Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 789 (8.4.1921)
- Date
- 1921-04-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite t Men, Freitag Wiener Morgenzeitnng 8. April 1921 mx. 789 Pottttsche^tundschau. Die Geltung des Maudatssystems. V«v VKsess» Berichterstatter. LovLan, -1. April. In der Rede, die Orrirsby Gore in der letzten Sitzung des Unterhauses zur Frage der Mandate hielt, machte er darauf aufmerksam. daß das Mandatssystem am 10. Jänner 1920 in R e ch t s w ix amicit ge:re:«n ist. und zwar dm'ch die Ratifikattoudes Vertrages von Versailles, da der V'ttrag v<v. Versailles die Bestimmungen enthalt, welche das Mandatssystem einrichten. Durch die Ratifizierung dieses Vertrages durch die britische Regierung, die britische Krwne und das britische Parlament hat die Zustimmung Englands zum MandatsMein Rechtskraft bekommen und England ist mit seiner Ehre gebunden, das Mandat auszuführen. Wenn also hp-- stimmre Zeitungen, wie sie es jetzt tust, auZrnsen: ,^8eg mit dem Mandatssystem, wir wollen es überhaupt ignorieren!", so scheinen fite zu vergessen, sagt O r m s b y Gore, daß dieses System einen wesentlichen Teil des Versailler Vertrages ausmacht; und wenn man das Mandatssystem verwirft, soll man eben den ganzen Vertrag von Versailles zerreißen. Wenn also „Daily Expreß" und „Marning Post" gegen das Mandatssystem Sturm laufen, so sollten sie dessen eingedenk sein, baß die Zustimmung, die die englische Nation in bezug auf das Mandatssystem gegeben Hat, nicht so einfach zurückgezogen werden kann. Bei dieser Gelegenheit wendete sich O r m sb y Gore unter besonderer: Hinweis auf den Abgeordneten Sir I. D. Rees gegen eine bestimmte Klasse van Lenden, die sehr bemüht sind, die Stimmung gegen Ausgaben in den' Mandatsgebieten zu benützen, um den Völkerbund überhaupt zu vernichten. Der Abgeordnete Rees suche mit jedem Stock, den er in die Hand bekommt, auf den Völkerbund loszuschlagen. Diese Sachlage sollte kargestem werden, damit die Wähler solcher Abgeordnete sie kennen und die entsprechenden Schritte untern^men Lönnen. Als künf.igcs Mitglied der Mandatskommission «rrlärte Ormsby Gore, seststellen zu können, daß diese nicht die Macht habe, dem Staate zu befehlen. Die Kommission sei eine Körperschaft, welche als ein Gericht tagt, um die jährlichen Berich!« der MaNdatarmächte an den Völkerbund mit den Vertragsbestimmungen zu vergleichen. Diese Arbeit der Kommission fei rein beratender Natur und wenn ein solcher Bericht etwas enthält, was mit den Bestimmungen des Vertrages in Widerspruch steht, so wird die Kommission das aus spachen. Auf die Kompetenz der Mandatskommission kam daun im weiteren auch Lord Robert Cecil zu sprechen. Er erklärte, daß es die Funktion der Mandatskommission des Völkerbmrdes sei, die vertraglichen Bestimmungen und Verpflichtungen im Auge zu behalten, welche in den Bestimmungen des Vertrages von Versailles enthalten sind. Das sei eine sehr wichtige Arheit, die sobald als möglich in Angriff genommen werden muß. Lord Robert C e e 1I sprach seine Genugtuung über die Anregung aus, baß eine Erklärung darüber vorgelegt werden sollte, wie die Mandatsgebiete bis zum heutigen Tage verwaltet worden sind seit der Zeit, da sie im Prinzip dem Mandatssystem unterworfen w-orden sind. Aus diesen autoritativen Erklärungen ergibt sich,^ wie die Funktion der Mandatskommission des Völkerbundes aufgefaßt wi d. der O rrnsh y G o r e ange. örcn wird, und daß wahrscheinlich ein Bericht über tzie vepgarrg-'ne Zeit ausgearbeitet werden wird, \btt zeigen fort, wie die Verwaltung bisher gehqnd