Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 784 (2.4.1921)
- Date
- 1921-04-02
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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SöftfiT töten, Samstag ^7- ' / Aach Frankreich gegen die Habsburger. -- Pari», 1. April. (Fuuklprnch.) Dir französische Rrgiermig Hai durch d« Schritt ihres Vertreterin Budapest und durch pk Zirkularnotr au alle französischen Vertreter im AuSlande deutlich kund getan, das; sie gegen die Wiedereinsetzung «neS Habsburgers in Ungarn sei; di« frotyöstschr Regierung allein ist Kerechtigt, im Namen Frankreichzu sprechen. Ueberdies hat Ministerpräsident Dc:and den Vertretern der verbündete« Mächte, Namentlich dem Vertreter Italiens und Rumäniens gegenüber, -eine gleiche Erklärung abgegeben. Die Maßnahme« Jugoslawiens. Berlin. 1 April. „East Europe* meldet aus Belgrad: Die Mgoslawrsche Regierung hat folgende Beschlüsse gefaßt: Die Wiedereinsetzung der Habsburger ans den ungarischen Thron wird von der jugoslawischen Regierung als easns belli betrachtet- Drei Armeekorps. Belgrad, Agram und Novisad, werden sofort mobilisiert. Wen» sich ein Habsburger des »ugarischeu Thrones bemächtigen würde, würde Jugoslawien folgende Repressalien üben: DaS Kohlenbecken von Fünfkirchen würde endgültig besetzt werden; ebmso würde die Stadt S z e g e d i » milttärisch besetzt werden. Kriegsfall für die Tscheche«. Berlin, l. Avril. Die „B. 3." meldet aus Rom: Der Achecho-slowakische Gesandte hat im Anstrage feiner Regierung hem Minister des Arußern Grasen Sforza davon Mitteilung gemacht, daß ein Verbleien des Exkönigs Karl in Ungar« seitens der Tschecho-Slowakei über eine bestimmte Frist hinaus nickt geduldet werden könne und als Kriegsfall angesehen werden müßte. Die nugarische Regiernng sei von Prag ans entbrechend verständigt worden. Neue Erklärungen Dr. Venefch'. Prag, 1. April. In der heutigen Sitzung des Senats yab Minister des Aeußern Dr. Bene sch, wie gestern im Abgeordnetenhause, eine Erklärung über die durch die Ereignisse in Ungarn geschaffene Lage und verwies darauf, daß in Zentraleurvpa seit einem Jahre davon gesprochen werde, daß aus England, Ameriür und Südamerika. Kredite und wirtschaftliche Hilfe kommen, müssen. Die Situation werde nun durch ein so verbrecherisches Abenteueraugenblicklich zurückgeworfen. Dies bedeute für Oesterreich und Ungarn eine neue schwere Situation, bedeute düe Zerrüttung der wirtschaftlichen Verhältnisse, eine Erschwerung der Weltkrise und anderes. Durch diese Verhältnisse werde allerdings Ungarn am meisten leiden. Es ist klar, daß, bevor wir die Brücker Verhandlungen fortsetzen, die Lage geklärt sein muß. Die tschecho-slowakische Regierung wird diese Ereignisse dazu rrenützen, um im Einvernehmen mit ihren Verbündeten einige Angelegenheiten zu lösen, die den Frieden m Zentraleuropa bedrohen. Es sind dies insbesondere die Frage West Ungarns, der habsburgischen Dynastie, die Frage der Demokratie in Ungarn und schließlich bie der Abrüstung. Ungarn dementiert alles. * Budapest, 1. April; (Nng. Tel.-Korr.