Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 772 (20.3.1921)
- Date
- 1921-03-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 772 Wien, Sonntag Wiener MsrZenzeitnttg .50. Mürz 122! Seile $'■ |v ,, . Mayr i« Part». v'**f , Pari») 19. Mär;, lim die bei der L»»do»er^ Aväserenz dm Entschließungen der franMschen Regierung Vorbehalten Versorgung Oesterreichs mit unentbehrliche» Aushilfen ««Kohle durchzusrtzen, hat der österreichische Bundeskanzler Dr. Mayr bei seiner Rückreise aus L«8don in Paris Aufenthalt genümmen. Der Bundeskanzler ist mit allen nmßgtbendrn Personen in Fühlung getreten, um mit allem Nach- >:ucke die Lebensbediirfnissr des österreichischen Volkes klarznlegen. I ■ Paris, 19. März. (Havas.)' Bundeskanzler Dr. Mahr machte um 19 Uhr vormittags in Begleitung dach .Gesandten Eichhoff einen Besuch bei Leon Bourgeois. Um halb 11 Mr stattete der Bundeskanzler in Begleitung der BundeSminister Dr. Grünberger und Dr. Grimm sowie des Gesandten Eichhoff dem Präsidenten der Rzpublik Millerand einen Besuch ab. ■ Mittags hatte der Bundeskanzler eine Besprechung mit dem Vorsitzerrden der Botschafterkonferenz Jules Earnbon. Sämtliche Blätter befäfsen sich mit der Oesterreich zu leistenden Hilfe.' ' i: „Economiste Europeen" veröffentlicht einen ausführlichen Artikel über die verzweifelte Wirtschaftslage Oesterreichs und über-die Mittel,-wie ihr abzuhelfen wäre. Der Artikel weist darauf hin, daß-der hauptsächlichste Grund der Notlage der Tiefstand der Krone sei, und erwähnt, daß sich für den Staat bei dem Verkauf v.on Lebensmitteln allein ein Defizit von 21 Milliarden ergebe.» Hier sei der Hebel anzusetzen. Paris, 19. März. (Havas.) Der „Temps" entbietet dem österreichischen Bundeskanzler Dr. Mahr seinen Willkommengrüß in einem Artikel, in dem er zunächst erklärt, daß di« französische Regierung die Wiederaufrichtung O e sterreichs und die A u f r e ch t e r h a lt u ng seiner Unabhängig!eit wünsche. Das Matt befaßt sich sodann mit den augenblicklich zur Debatte gestellten Fragen. Die Frage der Auslieferung des Goldschatzes der Oesterreichisch-ungarifchen Bank scheint dem Blatte, wie groß ihr Ernst auch, in den Augen der Oesterreicher sein mag, weniger wichtig, als der Gedanke, den Artikel 197 des Vertrages von Sain-Germain aüfzuheben. In Oesterreich wie in Deutschland kann die Reparationskommiffion ihre Befugnis durchaus behalten/ohne daß dem Schuldner unrecht geschieht, und, man könnte ihr keine dieser Befugnisse entziehen, ohne Gefahr zu laufen, daß man den Gläubigern, unrecht tue. i: Die Srekz«ssis»-B««ts» «iiffe» hrlfs«. Paris, 19- März. (Funlspruch.) „Petit Parisien" erfährt, daß^man in Paris an eine unmittelbare Hilfeleistung für Oefterreich d u r ch d i rekte w i r t s ch a.f t l ich e Derer nb ä r ü n g e n - O e.ste rreichs. Mt seinen Nachbarstaaten denke. "■* . f' >; Die Hetze gegen Priilat H««ser. Das „Linzer-Dolksblatt" veröffentlicht.eine von sämtlichen ' chrrstlichfozialeN Landtagsabgeordneten -gezeichnete ' Kundegchnng. des christlichsozialen Larchtagöklubs, worin dieser die Angriffe, dieün.derWiener monarchistischen „Staatswehr" gegen Landeshauptmann Hauser gerichtet werden und den Anschein erwecken möchten, als ob der Landeshauptmann eine Politik befolgt hätte, die mit jener der übrigen christlichsozialen Führer und Abgeordneten nicht übereinstirnme, verurteilt. Die Haltung Hausers während des Umsturzes und--nachher habe den Grundsätzen der^ällgerneineu christlichsozialen Politik vollkommen entsprochen. Diese Politik sei auf die Erhaltimg des staatlichen und kirchlichen Friedens gerichtet.. (Den Christlichsozialen ist.'diese Erklärung sehr sauer geworden.