hakst worden ist. Es wäre interessant fest?,»stellen, ob, so weit Pala-f stina in Frage kommt, sich dieser Bericht auch auf die Zeit der Militärverwaltung erstrecken wird. Der griechisch-türkische Krieg, v . Denizelos tritt auf. „Tribuns meldet aus Paris, daß die plötzliche Abreise Venizetos' von Paris zu der Vermutung Anlaß gebe, er plane einen Staatsstreich gegen König Konstantin. Einer der Hauptgründe für di« Unvolkstümlichkeit Veniselos' sei gewesen, daß die griechische Armee aus einem so hohen Effektivstand erhalten worden sei; man habe gehofft, daß König Konstantin einen großen Teil der Reservisten entlassen werde. Dies sei nun nicht geschehen, im Gegenteil, es seien neue Jahrgänge einberufen.worden. Nach Meldungen aus Griechenland seien viele der Einberufenen nicht eingerlrckt; in Marseille wurden gegen 50 griechische Reservisten verhaftet, die mit falschen Pässen nach Amerika auszuwandern versuchten. Der Mißerfolg der Offensive soll in ganz Griechenland große Bestürzung und Unzufriedenheit hervorgerufen haben. — Aus Konstantinopel wird gemeldet, baß der Kommandant dev türkischen Kaukarus-Streitkräste bereits 35.000 Mann zur Verstärkung an die Smyrna-Front abgesendet habe. — Eine amtliche Mitteilung der griechischen Regierung dementiert die türkischen Nachrichten von einer griechischen Niederlage bei Eski Schehir. — Nach türkischen Meldungen räumen die griechischen Truppen Kar ah i s s a r und B r u s s a. Athen, 7. April. (Havas.'. Man glaubt, daß Gunaris Lorpitz in dem MmiKcrraie, nach bm üt der Ratio- £Mill in Palästina. <£§ts?$irt$ Antwort an die Araber in Palasti, ra. Jerusalem, 8. April. (Jüd. Korr.-Bur.) Die Regienrng veröffentlicht die Erklärung Mr. Churchills an dre arabische Äbordnung als Antwort auf 'das ihm überreichte Memorandum, in welchem die Abschaffung des Grundsatzes eines jüdischen nationalen Heimes und die Schaffung einer nationalen (arabischen) palästinensischen Regierung gefordert wird. Das Memorandum fordert ferner die Einstellung der jüdischen Einwanderung nach Palästina, die Annullierung der durch die britische Verwaltung herausgegebenen Verordnungen und Gesetze sowie die Vereinigung Palästinas mit den arabischen Schwesterstaaten m Hedschas und in Mesopotamien. ' Die Erklärung Mr. Churchills hat folgenden Inhalt: „Die Errichtung eines jMschnationalen Heimes ist eine Tatsache, die von den Alliierten durch den siegreichen Ausgang des Krieg.s definitiv beschlossen wurde. Die über die ganze Welt verstreuten Juden müssen ein nationales Zentrum in Palästirra haben, mit welchem sie seit 3000 Jahren aufs innigste verbunden sind. Nicht die Araber,, sondern die britischen Soldaten haben mit großen Opfern die /Türken davong.'jagt. Ein nationales Heim für die Juden bedeutet weder, daß Palästina damit aufhört, ein nationales Heim auch für die Araber zu sein, noch die Errichtung einer jüdischen Regierung. Di.' Juden haben durch ihr bisheriges Werk die Wüsten in blühende Farmen um gewan belli rmd det Zustrom jüdischen Kapitals ins Land bedeutet die Entwicklung des a l l g e m e inen Wohlstandes Palästinas." Der Zwischenfall in Haifa. Ueber die Paläm London, 6. April: (Jüd. Korr.-Bur.) bereits gemeldeten antizionistischen Vorfälle stina werden folgende Details bekannt: Die Demonstrationen in Jerusalem konnten durch die Polizei verhindert werden, aber m Haifa kam es! zu Zusammenstößen zwischen der Polizei und einem Haufen von Arabern und eingeborenen C h r i st e n, die die Aufforderung', sich zu zerstreuen, mit Steinwürfen auf die Polizisten beantworteten. Die Demonstranten hatten auch Seitengewehre bei sich, die sie gegen die Polizei gebrauchten. Die Polizisten gaben Schüsse in die Luft ab, von denen zwei Demonstranten getötet ■ und enm Anzahl, darunter einige Juden, verwunwt wurden. j Der Besuch CprzrchiLs rrr Tel-Awrw. ' | London, 5. April. (Jüd. Korr.-Buri) Aus Ierui salem wird gemeldet: Kolonialminister - Churchill be-! suchte das jüdische Viertel in Jaffa, Tel» A w i w und die Kolonie Hischon le Zion und äußerte seine Bewunderung über die großartigen Fortschritte, die überall «das Auge fesseln. Mr. Churchill druckte die Erwartung aus, daß die Juden nach diesem Vorbild neue Städte u N d Kolonien erbauen werden, die der gesa m t e n B e v ö l1 erung zum Wohle gereichen wenden. nalversainmlung gegebenen Erklärungen übernehmen wird. Die Offiziere und die Unteroffiziere der Kavallerie der Jjahrgäuge 1901 bis 1913 werden zu den Waffen gerufen. Kriegsberichterstatter erklären die militärische Lage für befriedigend. Die Offensive werde nach Beendigung aller Vorbereitungen wieder ausgenommen werden. HarsB, 7. April. (Havas.) Der ,Mmps" meldet aus Äthen: Den letzten Meldungen zufolge ^nimmt die Nrche.la^e der Gricchm tei Eski Schehic ka taftro- P^aley Umfang an. Die Griechen haben 8000 Mann Md'zahlreiche Offiziere verloren. In Athen herrscht große Piedergeschtagenheit. Die Niederlage wird aus die Unkenntnis der wahren Starke der kemallstischen Streitkrqfie sowie auf die Abwesenheit der nach der Rückkehr des Königs KönfWttn zürückgetretenen Affi-- ziere Mrüstg^fsihrt. .__ Anklage« grge« den rumänischen Minister Diarnandi. Aus Bukarest wird uns berichtet: In der Kammersitzurig. in welcher Take Joniescu die Ecklä Mg gegen bte Hahsüu Ler abgab, übte der D pntierle Coeea scharfe Kritik an der diplomatischen Orientierung des Außenministers. Er führte unter anderem aus, daß, während die. Tich§cho-^lowakef gegenüber den Habshurgern ständig auf dem „Qnj vivel" fei, Take Jonesru sich ausschließlich mit dpr russischen Gefahr beschäftigt habe und sich mit dem Abschluß der Wjanz.ftut Kosen begnügte. R'-dner erklärte den Kultusminister D igm-anhi als an dem heutigen ungarischen Regime für mitschuldig, ha er seinerzeit, ass er während der rumänischen Bffetzung bwollmüch igter Minister Rulnänions in Budapest wqr, nicht auf der Höhe seiner Aufgabe stand und ftine Pflicht nicht erfüll'e. Diamandi hätte es damals in der Hand gehabt, die Bildung einer aus progressiven Bürgern und gemäßigten Sozialisten besiebenden Regierung durchzusehen, welche eine ernste Bürgschaft für den Frieden tu Mi^eu''opa hätte bilden können. Anstatt dessen habe er mit seinem damaliW» großen Einfluß bas reaktionäre Regime re'ö"dert u^d unterstüßt, Horthy zur Herrschaft ve'h-alfen u'ch bafartf) indirekt dem Rellaurationsgedanken,den Näh'choden gskchgffen. Mnn der Exkönig Karl jetzt Nnaarn verlassen müsse, so sei dies nicht ans die freiwillige Haltung ^orttzvs, sondern auf den Druck der - RaKno^qestgaten,. der jedoch' nicht Nachlassen dürfe, zurückzusühren. Die „ErwachMden £ta$av»" wieder an . der Arbeit Wie jetzt aus Budapest bekannt wird, haben die „Erwachenden Ungarn" — diesmas Mter Führung des in her Sletnbrucher Malzfabrik garnffoniarenden Ehmanschen O ffiziersetachements --- am Karsainstag nachts in SteinbNlch sogenannte I u d e n r a z z i e n vorgenommen und den ganzen großen Begirk eine volle Nacht hindurch , in Schrecken gehalten. Nach bewährtem Rezept drangen sie in die Kaffee- und Gasthäuser ein, mißhandelten die Juden oder solche, die einem Juden"ähnlich'fahkn und schleppten sie dann in die Kaserne, wo die