-Bur.) Wiener Blätter fahren fort, über die Anwesenheit des Exkönigs Karl r» Ungarn die wildefienSensationSnach richten aufzutrschen. Die letzten Gerüchte sprechen bereits von der A n srufnug einer Militärdiktatur in Ungarn sowie davon, daß ein Teil der ungarischen Armee in der Stärke von 15.000 bis 30.000 Mann stch dem Exkönig zur Verfügung gestellt hätte. Trotz der von ungarischer Seit« wiederholt ergangenen authentischen Erklärungen fanden derlei abenteuerliche Nachrichten, die gefüssentlich m dru Mund von Reisende« gelegt werden, weitestgehende Aufnahme. DaS Ungar! che Telegraphen- Korrespondenzbureau wird von amtlicher Stelle zum wiederholte» Male zu der kategorischen Erklärung ermächligt, daß alle Nachrichten, die über eine Miluärdiktatnr, Unruhen in Westnngar«, Konstitnierung einer Gegeuregieruug und Uebergang einrs Teileher Truppen zum Exkönig Karl in die Welt gesetzt wurden, J c e t e x f a n b e n e 8 ügek find und weder in der Bevölkerung noch in der Armee i« Westungar», ebensowenig in anderen Teilen des Landes irgeudeine Bewegung gegen die gegen- .tvärrigen Träger der Staatsform m Ungarn konstatiert werden Horthy nicht zurlickgetreten. Budapest, 1. April. (Ung. Tel.-Korr.-Bur.) Die m einigen ^MSländischen Blättern erschienene Nachricht, wonach der Reichs- Verweser Ungarns Nikolaus von Horthy von dieser Würde zu- .rückgetreterr wäre und die Macht dem König Karl IV. übergebe» hätte, ist glatt erfunden und findet auch in der jüngsten SteAmigpahme des Parlaments ihre klare Widerlegung. Ungarische Nationalversammlung. > Drrvapest, 1. April. (Offiziell.) Für die heutige Sitzung bekundete sich das regste Interesse. Die Zugänge zum Parlament waren von dichten Schaven Neugieriger besetzt. Die Couloirs uttb Galerien Boten ebenfalls ein äußerst lebhaftes Bild. In den Diplomaten- ^ogen waren fast sämtliche ausländischen Missionen ver- Ireten. Man sah unter anderen de« englischen Dberkomnnssär Hohler, den französischen Legattonssekretär Vicomte de Rob ien, den italienischen AttachL La Vinzi, den serbischen Geschäftsträger Milvevics, den österreichischen Legattonsrat Seemann, ßerner mehrere japanische und türkische Diplomaten, s Bor Eröffnung der Sitzung waren die Parteien hjtqtn des eiuMbringenden Beschlußanträges zu einer Wiener MorgxnzeMmg 2. April IM _ Amerika verlangt einen Bericht. Rew-Dork, 1. April. (Tel. d. „3Bt. Morgenztg/) Unter dem Eindruck der Vorgänge bei dem Wiener Antisemitenkongrefi hat das ständige Komitee des amerikanisch-jüdischen Kongresses, bestehend ans de« Herren Nathan S t r a u s, Rabbiner StephenW is e, Morris Rothenberg und Vernarb Richards, beim Staatssekretär des Aentzern Herr« Hughes vorgesprocheu, um die Aufmerksamkeit der amerikanischen Regierung aus die Lage der jüdischen Flüchtlinge«« Wie» zu lenke«, die von Ansmeisnng «nd von Exzesse« im Zusammenhang mit dem Antisemitenkougretz bedroht find. Staatssekretär Hughes antwortete, datz «ach de« Informationen des Staatsamtes die antisemitische Propaganda von nnverantwortlichenPersonen betrieben werde, die ohne Einfluß seien. Er werde jedoch den amerikanischen Kommissär in Wie» beauftragen» über den Einfluß der antisemitischen Agitatoren ans die ö sterr ei ch is ch e Regierung z« berichte«. Die Sitzung begann um '^1' Uhr mittags. Der Wb geordnete Karl H e n c z brachte im Namen der Partei der kleinen Landwirte eine Resolution ein, welche besagt: Die Nationalversammlung als die ausschließliche gesetzliche Vertretung des ungarischen Staates und der nationalen Souveränität hat mit dem Gesetz- Partikel 1 vom Jahre 1920 ftstgestellt, daß die Ausübung der königlichen Gewalt seit 13. November 1918 aufgehört hat, daher die Ausübung der Gewalt des Staatsoberhauptes in den gewöhnlichen Formen der Verfassung unmöglich geworden ist. Aus diesem Grunde hat die Nationalversammlung, bis die Art und Weise der Ausübung der Gewalt des Staatsoberhauptes endgülttg geregelt sein und die Würde des Staatsoberhauptes tatsächlich übernommen sein wird, zur provisorischen Ausübung der Agenden des