-—Red.) Jeder Jude spendet für den Jüdischen Nationalfonds J in diesem «Jahre mindestens 100 Kronen %veineii Baum -‘"im - aar , Wenn jeder Juid^ Oesterreich?’seine 4||| . Pflicht J"*M - ., ■> . "» ' tut, erhält der Jüdische Nationalfonds V in diesem Jahre *r? 30 Millionen Krtmen - 8T;s IlWWWiWWWR'WWfWpiP II —-:—“W1 Das Stedkangsgesetz. Amtlich wird gemeldet: Der vom Ausschuß für soziale Verwaltung. zur Beratung des Wohnsiedlungsgesetzes gewählte Unterausschuß hielt gestern vormittags eine Sitzung ab, in der die Paragraphen 4 bis 21 erledigt wurden. Im Paragraphen 4 (früher 3) wurden die Punkte b (Vau- und Wohn-Heller)' und e (einmalige Leistungen für dem Wohnzweck entzogene Wohnungen)' gestrichen. Der hiedurch verursachte Entgang von Einnahmen wurde durch Erhöhung der Beiträge aus Bundesmitteln über Antrag des Referenten Schmiß mit der Summe von 100 Millionen Kronen festgesetzt. Sollte auch der Punkt e (Wochenlohn-Kronen) gestrichen werden, so würde sich die Summe auf 160 Millionen Kronen erhöhen. Au Paragraph 6 wurde ein Antrag Schmiß angenommen, wonach die aus der Wochenlohn- Krone entstandenen Fondsmittel wieder nur zur Errichtung von Arbeiterwohnungen verwendet werden dürfen. Neu ein« geschaltet wurden die Paragraphen 8 und 9. Es wurde hier her Grundsatz festgelegt, daß in de» Regel Gemeinde und staatlicher Fonds"'ßleichmäM--bMKttagen■'• haMi. Doch sind Abweichungen möglich, flu Paragraph 16 (früher 16)' wurde ein Antrag Deutsch, den Akschnitt über Enrteignung von Grund und Boden, Baustoffen usw. aus dem Initiativantrag dieses Abgeordneten in die Regierungsvorlage zu übernehmen, a b g e l e h n t und die Regierungsvorlage mit geringen Aenderungen des Wortlautes angenommen. Die restlichen Besttmmungen werden , erst in dieser Woche beatten werden. rr. Setegramp^ '• f ' '•#%?> -'S-^ ' ' ’V 'vf'H Vor der Abstimmung in Obersthlefiem Berlin, W Marz. In einer Unterredung mit de« Berliner Vertreter der „Bveslauer -Zeitung" erklärt«; Reichswehrminister Dr. Ge ßler über die Lage int deutschen Osten: Unsere Feststellungen über die polnA schen Trnppenz ufammenziehungen an «yü deutschen Grenze haben uns zu. formellen VchxittWj Lei den Regierungen von Warschau, London, Paris 1ÜW Rom, beim Oberste» Rat und beim» Heiligen StuH veranlaßt. Man hat iuns gesagt, daß unsere Befürcht tungen 'grmcklos seien. Aber wenn wir auch däeW Versicherungen Glauben /chenkten, so bleibt bvW die W rahezu maßlose Sprache der polnischen /Kresse,, die.,.A^ klärt, baß in den strittigen Gebieten vollendtzLe Aatq fachen geschaffen wei-en müssen. Kaltes Blut bewahvW das ist das Gebot der Stunde. Mm Gegensatz Zu. Mttztz haben wir Deutsche an einem Duhrgen -l,.uo ordmeten Ber fat us der Wchfftimmung, di^ den Erfolg verbürgt, das. allergrößte Interesse. BMW, ÄS. Marz. '(WolW-DJe.' schwere polnische Ueberg^iffe Mr den vbeiWldsischm Kreisen Rybnik, Pleß iund ' dem' Landkreis Kattow^ werden von zuständiger Stelle bestätigt- Kn einzelr Teilen der Kreise, besonders.-aus dein Lände, herrst polnischer Terror. In vielen'LaniMmeindeN rs^ es den deutschen Mitgliedern der Wählb-nreaus rric möglich, ihre Tätigkeit auszuüben, da sie Gefal von den polnischen SvLoln ermordet,zu. \ ' \ Rachel. M Fu ihrem hundertsten GehnrtÄag. Von Dr. M. Gruuwaltz. Schon aus. dem Altertum find uns die Namen jüdischer Schauspieler überliefert, an den Höfen der kunstlicbendeu Herzoge von Döantua und Ferrara im 16. Jahrhundert , finden tvir verschiedene jüdische Künstler, gegen Ende des 18. Jahrhunderts wirkte in Arnsterdam eine Judenoper überaus erfolgreich