Mißhandlungen fortgesetzt wurden. Die meisten wurden bis zum nächsten Nachmittag in der Kaserne gefangen' gehalten. Als die Ehman-Leirke ihre Gefangenen unter fortwährenden Hieben und Stößen eskortierten, rief der Maschinist der bürgerlichen Brauerei Morg Schn ori? vom Fenster seiner Wohnung hinun er: „Schweinerei, wi^ die Menschen' geschlagen wechen." Ein Teil ' der Patrouille drang nun in die Wohnung des Schnorik, mißhandelte den MaM und seine Frau und schleppte schließlich den Mann in die Kaserne mit. Gegen Schnorik wird, obzwar er-gleichfalls einen Tag lang in der Kaserne gefangen gehalten wu-de, von der StaatsanwaltsHaft die Anklage wegen-Aufreizun g erhoben. Auf Grund dieser Anklage wurde Schnorik jetzt neuer-- ding.s verhaftet. Die Polizei war, wie gewöhnlich, bei solchen Akttonen der „Erwachenden Ungarn", unsichtbar. Gegen di« Ehman-Patoouille traut mau sich natürlich nicht vorzugehen und es gilt bereits als- Zeichen des Mittes, daß der Führer.jener Patwüillckt/ H'auptmann Friedrich Krem za, ffir die' Dauer ^üer Woche seines Dienstes enthoben wurde. . D'a^ es henke noch immer in Budapest Währlt^' ist. einerr schwarzen Bart zu tragen oder sonstwie einem" Jilden ähnlich zu sehen, mußte der erste Assistent ber^ Gynäkologischen Klinik, Dozent Dr. Rohonyi, vtnl esae^en Leibe vettpüren. R-shonyi,' der einer alten unga» rischen Zldelsfämi^'e enfftammtverliest am Ostersonntag urn zehn Ahr abend? die Klinik. Auf der Straß« wurde er von einer Ossiziersvatrouille, welche von einer Anzahl „Erwachender Ungarn" in Zivil verstärkt war, wegen seiner Judenähnlichkeit überfallen, mit Knütteln bearbeitet und, da er zu 'schreien begann, auch gestochen. Dödt D'r. Rohonyi liegt heule noch schwe'r-' verwundet auf der Klinik. Die RegrerrmfisbildNng in Prerchen.. Wie aus Berlin gemeldet wird, haben die Deutschnationalen die Bedingungen der Sozialdemokraten für den Eintritt in die Regierung ab gelehnt. Diese Bedingungen -verlangen 1. eine Erklärung, daß die Deutschnationale Volksparter auf dem Boden der republikanischen Verfassung stehe. Diese Bedingung wurde von der Volkspartü abgelehnt, da sie bereits in der Landesversammlnng für den Verfassungsentwurf gesümmt habe; 2. eine Erklärung darüber, <daß die Deutschnationale Volksparter^ die Fortführung der Demokratisierung wie bisher billige; 3. daß sie bei Abfindung der Hohen zolle ru nickst über die vom Fiuanzminister Südekum gesteckten Grenzen hinausgehe. Fyrds antiseMiSische PubM^Listteu irr UWLrika verboten. Aew-Dort, 6. April. (Jüd. Korr.-Bur.) Der Chef de« Poltzej v!>)g St. Louis„Mr. O'Vriap, hat erflärt, daß jeder, der Henry Fords anttsemitische Zeitung „Dearborn Jndependant" verkaufen ober deren Verkauf fördern und unterstützen wird, verhaftet werden soll. Ein ähnliches Verbot wurhe qnch in Detrpit (Mchigan), Henry Fords Heimatstadt, fassen. ___ jüdischer Gemelvdekongreß in Italien. Ro«, 5. April. (Jüd. Korr.-Bur.) Ende März hat in Rom der Kongreß der jüdischen Gemeinden Italiens stattgefunders, der sich hauptsächlich mit der Reorganisation dev jüdischen Gemeinden, nrit dem Schutz' des jüdischen .Kunstaltertums in Italien und mit der Emigranten fürs arge befaßte. Es wurde beschlossen, ein'jüdisches K u n stmuseum zu bilden. Weiters wurde allen Gemeinden zur Pflicht gemacht, die TätiMt des Emtgr^ntenkymitees mit allen Kräften zu unterstützen. In das neue Zentralkomitee der jüdischen Gerneinden wurden vier Z io niste n gewählt, vvn welchen Felice R a v e n Na und Angelo S u ll am die Posten der Vizepräsidarlbcil bekleiden. Als. PrüfidLnt wurde^ ReMmrwalt AngM gewählt-