Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 779 (27.3.1921)
- Date
- 1921-03-27
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 77V Men, Smmrag Die sequestrierten österreichische« Güter Paris, 26-MLrz. (H'avas.) Der Senatsausschuß für auswärtige Angelegenheiten hat gestern die Prüfung des Tlbkommens, betreffend die unter Zwangsverwaltung stellenden .österreichischen Güter begönnen- Die Angelegenheit wurde behufs eingehenderer Prüfung vertagt; infolgedessen wurde die Wirksamkeit des Abkommens verlängert- Die Konferenz in Rom. Alle Staaten, die einen Anteil an dem Gebiete der ehemaligen österreichisch-ungarischen Monarchie erhalten, haben, treten am 31. März in Rom zu einer Konferenz zusammen, um über die Durchführung einer Anzahl von Bestimmungen der Friedensverträge zu beraten. Es sollen aus dem Vertrag von Saintt- Germain die Artikel 93,191, 193 und 274, aus dem Vertrag von.Trianon die Artikel 77, 175, 176 und 257 und aus dem Vertrag von Sevres der Artikel 1 behandelt werben. Diese Bestimmungen be-, treffen: Die von Aestervnch-Ungarrr während besKrieges getroffenen Ausnahmsvcrfügungen in Form von Req uisitionen - und Konfiskationen, die Fluß schiff ahnt, die Nationalität der juristischen Personen bei Handelsgesellschaften, die Regelung der Staatsbürgerschaft durch Gegenseitig- Psitsverträge, die-Rechte der im Kriege gefangenen, intern ie rten, eva k u kuier ten und ge flo h ene n Personen (auf Grund des Artikels 7 von Sevres), die Abgrenzung der Kompetenzen der gemischten Schiedsgerichte, die Hinterlegung der Reserven für die Sozialversicherungen ürch für die staatlichen Versicherungen, dis Regelung der Schulden und Forderungen aus der Vorkriegs- und Kriegszeit bezüglich der Währung und des Wechselku ses, bL F age der Pensionen und die Verhinderung von Doppelbesteuerungen. Es sollen auch Maßnahmen zur einheitlichen Behandlung von Kriegsyewinn, Steuerflucht und -Verheimlichung besprochen' werden. An der Konferenz nehmen teil: Italien, O e st e r r e i ch, Tschecho-SlowaLei, Jugoslawien, Ungarn, Rumänien und Polen. Diese 'Staaten werden sich verpflichten, 'so -rasch als möglich alle Vorkehrungen , zu treffen, die nach ihrer Gesetzgebung nötig sind, um den verschiedenen Klauseln. der neuen Abmachungen in gleicher Weises wie denjenigen der Friebensverträge vpn Saint-Germäin, Trianon und Sevres, soweit sie die Beziehungen ' dieser Staaten und ihrer Untertanen betreffen, auf ihrem- Territorium Geltung zu verschaffen. Wenndie 'Konferenz von Rom ihre Aufgabe erfüllt haben wird, wird Italien an die Einberufung der Konferenz von Portorose schreite». Wie uns aus Prag berichtet wirb, begibt sich morgen eine aus acht bis zehn Mitgliedern bestehende Delegation dertschechischen Regierung nach Rom. Die Abordnung führt-der bekannte ReMleMer Moftssor! K rernar. ' - ' Oesterreichs Lebens«tttel. ' Die Versorgung Oesterreichs ist gegenwärtig bis anfangs Mär aus den vorhandenen Beständen gesichert. In Brotgetreide wurden 70,2 Prozent, in Hafer 50,4 Prozent durch kontigentmüßige Ablieferung vom Land gedeckt, ve rstaatlichen Zuschüsse für die Lebcnsmittelsicherung belaufen sich' gegenwärtig auf yrehr als 21 Milliarden Kronen. Diese schwindelnde Höhe wurde durch den Rückgang des.Kronenkurses erreicht. Gegenwärtig sind für Oesterreich 35:000 Tonnen Edelgetreide unterwegs, von bewen sich 18.M0 Tonnen bereits in Triest befinden. 