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Wiener Morgenzeitung · 1921-04-12 · Heft 793 (12.4.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 793 (12.4.1921)
Date
1921-04-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seve t aoten, Dienstag » - rin—- "l - ti ~r —, tzvr Ruhe verweist. Solange Ungarn den Vertrag von Lrianon mißachtet und feine Armee über Gebühr vermehrt und unter Waffen hält, kann in Oesterreich 'die fo notwendige Sicherung der inneren Ruhe nicht gewährleistet werden. '_ Palästina und die Araber. k. Wien. 11. Arvil. Der neue englische Kolonialminister Churchill hat in jüngster Zeit in Palästina geweilt, um durch persönliche Jnsorn-alion und durch Besprechung mit den vompeteuieu Faktoren einen Eindruck über die wirkliche Situation in: vorderen Orient zu gewinnen. Er hat Gelegenheit gehabt, vom Oberkommissär für Palästina alle Aufklärungen über die Stimmung und die Bedürfnisse der Bevölkerung zu erhalten, er hat Nach um So ko low als Vertreter der Zionistischen Organs sation empfangen und die Wünsche einer jüdischen sowie einer arabischen Delegation angehört. Churchills Reise ist umso bedeutsamer, als sie in dem Augenblick erfolgt ist, wo die Frage des Palästina-Mandats in den englischen gesetzgebenden Körperschaften und Ln. der großen Presse von London lebhaft diskutiert wird. Nach allem, was diesbezüglich bereits bekannt geworden ist, ist damit zu rechnen, daß der Mandatsentwurf der englischen Regierung in nächster Zeit den beiden Häusern zur Beratung und Beschlußfassung vorliegen wird, und die Regierung ha2 den ausdrücklichen Wunsch geäußert, die Angelegenheit bis zu Churchills Rückkehr vertagt z» sehen, und es ist jedenfalls zu erwarten, daß seine Auffassung und Stellungnahme die Haltung der englischen Politiker in hohem Maße beeinflussen wird. Wenngleich eine Ablehnung des Mandats nicht zu befürchten ist und die gegen das bisherige Verhalten der Regierung gerichtete Opposition, die ja zum Teil von ausgesprochen zioniftenfreundlicher Seihe kommt, sich nicht gegen den materiellen Inhalt des Mandats richtet, fanden eine Umgehung der konstitutionellen Faktoren bekämpft und auf Klärung des Verhältnisses zwischen der Mandatsmacht und dem Völkerbund drangt, so ist doch die Stellungnahme des Ressortministers keineswegs eine gleichgültige Angelegenheit. Die Haltung, welche Churchill in der palästinensischen Mandatsfrage einnehmen dürfte, geht aus der bereits bekannt gewordenen Antwort an die arabische Abordnung hervor, welche die weitestgehenden Forderungen, ia sogar die Annullierung aller englischen Verordnungen und die Vereinigung Palästinas mit den künftigen arabischen Schwesterstaaten gefordert hatte. Churchill hat die arabischen Petenten, deren Legitimation keineswegs seststeht, nicht darüber im Zweifel gelassen, daß die Errichtung eines jüdischnationalen Heims ln Palästina eine definitiv beschlossene Tatsache ist, und auf das blühende Werk der jüdischen Kolonisation hingewiesen, welche die früheren Wüsten in lachende Landschaften zu verjvan^eln wußte und für die gesamte Bevölkerung Palästinas zum Segen gereicht. Trotz allem darf man an der Tatsache nicht vorübergehen, daß unter den arabischen Großgrundbesitzern, den Essendis, eine den jüdischen Bestrebungen vielfach feindliche Stimmung herrscht, weil sie von einer Einbeziehung Palästinas in den Bereich der modernen Kultur eine Schmälerung ihres wirtschaftlichen Einflusses befürchten. D'e Frage der Verständigung mit den Arabern bildet eine der Kernfragen für das palästinensische Aufbauproblem und es wird aller politische Takt von jüdischer Seite angewendet werden müssen, um die bestehenden Gegensätze zwischen den beiden Brudervölkern zu überbrücken und zu einer gedeihlichen Verständigung zu gelangen, und es wird altes zu