Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 769 (17.3.1921)
- Date
- 1921-03-17
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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/ f «Üve « tCtev vm»a«aß , : 1 VW tcacertengtoCTttt tfegbamec hatten Im Nytionalrat stie Nedner Io der nunmehr zur Neige gehende» Spezückdcüatlr Uber de« StaatSvoranschlag th» Kcd« vor ein« spärlichen, Häangweüteu Zuhörerschaft, die meist nur aus Parteigenosse« heg gerade «« Worte BestndÜche» best^t. KSossr-os Freitag soll baS Han« in die Osterferien geh«, nachdem eS außer dem Budget und dem Nachtrag zum Penswntstengesetz noch einige > Vortage» von mäßigem Velang, wie beispielsweise da- Gesetz über das Flaggenrecht her Kauffahrteischiffe (!), erledigt habe» wird. Sester« wurde das Kapitel „Soziale verwaltnug" zum VchhluH erhoben, I» der epe-tald-daUe hierüber beschäftigte sich 'Vbgeordmetee Hanusch (Loz1a>de»okvo1) mit der Wo^omgsfrsg«. I» Dien gibt eS heute 25.000 Wohnung suchende itzamilie». Won wüche, wer» «an die 8 Prozcut leerstehenden Wohnungen dazu rechnet, die im Frieden die Regel waren, 40.000 Wohnungen brauchen; durch Abwanderung ist die Wohnungsfrage nicht zu löse». In Fabrllsorten, wo picht die notwendige» Wohnungen für die Arbeiter vorhanden stob, wird schon heute die Industrie iätzrlge der WohuungSpot in ihrer Erweiterung gehemmt. Wie« allein würde Mindestens 80 Milliarde» Papier krönen, ganz Oestrrrrich 80 Milliarden Papierkvone» dranchcn, um die notwendige» Dantrn anfzuführen. DaS Nunmehr vorliegende WohnungS- und SiedlungSgefetz enttäuscht sehr, da eS zur Linderung der Wohnungsnot im ganze» den bescheidenen Betrag von 12 Millionen Kronen vorsieht. Das geschieht in einer Zeit, in der «au dem Jockey- und Traberklub * De die Züchttmg tw» Raffcpftrde» Im Jahre 20 Million» Icherckt. Bei den ungeheuren Verdiensten der Danken — eine Mittelbank verdient SO Million«« Kronen täglich — müssen die Banke» Ücrch Gesetze gezwungen werden, für ihre Angestellte» die »tätigen Wohnungen zu bauen. Ebenso die größere» Anterrwhmungeu. Die SttnneS-Grnppe, dis die Alpin« aus ge kau ft hat, wäre wohl in der Lage, auch bei de» hohe» Baukosten Wohnungen für Arbeiter und Angestellte M bauen. Weiters müßt« ein Steuerbegünstigun g S - gesetz für Neubauten geschasst» werden und reichere Leute — von einem gewissen Einkommen angefangon — müßten «gezwungen werden, diese Neubauten zu beziehen und ihre mrter dem Mieterschutz gesetz stehende» billigen Wohnungen den ärmeren Schichten zu überlassen. Wir hätten es nicht nötig. »msere itinder mS Ausland szs schicken. Unsere Barmrn leben nicht "schlechter als die dänische«, holländische« und Schweizer Bauern. Wann wollen Sie von der rechten Seite des Hauses das schönste Wort, da» je gesprochen wurde: »Liebe deine» Nächste« wie lnch selbst!" in die Tat «msetzeu, wen« nicht in der Zeit der größte» Not »nserrS Volke-. Wisse« Sie nicht, daß 100.000 Linder üt Wie» und im andere» Städten tuberkulös »ud Unterernährt find. Wir habe« allein in Wir« 20.080 ku-chentuberkulSse Kinder. Wenn man das Elend kennt, mutz man darüber staunen, datz bei der Landbevölkerung so gar kern Verständnis dafür vorhanden ist. Abgeordneter Dr. Straff«er (großdeutsch))«;meinte: ES mutz Angabe derjerngen sein, die heute über Geld verfügen, die ourch den Krieg und den Zusammenbruch xeich geworden sind, aber durch die Steuergesetzgebung Me«er Morgevzerimrs und Ucrkchrswcscn. nicht erfaßt werden können, für das Wohl der Allgemeinheit Beiträge zu leiste«. Abgeordnete Amalio Seidel (sozialdemokratisch) fragte den Minister, welche- Schicksal daß dom früheren Leiter des VolkSgesundheitSanrteS vorbereitete Gesetz Über die SwangSbehaavlvns der Geschlechtskrankheiten erfahren habe. Die