30.000 Tonnen Mais, sind aus Rumänien im Anvolleudurch die Unränve.rung des ganzen europäischen Wirtschafts. Wesens in kapitalistischem Sinne, die schließlich Osteuropa erfaßte, der Prozeß der Auseinandersetzung mit der Umwelt auch für die Judenheit des Ostens aktuell wurde. Um tn dieser Gärung unp Pewegung künstlerisch Bleibendes zu schaffen, bedurfte eS.'emeS wichtigen Faktors: der Fähigkeit, alle diese jüdischen .Wesenheiten als Ganzes zusammenzu. . fassens.. Dey diese Whigkeit besaß, mußte zum schöpferischen GepiuS dieser. Literatur werden. Abrahamowitsch, der sich Mendielc Nojchet*6focim nannte,'besaß diese Fähigkeit. Er sah mch'r' als den Teil deS jüdischen Problems, den der Maskil sah.' Daher konnte er nicht bei den maökili» schon Tendenzen,, welche die Grundlage seiner ersten Werke bilden, stehen bkeipch^Ressentiment, daS in dieser maskili. schon. Tendenz liegt, ist noch — jedoch wesentlich gewertet und objektiviert — in Mendcles „Kljatscher" und in seiner, herrlichen Erzählung von der Reise Benjamins des Dritten vorchanden. Aber MeNdele kam und mußte aus der Enge der satirischen Tendenz zur objektiven, künstlerisch-analytischen Erfassung des ganzen jüdischen Lebens feiner Zeit kommen» zu .jener geradezu naturwissenschaftlichen Gestaltung dieses Lebens, die ihn Mäubert an die Seite stellt und ou9 der, wje einmöl gesagt würde, das jüdische Leben dieser Zeit genau'rekonstruiert werden könnte, wenn von ihm auch keine ändere Kunde erhalten bliebe als MendeleS Werk. Dazu müßte Mendele komnren, denn er spürte, waS eben nur daS schöpferische Geniespürt: pie WirNichkeit in ihrem immer» wahrenden Fluß, dem durch einseitige Dogmen nicht JbnflU* kommen ist. Während die Haskala von gnädig gewährten Rechten träumte, die durch ästhetische Verschönerungen an der Judenheit erlangt werden, könnten, sah Mendel« die Wirklichkeit: eine unorganisierte jüdische Masse, in welcher jeder der von Mendele so köstlich beschriebenen Orte Glupsk, Kabzansk, Tunedajewka, deren Urbilder ja in der Wirklichkeit existierten, im Sinne ihrer Bewohner dm Mittelpunkt 45!etter M»rKe»zemmg 27. März 192! .Sette $ Ans« FABRIKATION BUUff8te Zl0arfttt«itspltx«n ans Bernstein, Ambrold, Meerschaum, Silber, Juwelith, Galalith, Kokos und Weichsel Baiflfsch« Holx-Mitrssanpfclffon sowie Pfeifen aus Meerschaum, Bruyere- und Bimholz ms Wolchselrohre and Hornsmindblss® Tobak« und ZlgOrottohdoson sowie alle Artikel der Rauchrequisitenbrandie fn YlOVfffflltrf durch den Verkauf meiner Erzeugnisse in Dfltn gf.it.. da nlchtverkaufte Waren U Vcfill&HSI den Nationalstaaten und dem übrigen Ausland. ÜEllt RlSmU zurficIgenommen wenden. I PHILIPP BERMANN,Wien VIT„ Mariabilferstrasse 66 Telegramme. Tagesbericht. * Kramaste I« der belgischen Kammer. Merlin, 26. März. Die „Deutsche Mg. Ztg.* uuldet auS Brüssel: Ju der Kammer spielten sich bei Beratung deS Gesetzentwurfes über die Z o l! r e g e l» » g für die deutschen Warm h e f t i g e S z e n e» ab. Ein Teil der S o zi a l i st e n ließ erklären, daß die Mehrheit ihrer Abgeordneten sich der Abstimmung enthalten würde, da die angewendeten Strafmaßnahmen Belgien mehr treffen als Deutschland und sie nicht überzeugt seien, daß die Zwangsmaßnahmen rechtlich zulässig seien. Diese Erklärungen gubrn Anlaß zu heftigen ProtestLnßentttetn anderer Sozialisten, welche daS Gesetz befürworteten, da eS sich gegen die deutschen Kapitalisten richte, die alle Kriegsschulden bezahlen müßten. Minister deS Aeußern I a s p e r gab sich alle Mühe, die Sozialisten, die sich der Stimme enthalten wollten, zur Abgabe ihrer Stimme zu bewegen. Infolge mehrerer Zwischenfälle entstand ein Tumult, so baß die Fortsetzung der Sitzung nicht möglich war. Die Teilung Oberschlefiens. Paris, 26. März. (Funkspruch.) „Petit Parisien" erfährt, daß der Vorsitzende der. oberschlesischen Abstimmungskommission, General Lerond, den deutschen und den polnischen Abstimmungskommissär aufge fordert habe, ihm ihre Vorschläge über die T r ennungSl in.ie zwischen dem polnischen und dem deutschen Teil von Oberschlesien zu übermitteln. Gegenangriff der Ke«aliste«. Paris, 