vermeiden sein, was die arabischen Empfindlichkeiten verletzen könnte. Die Araber werden durch die Tatsachen zu belehren sein, daß der wachsende Zustrom neuer jüdischer Einwanderer in das dünnbevölkerte und der modernen Kultur vielfach unerschlossene Land keineswegs eine Schmälerung der arabischen Rechte, sondern vielmehr die größte Förderung der arabischen Wirtschaft und Kultur bedeutet. Es kann kaum einem Zweifel unterliegen, daß die Mißstimmung unter den Arabern durch die französische Politik gesteigert wird, welche ihre Ziele im Orient mit Zähigkeit verfolgt und hiebei ihre eigenen Wege geht. Die Verhandlungen mit den Türken in London haben bisher zu keinem Ergebnis geführt und die dort gemachten Vermittlungsvorschläge haben die Griechen mit einer neuen Offensive gegen die Armee der türkischen Nationalisten beantwortet. Während so an dem Vertrag von Sevres weder eine Aenderung vorgenommen wurde noch auch dessen Ratifizierung erfolgen konnte, hat Frankreich diesen Vertrag eigenmächtig durch die Tatsache geändert, daß es mit den Kemalisten ein Abkommen getroffen hat, wonach die Grenzen südlich von Alexandretbe zu deren Gunsten geändert wurden, ein Abkommen, welches sich de facto gegen die arabischen Bestrebungen des Königs von HÄrschas und Emir FaisulS richtet, denen nach den neuesten Meldungen die seinerzeitige Zusage der Errichtung eines arabischen Königreichs nunmehr eingelöst werden soll. Frankreich hat in Syrien große Pläne, das zeigt sich in dem mit größter Energie betriebenen Ausbau des Hafens von Tripolis und das französische Budget weist trotz der Notlage der französischen Finanzen die nicht gerade geringe Summe von eiueinCjatb Milliarden Francs unter dem Posten MyrM auf. So. kann es. sich, leicht ereignen, daß der Wiener Morgeuzeitmrg VI. April 1921 Nr. 793 Bericht aus Le« ukrainischen Grenzgebiete». Von Dr. Markus KrÜmer. III. Das Erbe. Nicht von Hinterlassenschaften vermögensrechtlicher Natur soll hier hie Rede sein. Die Hinterlassenschaft, welche die Toten einer pflichtbewußten jüdischen Welt zur Obsorge vererbt haben, bildet-das viel bostbarere Gut: Die Jugend. Auch soll hier nicht von den Kriegsmck Pogromwaisen gesprochen werden, welche in der S o w j e t u k r a i n e zurückgeblieben sirch und deren Zahl auf Grund oberflächlicher Berichte mit mehr als einer halben Million angegeben wird. Ueber ihr Schicksal besitzen wir vielfach widersprechende Nachrichten. Im allgemeinen wird bestätigt, daß. die Sowjet sich der Waisen annehmen, aber für ihren Lebensunterhalt nicht genügend sorgen können. Auch werden die Juden du ch Gerüch.'e beunruhigt, daß die Waisen nach Zentralrußland geschafft und dort nach bolschewilischen Grundsätzen, fern von aller jüdischen Tradition, exzogen werden sollen. Auch die 'Lage von 17.009 registrierte» Kriegs, und Pogromwaisen, die in G-lizien heben, für die der Staat im Vorjahr eine Subvention von 600.000 Mark beigeswuert hat und hie zum geringer: Teil unter der Obsorge des amerikanischen Joint-Komitees stehen, ist nicht Gegenstand unse.er heutigen Erörterungen. Wir wollen auch nicht untersuchen, wieso es eine jüdische Gesellschaft zulassen konnte, daß Waisenkinder bei Bauern unter.ge bracht sind und wegen des Fehlens von einer einzigen Million Mark, die tvohl so mancher bei einer einzigen Transaktion ins Verdienen bringen dürfte, ein Heim für kranke Kinder in Dehina nicht eröffnet' werden kann. Es ist auch hier nicht der Ort« der Tausende von Waisenkindern zu erwähnen, die in Warschau und im übrigen Kongreßpolen vegetieren. Die polnische Judenschaft wird darüber Nachdenken müssen, ob eine Generation von Zündholz- und Zigarettenverkäufern und sonstigen Be!tle.n heranwachsen, darf, die sicherlich nicht berufen sein kann, die Lösung des schweren sozialen Polnisch-jüdischen