Staatsoberhauptes Nikolaus v. Horthy gewählt, der die Ausübung der Gewalt des Staatsoberhaupts in dem durch das Gesetz festgestellteu Rahmen entsprechend seinem der Nationalversammlung geleisteten Eide ausübt. Die Nationalversammlung hat diese Tatsache rn dem Gesetzartikel 2 vom Jahre 1920 inartikuliert und von diesem Zeitpunkt angefangen übt er auch tatsächlich «ach dem Willen der Nation die Gewalt des Staatsoberhauptes verfassungsmäßig und gesetzmäßig aus. Nachdem der König Karl IV. unerwartet innerhalb ddr Grenzen des Laiches eingetroffen ist, so bedeutet dies eine Gefährdung der bestehenden Rechtsvrdnung und infolgedessen spricht die 'Nationalversammlung aus, baß sie an der im Gesetzartikel 1 vom Jahre 1920 festgesetzten Rechtsordnung festhält, den Umsturz dieser Rechtsordnung, beziehungsweise eine jede darauf gerichtete Bestrebung auf das entschiedenste verurteilt und die Negierung anweist, eine jede einseitige Störung dieser ^Rechtsordnung zu verhindern. Der Redner verzichtete ans die Begründung seines Antrages. Abgeordneter Mesko (kleiner Landwirt) beantragte eine Resolution, die dem Neichsverweser Horthy den Dank für die Wahrung der Verfassungsmäßigkeit aussprjcht. Von. den Bänken der kleinen Landwirte aus wurde die National Hymne angestimmt. Alle Ab geordneten erhoben sich von ihren Sitzen und sangen die Nationalhymne mit. Sodann ergriff der Abgeordnete Aladar Balla das Wort, der an die Negierung eine Reihe von Anfragen im Zusammenhänge mit den jüngsten Geschehnissen richtete. Sodann ergriff der Ministerpräschent Gras Teleki das Wort, indem er ausführte, er wolle auch gegenwärtig aus die Anfrage des Abgeordneten Balla noch nicht antworten. Das unerwartete Ereignis, welches eingetreten ist, legt der Negierung gewisse Verpflichtungen auf. Die Regierung ist bemüht, diesen Verpflichtungen nachzukommen. Hierauf wurde der Antrag des Abgeordneten Hencz ilürgenonnnM, der Antrag des Abgeordneten Mesko nur mit Stimmenmehrheit. Die nächste Sitzung findet am 5. d. M. statt. Kundgebung des Wiener Gemeinderates. In her gestrigen Sitzung des Wiener Gemeinderates kam es ebenso wie im Nationalrat zu einer Kundgebung gegen das Abenteuer des Exkaisers Karl. Bürgermeister.Reumann verlas folgende, wiederholt von Beifall begleitete Erklärung: Der Gemeinderat der Bundeshauptstadt Wien spricht über den frivolen Versuch des Exkaisers Karl in Ungarn die Habsburgermonarchie zu errichten, die tiefste Entrüstung aus. (Rufe: Sehr richtig!) Der Gemeinderat ist sich dessen bewußt, daß durch diesen Versuch schwere Gefahren nicht nur für die ungarische, sondern auch für die österreichische und speziell für die Wiener Bevölkerung herausbeschworen werden könnten; daß der Bürgerkrieg entftsselt und kriegerische Verwicklungen, die neuerliche Blntopfer fordern, die Folgen dieses Streiches hätten sein können. Der Gemeinderat sprichst die Erwartung aus, düß gegen die in Wien wohneirben Anhänger der Absichten des Habsburgers, die gegen die Republik gerichtet sind, mit'8er rücksichtslosesten Strenge vorgegangen wird (Rufi: Sehr rjchttg!), damit künftighin ähnlichen ver° r&t-- des Wiener Gemeinderates gebe ich der Befriedigung Ausdruck, daß auch in Ungarn der Versuch der Wiedererrichtung einer Habsburgermonarchie in der Bevölkerung ganz und gar keinen Widerhall gefunden hat. (Ralfe: Sehr richttg! Bravo!) Die allgemeine Entrüstung in Wien Über den hock)verräterische« Streich des Exkaisers Karl und seiner Helfershelfer darf als weithin sichtbares Zeichen gelten, daß in der« Herzen der Mehrzahl der Bewohner dieser