Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 783 (1.4.1921)
- Date
- 1921-04-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette t _ Wien, Freitag___Wiener MorgenzeitANg 1. AstrUldLI ^r. 783 Fahrt vom Grasen Erdödy begleitet worden sein. Die Kolizeidirektion nimmt die Ausweisung des ungarischen Staatsangehörigen Thomas Grafen Erdödy dr Aussicht. Der Genannte wird überdies der Staats" Anwaltschaft wegen Verdachtes des Hochverrates «ngezeigt werden.; Don weite eit Berichte» fei folgend 's wiedergegeben: Nm 26. März 1921, um halb 5 Uhr nachmittags, passierte das Auto B XIV—7, welches von deniChauffeur Josef Schlögorer gelenkt war, die Grenze bei Hartberg nach Sinnersdorf. Der Chauffeur legitimierte sich mit dem Reisepaß der Bezirkshauptmannschaft Neunkirchen Nr. 1199. Im Auto saßen der dem kontrollierenden Gendarmen bekannte Thomas (Graf) Erdödy und eine Zivilperson, welche einen englischen Reisepaß auf den Namen Wilhelm Codo vorwves und durch denselben als Mitglied des englischen Roten Kreuzes legitimiert wurde. Die Gendarmerievrgane erkundigten sich bei den Insassen des Autos um deren Reiseziel, worauf diese erklärten, nach Roten-« türm zu fahren; da EiÄödy fein Schloß in Rotenturm hat und die Reisepässe in Ordnung waren^ wurde das Auto am Grenzübertritt nicht «gehindert. Auf ungarischen: Gebiete verließen die Insassen in Pinkafö das Auto und nahmen dort ein Mahl ein. Dann fuhren sie nach Rotenturm, wo sich die Besitzung des Thomas Erdödy befindet, weiter. In Rotenturm verließen sie das Auto und der obenerwähnte Fahrgast in Zivil entlohnte öen Chauffeur Mit 100 Franken und fragte ihn, „ob er wisse, wen er erfahren habe". Als der Chauffeur dies verneinte, erklärte er, er sei der Kaiser Karl. Nach einem Berichte der Grenzkontrvllstelle Salzburg wurden in dem am 25. März 1921 nach Wien durchfahrenden Pariser Schnellzug 38 Reisende fest-- gestellt; hievon waren zehn sogenannte bevorzugte Passagiere, die während der Zugskontvolle irw Zuge bleiben durften. ' Hievon waren sechs der Grenzkontrollstelle Person-- sich bekannt, die übrigen vier waren Prinz Ludwig Windischgrätz, ein ungarischer Unterhandlungs-- tonnnissär Dr. Halmajos, ein ungarischer diplomatischer Kurier Graf Szemszö und ein französisches Mitglied der Reparationsbmimission. Eine Person, die dem ehemalen Kaiser ähnlich gesehen hat, wurde vom Kontrollorgan nicht wahrgenommen. Aus der Einvernahme des Schlafwagenpersonals ergibt sich jedoch, baß vermutlich der gewesene Kaiser unter Halmajos zu suchen ist, denn der Schlafwagenkondukteur Mayer, ständig irr Paris wohnhafthat bei seiner Einvernahme angegeben, daß den Schlafplatz Nr. 8 im sechsten Waggon des Zuges ein zirke 32 Jahre alter Mann, auf den die Personsbeschreibung des gewesenen Kaisers paßt, innehate. Dieser Reisende händigt dem Schlafwagenkondukteur bei der Ankunft in Wien ein gräßeres Trinkgeld ein. Im Zuge sprach er um Französisch'. Was die Sicherheitsvorkehrungen anbetrisft, so wurden von der Wiener Polizeidirektion umfassende Lorkehrnngeu in Wien getroffen, um jedem Versuch einer Störung der öffentlichen Ruhe und Ordnung unverzüglich mit allem Nachdruck entgegenwirken zu können. Zu diesem Zwecke wurde die gesamte Sicherheits- und Stadtschutzwache in den Dienst gestellt und ein verstärkter Schutz der Regierungsgebäude, des Parlaments und des Rathauses verfügt. Außerdem wurde eine polizeiliche Ueberwachüng aller in der monarchistischen Bewegung hervorgeirctenen Personen angeordnet und wurden bei einzelnen auch Kousdurchsuchunge« vorgenommen. Der Grenzschutz gegen Ungar» wurde ebenfalls sofort nach Bekanntwerden der Angelegenheit sowohl auf der niederösterreichischen als auch auf der steirischen Strecke verstärkt. Die