Zahl von 10.600 Geschlechtskranken in Wie« ist sicher zu niedrig gegriffen. Die Aerzte sabotieren heute den Auftrag, Geschlechtskranke anzumetten. DaS Volks. gesundheitSamt hat in der BekämpfunA der Geschlechtstrankheile« kerne Führung, eS überläßt die Bekämpfung der Wiener Polizei, die jedoch nicht die Geschlechtskrankheiten, sonder« die Geschlechtskranken bekämpft, vor «Sem eine» Kampf gegen die weibliche« Gefchlechtkranken führt. Die Razzie» in Stundenhotelfind eine Farce. Da» Vorgehen gegen die geschlechtS» kranken Frauen ohne gleichzeitige- Vorgehen gegen die geschlechtskranken Männer ist ganz unmöglich; denn wenn man ernstlich die Geschlechtskrankheiten bekämpfen will, mutz man ebenso wie bei den Frauen auch bei den Männer» die ZwangSbehaadlung durchführe«. Abgeordneter K l e tz m a h r (christlichsozial) verlangte energische Maßnahme« zur Bekämpfung der GeschlechtSkrankheiten. Er machte insbesondere auf die Ge« fahre« aufmerksam, bene» die Jugend auSqesetzt ist. Er teilte mit, daß 11 Prozent der männliche» Jugend und 21 Prozent der 'weiblichen Jugend geschlecht-krank find, daß nach Angabe eine- Arztein einer Volk», schule eine namhafte Zahl geschlechtSkranker Kinder gezahlt wurde, darunter waren zwölfjährige Kinder. Bundesminister Dr. Re sch verwies zunächst auf die dem Hause vorliegende» sozialpolitische» Gesetzentwürfe. Die bevorstehende ' Reform de- HnndlungSgehllfengefetzeS soll den Dienstvertrag der Privatangestellten auf zeitgemäßer Grundlage neu regeln, aus dem brSherigen Handlung-» gehilferrgesetz soll ein modernes allgemeines Unbestelltengesetz werden. In Vorbereitung stehe das Journal! st enges e tz. In der allernächsten Zeit wird mit der Anstellung von gewerbehygren sch vorgebildeten Aerzten bei der Gewerbe» instektron begonnen werben. Die Arbeitslosenversicherung hat sich rm wesentlichen glücvich bewährt. Erfreulich ist die ver-ättni-maßig niedrige Zahl der Arbeitslose», die in Wien mit Ende Feörriar nur mehr 12.600, t« ganz Oesterreich ruttd 16.500 betrug'. Ferner steht eine Novelle -um Invalide«» entschädigungSgesetz bevor, wonach die TeuerungS- Zulagen zu den Renten nach dem Jnvalidenentschädigun-Sgesetz auf durchschnitlich 326 Prozent erhöht werden. An der Fertigstellung der Regierungsvorlage, betreffend dre Invalidität-- und Altersversicherung, wird unter Anspannung aller Kräfte gearbeitet. Da di« Strafbestimmungen der Mieterschutzverordnung zu einer Bekämpfung de- Wohnungswuchers nicht auSoeichen, ist da- Bundesministerium mit der Ausarbeitung eine- Gesetzes beschäftigt, das , gegen de« WohnnngSwucher «ne wirksame gesetzliche Handhabe bieten soll. Abgeordnete Gabriele Pr oft (sozialdemokratisch) behandelte in eingehender Weise die in de« dem Bunde»«!.m-l ' - Leah David — Richard Wagners erste Liebe. @8 ist eine Ironie des Schicksals, daß Richard Wagner, der große Judenfeind, der unbedingt zu den Vätern jenes Antisemitismus zählt, der in dem Raffen» Vorurteil seine Wurzeln Hot, fast in allen seinen Lebensbeziehungen mit dem Judentum oder richtiger mit den Bekennern des Judentums verknüpft ist. Eine ganze Literatur hat sich bereits über den heiklen Punkt angesammelt, der Wagners Abstammung väterlicherseits betrifft und vielfach die Ueberzeugung hervorgerufen hat, daß der geniale Mann, der die Juden nicht leiden mochte und — wie HanSlick schon vor mehreren Jahrzehnten klagte — jeden seiner Gegner zmn Juden stempeln wollte, selbst jüdisches Blut in seinen Adern hatte. Gustav Freytag, der gewiß frei von Dorerngenommenheit für Juden war, hatte schon früher mit einer für Wagner grausam scharfen Charakteristik in dem ganzen geistigen Habitus des Meisters jüdische Stammeseigentumlichketten diagnostiziert und unter anderen den lapidaren