und deren Mitglieder erhielten sogar Zutritt zu Höfe. Um dieselbe Zeit erfreute sich in England der Sänger John Abraham, der sich den, Künstlernamen John Braham beilegte, des größten Rusts. Sein Zeitgenosse in Deutschland war.der geniale Bogumil Davison, gestorben 'im Jahre '1872. Eigentlich schön vor Davison leuchtete am Himmel der dramatischen Kuß st noch ein anderer Stern jüdischen Ursprungs, der'an Glanz selbst den des vielgefeierten Davison überstrahlte. Es war Elisa, Ra ch e l Felix, Lerühmt als die „Rachel". Sie wurde am 24. März 1820, nach anderen am 28. Fehriiär'18'21, im Schtv-eizer Kanton Aargau geboren. Ihr Vater, Jacques Felix aus Metz, wanderte als Hausierer mit Weib und'Kindern, von Dorf zu Dorf. Seßhaft wurde die Familie zuerst in Lyon, seit 1830 in Paris. Rachel und die ältere Schwester Sarah mußten als kleine Kinder mitverdienen., helfen. Sie dirrchzogen die Pariser Kaffee-, und Gasthäuser, wo sie sich mit Gesang, Borträgen und Orangenverkauf ein paar Sous verdienten. Rachel jvar elf Jahre alt, als Charon, der'Direktor der Schule für Kirchenmusik, auf. sie aufmerksam wurde, und' sie zur Aufnahme in die Deklamationsschule St. Aulaires, eines Mitglieds des Theatte francöise, empfahl. Bald erkannte er, daß ihrer Stimme zur Sängerin die Elastizität des Tones fehlte. „Das klciye Wunder", wie sie damals von der Kritik genannt wurde, spielte mit fünfzehn Jahren zum ersten Male in einer Schüleraufführung.. Der Kassier des' Theatre francaist, welcher der Borstelümg beiwohnte, war von dem Spiele der kleinen Jüdin so überrascht, daß er sogleich de-tt Direktor der Comedie jMcM;te: WaM-cta Jßlafe 4| ,h ©et Kamps gege« -ietzSysesch. Berlin, 19. März., Der' lAnsstPrßzur 8es Entwasftmngsge se tzes' hat- 'heute MchpiittlM deH .Entwurf in erster Lesung erWigt'.^.-WebeL wurfW starve .Abänderungen getroffen, M isichfMstmbiLrs H die ^Auflösung der betresstnden WcxiNigMrgsn ' "" auf den Einfluß.ber^LaT^sbetzöME^ .. nung beziehen. Die Krise r»LKe«UgfiMWr« ''^O^ssIuWsttzieMNW-.^' M-ilai»,. iaJ . ber^italienischen Jndustrie.nimmt. einewMmer Umfang an. Heute hat die größte. Mstall-fabrik von, Florenz, „Ofsicina Galileo", dewBetrieb' gesp^wt. DaUsende Arbeiter sind beschäftigungslos. Auch die ^großtz .Pneumatikfabrik Mchelin in 'Turin hat./3M(WObei1ev " Msfisch-MrstiMrMWas^^, Moskau, 19. Marz. (Funkspruch.)'. Der Kvischeu^Kutz^ lernt» und der Türkei abgeschlossene. Bertrmr enthält mideven folgende Besttmmungen: Die Türkei tritt das (Ssßieij von Datum an Georgien ab. Dieses Gebiet erchält ei ausgedehnte Autonomie; der abgabefreie Transitverkehr dieses Gebiet wird der Türkei zugesichert. Me vor diesem^ Werttag zwischen Rußland und der Türkei abgeschlrffsenens Verträge werden außer Kraft gesetzt. Die finanziellen pflichtungen der Türkei gegen das.zaristische Rußland die Rußland aus der Kapitulcttion^uAcheyden.RWK außer Kraft gesetzt. ' mi'nmamemmmm wiiiiii >>, >, mmernm ti-J-1 im Konservatorium und ein Stipendium verschaffte. Ihr Gönner starb jedoch ball) darauf und die Rachel hatte wieder mit der Not des Lebens zu kämpft». Im Jahre 1837 engagierte sie der Direktor des Theatte du Ghmnase. Er setzte in ihr Talent so höhe Erwar-. tungen, haß er eigens für sie von Paul Düpon ein Vaudeville „La Bendenn^ schreiben ließ. Aber als sie in der Hauptrolle anstrat, mißfiel sie so gründlich', daß ein hervorragendes Mitglied des Theaters ihr den Rat erteilte, die Bühne zu. verlassen. Aber Rachel ging zu. dem berühmten Schauspieler Samson und bat ihn um sein Urteil. Dieser erkannte ihre Veranlagung, er führte sie der Tragödie zu und unter Samsons Leitung studierte sie die großen tragischen Rollen, in denen sie später so große Triumphe ftiern sollte. Am 12. Juli 1838 betrat sie als Camille in den ,^H'oratiern" des Corneille die Bühne des Theatte franeaise mit solchem Erfolg, daß sie sofort engagiert tvurde, und die gesamte Pariser Krim war von^der Leistung des neuen Sterns hingerissen. Bon diesem Tage galt die Rachel als beruftni den Geist der alten klassischem Tragödie in Frankreich neu zu beleben, aber allerlei Intrigen bedrohten ihre künstlerische Laufbahn. Da ttot für sie der tonangeberLe Kritilftr Jules Janin auf den Plan, der damals die Pariser Theaterkritik beherrschte. Damit war ihre Zukunft entschieden. In einem Arttöel im „Journal des Debats" erwarb ihr Jani» die öffentliche Anerkennung und von nun an war Rachel die vergöttert«! Königin der klassischen Tragödie und man verglich ihre Darstellungen mit den klassischen Mrken eines Phillas und stellte sie über Talma, dm großen Tragöden des Empire. Ihre bedeutendsten Rollen waren die antiken Heldinnen eines Corneille, Racine und Voltaire. Sie hauchte diesen Figuren, die Heine und viele ankere bereits totgesagt hatten, ein neues Leben ein und verhelf so dem Klassizismus über die dgnfM noch herrschende Romantik zum Siege. . ' * v"; Die Ursprünglichkeit ihrer Begabüng' ^og die' geistvollsten Schriftsteller an. In Alfred de Mussets nachgelassenen Werken findet sich eine launige Schill)«- rrrng kiWL M. Müsset kann nicht genug die Liebenswürdigkeit! geistreiche Anmut schildern, mit der die Rachel, 'zugleich Wirtin, Köchin und Bedienerin, auf Zinntellern ihre frugalen Genüsse serviert«. Ihre witschcffttichtzu Verhältnisse lagen damals nicht zum besten. Sie nmßÄe die ganze Familie ernähre» und besaß damals unv zwei paar Sttümpfe, die sie abwechselnd feDst wasche» rmrßte. Jeden Margen mußte sie zeitkvch aufftehtz«^ die Betten machen, das Frühstück bereiten und' ine Einkäufe besorgen. Was sie ersparte, verwendete sie aus den Einkauf von Büchern und bei «Hebern studierje sie mit eisernem Fleiß. Bis tief in die Nacht liest He mit Müsset die „Phädra", bis der Vater nnt rauHu Worten ihrer Lektüre ein Ende bereitet. Diefer Vaär trug übrigens, wie aus einer Bemerkung Kdines zu entnehmen ist, einen besonderen Familienstolz zur <Nchau und scheint darüber gewacht zu haben, daß Rachel sich nicht übereilt vermähle. Daß es ihr an Bewerber» nicht gefehlt hat, ist aus den zahlreichen Versen zu lesen, in denen sie angeschwärmt wurde. Ihre Aermlichkeit und besonders das Befttcben des Vaters, das Talent der Tochter möglichst auszunützen, hmttrließ im Charakter der großen Tragödin den Zug einer mitunter übertriebenen Sucht, Geld zu verdiene», und ihre Ueberanstrenguug hat nicht in letzter Reihe den Grund zu ihrem tödlichen Leiden gelegt. Auf einer Tournee durch Frankreich' in der Jnnihitze '1849 spielte sie an 90 Tagen siebzigmal. Ihre Eltern und Gi> schwister jedoch überschüttete sie mit Beweisen zart-! lichster Anfmerksamleit, vor allem ihre jüngere Schwester Rebekka. Auch eine große Hilfsbereitschaft aufstrebende Talente wird an ihr gerühmt.; Im Jahre 1840 war Rachel endgültig vom Theatx^ franeaise mit einem Gehalt von 60.000 Francs enga-j giert worden. Sie hat dieser Bühne siebzehn JahÄq lang angehört. Die gewaltige Wirkung erzielte sie nicht! durch Schönheit der Erscheinung-öder die Macht äußereri Mittel. Sie war überschlank, man machte darauf de» Witz, „Mademoiselle Rachel kann nicht anders als magey sein, denn sie lebt nur von Racine" (was bekanntlich imj Französischen „Wurzel" bedeutet). Eine dämonische Ge^ wült^leg i» LW» L^Mn. schwgrM . di^^düg