26. Marz. (Funkspruch.) Nach Meldungen aus Konstantinopel haben die Türken Verstärkungen erhalten und gegen die vordringenben griechischen Trupen einen Gegenangriff unterniommen, bei dem sie 1700 Man« gefangengenommen uud 20 Kanonen, erbeutet haben. Profeffor Einstein »ach Amerika abgereist. Amsterdam, '26. März. (Privat.) Professor Einstein hat seine Amerika-Reise, die er zur Vorbereitung der jüdischen Universität in Jerusalem unternimmt, augetreten. Der Dampfer, auf dem er reist, verliest Amsterdam am 23. März. In Plymouth trifft Einstein mit den übrigen Mitgliedern der nach Amerika fahrenden zionistischen Delegation, unter Stthrung von Professor Weitzmann, zusammen. Wie gus NewiAork mitgeteitt wird,, hat der Bürgermeister von New-Iork eine Deputation zum Empfang der Delegation znsammengestellt. Einstein hat sich auf wiederholten Wunsch einiger amerikanischer Universitäten prinzipiell bereit erklärt, anläßlich seines Aufenthaltes dort Vorlesungen über die Relativitätstheorie zu halten. der Welt bildet, einer Welt, die durch die Enge deS Raumes unproduktiv und in gewisiem Sinn asozial werden mutz und daher nicht von Dauer fein kann. In der Prophetie seiner dichterischen Konzeption sah Mendele die schwere Erschütterung voraus, die dann wirklich kam» und da legte sich neben seinem sozial gerichteten Ressentiment die Liebe zu dieser Welt, eine wehe Liebe. Es ist eine gewissermaßen vorweg» genommene Romantik, die aus MendeleS Werken spricht, realistischverdichtet durch eine aus einer Art von Haßliebe stammende Fähigkeit, zu analysieren. AuS diesem romantischen Realismus kommen MendeleS unübertreffliche Schilderungen der Unproduktiven, der »Batlonim", wie in »Fischke der Krumme" und der aus der unorganisierten jüdischen Welt Erwerb ziehenden Gemeindewohltäter in der »Klinische". Das dichterische Werk MendeleS, welches in der Hauptsache vor 1890 entstand, konnte das Fundament für einen mächtigen Bau literarischer Schöpfung bilde«. Dazu legte auch die Grundlagen des Dichters sprachschöpferische Genialität. Sie, zusammen mit seiner realistischen Romantik, befähigte ihn, der Sprache, die.an und für sich der feinsten Nuancierungen fähig ist, die für seine musivische Darstellung nötigen Farbensteinchen zu entnehmen und wundervoll zu? sammenzufügen, und daS ganze ergab dann ein sprachliches Instrument für die dichterische Erfassung deS ganzen jüdischen Lebens,^das feiner selten gehandhabt wurde. In Darstellung und Ausdruck mag Mendele vielleicht von einigen russischen Borbilder« realistischer Romantik irgendwie zetstromungSmätzig beeinflußt sein. Doch dies ist bedeutungslos gegenüber seinem schöpferischen Werke einer Zusammenfassung des jüdischen Lebens, wie sie in wahrhaft modernem dichterischen Sinne kein zweites fßUA geglückt ist. So ist MendeleS dichterisches Werk der erste und zugleich höchste Gipfelpunkt der künstlerischen Verwirklichung jener Strömungen und Strebungen, welche zmn Aufblühen der modernen jüdischen Literatur führte«, Dr. Siegfried Schmitz. Jüdische Franenarbeit. Die Arbeitsschule für Mädchen und Frauen in da« Praterftratze. — In »ier fahren 4500 Frauen bti schäftigl. — Die MittelstandSfran als Heirnardetterinj — Die Tochteranstalten in Vglizien. 1 Im ersten Kriegsjahre, als btx Mässenzüstvom der?, Kriegsflüchtlinge aus Galizien und der Bukowina be* gann, gründete Frau Anitta Müller die ArbeitAschule für Mädchen und Frauen. 