Gvenzkontrvllstellen sowie die in Betracht kommenden Landesregierungen wurden angewiesen, alben Vorgängen im Grenzverkehr das schärfste Augenmerk zuzuwenden und bemerkenswerte Wahrnehmungen sofort zu berichten. Der Bundeskanzler berichtete sodann über die Demarche der tschecho-slowakischen, jugoslawische und rumänischen Regierung in Budapest und ihr Verlange'., «ach Entfernung -es Königs Karl aus Ungarn. Schließ^ lich teilte er mit. daß der ungarisch« Gesandte um die Gestattung der Rückreise für Exkönig Statt durch Oester-- reich angesucht habe. Dieselbe werde im Einvernehmen mit der ungarischen und der Schweizer Regierung in der nächsten Zeit unter entsprechenden Vorsichtsmaßregeln durchgeführt werde». König Karl konferiert. Bnvapeft, 81. März. (XeUftontyO Rach soeben ei»« ^langten Nachrichten hat König Karl hente dem Grase« B a t t h y a n y auf seinem Gute i» Könnend einen Besuch abgeüattet. Im Laufe der TageS empfing « die Minister Doktor Gratz, Graf Telrki sowie die Grafen Bethlen und Andrassy« Rach längeren Besprechungen begaben sich Telcki, Bethlen Md Andrassy nach Budapest zurück, «ährend Dr. Gratz noch in Steinamanger verbleibt. Die Stadt ist vollkommen ruhig, mikr- Ärische Maßnahmen wurden nicht verfügt, ebensowenig bewahrdiktatur. König Karl erscheint häufig auf der Straße, wo er sich in großer M a r s ch a l l S n n r f o r m frei bewegt und von der Bevölkerung begrüßt wird. Ern Dementi. Budapest, 3y. Man. (llng. Tel.-Korr.-Bur.) In Verbindung nnt dem ohne Wissen der ungarischen verantwortlichen Persönlichkeiten erfolgten Besuch des EMnrgS Karl in Ungarn bringt das Wiener „8--Uhr-Blatl" Aeüßerungen des Srktionschefs Dr. Schager, wonach Oberst Lehar sich mit seinen Tmvpen dem König zur Verfügung gestellt hätte. Das Ung. Tel.- Korr.-Bur. wird von amtlicher Seite zur Feststellung ermächtigt, daß obige Behauptung eine tendenziöse Erfindung ist. „Die Brotfrage ist wichtiger als die Kömgs- - fragst. Es klingt wie eine politische Pikantere, daß der ungarische Kultusminister Josef V a s s einige Stunden vor Ankunft des Exkönigs Karl in Steinamanger in derselben Stadt dem Korrespondenten der Ungarischen Telegrapheuagentur in Steinamanger gegenüber den zitierten politischen Grundsatz als denjenigen der ungarischen Regierung bekanntgab. Kultusminister Vass weilte, wie aus den Berichten bekannt ist, während der Oster- . feiertage in Steinamanger, wo er politische Vorträgefür die intelligente' männliche Jugend - hielt. Bei diesem Anlaß gewährt« 'er dem Redakteur eins Unterredung, in welcher er unter anderem sagte: „Viel wichtiger als alle politischen Fragen sind heute die Fragen dev ^wirtschaftlichen Lage des Landes. Viel wichtiger als die Königs frage ist fr.ie 23 rot* ffrage." Der Minister breitete sich bann über die künftigen wirtschaftlichen Pläne der Regierung aus und berührte auch die Absichten,- welche efr als Kultusminister fite die nächste Zukunft - habe. Er faßte sein .Programm folgendermaßen zusammen: ,-Wir müssen die Grundlage für die wirtschaftliche Universität schon im Elementar- und Mittelschulnnterricht schaffen, Wir müssen alles aufbieten, um das Volk zu jener kulturellen Höhe zu erheben, zu welcher Ungarn berufen ist, damit es als eure. Scheidewand stehe zwischen dem-Balkan und dem Westen. Denn nur so werden wir den gebildeten Westen würdig vertreten." (Für die Wahrung dieser Würde sorgen die Banditen HorthYs. Die Md.) - Irr Prangnrs. Ein' Sonderberichterstatter des „Echo de Paris", der nach Prangins bei Gens geschickt wurde und dort vom Vertrauensmann des Exkaisers, dem 'Hauptmann. Werkman n, empfangen wurde, berichtet folgendes: ' Die -Exkaiserin Z' i t-ä 'liegt Augenblicklich) droch im Wochenbett- Auf dergroßen Wiese vor.