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Wiener Morgenzeitung · 1921-03-18 · Heft 770 (18.3.1921) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
3 (1921)
Issue
Heft 770 (18.3.1921)
Date
1921-03-18
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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es» rmnti gifggq tggwgy wvygr wjcu«ng m'vuaf mn /M» nw} PolitischeRrytdschau. Cin jüdischer Städtebund. r Obwohl seit Beendigung des Krieges schon geraume sFett verstrichen ist. haben die verschiedenen Konferenzen, Verhandlungen und die ans ihnen hervorgegcmg-enen Verträge einen neuen Weltzustand, eine Ordnung und Stabilität in die politischen und sozialen Verhältnisse löurvpaS bisher nicht zu bringen vermScht. Eiye Fülle .von ungelösten Fragen Karrt der Entscheidung, die /Gegensätze im Kräftespiel zwischen den einzelnen, einander widerstreitenden Macht- oder Interessengruppen führen zu stets neuen Komplikationen, devrn Opfer selbstverständlich die schwächsten unter den Völkern und die einzelnen Minoritäten werden. Zu den vornehmlichsten Opfern dieser chaotischen Zustände gehört wie immer das jüdische Bol?. Die Atmosphäre des Hasse-, die Verwirrung, welche für bas stets erneuerte 'Hervorbrechen der durch den Krieg an gepeitschten Instinkte einen trefflichen Nährboden bildet, hat im Osten Europas, wo der Kampf der politischen Systeme sich in den größten jExtremen bewegt, wo alles im Flusse ist, und für weite Debiete, welche ausgedehnter sind als so mancher mitteleuropäischer Staat, weder Grenzen noch Sta-atsform pder -Zugehörigkeit festgestellt werden können, die Wirkung gehabt, daß die mehrere Millionen betragende füdischeBev Alterung den unerhörtesten Metzeleien jund Plünderungen schutzlos preisgegeben oder wirtschaftlich völlig entwurzelt worden ist. Zeigt sich so vn diesen traurigen Erscheinungen der innere Bankrott her Friedenspolitik der großen Mächte, welche dereinst kirre neue Welt zu schaffen versprach, so tritt andererseits auch der Mangel an politischer Folgerichtigkeit in - hen Systemen, welche sich die Großmächte angeblich zur Richtschnur genommen haben, nirgends so klar zutage wie im Osten, wo gegenüber der mangelnden Nationalen Gleichartigkeit und den bunten Bevölkerllngskarten der Grundsatz des wirklichen Selbstbestimmungskrchtes eigentlich seine Feuerprobe zu bestehen hätte. I Ein klassisches Beispiel für die Prinzipienlosigkeit der europäischen Politik bietet das Problem von Wilna her europäischen Politik bietet das Problem von Wilna, welches seit Jahr und Tag alle Regierungen'beschäftigt, Ku Interventionen des Völkerbundes geführt hat und von einer Lösung noch weit entfernt ist. Diese Stadt, jmn deren Besitz Polen rmd. Litauer kämpfen, wobei sich die einen auf historische Momente, die anderen puf reale Bedürfnisse berufen, ist in Wirklichkeit von Orrer überwiegend jüdischen Mehrheit bewohnt, welche der Stadt ihr kulturelles Gepräge verleiht. Wie jnnt auch die Lösung dieser Frage aus fallen soll, so Wird sie in keinem Falle zufriedenstellend sein, weil Deiner der beiden streitenden Teile in den Verzicht auf hie wichtige Stadt willigen wird. Daß die Juden, Um welche gegenwärtig von beiden Seiten geworben wirb, hie ersten Opfer dieses Streites sein toerben, bedarf Deines weiteren Beweises.! In einer neuen Zeitschrift („Frese zionistische fSTStter", Heidelberg) macht Arnitai den beachtenswerten Vorschlag, eine» jüdischen Städtebund zu schaffen, her in gleicher Weise, wie eS mit Danzig geschehen fei, die umstrittenen Städte Wilna, Grodno, jvialysto k, Dünaburg, Minsk, Pinsk, um welche Polen, Litauer, Weiß- und Großrussen kämpfen, als autonome Freistädte umfassen soll. Jede bisherige Regelung in diesen Fragen war ungerecht,, „weil alle diese Städte weder russisch, noch litauisch, sondern Städte mit großen jüdischen