amtlichen Kreisen erklärt man sich diese Aufforderung des englischen Premierministers durch die Emstcht des englischen Kabmetts, daß die oberschlesi'che Frage untrennbar mit der Besetzung des Rnhrgebiets verbunden sei. „ StegeriVaLd wiedergewLhlt. Berlin, 21. April. (Wolfs. Landtag.) Präsident Leinert teilt als Ergebnis der heute wiederholte^ Wahl des Ministerpräsidenten mit, daß 371 Stimm- . geltet abgegeben wurden, von denen 22 leer waren^ , Von den 349 gültigen Stimmen haben erhaltztn: Stegerwald (Zeittrum) 227, Dr. Braun (Sozialdemokrat) 100, Ludwig (Unabhängiger) 21 und Busch (Zen- . trum) 1 Stimme. S te ge r wald ist also zuM Ministerpräsidenten wiedergewält. Gegen die javanische Einwanderung in Amerika Washington, 21. April. (Funkfpruch.) Vertreter von elf. W e ststaaten liaben Beratungen abgehaltcn, um . eine Lösung der japanischen Einwanderungsfrage zu finden. Man erwartet) daß sich auch außeramerikanische Staaten den A b w e h r m a ß n a h m e n Kaliforniens anschließen werden. Der e«gttsche Bergarbetterstreik. London, 21. April. (Funkspruch.) Die Kohlengrubenbesitzer haben der Errichtttng einer nc t i o n a le tt Löhnbehörhe zugestimmt, deren Aufgabe es fein wird, die grundsätzlichen Bestimmungen für die Lohn- > bemessung zu treffen. In der Frage des nationalen, „Ringes" ist kein Fortschritt zu verzeichnen. . Churchills Erklärung im Parlament. London, 20. April. (Privat.) Aus parlamentarischen Meisen wird mitgeheilt, daß Staatssekretär Winston Churchill beabsichtigt, im Laufe der kommenden Woche eine Erklärung über die Politik mr nahe» Osten, abzugeben. Mqn nimmt an, daß der eben aus Aegypten und Palästina Zurückgekehrte Kolonialsekretär imstände sein wird, seiner Politik eine günstige Ausnahme im Parlament zu sichern, da er" in der Lage sein wird, anzukündigen,- daß das Ergebnis der bei seinen Konferenzen beschlossenen Maßnahmen eine beträchtliche Verringerung der Aus gäbe u in Mesopotamien rmd Paläst.iva sei, .

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