Stadt die Republik fest verankert ist und daß in ihr die Sehnsucht nicht existiert, wieder die Residenz eines! Habsburgers zu werden. (Rufe: Sehr richttg!) Der Wiener Gemeinderat spricht die Erwartung aus, daß! bei der Rückreise des Exkaisers den Wiener Boden nicht betreten werde. (Lebhafter Beifall.) * Wie wir erfahren, soll nur ein Teil der Christlichsozialen von dieser Kundgebung Kenntnis gehabt haben, so daß der Klub als solcher nicht dazu Stellung nahm- Eine Verhaftung wegen Hochverrats. Gestern nachts wurde der vom Landesgericht Wien weg«» brS Verbrechens des Hochverrats kurrcndierte Kommandant der in Csoth bestehenden Österreich»schen Legion, der ehemalige Major des Ublanenregiments Nr. 7 Heinrich S ch e i b l e, welcher sich den Decknamen Schweriner beilegte, aus Veranlassung der Polizeidirektion in Stockem«, woselbst er zu einem Besuche eingetrofsen war, verhaftet. Er wird dem Landrsgerichte ringeliesert. werden. __ Die Hilfsaktion für Oesterreich, Aus P a r i s wird gemeldet: Die Fmanzkommisfion detz Völkerbundes beendete Donnerstag abends die R e d r g i e r u n gj d e r Note, die sämtlichen Mitgliedern deL Völkerbundes gleich» zeitig zugeh cn wird. BiS dahia unterbleibt die Veröffentlich««-. Der Inhalt wird vorläufig nur auszugsweise bekanntgegeben werden. Bor Beendigung der Beratungen hat die Finanzkommisfion den österreichischen Gesandten E i ch h o f f zur Sitzung eingeladen. Präsident Sir Henry S t r a k o s ch betonte in seiner Begrüßungsrede das wnme Interesse, das die Finünzkommisfion an dem Wiederaufbau Oesterreichs nehme, sowie die Notwendigkeit eines engen Zusammenaibeitens aller beteiligte» Faktoren, damit das Hckfswerk gelinge. Der Gesandte sprach de» Dank für daS so bedeutungsvolle Wirken der Finanzkommisfio» auS. Die Finanzkomvnsstvn faßte den Beschluß, in der Zwischenzeit, während die Beantwortung der Note durch die beteiligte» Staaten abgewartet wird, eine Vertretung »ach W i e n zu entsenden, die das Finanzvrojekt in allen Einzelheiten an Ort und Stelle Vorzubereilen haben wird. Der Vertretung gehören an: A v e n o l, Fraser und der Däne Glücksstadt. Die nächste Sitzung der Kommisfion findet in vier bis fünf Wochen statt. _ Die DerLesung der Reparntionskommiffion. Paris, 1. April. Die Agence Havas meldet: Mit Rücksicht auf die wirtschaftliche Lage Oesterreichs und um die Belastung der österreichischen Finanzen durch die Kosten der österreichischen Sektion der Reparationskommission auf ein Mindestmaß herabzusetzen, hat diese beschlossen, die Sektton mit dem' 30. April nach Paris zu verlegen. Ein auf Aeußerste eingeschränktes Bureau wird in Wien verbleiben. Die Angelegenheiten Oesterreichs werden in Paris weit billiger besorgt werden können. Die österreichische Negierung hat sich mit diesen Verfügungen einverstanden erklärt. _ Die Konferenzen von Nom nnd Portorose. Die Konferenz in Rom soll nach den bisherigem Dispositionen am 4. d. M. zusammentreien. Seitens! der Ssterreichschen Regierung werben als Vertreter des Justizministeriums Ministerialrat Dr. Walker,neumrs des Finanzministeriums Miiristerialrat Dr. Patzauev und Sektions rat Dr. Schönberger teilnehmen. Die Leitung der österreichischen Delegation lotet» der österreichische Gesandte Und bevollmächtigte Minister in Rom Kwiatkowski innehabe«. Den Vorsitz der Konferenz in Rom dürfte Marquis Jmperiali führe«. An der römischen Konferenz werden Italien, Oester» reich, die Tschecho-Slowakvi, Mdslawien, Ungarn, Rumänen Mid Polen teilnehmen. (Wir haben am 27. März bereits, das Arbeid^ogrMwr der. Konferenz