Problems zu erleichtern. , Wir wollen uns heute nur mit den 10.000 Waisenkindern in Wolhynien befassen, denen der letzte Gedanke der erschlagenen Väter und Mütter gegolten, von Eltern, die hem Typhus, dem Hunger oder aus- . gestandener Pein erlegen sind, deren brennendes Auge rn namenloser Qual auf den Unversorgten geruht. Der Joint hat mehr als 6000 Waisen im Mter bis zu vierzehn Jahren registriert, mehr als der vierte Teil ist ohne Vater und Mutter. Doch auch von den anderen muß ein Teil zu den Vollwaisen gezählt tverden, da ein längstverschollener Baker oder eine dem Wahnsinn oder unheilbarer Krankheit verfallene Mutter wohl nicht als Verjor.^er gelten können. Einige hundert hat der Joint in Waisenhäusern gesammelt, in Kow e!, Rowno, Sarny usw. Dort sind auch mehr als hundert Waisen aus Zwiahil (Nowgowd-Wolinsk) untergeüracht, welche vor dem letzten Einmarsch der Bolschewiken samt ihpen Aufseherinnen nach Rowno evakuiert wurden. Diese aus einer von Krieg und schrecklichen Pogromen so oft heimgesuchten Stadt Geretteten, die achtzig Waisen aus Felszthn, die über die Grenze gebracht und in Lemberg auf einige Waiseirtzänser verteilt wurden, hie Insassen der wenigen Heime in den' anderen tvokhynischen Städten, sind die ersten, die wieder unter liebevolle Fürsorge gekommen sind. Eine Anzahl anderer ist in P 11D a tpslege gegeben. Doch ist es, wo nicht noch ein Elternteil lebp, nicht verbürgt, daß die armen Leute, bei denen die Kinder doch zumeist untergebracht sind, auch die richtigen Pslegeelinrn und Erzieher sein können. Am bejammernswertesten aber ist das Schicksal der Waisen, die noch nicht in die amerikanische Hilfsaktion embezozen und buchstäblich von Hunger und Verwahrlosung bedroht sind. Keine Phantast ist reich genug, das wechselvolle Schicksal eines solchen klein-» Menschenlebens zu malen. Kaum kann man es begreifen, wie diese Geschöpfe so viel Schrecken, Marter und Elend überleben konnten. Entsetzen packt einen, wenn man sich vergegenwärtigt, welch ein Erleben diese Kinberjahre belastet und mit welchem Blick diese Kinderaugen ins Leben sehen müssen. - Der Joint hat mir eine Anzahl von Autobiographien hon Waisenkindern zur Verfügung gestellt. Die nicht selber schreiben konnten, haben, ihre Lebensgeschichte den Verwalterinnen der Waisenhäuser in die Feder diktiert. Wenn die Lektüre dieser mit Blut und Tränen geschriebenen Geschichten nicht tätigstes Mitleid und entschlossene, rasche Ausbau der französischen Einflußsphäre zu Konflikten mit den Arabern führt und die dadurch hervorgerusene Unruhe könnte leicht auch die Araber von Palästina ungünstig beeinflussen. Bei dieser Gesamtlage der Dinge ergibt sich für die zionistische Arbeit die Aufgabe, unter Ausnützung aller MögliMMn und. unter MdaMnaLme M Hilfe wachrufen sollte, bann müßte man verzweifeln an einer Welt, die eigene Kinder erziehen und sich der Pflicht entziehen kann, zu deren Erfüllung die Stimme jener Kedoschim rüste, deren Gebeine in den ukrainischen Gräbern bleichen. Ein einziges dieser Kinderschicksale sei heute gezeigt. Der dreizehnjährige David Fr immer mau» schreibt: „Ich bin geboren in Milatm. Mein Vater war Kaufmann. Er pflegte zu kaufen, was sich gerade traf. Später hielt er ein Büfett. Dan» war er Soldat,: Wir waren neun 5Nnder. Damals kamen Plünderen zu uns. Unser Haus stand am Ende des Dorfes. Kamen sie herein zu uns und sprachen zum Vater: „Gib Geld!", gab er ihnen 66.000 Rubel. Sie sprachen weiter zum Vater: „Gib Schnaps!" Sagte her Vater: „Ihr könnt mich töten! Ich habe nichts mehr." Haben sie ihn gleich erschlagen. Da rief die Mutter: „Solche Menschen seid ihr? Wie habt ihr ein Herz, Mensche» zu morden?"