Satz geschrieben: „Wir befürchten, daß gerade Wagner in seinen eigenen Werken die EigentümlichkeiLen nnd Schwächen, welche nicht selten an jüdischen Künstlern getadelt worden find, in höchst ausgezeichneter Werse an dm Tag gelegt hat. Im Sinne seiner Broschüre („Das Judentum in der Musik") erscheint er selbst als der größte Jude." Es ist auch längst bekannt, datz nicht nur unter seinen hilfsbereitm Freunden in der Not, sondern auch unter seinen begeisterten Aposteln und Jüngern sich besonders — Inden hervortaten. Und ebenso bekannt ist, datz Richard WagnerS zweite Gattin Eofima ihre judenreine Abstammung auch dam» nicht feststelle» könnte, lÜM jogg HM Sfftnfljpfyjfayyyy BtBaaWerBf)^J,'aa,PW)W7»«i>v«-.i-’/> »r n-. , i |i» II HIHHWMHI ■■ I en fordert würde. Denn sie war nicht nur die Tochter von Franz Liszt, sondern auch die der Gräfin dÄgoult, deren Mutter einer Frankfurter Bankiertzfamttie von durchaus nicht zweifellos arischer Abkunft entsproß. Der jüdische Familienring, der sich um Wagner schließt, findet eine pikante Ergänzung darin, daß die erste, glühende, toenn auch bald verglühende Liebe Wagners eine schlvarzäugige, den echt orientalischen. Typus repräsentiermde Jüdin zum Gegmstand hatte. Sie hieß Leah David. In dm Memoiren Wagners, die die Erinnerung an manche flüchtige Frauenerscheinrmg festhalten, ist dieser Name auch nicht ein einziges Mal genannt. Hat ihn Wagner selbst übergangen? Fiel er einer nachträglichen strengen Zensur einer garten Hgnd — Cofimas — zum Opfer? Darüber könntm nur Dermutungen geäußert werden. Umsomehr erfahrm wir über die schöne Jüdin von Ferdinand Praeger, dem geradezu fanatischen Agttator für Wagners Musik, der auch zu den ältesten und vertrautesten Freunden WagnerS zählte. Praeger berichtet in eingehender Weise über diese Jugendliebe Wagners in seinem Buche „Wagner, wie ich ihn kannte" und seine Darstellung gewinnt an Reiz dadurch, daß er augenscheinlich bemüht ist, Wagners eigme Worte über diesen kurzen Her^nsroman w''ederzugi;ben. Dieses Buch gehört jetzt zu dm größten Seltenheiten. ES ist cmS Gründen, die hier zu erörtern nicht am Platze ist — die Andeutung: „Cherchez la femme" möge genügen — längst aus dem Behände! .verschwunden. Dies zur Erklärung dafür, Mß wir nun Praegers Mitteilung fast unverkürzt in ihrer, mitunter spröden Schwerfälligkeit wiedergebm wollm. Praeger schreibt: „Wagner hatte eine angeborene Abneigung gegm dm ägypttschm Typus der Judenphystognomim, eine Abneigung, die Hm durchs Lebe« blieb, wiewohl er unter Me» chm »tt Leck «ch Sfeefe tsofrs** 17. MSk, fkl Ott. 70» Ministerium für soziale Verwaltung unterstehende« Krankenanstalten herrscheichen Aihstände «M» verwies insbesondere «mf die Zustände m der Tuderkutosenheilstätte .Spinnerin am Koeuz". wo eine beträchtliche Menge gespendete» Zedertra«» an privat« Unter» nehmer abgegeben wurde. Sie stellte einen'Antrag, wonach das Bundesministerrum für soziale Verwaltung aufgefordert wird, über die Zustände in der Heilanstuft für Nervenkranke und Kopfverletzte in Döbling eine Untersuchung durchzuführen und über da« Ergebnis de« National cut zu berichte», Nach dem Schlußwort des Berichterstatters wurde da»' Kapitel „Soziale Verwaltung^ angenommen. Die dom Ausschuß beantragten Resolutionen und die Resolution Prost wurden gleichfalls angenommen. Hierauf wird das Kapitel ' „verkehrSweseuin Verhandlung gezogen. Abgeordneter Weiser (sozialdemokratisch) betonte. baß ungeheure Defizit der Staaisbahne» erfordere energische Gegenmaßnahmen, die zunächst in dnr Reorganisierung der Verwaltung zu suchen siid. Die Verwaltung der Eisenbahnen ist viel zu zentralisdisch. Bei einer Betriebslänge von 4500 Kilometer Eisenlahnen sind im Zentraldienst weit über 1000 Personen beschäftigt, eine