Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 3 (1921)
- Issue
- Heft 769 (17.3.1921)
- Date
- 1921-03-17
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 76S Wien. HonkterÄeq -d-;- ftBleitre Mör-e«ze?tttn<tz entfaltete er bald eine einflußreiche Tätigkeit in alle« budgetäre» und finanziellen Fragen und er hat auf diesem Gebiet für Italien Bleibendes geleistet. In den langen Jahren seiner politischen Lotigkeit gehörte er mehrere Male cklS Schahminister der Negierung an und stand auch längere Aeit an der Spitze des Habin'etts. Luzzatti ist ein Marin von hoher Kultur, dessen Ge» sichtskreis nichtüur stäatS» und finanzwissenschaftliche, sou» dern - auch allgenreinsoziale, philosophische und literarische Interessen umfaßt. Seine reichste Wirksamkeit hat Luzzatti V freilich /auf staatswiffenschaftlichem Gebiet entfaltet. Ex ist der Schöpfer der italienischen Handelsverträge unb zu großem feeir,biß: Zollsystems seines Vaterlandes, so wie er erfolgreich bemüht war, die.zeitwerliq gespannten,Beziehungen zwischen Italien und Frankreich zu festigen und drohende Krisen zn bannen. Allen neueren Institutionen für soziale Fürsorge m Italien hat Luzzatti irgendwie den Stempel seiner Per« sonlichkeit aufgedrückt. So sind die freien Sparkassen fern Werk und güm großen Teile die Emigrationsregelung und «Fürsorge, die ja für Italien von besonderer Bedeutung rst, ebenso das Urifallsschntzgefcitz tpie die Rentenkonversion. V^n größter Bedeutung wurde sein unermüdlicher Kampf gegen die schreckliche Pellagra, m welchem er tatsächlich Sieger tze» bliöben ist. Auch die Aktion zur Bekämpfung des Alkohol!»» rnus fand ihn in den ersten Reihen.. ' < Luzzatti, der in der Aera des kämpfenden bürgerlichen Freisinns aufgewachsen ist — dem jungen Luzzatti hat noch Oesterreich in seiner Heimatstadt Venedig den HochverratS» prozetz angehaugt —ist diesem seinem Programm stets treu gehlieben und hat immer sehr energisch für' Freiheit, . Toleranz und BolkerversöhnuNg gekämpft. Mine' bürgerlichfreisinnige Anschauung ist durch einen besonder» entwickelten sozialen Sinn ausgezeichnet, der ihn über die Einseitigkeit emporhebt. in die vielfach der bürgerlche' Freisinn verfällt. Diesen Sinn hat er durch seine ‘ sozialpolitische Wirksamkeit wie in verschiedenen theoretischen Werken bekundet. v ' " ' Für die jüdische Sache hat Luzzatti bis in die letzte Zeit wenig Verständnis gehabt. Er hat oft und laut seine Stimlne gegen die Nntrrdrückuntz der Juden und gegen dre Pogrome erhoben, aber immer tat er dies im Namen der allgemeinen Menschenrechte, des sozialen Fortschritts und der Humanität. Nie trug dieser Protest die bewußt jüdische Rote. Erst in letzter Zeit scheint Luzzatti ein näheres Verständnis für die, jüdische Volkssache ausgegangen zu .sein» wohl auf dem Umweg über die politischen Erfolge des Zionismus und die Entwicklung der kooperativen Arbeiter» tätigkeit in Palästina, ein Gebiet, dem seine Interessen seit je in erster Reihe galten. Daö warme Schreiben» das .Luzzatti an die jüdischen Äooperativgenoffenschaften in Erez Israel richtete, ist in allgemeiner Erinnerung und vor einigen Lagen hat er 'den bekannten Zionistenführer Professor - -Wa'r-burg auf dessen Rückreise aus Palästina empfangen, drrihm' über die Lage im Lande und den Stand der jüdischen'-'Arbeit Bericht erstattete. . Die Rückkehr Wilhelm Bazso«yis nach Budapest. rrnserem Bubapester Korrespondenten. , Samstag abends, also einrge Stunden vor der großen antisemitischen Demonstrativ« gegen die sogenannte destruk» tsye Presse, in welcher ganz offen und ungeschminkt zum Pogrom gegen die Iude.n «nffgefordert wurde, ist der Führer der winzigen demokratischen Partei, Wi'helm P-azsonhi, aus seLner freiwrllrgen Verbannung in Baden b^i Wien heimgekehrt. Bemühen sich