- Gingen sie aus die Mutter zu und töteten sie. Dan» sprachen sie züm Bruder: „Gib Geld!" Der Bruder sagte: „Ihr könnt mich töten!" Haben sie ihn Mich getötet. Er siel vom Bett herunter, aber er lebte noch. Da haben sie noch einmal auf ihn geschossen, bis' er tot war. Dann gingen sie auf die Gasse. Meine zwei Brüder ließen sich in den, Keller hinab. Kamen die Räuber in die Stube zurück und sprachen zu meiner Schwester: „Hast du uns erkannt?" Sie-antwortete: „Nein!" Sofort haben sie sie getötet: Sie war sogleich tot. In der Hand hielt sie noch eine Schachtel.Zündhölzer, da waren die Zündhölzer gleich mit Blut übergossen und man hat sie nicht mehr aus ihrer HanÄ reißen können. Dann kamen die Brüder aus dem Keller. Wir haben uns angezogen und sind fort auf ba§ Dorf. Dis Toten lagen in der Stube. Dann hat es noch genug (Held gekostet, bis man sie begraben hat. Dann hat es 10.000 Rubel gekostet, ihnen Grabsteine zu setzen, und wir hatten dann nichts mehr" zum Essen. Mein älterer Bruder ist aus Not zu den Bolschewiken gegangen. A» der Front wurhe er. bald verwundet und kam ins Spital. Nach einigen Monaten ist er wieder an die Front. Jetzt weiß ich nicht, wo er ist. Meine ältere Schwester von 22 Jahren war bei fremden Leuten, jetzt weiß ich nicht, wo sie ist, und weiß nicht, was ich denken soll. Der andere Bruder hatte auch nichts zu essen und ist auch zu den Bolschewiken gegangen. Er ging an die Front'und dort hat man ihn getötet. Eine andere Schwester ist beim Onkel. Ich! kam zu meiner reichen Tante' nach Studnik' und war bei ihr ein Jahr lang. Sie hatte eine Mühle und beiderseits der Mühle war die Weide. Ans die Weide habe ich das Vieh getrieben. Der Mann der Dante war ein Stiefonkel. Hat er mich immer geschlagen. Dag und Nacht hat er mich geschlagen. Bin ich einmal weggelaufen und kam nach Rowno zum Onkel meines Vaters. Am anderen Morgen erzählte mir der Onkel, daß di« Tante ertranken sei. Ging ich sogleich, .Kadisch' zu sagen. Dann kam ich hieher ins Waisenhaus." So und ähnlich sind die Erinnerungen dieser Kinder. Nur daß andere von Soldaten und sonstigen Pogromisten sprechen, von Brand und Zerstörung, von Kanonenkugeln und Bomben, von Bajonetten und Hacken. Bon Flucht durch Wälder, von Hunger und Krankheit, von Nächt.m ans verregnetem Feld, wo Man der Mutter helfen muß, die tote Schwester zu begraben. Kaum) ein Lichtstrahl erhellt die letzten Jahre. Alles ist ausgelöscht, was an Sonnigem und Mildem ins Kinderherz gelegt ward. Hinter jedem ein Erleben, das grauenvoll genug ist, auch starke Menschen zu brechen. Zehntausend Herzen, die dem Ungewissen entgegenbeben, zehntausend Angsnpaare, aus denen verschüchterte, oft zerbrochene Kinderseelen blicken. Augen, Manchmal nichts als jene ergreifenden Augen, in denen sich alles Judenleid konzentriert- Die davon zeugen, daß sie sich auch in dunklen Nächten weit öffnen und in die aus Träumen aufsteigenden Schreckbilder der Vergangenheit starren. Wer kann da noch Worte machen? Wollen wir noch warten, bis die amerikanischen Juden auch all dies Elend auf ihre Schulter nehmen? Wo doch Welle auf Welle neuen Judenleides aus dem Osten bricht und die amerikanische Judenheit ein Recht hat, M fordern, baß auch die' anderen Brüder sich auf ihre Würbe besinne», die ewige Ausrede, auf die ,Baluta" fallen lassen und beit klaren Beweis erbringen, daß dieses fluchwürdige Erbteil einer toll gewonnen Welt ihr soziales Gewissen nicht ganz ertötet, ihre Kerze» nicht ganz zu Stein hat erstarren lassen. die arabischen Empfindlichkeiten den friedlichen Aufbau des neuen Palästina mit aller Macht zu beschleunigen. Das neue Element, welches dem künftigen jüdischen Zustrom die Wege bereiten soll, die neuen Menschen, . nach denen der palästinensische Jischub selbst ruft und die nicht als Eroberer, sondern als friedliche, aber opferbereit Kioniene eüM neuen Judeutums iu$ Land

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