Zahl, die nicht bedeutend geringer ist als im alten Oesterrerch. Abgeordneter Haider (christlichsozial) beschäftgte sich mit dem die Eisenbahnen so Lelastenden Defizit, auf dessen Verringerung mit allen Mitteln hingearbeitet werden muß. Abgeordneter Lenz (sozaldemokrcrtisch) erklärte, er stehe dem Projekt, Gmund zu einem gemeinsamen Bahnhof auSzugestalteir. ffeptisch gegenüber, würde vieln«hc empfehlenden Verkehr möglichst nach Oesterreich herüberzuzieb^n.. Die Verhandlung würbe hierauf abgebrochen. Nächste Sitzung: Heute 11 Nhr vormittags. Telegramme. Das Völkerbuadstatut. Gchrf, 16. Marz. (Schweiz. Del.-Agentur.) 85te?, Mitglieder der Kvnnnission für die Aenderungen am. Völ^rbmchpakt sind.für den 6. Tlpril nach Genf einberufen. Die Kommission .ist die erste der von dev Versammlung vprgesehenen Konlmisswnen, die ihre Arbeiten aufnimmt. Sie bildet die erste internationale^ Einrichtung, die mit der Prüfung des VötterbundstatutS, wie es auf der Friebercsvanferenz tu Paris angenommen und von alle» Neutrale» rattfiziert wurde, betraut tft., Das englische Kriegsdudget. London, 16. März. (Tel,-Kvmp.) Der neue KrieLSetat ist um 50 Millionen Pfund niedriger als der vorjährige und beziffert sich auf rund 1949 Millionen! Pfund. Hievon sind bestimmt 106 Millionen für die -Armee, 84 für dir Flotte. 19 für die Lnfffchiffahrt,- 460 für den bürgerlichen Dienst, 370 für de» Zinsen' dienst und 110 Millionen für Echuldenablösung. Amerika mutz eingreife«. Paris,-16. März. (Wvlff.) Der Londoner Bericht erstatter d.er „Chicago Tribüne" teilt zur Frage der alliierten Kriegsschulden die Aeußerung eines ungenannten englischen Diplomaten mit, der bei allen Friedenskonferenzen seit Versailles eine führende Roll« gespielt hatte. Der Diplomat sagte unter anderem, jeder ivernünfttge Mensch in England wisse, daß England Freunden und Bewrmderern zu jed« Zeit eine Anzahl der gehaßten Raffe zählte. Noch komischer und sonderbarer ist der Umstand, datz WagnerS erste Liebe sich auf eine der schwarzäugigen Töchter Israels konzea-' t r i e r t e. Während wir gemütlich einmal unsere gegenseitigen Judenderinnerungen wie ein verblaßtes Diorama vor unserem Gedächtnis vorüberziehen ließen, kamen wir auf das nie zu vergeffende Thema der ersten . Liebe, dieser unschuldigen Blütezett her Jugend, und daS brachte diese Episode zur Sprache. Ereignisse, welche im Leben gewöhnlicher Sterblich^ spurlos vorüberziehen, bekommen oft eine besondere Wichtigkett dadurch, daß sie ins tägliche Leben solcher Individuen eingreisen, denen die Unsterblichkett beschieden ist. Als Wagner mir von seiner ersten Liebe sprach, welche in seine Schulzett ftel, - und er den Gegenstand feiltet jugendlichen Bewunderung nannte, rief ich erstaunt aus: „WaS, eine Jüdin, du?"; MS ob mir etwas ganz Unmögliches gesagt würde. Wir hatten eben das Thema seiner Abneigung gegen die Juden besprochen nnd ich hatte mit Ernst darauf hingewiesen, daß er trotzdem so diele gitte, dienstfertige Frermde unter ihnen gefimden als er mtt Zeinen« AuSbruch wilden Humors auSrief: „Es war des Hundes. Schuld!", welches sich auf Goethes „Faust" bezogt inwelchem Mephistopheles Äs Hund unter dem Ofen liegt. Nun kam die Liebesgeschichte. Er war einst.zu seiner Schweflet Luise gegangen, für die er eine solche innige Liebe und AnhänglMett fiihlte, datz er mir gestand, er habe, wie Goethe eS^ . irgendwo von sich erzählt, bei dieser Schwesterliebe fast.' die Grenzen, welche Religion und Zivilisation um dieselbe ziehen, überschritten und sich fast der Geschechts-, liebe zu sehr genähert. Im Zimmer seiner Schwester lag 0th ungewöhnlich großer Hund, der beim Eintritt gleich feine ganze Aufmerksamkett in Anspruch nahm. WerWatprerka«^w^wittMAewöhnljch feweLiebeM $