Majoritäten sind. Warum nun nicht sie alle neutralisieren, warum nicht eine» jüdische« Städtebund gründen, so etwa wie eine neue Hansa, eine Republll freier, neutraler Judenstädte im Osten? Findet man den Gedanken absurd? Es ist nur ein Beweis dafür, daß er kühn ist. Aber man prüfe ihn und man wird seine segensreiche Fruchtbarkeit erkennen. Mitten in diesem Gebiet sich zankender Nationalitäten, mitten in diesem durch Kampf und stete Wirren durchtobten Lande, ein Bollwerk städtischen Friedens und wird« fchaftlicher Wohlfahrt; mitten in diesen unzivilisierten Ebenen, in eine Landbevölkerung von Analphabeten gelagert, ein Bund städtischer Zentren wirtschaftlichen Fortschrittes und kultureller Entwicklung, — es wäre, ein Segen für diese Städte, es wäre ein Segen für bas umgebende Land. Die StätH>! wären völkerrechtlich geschützt und dem Kampf der Kleinstaaten enthoben; ihre jüdische Bevölkerung würde aus ihrem eigenste« Interesse für eine strikte Wahrung ihres Neutralen Charakters Sorge trage» und einige Stätten ungefährdeter ökonomischer und kultureller Entwicklung wären diese« gequälte«, zerrütteten Länder» gesichert." „Die einzige Möglichkeit abbr, das SeBfett und die Entwicklung der jüdischen Massen dieser Läwdex zu sichern, ijl die Neutralisierung der jüdischeu Städte. Wie immer man sie anders sonst verteilen wird, die Existenz, das Leben ihrer jüdi» scheu Einwohner wird gefährdet fein. Warum sollen wir nicht fordern dürfe«, daß man ihneu das Selbstverwaltungsrecht gibt? Selbstbestimmungsrecht der Völker — hier sei die Probe aufs Exempel; Schutz der kleinen Nationalitäteu hier wenn irgendwo ist's notwendig. Zivilisation, Fortschritt, Freiheit •** hier stehen sie auf dem Spiele. Litauer, Pole«, Russen, schlagen sich Herum wir wollen nicht länger L fcr»r ÜJti fogifett StHtjfaji ki&bm &nmuf All«* stille für Oesterreich. Beratung -er EnteuLefachverstSn-igen. Lyndon, *17. März. (Reuter.) »Times* schreiben, daß in den letzten Tagen im Schatzamt Zusammenkünfte - finanzieller Sachverständiger der Alliierten stattgesunden haben, um über das Ansuchen des österreichischen Bundeskanzlers und seiner Minister- Kollegen zu beraten, Oesterreich aus seiner schwierigen Lage zu retten Es.verlautet, daß es nach Ansicht der britischen Regierung notwendig sei, Oesterreich von allen Pfandrechten zu befreien, die es auf Grund der Reparationsklaufeln des Friedensvertrages belasten. Andererseits erfährt das Blatt, daß die französischen und italienischen Sachverständigen nur dazu bereit seien, diese Pfandrechte füreine Reihe von Jahren zu suspendieren. Von englischer Seite sei demgegenüber auf die Wichtigkeit hingewiesen worden, die Aktiven Oesterreichs von allen Lasten zu befreien, um sie für Handelszwecke verwertbar zu machen. Aus den oben angegebenen Gründen habe es sich, herausgestellt, daß nur ein bedingter Plan entworfen werden könne. Die britische Regierung sei bereit, an den Völkerbund heranzutreten, damit der Plan ter Meulens auf Oesterreich Anwendung finde. Amerika wird über Oesterreich entscheiden. Löndrm, 17. März. (Tel.-Komp.) Es wirb' mttgeteilt, daitz die österreichischen Delegierten l)eute vormittags um 11 Uhr Ke»ntins von den Vorschlägen erhalten, die die Entente Oesterreich unterbreiten will. Die von den Alliierten eingesetzte Sachverständigenkommission hat beschlossen, alle Länder, die im Finanzausschuß des Völkerbundes vertreten sind, und alle Staaten, die Oesterreichs Gläubiger sind, aufzufvrdern, von jeder weiteren Eintreigetragen wirb. Man erfahre nämlich, daß neben - diesen neuentdeckten Nationalitäten in jenen Ländern noch eine andere existiert; älter als diese, zivilisierter M diese, leidender als diese, die jüdische. In jahrhundertelanger rastloser Arbeit, allen Verfolgungen trotzend, haben die Juden in diesen .Analphabetenlandern die einzigen