-dem Schlosse waren die kleinen Prinzen und Prinzessinnen in leb- Haftern Spiele begriffen. Wennman den Erklärungen des Personals Glauben schenken darf, so erhielten diese von der Abreise des Exkaisers erst am M i t t w och f r it h durch die Blätter Kenntnis. Mau hatte ihnen gesagt, daß der Kaiser einen Anfall von Grippe hatte und das Betthüten müsse. Uebrigens hat sich Exkaiser Karl vor vierzehn Tagen durch ein Stück Glas, das' ihm in den Fuß gedrungen war, verletzt. Dienstag früh wohnte der Exkaiser noch der Messe in der Schloßkapelle bei. Am Mittwoch, etwa um 12 Uhr mittags^ verließ der Exkaiser-Prangins. Er nahm mit anderen Personen in einem Auto Platz, das er während des Kruges oft benützt hat. Von Prangins fuhr er nach N y o n, tvv er um 2 Uhr den von Genf kommenden Schnellzug bestieg. Man glaubt, daß, der Exkaiser, hie schweizerische Grenze bei Bregenz' oder in unmittelbarer Nähe davon überschritten hat. Pertinax verweist im selben Blatt auf den bekannten Brief Karls an den Fürstprimas Csernoch, in welchem die Rückkehr nach Ungarn für den Monat März angekündigt war. Kärnten trifft Maßnahmen. Kliagekfurt, 31. März. Ans Anlaß der Zeitungsnachrichten über das Eintreffen des früheren Königs von Ungarn in Steinamanger hat die k ärn t ne rische Landesregierung alle erforderlichen Maßnahmen getroffen, um ein Ueberschreiten der Landesgrenze durch Exkönig Karl ohne entsprechende Legitimation der Bundesregierung zu verhindern. Eine Erklärung -es Dr. Benesch. Pvag, 31. Mürz. Im Abgeordnetenhaus ergriff der Mnister des Aeußern Dr. Benesch das Wort und gab eine Erklärung über die Ereignisse in Ungarn. Er sagte u.a.: Das Abenteuer Karls gibt bezüglich der politischen Konzeption und -er Fähigkeit, derjenigen, welche au der Sache teilgenommen haben, ein Zeugnis dafür, daß die Kreise, die diese Politik befolgt haben, aus dem Kriege nichts gelernt haben und baß sie auch in Zukunft nichts lernen tverden'. Bor kurz« Zeit traten wir in Berührung zu Ungarn, um mit ihm gute Beziehungen anzuknüpfen. Einige Abenteurer -ringen mm plötzlich die ganze magyarische Nation in eine äußerst kritische Situation. Dies« wirauf lange Zeit neuerlich Erbitterung Hervorrufen. Auch Oesterreich wird in seinem Streben nach auswärtiger Hilfe durch die Situation in Mägyarien getroffen werden. Wir dürfen nicht znlassen, -aß -er Friede auf diese Weise leichtfertig bedroht wird. Ich fcjjfl noch hinzufügcn, -aß augenblicklich die Gefahr kriegerischer Konflikte nicht besteh t, daß aber die Regierung auf die Ereignisse so vorbereitet sein whrt>. Itakisns Haltung. Rout, 31. März. (Tel.-Komp.) Auf Grunh ekness Berichtes des Grafen Sforza hat sich der Ministerrat mit dem Handstreich Kaiser Karls beschäftigt und beschlossen, die Haltung Italiens nach der Entscheid! düng der Alliierten zu richten und sich an die' vom Obersten Rate ausgestellten Richtlinien zu halten,! die sich jeder Wiedereinsetzung der Habsburger in Oe ste r reich oder Ungarn widersetzntt, Eine allgemeine monarchistische Bewegung. Paris, 31. Mörz. Jacques Bairiville vergleicht , in der „Liberte" die Mise des Exkaisers mit der Rück-! kehr des Königs von Griechenland und sisht! in ihr ein Symptom einer allgemeinen mon--! archistischeu Bewegung, die bedrohlich werden j könnte. Auch in der Politik komme dem Gesetze der! Nachahmung gewisse Bedeutung zu; die ' Alliierten i müßten auf ihrer Hut sein.! Schweizer Stimmen. Berlin, 31. - Mürz. Die ,Deutsche Allgemeine Zeitung meldet aus Genf: Der offiziöse ,-Bun d" schreibt: .Aufweite Kreise übt der romantische und theatra'lifche Schritt des Exmonafrchest keine große Wirkung mehr aus. Interessant ist nur)! daß er von der Schweiz aus erfolgt ist. Das wird nun noch zu rÄren und zu untersuchen geben. Ein« Reise ■ des Exkaisers nach Prangins wüche kein Triuinphz u g sein. „Journal de Geneve" stellt fest, daß Exkaiser Karl sein der Schweiz gegebenes Wort gebrochen habe, Ünd erklärt, die Schweiz werde keinen gwßen Eifer zeigen, ihmdie T ürwieberzu8sfneit( und zu gestatten, ihre Gastfreundschaft noch zu genießen.' ' Die Pariser Presse ' Paris, 31. März. (Havas.) Die Presse verurteilt einmütig die Handlungsweise des Exkaisers' 5k a r l, da sie geeignet sei, den Frieden in Mitteleuropa ernstlich zu stören und Verletzungen der Friedensvertröge nach sich zu ziehen. Die Haltung des französischen Vertreters in Budapest wird vollkommen gebilligt. „Echd de Paris" erklärt.mit Rücksicht auf die Behauptungendes 'Exkaisers, wonach' dieser auf die Unterstützung der französischen Regierung rechnen dürfe: Karl hat sich auf vollkommen tendenziöse E i n f l ü st e r u n ge« verlassen. Die französische Regierung hat stets die Richtlinie befolgt, die ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Verbündeten entspricht. Die Fäufkirchner Arbeiter. Belgrad, 31. März. (Del. der ,Korr. "Herzog.) Gestern traf hier ein Abgesandter der Arbeiterschaft von. Fünfkirchen ein und ersuchte die Regierung, sich für das Verbleiben der jugoslawischen Besetzungsbehörd« in Fünfkirchen durch mindestens drei Jahr« einzusetzen, da andernfalls die dortige. Bevölkerung auf Gnade und Ungnade Kern Weißen Terror der Magyaren ausgesetzt wäre. Pole« «nd die Habsburger. . Die „Arbeiter-Zeitung" vom 31. März brachte efne angeblich von der polnischen Gesairdtschaft in Wien stammende Meldung, dergemäß Gesandter Dr. Szavota von seiner Regierung telephonisch die Weisung erhallen haben soll, von. der österreichischen Regierung zu verlangen. daß. sie die Rückkehr des Exkaisers Karl nach Oesterreich verhindere. Die polnische Gesandtschaft legt Wert darauf, festzustellen, daß diese Meldung auf einer Mrstifikation beruht und den Datsacheu nicht entspricht. Die polnische Regierung hat zur Rückkehr des Exkaisers Karl nach Ungarn überhaupt noch nicht Stellung genommen. _______ Das Budapester Königsspiel. —7. W r e n, 1. April. Die Nachrichtenüber den Verlauf des Putsches von Sternamanger widersprechen einander. Die Budapester Regierung, die über den Nachrichtenapparat verfügt und Westungarn unter strenger Klausur hält, erklärt ihre Position als sicher und stellt den Versuch -des Exkönigs als mißlungen hin. Sie dementiert auch die Meldung von dem Treueid des Obersten Lehar als tendenziöse Erfindung und hat den mrswärtigen Vertretern die Abreise des Exkönigs als sicher bezeichnet. Dagegen sprechen andere Meldungen von der festen Absicht Karls, nach Budapest zu marschieren und sich den Thron zu erkämpfen. So verworren all dieser Lärm klingt, so scheint doch festzustehen, daß sich die Entente von ihrer Verblüffung über den Streich des Habsburgers bereits erholt hat uwd durch den Oberkommissär Hohler der ungarischen Regierung ihren Einspruch gegen eine Restauration der Habsburger zur Kenntnis hat bringen lassen. Es sei auch, so wird wenigstens aus Wiener Ententekreisen mitgeteilt, gelungen, den begreiflichen Aerger der Schweizer Regierung zu dämpfen und sie zu einer Einreisebewilligung fiir den Exkönig zu bewegen. Es wäre in der Tat zu wünschen, daß diese Abreise bald geschehe, ehe die von Karl nntd seinen Paladinen angestrebte Pronuneiamenlo-Politik das Unglück noch vergrößern kann. Die Oeffentlichkeit Ungarns hat zwar erst nach vier Tagen von dem Besuch Kenntnis erhalten, aber in den von der Angelegenheit schon vorher unterrichteten Kreisen zeigte sich eine außerordentlich 'Jhciitfit -kfc kl. ffl «m. aktf kj« yiMiiHififMtti hoc äPifitn». daL dtzr KMMWM. Ä wbMfmmMm Wwbwtom. j&rfg .Er.yegMrg, die sMcuMu KMrajt stand zu -er