auch seine intimeren freunde, die Rückkehr Vazsonyis als ein Zeichen für die Wandlung der ungarischen Politik zum . Besseren zu deuten, stj darf dies doch nicht überschätzt werden. Wenn daS Wisdevauftauchen VagsonyiS im ungarischen politischen Oben Überhaupt eine Bedeutung hat, so bann eS nur als ein trauriges Symptom gedeutet werden, daß Wilhelm Vaziony: apf Grund irgendeines bisher noch nicht genau feststellbaren Paktes mit den gegenwärtigen Führen! der uaga» rächen Politik sich als Jude, dazu hergegsben' hat. häv Ausland über .die wahren Zustände im /Lande zu täuschen. Man muß, mn den Schritt Bazsonyis richtig einzuschätzen, sich daran erinnern, daß er Freunden und Gegnern w'eder. . holt feierlich versichert Hai, nicht früher, in di« Hrmcar f rückzukehren, als 'bis dis Verhältnisse sich so gebeßert den, daß sein« politische Aktivität ohne Gefährdung se neS Gebens dem Vaterland und der demokratischen. Idee Nsutzen bringen konnte. Diese Versicherungen, denen der gerissene Politiker Bazsontzi die brerteste Publizität zu geben perstand, roerben nun nach seiner Heimkehr als Beweis dafür herangezogen, daß in dem politischen Leben Ungarns yine starke Gesundung ei-ngetretensei. Soweit bis jetzt gestellt werden könnte, hat sich Vazsonyi den Legiti» ch i st e n ohne Unterschied ihrer Stellung zur Pemokcasie ryit Haut und Haaren verschrieben und dafür das Ber» fpreck)sn erhalten, daß ihm bei Gelingen einer Kombinrt.on, Ln. welcher den Anhängern Karls von Haböhuvg eine führende Rolle zufallen wurde, auch ihm die Möglichkeit» politisch an hervorragender Stelle tätig sein zu können, zu» sichert wird. .. In jüdischen Kreisen hat man deshalb hie Heimkehr Pazsonyis, die nur eine neue Verwirrung hu offene chrn Meinung mu Ausland herbeiführen kann, nicht gerne ge' 'hen. Mas könnte auch Bazsonhi, wenn'man von seinem LegrtimjSmus absieht, für dis Zache der Freiheit und. ganz. besonders fstr die Rechte der Juden exreichen, Ln einer, sZixit,'. .'yp — - «ß ist ein merkwürdiger Zufall, daßdies am Tag? seiner Heimkehr geschah -- das Gesetz zur Knebelung der freie« Meinungsäußerung i» der KsticmalversarnM.ung qine S7ÄTÜckrnde Majorität st»Ä> vnd am Lüge rchch seltskr Makunü «Lme im fmite «LZchstastrn tzaWW» . Führer - i» HaSf Dü schon Deine Pfliclit getan? Hwt Do >ehon für de» „Jaar Austria“ gespendet? Haben SCllOH alle Deine Verwandten «H'H'Um. i» eine* Baum gsspenfet? TT Dann gebe hin und bei allen, Deinen Bekannten für den Er braucht nur Dieb!!! Der Jüdische Nationalfonds,, Wien, II., Zirkusgasse 33, kann nur dann die 3CÖ.OOO Bäume iür den „Wala Oesterreich* erhalten, wenn 3000 Sammler je 100 Bäume auf bringen N Ein Baum =100 Kronen f778 : tt. «aaiwr ., aanr Unruhen auf LnssinMeyfp. Triest, 16. März. (Tel.-K§mp.) Faszisten hak die Arbeiterkammer in Lussinpieco lo , stört. Die Arbeiter sind in den Streik getreten. — Al bona haben Arbiter die Kohlenminen von bona injolge eines Konfliktes mit den Arbeitgeber besetzt. Inland. Ungarn, Smreesanyi, in der großen Monsterversammlung namens der „Erwachenden Ungarn" der ungarischen Negierung zurufen konnte: „Wenn diese Regierung zn schwach ist. die christliche Politik durchzuführen, so werden wir sie selbst durchführen. (R^fe: .ES le^e der Pogrom!) Nicht nach Monaten, nicht nach Wachen, sondere nach wenigen Tagen schon wird die Stunde ies Tat kommen." Vazwrch, ist tn einem Moment nach Ungarn zurückgckehrt, iu weckiem der Abgeordnete Drozdy.von dem Gesetze zum Schutze des Staates die treffenden Worte gebrauchte: „Wenn dieses Gesetz in Kraft tritt, dann wirb wcchrlich in diesem Lande Ordnung herrschen. Aber diese Ordnung wird sein wie die Ordnung der Grabhügel im Friedhof," Hat Dazsonvi Liese Ordnu'ig gemeint, von deren Eintrrtt er seine Rückkehr in die ungarische Politik abhängig