6 Monate nach best Gründung standen bereits 949 Frequenbautiuneu Ausbildung und innerhalb Jahresfrist war ei« wachs von 1516 Zöglingen zu verzeichnen. Das in der ersten Kriegszeit. , Es erscheint nun zweckmäßig, einige Daten über die. Entwicklung und über die Leistungen dieser Arbeitsstätte in den letzten Jahren mitzuteilen, schon um zu zägen,^ wie gehässig und verlogen däs Märchen von der „jüdi-tz schen Arbeitsscheu" ist und der antisemitische Kamp früh von der „arbeitslosen jüdischen Plusmachevei". Jnnev-' halb der letzten vier Kalenderjahre Hatdie Arb eits schule der „Sv zialen Für sorg« Anitta Mülles 4500 Frauen und Mädch>^ beschäftigt. An Arbeitslöhnen fmb in den vevflossenen vier Kalenderjahren weit mehr als 2 Mblionen 5kronen bezahlt worden. Gegenwärtig melden fichj durchschnittlich im Monate an 600 Fraüeu ««d Mädchen zur Uebernahme von Heimarbeit. Bei genügender Fertigkeit erzielen diese. Heimarbeiterinnen durch ihren Hausfleiß einen Tagesverdienst von 100 biss 120 Kronen. Es sind fast durchaus Mittelstandsfrauen, die von dieser Verhienstmöglichkeit Gebrauch machen. Die unangebrachte Verschämtheit, die in den erste» Tagen der Arbeitsübernahme bei dieser oder jener Frau zu bemerken ist, weicht rasch dem Stolze und der Sicherheit, welchen die Arbeit und das befreierche Gefühl, sich selbst zu helfen, verleihen. Die Erzeugnisse dieser Arbeitsschule sind Ikunst- , gewerbliche Produkte von Eigenart und hervorragendem Geschmack und als solche längst gewürdigt. Insbesondere das zahlungskräftige Ausland sucht diese weiblichen Handarbeiten. Erstklassige kunstgewerbliche Kräfte sind als Lehrerinnen tätig und erhalten das Institut auf der Höhe, die Ausstellungen, welche wiederholt im Auslande veranstaltet wurden, brachten ganz unerwarteten materiellen und moralischen Erfolg. Weißstickerei- Dipointarbeiten, Modesachen, insbesondere gestrickte und gehäkelte Jacken, finden großen Absatz. . Besonders bemerkenswert jst es, daß Puch ältere Frauen hier Arbeitsgelegenheit finden. Es. wird an sie eine jetzt beliebte Art weiblicher Handarbeit vergeben,, die keine besondere Anstrengung des Au<!es utzd der Harck erfordert. Oft kann man an der Uebetttrhmsstelle der angefertigten Arbeiten Enkelkinder sehen, die bringen« was die Großmutter augefertigt hat. 0 Im Archiv her „Sozialen Fürsorge Anitta Mülles liegen ganze Mappen angefüllt mit Briefen ehemaliger Schülerinnen. Sie sind ein kostbares Zeugnis, wie diese Anstalt aus der Not des Tages entstanden-in die Ferne gewirkt hat, wie die Zöglinge in ihren neuen Wirkunsl^- kreisen weiter arbeiten und andere zur Arbeit anre^rn-j Schon vor Jahren hat übrigens die Leitung dieser Arbeitsschule mit Glück danach gestrebt, in den erreichbaren Ländern jüdischen Massenelends derartige Tochter-, anstalten zu gründen. In K-olvmea und Uszczyki Rzeszvw und Dolina, Tarnow und.Lemberg blühen solche Arbeitsschulen. Die zuletzt genannte Le mberger jüdische Arbeite schule ist ohne Einflußnahme der Wiener Institution entstanden und entwickelt sich ganz außerordentlich. Erst jüngst erhielt Frau Anitta Müller - eine».^-We»a«S erfreulichen Bericht der Leiterin, Frau -Dr. Zäzilia Klaften, welcher von einer Anzahl interessanter Lichtbilder begleitet ist. Mit Rührung und Genugtuung sieht man diesen Bienenfleiß jüdischer Mädchert and Frauen an der Arbeit und sieht mit Zuversicht in-die Zukunft^ Das J«ter»Ierte»lager tn Pilisesaba. Wir wissen schon — schreibt der „Jüdische Preßbericht^ — was ein Jnterniertenlager in Ungarn bedeutet. Was aller im Lager von Pilisesaba, wo die Ostjuden vor ihrem Abschub interniert werden, p«ör sich geht, das spottet jeder Beschreibung. Im Nordlager sind ungefähr 4000 Juden untergebracht. Die Zahl fluktiert da jeden Tag neue Transporte kommen mtö gehen. Die Internierten sind in Holzbaracken zusammengepfercht. Ein Augenzeuge schildert uns die Verhältnisse im Lager folgendermaßen: „Die Baracken firch total verwanzt und verlaust. Männer, Weiber, Kinder liegen nebeneinander; die Nacht ist unerträglich kalt. Die Fetzey —die sie Decken nenne«—schützen vor Kälte nicht. DM