städtischen Gemeinivefen aufgebaut, die Bollwerke des Handels, der Kultur in jenen Gebieten. Nun, da man an eine Verteilung ' der Länder nach' ihrem nationalen Charakter geht, fordern wir unser Recht: Die jüdischen Städte 'für das jüdische Po(L-Hede andere Regelung ist ungerecht und bedroht die jüdische. Gemeinschaft mit dem Untergang, jede andere Lösung wäre ein Hohn auf die Prinzipien der Selbstbestimmung und der nationalen Freiheit, also fordern wir den new traten, selbständigen, jüdische« Städtebund im Osten." Gerade im gegenwärtigen Augenblick, da im Osten sich die Möglichkeit einer durchgreifenden Ordnung zu zeigen beginnt und der polnisch-russische Friede vor dem Abschluß steht, sollte die jüdische Politik den Mut aufbringen, Forderungen zu stellen, bet^it Erfüllung nicht bloß im jüdischen Interesse gelegen wäre, die vielmehr geeignet sein könnten, in wirksamer Weise zu einer Konsolidierung der labiler; OstverhLltnisse beizutragen. _ . ■■! Die neite zionistische Exekutive. I« Nachtrag zu unsere« am 18. d. M. veröffentlichten Telegramm über die Veränderung in der zionistischen Leitung, veröffentliche« wir da» folgende, von der Zionistische« Exekutive in London ausg^ebene Lommumquee: »Die Herren Julia» Simon «tb Neheane de Dieme, hatten als Mitglieder der Exekutive gegen Ende deö vorigen Jahves resigniert, veil innerhalb der Leitung Meinung-Verschiedenheiten in prinzipiellen Angelegenheiten bestanden, fie hatten sich aber bereit erklärt, die Geschäfte bis zur nächsten Sitzung de- Großen Aktionskomitees, ' die auf de« 1H. Februar angesetzt war, wetterzuführen. Da diese Ditzum, nicht zustande komme« konnte, well die Mehrzahl der Mitglieder deS AktumSkvmitees, de« Wünschen der amerikanische« Mitglieder entsprechend, die Verschiebung der Sitzung beantragte sahen sich die Herren Simon und de Sterne veranlaßt, mit dem 1. März von der Leitung zurückzutrete«. Damit tritt Herr Simon auch von seiner Funktion als Vertreter der Exekutive im Keren Hajefsod zurück. Um die Fortführung der Geschäfte bis zum Kongreß zu ermöglichen, wurde« die Herren Josef C o w e n, Wladimir Jabotinsky und Richard Lichtheim eingeladen, provisorisch an den Arbeiten der Leitung teilzunehmen. Die genannten Herren habe« sich hiezu berett erklärt und ihre Aemter Übernommen« Der provisorischen Exekutive in London werden in Palästina außer Herrn Ussischkin, der bereit» Mitglied der Exekutive ist, die Herren Dr. Sl»p p i n und Dr. Eder angegliedert. Diese drei Herren bilden zusamuren mit zwei von der jüdischen Delegiertenversammlung, oder vom jüdischen Volksrat zu delegierenden Vertretern die Zion.ftlsche Kommission, die eine kollegiale Behörde gleichberechtigter Mitglieder unter gleichzeitiger Verteilung von Ressorts darstellt und dem Aktionskomitee der Monistischen Organisation verantwortlich G Mk m mm. m***tm. b ung der Wiedergutmach»ntzSfvrderWntzik^ oder Darlehen ab zu sehen. Hiezu sollen die genannten erstklassigen Nationen bereits ihre Zws stimmung erteilt haben. Weiters sollen die andere«! Signatarmächte des Vertrages von Saint-Ger^ main damit einverstanden sein, daß die Wiedergut-! machnngskommiffion ihre Kontrolle über die öfters reichischen Angelegenheiten einstellt. Der Völkerbund wird dann durch Vermittlung feines Finanzausschuss^ Gutschein nach dem sogenannten Dermeulen-SysteM ans geben. Die nationalen Einkünfte, zum Beispiel ZölU und Eisenbahnen, können darauf verpfändet werden^ Oesterreich bedarf nach diesem System 250 Milli Dollar, doch haben die Sachverständige« entsc keinen bestimmte» Betrag zu uermeu, bet sie nicht Rechenschaft darüber abkegen könne«, wie bet ganze Vorschlag in der internationalen Baudvelt archi gefaßt wird. Man glaubt, der Umstand, baß die ganz österreichische Angelegenheit iu We Härche des Völker Bundes gelegt wird, Lönnte die Vereinigte, Staaten verletzen und die Bemühungen Arneri! zugunsten Oesterreichs unterbreche«. Die Regierung Vereinigten Staaten wird ersucht werde», mitzuteile ob sie bereit ist, die Eintreibung der österreichisches Schulden zu stornieren. Harbins wird hier zm ersten Male Gelegenheit habe»,, feim neue Euvspa-Poli ttk an den Tag zu Lege». * ,, j i i j Mayr darf nichts verpfltoden. v Vizekanzler Dr. Breisky Hat gestern i» CfoJ* trage des Nationalrates den Bundeskanzler Dr. Mayr nach London telegraphisch verständigt, daß nach Beschttlß der OLmännerkonferenz des Nationalrates die. österreichischen Unterhändler in London nicht berechtigt feiern, ohne Zustimmung des Nationalrates bindende Verpflichtungen einzugeheu, durch die der Staat fe&gfeft würde. .* - i! M i ‘; Zur Behandlung der finanziellen Angelegenheiten vq? Organisation wurde eine Finanz- «ad Budgetkonto! Mission gebildet, welche ans de« Herr« NatditsM Cowen und Sieff besteht. Die getüftenen Maßnahme» werden dem Groß« Aktionskomitee bei deff« nächster. Sitzung, Ende Mat «der «chmg- Kuck, zne B^ütignng breitet werde«. Der Zionistenkongreß wirb entsprechend de«, Beschluß der Jahreskonfer«z hiHirrch auf August einbe-! rufen. Heber Ort und genau« Termin wird baldigst «ach! Verständigung mtt den Mitgliedern de» Groß« AkttonS-! Komitees den Landes- «nd Sonderverbänd« Mittett^ag gemacht werden. : Thaim Deitzmauv, Kahn» 0»*»*»*>. Die Verfaflttttgsdebatte tot polnische«! Sej«. i. Warfcha«. W. März. In der SamMgsttzmqs Unterzog Abgeordneter Hirschhorn den Verfassungsentwurf einer eingehenden Kritik und führte unter anderem aus, daß die vorliegende Verfassung alle Merkmale sonstiger Verfassungen vermissen lasse. Jede Verfassung habe den Zwecks die Rechte der Staatsbürger Aar tmb deutlich' zu umschreiben. Der vorliegende Versa ssungSrntwurf tue gerade das Gegenteil davon «nd verweise auf . Schritt und Tritt auf zu schaffende Gesetze, welche die in der Vev> fassnng gttvährlieisteten Rechte wesentlich einschränkcu sotten. So zum Beispiel bestimmt Artikel Vü, baß die öffentliches Aemter allen zugänglich' feien, jedoch nur entsprechend den Bedingungen, welche durch ei» besonderes Gesetz vorgeschriebe« sind. A 104 sichert jedem Bürger das Recht der freien Meinung und ließet-* zeugung, sofern er nicht damit gegen die bestehenden^ Gesetze verstößt. Am krassesten sei wohl in dieser Beziehung das Beispiel des 8 117, laut welchem jederj Bürger das Recht auf die Schule habe, jedoch nur! insofern er den im Gesetze umschriebene« Bedingungen betreffend die Qualifikation, die Sicherheit der Schulkinder und das loyale Verhalten zum Staat, entspricht. Wer soll nun darüber entscheiden, ob der Kandidat loyal ist oder nicht? Dieses Gesetz präludiert direkh der Einführung des russischen „WohlverhaftmrgSzeugnissez". Das zweite charakteristische Merkmal des Per« fassnngsenttvurfes ist das Festhalten am Senat, was die Möglichkeit ergibt, Ausnahmsrechte für die reaktionäre Mehrheit durchzuschmuggeln. Dazu koinmt noch, daß die Wahlordnung für den Senat so ^geartet ist, daß der BildungSzenfuS der Senatoren ein viel niedrigerer fein wittr als derjenige der Landtagsobgeordneten, weil den Haupteinflnß auf die Senatswahleni nicht die Stadt, sondern das Dorf haben soll. Einen! besonders reaktionären Charakter trage Artikel 121! der Verfassung. Die Folge» dieses Artikels werden! sein, daß in den allgemeinen Schule« nur Katholikenj als Lehrer werden angestellt werben können. Wohl wird es den Minderheiten freiste hen, konfessionelle Schule» zu errichten, aber selbst dieses Zugeständnis wird durch den zrveiten Teil dieses Artikels illusorisch gemacht^ denn er bestimmt, baß unter gewissen Umständen ein> besonderes Gesetz jene Ausnahmen sestzustellen hati welch« Platz zu greifen haben, und durch welche es mögi

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