gemacht hat? Oder har er sich in die Rerhe jener politischen Leichen begeben, deren eS jetzt in Ungarn so viele gibt und aus denen für die Juden kein neue» Leben entstehen kann? Vazsonyi hat sich mit Paul Sandor versöhnt und wird die Politik des Paul Somdor mitmachsn. Eine Politik, deren sich die Chrrst'.rchna-tionalen .jrruen, von,, weW« absr. die Irrden.. mchts. Gutes zu erwarten h.rbe«. RiLolaL NiLolajewttsch gestsrbC«? « ( Die Warschauer „Stvoboda" meldet, daß der russische Großfürst Nikolaj Ni ko läse witsch in Italien gestorben ist. Ein« Bestätigung dieser Nachricht liegt nicht vor. Der Großfürst, ein Onkel des letzten Zaren und Schwiegersohn des in der Vorwoche im Exil gestorbenen Königs N i k i t a, war der Führer aller reaktionären Bestrebungen in Rußland. Im Krieg« war er GeneraHifsimus d«r russischen Armeey und wurde nach dem Falle Warschaus in den Kaukasus als Vizckönig verbannt. Die Antisemiten alhcr Nationen würden, wenn er tatsächlich gestorben ist, einen hohen und stets geldspendenden Protektor verlieren. Gutes läßt sich diesem Menschenschlächter nicht nach sagen. Er steht tat 66. Lebensjahr. _• Die wirtschaftlichen Wirkungen der Pariser Beschlüsse. Die Aufzeichnungen der deutschen Sachveiständigen über die rvirtschaftlrchen Wirkur.gen der Pariser Beschliüse liegen uns vor. Aus dem Bericht der deutschen Sachverständigen geht bloß hervor, daß die Pariser Forderungen in ihrer Forni unerfüllbar sind. Der Bericht sagt unter anderem: Gelänge eS, 40 Milliaroen deutscher Waren zu «rzougrn rnck auf dem Weltmarkt abzuladen, wie dies nach den Pariser Beschlüssen erforderlich wäre, so würde eine vollkommene Umstellung des vrerkantilen und industrielle« Weltbildes die Folge sein. Deutschland wäre die zentrcrle industrielle Werkstätten der Erde, die zwar unter gedrückten Aerhältuissen und zu Hungerlöhuen arbeitet, die aber mit d?r ganzen Leidenschaft wnd Zähigkeit eines um sein Leben ringenden Volkes und mit der ganzen Gewalt fernes konzentrierten Produktions« apparateS auf die Märkte der Erde wirkt« mühte. Der Woltnrarkt ist kleiner, als gemeinhin angenommen wird. Die Ausfuhrziffer sämtlicher Staiturstaaten zusammen» genommen beläuft sich auf weniger als 100 Millmrden Goldmark. Hatte Deutschland m der Vergangenheit et« Zehntel des Gesamtbetrages zu decken, so würde eS ge» zwängen sein, in Zukunft 40 Prozent aufzubringen uni, entsprechende Mengen an Konkurrenzgülern zu verdrängeri. Dies könnte nur geschehen unter gewaltigem Widerstand aller beteiligten und betroffenen Nattcwen und unter einer Absenkung sä>mtlick)er Waren Mise in einem Umfang, der allen Landern die Produktion unrentÄ'el machte. Bei jeder Marktlage wäre Deutschland gezwungen, zu »nLerbietem. u«S> täte eS dies Mt fveiwillig, so würde fei«« Valuta so sinken, blS «in «rutomaiischeS HerauSspüleA des WärenaumitumS «US dsm ^ande -rrsokttr. / Die L»ndo«er Verhandlungen Aber österreichische« Kredit. Aus London liefen bisher keine bebriltierfev Meldungen über die Kreditaklion für Oesterreich vor. Es wird scheinbar zurzeit über «inen Lkredit von 65 Mib* lionen Dollar, in der Flottmachuug des Budgets gesprochen, für . welche Summe die Verpfändung der Monopole als Garantie ins Auge< gefaßt wird. <A würde sich dabei um das Tabakrnonopol mi« 4tyb Mil!arden Einnahmen, das Salzmonopol miß 406 Millionen Einnahmen, di« Eisenbahnen mi 5Vs Milliarden und bis Zoll« mit 2,1 MilliaÄ handeln. Es würden also ungefähr 12 Milliarden ver-- psändet, falls nicht auch noch ein Monopol auf Zuckei und Petroleum,..zum Zwecke der Verpfändung g< schaffen wird. . Bvdgetavsschutz. ' Der Bubgetimsschuß hat gestern den zweilen Des'-zÄ^ Nachtrag zum Budget erledigt und angenommen. DaS Gesetz! über die Erhöhung der Dretauslage wurde dem Agrariers und Rennspezialrsten Kollman» zum Referat Über«! wiesen. - j Die Derhandlunge« mit der Tschecho* Slowakei. , Zu den heute in Wien beginnenden Berhänblrrirgen vorr Vertretern der österreichischen Regierung mit Bertretenr der tschecho-flowalischen Regierung bezüglich des Abschlusses eines Handelsübereinkommens wird mitgeteilt: Die Derhandlungm tverden in vier Sektionen geführt.- Die erste Sektion «rirö sich mit Fragen der allgemeinen Handelspolitik, die zweibe; mit speziellen Fachfragen, die dritte mit verkehrspolitische» Angelegenheiten und die vierte mit Beterinärfragen beschäftigen. Die parallel mit den Wiener Verhandlungen in Prag stattsindenden Konferenzen haben finanzielle Themen/ zum Inhalt, die sich in erster Reihe auf die Behandlung dee zwischen Oesterreich und der Tschecho-Slowakci noch ungeklärten finanzpolitisckien Fragen beziehen, darunter die Fragen der Depositen, die Ausgleichung von Forderungen und Schulder, die aus Kronen lauten, die Frage der österreichischen Äcric nsw. Herr Bretsky mitzkMgt. ITvf die sozialdemokratische Interpellation über di- - Krawalle an der Universität bei der Märzseier am 12. d. E hat Wsekanzler Dreisky gestern folgende Antwort erteili:; -Ich befinde mich in voller Uebereinstimmung mit der zur Wahrung der Ruhe und Ordnung auf akademischem Boden unmittelbar berufenen akademischen Behörde. Der Rektor hat unter der» Eindruck der fmt§* tägigen Vorfälle die bekannte Kundmachung an die Studierenden erlassen. Diese Verfügung deS Rektors findet die volle Billigung der Anterrichtsverwabtung. Sie entspricht, wie ich Eine, durchaus der gegeben-rn Sachlage mW schafft eine Situation» welche einer Erneuerung solcher Ereignisse vorbeugt. Ich kann dem. nur noch < beifügen, daß die Regierung alles in ihrer'Macht Stehende tun wird, um auf akademischem DMn wie «ruh jedem ackeren Gebiete ungesetzliche GewÄnätiHkeite».. und Terror hlntanzuhalten." , Heer Breisky billigt also, daß der RelLor den lärmenden reaktionären Hoäischülern rechlgibt und die rhnett mißliebigen Versammlungen untersagt. Von einer Maßregel gegen die Bcrsammlüngssprenger oder gegen die z» Pogromen hetzenden Frontkämpfer und ähnliche Leute $-3tcA wir nicht». Der Weg z«r K«ltur. Der. Borarlberger katholische Geistlich»^ Övkrü e' Drexel ist vor kurzem aus russischer Kri?ZsgüsLNgsuschast zurückgekehrt. Ueber seine Erlebnisse hat er kürz-- tich in einer Versammlung eine Rede gehalten, in dev er nach einem christlichiozialen Bericht unter andererii folgendes gesagt haben soll: ' . „Wenn ich das Wort Abbau gebrauchen soll, so for» , der« ich, daß wir unsere Gehirne abbauen. ES acbl ein Kultur p r o b l e m» daZ viel tiefer greift als das Geld- - Problem. Wir müssen bestrebt sein, eine neue Kultur zu schaffen, doch eine Kultur in anderem Sinne, als wir sie bei uns bereits im Werden sehen. Es ist ein rassenfremder, dem Christentum direkt entgegengesetzter Geist, der da am Werke ist. Auch, in Rußland ist das kulmrelle Gebiet vollständig den Juden überlassen worden und' bei uns will ebenfalls eine' starke Gruppe an der Zer» - störung unserer Kultur arbeiten. Die das tun, wis,crr genau, daß ein Volk erst gebrochen, wenn seine Statau;.. gebrochen ist. Auch eine Zeit der ärgsten Geldnot können wir ohne allzu großen Schapen überwinden, wenn wir nur unsere Kultur behalten." Wir wissen aus guter Quelle, daß Herr Dr. Drexel! in Sibirien seine Menschtapflicht auch gegenüber jüdischen Kriegsgefangenen getan hat. Umso bedaverlichee, ist es. daß er aus dem großen Leid des Krieges tmfr des Exils feine andere Anschauung bewahrt hat alsj die des Hasses gegen die Juden. Wenn er aber toni Kultur spricht, so möchten wir fragen, ob Herr Doktori Drexel für die Kultur sich begeistern kan», die vvnii seinen Gtat.tSens.LeMs!eisi Km Bormtas. ta Ms« M&tä v»»Ä»Ln LL: